Zielloses Radfahren (5) – Unter dem Wind gegen Latein

Schlimmer als Regen ist Gegenwind. In Aachen kommt er meistens aus West, vom Atlantik über den Ärmelkanal her. Der Westwind bläst ganz ordentlich. Dann hilft es schon, wenn man zu zweit ist und abwechselnd am Hinterrad fahren kann. Eine Gruppe ist natürlich schneller. Wenn dich eine große Gruppe einholt, weil du alleine gegen den Wind gefahren bist, das ist wie in einem Bus Platz zu nehmen. Man muss im Bus allerdings aufpassen, beizeiten das Tempo der Gruppe aufzunehmen, sonst sackt man nach hinten durch wie ein Stein, verliert den Anschluss zum letzten Hinterrad, und man kommt nie mehr heran. Die Gruppe enteilt, du musst wieder allein gegen den Wind.

Da bleiben wir lieber eine Weile im Zentrum der Gruppe, behaupten da unseren Platz und werden förmlich mitgesogen. Wenn die Radfahrer in der Gruppe langsam aufrücken, um irgendwann vorne im Wind zu fahren, müssen wir aber mit aufrücken und auch mal kurz an die Spitze gehen. Denn die Gruppe mag keine Profiteure, die selbst nichts zum raschen Fortkommen beitragen. Wer zu faul, zu schwach oder zu berechnend ist und nimmt ohne zu geben, wird „Hinterradlutscher“ geschimpft. Solche Leute will die Gruppe möglichst bald loswerden, weil sie jedem ein Klotz am Bein sind. Sie bringen alle aus dem Tritt. Faule und schwache Radfahrer fallen leicht hinten raus, aber die Berechnenden, solche, die ihre Kräfte sparen, sind nur schwer loszuwerden. Die Gruppe verliert ihren Zusammenhalt und somit ihr Tempo.

Man kann das Bild auch auf menschliche Gesellschaften übertragen. Die Gesellschaften sind besonders erfolgreich, in denen keiner mehr nimmt als er gibt. Das ist natürlich ein Idealfall, der nur angestrebt werden kann, aber nicht zu erreichen ist. Denn Gesellschaften sind zu groß. In der Gruppe der Radfahrer hat man sich gegenseitig im Blick. Das gewährleistet die soziale Kontrolle. In unserer Gesellschaft gibt es zu wenig Nähe auf Armlänge, zu wenig Blickkontakt, und viele hören nicht einmal, wenn sie zurecht gepfiffen werden. Es gibt allerdings die Möglichkeit der Fernkommunikation. Das Internet hat die Fernkommunikation enorm erleichtert, und schon ist auch etwas wie soziale Kontrolle entstanden. Im Einzelfall mag es viel Übertreibung oder Unsinn im Netz geben, aber die Gesellschaft übt sich ja gerade erst in der sozialen Vernetzung.

„Das größte Problem unserer Gesellschaft ist das Diktat der Experten“, sagt mein Freund und Mentor Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. „Es verführt den Einzelnen dazu, den eigenen Verstand nicht zu nutzen, und wer nicht selbstständig denkt, dem bleibt am Ende nur das Meinen und Glauben.“

Viele in unserer Gesellschaft glauben irgendwas und kümmern sich nicht darum, etwas Wichtiges genau zu wissen. Sie lesen schlechte Zeitschriften, nehmen gern ein laues Zeitungsbad und hören sich die Tagesschau nebenher beim Abendessen an, als würden sie allabendlich in die Andacht laufen, wo sie nix verstehen, weil nur Latein gesprochen wird, was angeblich die Sprache der Engel ist. Doch es gibt auch andere. Sie sitzen noch ziemlich verstreut. Das macht nichts, denn per Mausklick ist es nur die Ecke rum. Man kann im Internet viele Schreiber finden, die einem das Querdenken wieder beibringen, indem sie andere Informationen verbreiten als die Leitmedien. Ich hoffe, es werden täglich mehr. Ihr Schreiben klingt nicht wie falsche Engelszungen, weshalb sie von den Hohepriestern des Printmediums immer wieder gescholten werden. Denn die fürchten, dass zuviele dem Götzendienst fernbleiben und unbequeme Fragen stellen. Von einem Irrglauben abzufallen, ist gewiss ein schwieriger Prozess, der Zeit und Geduld braucht. Ein Kind, dass grad mal erst laufen lernt, darf man auch nicht immer schelten, wenn es hinfällt, sonst lernt es nie den aufrechten Gang.

Derzeit ist das Internet noch ein Experiment. Es kann auch schiefgehen, aber es bietet Hoffnung, dass es der Gesellschaft einen guten Vortrieb gibt,
soepel (Eszett im Anlaut, oe=u), mit Souplesse.

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