Straße meiner Kindheit (11) – Blick aus dem Wintergarten

Warum wolltest du unbedingt in den Wintergarten gehen, wenn deine Operationsnarbe schmerzt?

Weil ich in meinem Zimmer nicht mehr frei reden kann. Das zweite Bett ist seit gestern belegt. Da liegt Wulfs Karl-Heinz. Schwester Josefa hat ihm gesagt, er solle aufpassen, dass ich nicht dauernd aufstehe. Ausgerechnet der Blödmann. Er hat mir schon Prügel angedroht. Dabei waren wir früher mal befreundet. Doch die Familie ist vor einigen Jahren weggezogen. Die wohnten im Gutshof der Schmitz auf zwei Zimmern, links vom Eingang. Rechts wohnte die alte Frau Schmitz und wachte darüber, dass der versoffene Schwiegersohn nicht den ganzen Gutshof verjubelte. Ich ging mit Karl-Heinz in die selbe Klasse. Nach der Schule machte ich schnell meine Hausarbeit und lief dann zu Karl-Heinz, um ihn zum Spielen abzuholen. Doch der saß immer noch mit seiner Mutter über den Heften wie ein Ochse vorm Berg und kriegte die einfachsten Sachen nicht in seinen Kopf. Darüber ist seine Mutter schier verzweifelt. Was habe ich da oft und lang gesessen und auf Karl-Heinz gewartet. Zum Dank will er mich jetzt verprügeln. Der ist ja auch viel größer und stärker als ich. Was dem oben fehlt, hat er in den Muskeln.

Lass dich bloß nicht einschüchtern.

Sowieso nicht. Insgeheim habe ich Karl-Heinz beneidet, wenn seine Mutter die Hausarbeit mit ihm gemacht hat. Meine Mutter musste mir nie helfen. Sie hatte ja auch gar keine Zeit, musste immer arbeiten. Darum habe ich im Unterricht immer gut aufgepasst, damit ich keine Hilfe brauchte.

Karl-Heinz passte nicht auf. Er wusste ja, dass seine Mutter alles mit ihm wiederholen würde. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich den Eltern verbieten, ihren Kindern zu helfen. Sonst lernen die Eltern immer mehr, und ihre Kinder bleiben doof.

Man hat im Wintergarten eine schöne Aussicht. Gucken Sie mal, Herr Trittenheim. oben zwischen den Bäumen kann man das Dach von meinem alten Kindergarten sehen. Und links im Klostergarten sieht man das Kapellchen. Da war mal ein totes Kind aufgebahrt. Die Kindergärtnerinnen sind mit uns dahin gegangen, und wir mussten für das Kind beten.

Mein Vater war bei uns in der Hofeinfahrt aufgebahrt. Sie haben mich gefragt, ob ich ihn noch mal sehen will, bevor sie den Deckel auf den Sarg machen. Ich habe nein gesagt.

Warum?

Ich wusste doch schon wie Tote aussehen, so bleich, so starr, und man hat das Gefühl, die liegen zwar noch da, sind aber nicht zu Hause. Das wollte ich nicht noch mal sehen.

Erzähl mir noch was vom Gutshof der Schmitzens!

Das Treppenhaus war toll. Das hatte auf der oberen Etage Licht von einem großen Buntglasfenster, und auf den Treppen lagen lange Teppiche.

Läufer.

Die Teppichläufer wurden im Winkel jeder Stufe von einer dünnen Messingstange gehalten. Aber das beste war in der zweiten Etage. Da hörte die Treppe auf. Von der Decke hing eine Schnur. Wenn man dran zog, schwebte ganz geräuschlos eine hölzerne Treppenleiter herab und gab eine Luke zum Dachboden frei.

Ich nehme an, da habt ihr gemust?

Und wie. Der ganze riesige Dachboden war voller Gerümpel. Durch mehrere Dachluken schien die Sonne herein. Und in den Sonnenstrahlen tanzten die Staubteilchen. Wir konnten hier oben in aller Ruhe musen, denn tagsüber war das Obergeschoss wie ausgestorben. Aber einmal ist was Gruseliges passiert.

Wird fortgesetzt

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