Deutschland zum Spartarif – schön schäbig

Eine Ärztin schickte mir die Mahnung einer zehn Monate alten Rechnung, von der ich dachte, sie längst bezahlt zu haben. Dann konnte ich aber keine Unterlagen über den Bezahlvorgang finden und überwies den Betrag sofort, denn die Sache tat mir leid, vor allem der sozialen Härten wegen, denen sie vermutlich durch meine Säumigkeit ausgesetzt gewesen war. Deshalb hatte sie die Mahnung auch durch den privaten Postdienstleister zustellen lassen. Die 40 Cent für eine Briefmarke der blauen City-Post hatte sie vermutlich gerade noch zusammenkratzen können. Wie traurig. Und ich hatte dem Briefträger nicht mal aufgemacht, als er bei mir klingelte, um an die Hausbriefkästen zu kommen.

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Darüber spricht Deutschland – Münzgeldgeschichte

Man kann sich was abgucken. Ich habe das mein ganzes Leben lang getan und mir danach meinen Umgang ausgesucht, getreu dem Rat Gracians: „Mit dem umgehen, von dem man lernen kann.“
Das meiste, manches banal, habe ich mir freilich in Beziehungen abgeguckt, so bei Ronja, der vorerst letzten Frau in meinem Leben, den Umgang mit Münzgeld. Sie hatte auf der Küchenfensterbank ein großes Glas voller Kleingeld, das wir, bevor sie umzog, zur Sparkasse gebracht haben, wo man es in eine Zählmaschine kippen konnte und den Betrag in Scheinen ausbezahlt bekam. Ich dachte, auch so ein Glas haben zu wollen, denn so bleibt das Portemonnaie immer schön schlank und die lästige Sucherei nach passenden Münzen kann man sich sparen, weil man immer sicher ist, kein Kleingeld mit sich herumzuschleppen. Einmal im Quartal muss man es aber trotzdem schleppen.

In Hannover bringe ich mein Kleingeld zur Filiale der Bundesbank, weil die Sparkasse Hannover das nur für ihre Kontoinhaber annimmt, und ich habe mein Konto noch in Aachen. Die Münzwechselkasse der Bundesbank befindet sich auf der zweiten Etage eines klotzigen Gebäudes aus der Gründerzeit. Es gibt in der Kassenhalle zwei Türen mit den Zahlen 1 und 2, riesengroß und in Rot und Grün beleuchtet, je nach dem, welcher Kassenraum gerade frei ist. An einer langen Theke an der Stirnseite des Raumes bekommt man von einer Dame eine Wartemarke für ein elektronisches Aufrufesystem.

Diesmal ist es ungewöhnlich voll. Ich bekomme die Nummer 066, und auf der Anzeigetafel an der Decke leuchtet seit meinem Eintreffen schon 052, 053 für Raum 2. Leider sind alle Sessel an der Fensterseite besetzt, so dass ich mich auf einen Platz in der Sesselreihe mit dem Rücken zum Raum setzen muss. Hier warten Leute aus allen sozialen Schichten. „Alle sozialen Schichten“ ist aber ein Euphemismus, denn Menschen aus der Oberschicht siehst du nicht. Der Präsident dieser Bundesbankfiliale, Stephan Freiherr von Stenglin, gehört vermutlich dazu. Aber er wird sich nicht mit Kleingeld hier im Kassenraum herumdrücken. Mitglieder der Oberschicht, des Adels, des Geldadels oder der herrschenden Eliten nehmen nicht am normalen Leben teil. Mir gegenüber dreht ein schwarzgekleideter Punker seine gedeckelte Sammeldose in der Hand. Er hat eine schwarze, mit Nieten besetzte Schirmmütze auf dem Kopf, auf dem Schirm sitzt stylisch eine Sonnenbrille. Gelegentlich stöhnt er ungeduldig auf und dreht den Kopf zum Fenster, weil er unten auf dem Georgsplatz seine Sachen zurückgelassen hat, bewacht von zwei braunen Hunden. Ich fand sie dort angebunden, als ich eintraf. Ab und zu bellen sie, und der Punker schaut besorgt zu ihnen hinab.

Es geht nicht weiter, denn gewechselt wird heute nur in Raum 2. Die Tür von Raum 1 steht sperrangelweit offen. Davor eine lange Warteschlange, die sich ständig erneuert. Die Leute wollen die neue 5-Euro-Münze „Blauer Planet Erde“ kaufen. Sie hat einen blauen, lichtdurchlässigen Polymer-Ring, und angeblich „spricht darüber ganz Deutschland.“

fünf euroAuch in der Schlange der Begehrlichen sieht man Vertreter fast aller Schichten. Angestellte beiderlei Geschlechts aus dem umliegenden Bankenviertel nutzen ihre Mittagspause, Schüler, alte Ehepaare, ein Mann im Elektro-Rollstuhl, erstaunlich wer alles diese Münze will. Und immer wieder fragen Neuankömmlinge bang, ob es wohl noch Münzen gäbe. Es gebe, wie ich aus dem Kassenraum sagen höre, noch einen begrenzten Vorrat. Pro Person werden nur vier Fünf-Euro-Stücke abgegeben.

Endlich öffnet sich die Tür von Raum 2 und spuckt ein Ehepaar aus. Einer der Wartenden fragt halblaut, was die wohl so lange darin gemacht haben. Der Punker schöpft Hoffnung, und bald ist er auch an der Reihe. Neben mir ist ein Platz freigeworden. Ein junger Mann setzt sich da. Er hält eine offene Plastikdose, mehr einen kleinen Eimer, in dem ich nur die geriffelten Ränder von 50-Cent-Stücken sehe, seine Spardose offenbar. Die 066 leuchtet auf. Nachdem sich die Stahltür hinter mir geschlossen hat, sage ich aus purer Höflichkeit zum hageren Kassierer: „Sie haben heute ja mächtig Betrieb.“ Sagt er patzig: „Sie müssen sich ja hier nicht den Hintern breit sitzen.“
„Warum so unhöflich, Mann? Das sichert doch Ihren Arbeitsplatz.“ Er bleibt unbeeindruckt, hält sich vermutlich für unkündbar, weil die Bundesbank eine Anstalt des öffentlichen Rechts ist. Vielleicht spekuliert er auf die Alternative, dem Freiherrn die italienischen Maßschuhe polieren zu dürfen, sollte das Bargeld endlich abgeschafft sein.

Meine Kleingeldsammlung ergibt 141 Euro und vier Cent. Filipe d’Accords Freundin Tina hat mir einen zerrissenen 10-Euro-Schein mitgeben mit der Bitte, ihn umzutauschen. Ich gebe ihn dem ungehobelten Schuhpolierer. Er hält ihn prüfend ins Licht und findet ihn für gut. Die Geldscheine, die er mir unter dem Schalter zuschiebt, sind frisch gedruckt. Ich tausche 20 Euro gegen vier blinkende Fünf-Euro-Münzen, vielleicht will Tina ja zwei.

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Kleiner Kamin löscht die Glut – #Kramladengeschichten

Die Biographie der Dinge

Seit ich vor gut vier Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe, liegt ein Zigarettenlöscher aus Messing in meiner Kramlade. Als ich noch rauchte, war mein Ehrgeiz, perfekte Zigaretten zu drehen. Es war eigentlich das Beste am Rauchen. Eines habe ich jedoch nie hinbekommen: Die Selbstgedrehte richtig auszudrücken. Einmal bin ich mit einem neuen jungen Kollegen von Aachen zum Kloster Marienthal gefahren, um ihn einzuarbeiten. Da fiel mir bald ein sympathischer Zug an ihm auf. Er wusste nicht nur immer, wohin im Jackett ich meine Lesebrille gesteckt hatte, sondern drückte auch fürsorglich an den Raststätten meine noch qualmende Kippe aus.

Im Jahr 2010 bin ich mit dem Fahrrad von Hannover nach Aachen gefahren. In Aachen nächtigte ich bei meinem guten Freund Thomas. Bis tief in die Nacht saßen wir in seiner Küche, feierten meine glückliche Ankunft und tranken aus schönen alten Gläsern. Und immer wieder gerieten mir die Welten durcheinander, diese reale Welt und die Welt meiner Texte, in der er Jeremias Coster war, Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen.

kleiner schornsteinIrgendwann schob Coster mir diesen kleinen Schlot aus Messing über den Tisch und sagt: „Den schenke ich dir.“ Ab dann versuchte er mir beizubringen, meine Kippe hineinzustecken. Das konnte ich auch, obwohl das Loch im Zigarettenlöscher naturgemäß kleiner sein muss als der Zigarettenlöscher selbst. Trotz dieser probaten Lösung für mein Zigarettenausdrückproblem versuche ich immer wieder die Zigarette im Aschenbecher auszudrücken. Es passen ja manchmal nur kleine Dinge in meinen Kopf, aber immerhin. Dann sollte doch so ein furzkleiner Zigarettenlöscher auch hineingehen. Zum Glück hatte der Mann eine Engelsgeduld, wartete wie ein guter Lehrer, ob ich es selbst konnte, und erst wenn er sah, dass meine Hand erneut zum Aschenbecher irrte, wies er freundlich auf den Zigarettenlöscher hin und erklärt nochmals dessen Funktion. „Du brauchst die Zigarette nur hineinzustecken, einfach mit der Glut hineinfallen zu lassen. Sie verlöscht von selbst.“

Leider ist Thomas vor jetzt zwei Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich vermisse diesen liebenswerten Mann sehr. Mir blieben zwei Dinge, der Zigarettenlöscher und ein Filmdöschen mit etwas von seiner Asche, wovon ich nächstens erzählen will.

Weitere Texte zum Mitmachprojekt #Kramladengeschichten unter dem hier

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Vom Jung sein zum Alt sein ist’s nur ein Katzensprung

Franz, Karl-Heinz, Theo und ich saßen bei Franz zu Hause im Wohnzimmer über dem Jugendherbergsverzeichnis, einer Deutschlandkarte und einem Notizblock und planten unsere Radtour aus dem Rheinland bei Köln zum Bodensee. Leider konnte Franzens Vater uns nicht in Ruhe lassen und berichtete zum xten Mal von der Radtour, die er mit einem gewissen Jupp unternommen hatte, und in der er der Held war, denn Jupp wurde vom Heimweh überwältigt und fing bereits an der nahen Bahnschranke zu heulen an, war nicht mehr zu trösten gewesen, so dass die großartigste Radtour des Jahrzehnts schon nach fünf Kilometern enden musste. “Ach, langweile uns doch nicht mit Berichten aus deiner Jugend, alter Mann”, dachte ich, “jetzt sind wir jung und planen unseren Aufbruch in die Welt.” Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, aber dieses Gestern umfasst doch ein halbes Jahrhundert und ist nur geschrumpft, damits noch in meinen Kopf passt.

Heute würde ich gerne Abbitte leisten, aber Franzens Vater ist gewiss nicht mehr. Heute weiß ich wie lustvoll ist es, eigene Jugenderinnerungen abzurollen, wenn man alt ist. Und selbst wenn man spürt, dass junge Menschen derlei Erzählungen nicht hören wollen, man will sie dem unwilligen Auditorium zum Trotz doch noch loswerden, denn Erzählen ist nicht nur das Entfalten einer geschrumpften und eingetrockneten Erinnerung, sondern ein wenig ist es auch Wiedererleben, als würde die geschrumpelte Erinnerung von neuem Lebenssaft getränkt wieder geschmeidig und ließe sich abrollen zum Lebensstrang und gleichsam rieseln Glückshormone durch die Adern und man möchte glauben, die Zeit wäre zurückzudrehen.

Noch mal zum Anfang: Vom Jungsein zum Altsein ist’s nur ein Katzensprung, was aber nur erkennt, wer den Hupfer schon gemacht hat. Dass aber die Erfahrungen der Alten in unserer Welt nichts gelten, ist ein Effekt der Schrift. In schriftlosen Kulturen sind die Alten die Bibliothek, was deutlich wird im oft zitierten Bonmot des malischen Autors Amadou Hampaté Bâ: “Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek.”

Schriftgebrauch geht einher mit der Abwertung der Alten. Sie werden jetzt nicht mehr als kollektives Gedächtnis gebraucht. Schriftliche Aufzeichnungen bieten ein vergleichendes System, das den Schwächen der menschlichen Erinnerung nicht zu unterliegen scheint. Zwar warnt schon Platon, dass die Schrift nur „Scheinweise“ hervorbringe, aber das ist egal in einer Zeit, die Scheinweisheit nicht hinterfragt.

Als der isländische Skalde Egil in hohem Alter mit einem Freund auf dem Markt war, sagte er: “Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.”

Ich finde tröstlich, dass die jungen Weiber, die damals über Egil lachten, inzwischen ebenfalls längst verröchelt sind. Vor der Zeit sind alle gleich. Wenn es mich überkommt, mit meinem Lebensalter zu hadern, sage ich mir, dass ich in keinem Augenblick so jung bin wie in diesem. Um ihn mies zu machen, ist der Augenblick zu kostbar.

Ein Beitrag zum Schreibprojekt der Kollegin Frau Quadtratmeter #Älterwerden

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NSU, Zeitumstellung und die Sau Panama papers

Soeben bekam ich eine Mail des Pressedienstes Blendle mit dem Betreff: „So verstecken Sie Ihre Milliarden vor dem Finanzamt. Dieser Insider packt aus.“ Natürlich hatte ich mich verlesen. Da stand „So verstecken Reiche Milliarden vor dem Finanzamt.“ – Muss ich das wissen? Mietmäuler wie der smarte Anwalt Wolfgang Kubicki, nebenher stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, teilen ja längst mit, Briefkastenfirmen wären nicht grundsätzlich illegal. Andere weisen mich darauf hin, dass jeder, auch ich schon mal bei der Steuererklärung geschummelt hätte, mir letztlich nur die Gelegenheit fehlen würde, Milliarden zu hinterziehen. Wenn das die Erkenntnis ist, dann wäre doch die Konsequenz, dass es Gesetze und Kontrollen geben muss, die geeignet sind, unsere durch und durch unmoralische Haltung und das daraus folgende egomane Verhalten in Grenzen zu halten. Dass wir solche engmaschigen Gesetze und Kontrollen bei Hartz-IV-Empfängern haben, bei Reichen aber nicht, ist doch der eigentliche Skandal und das Komplettversagen von Regierungen, die sich auf das Volk haben vereidigen lassen. Zur Erinnerung. Der Amtseid lautet:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“

Da wird nicht davon ausgehen können, dass alle Regierungsmitglieder pflichtvergessen sind oder gar einen Meineid abgelegt haben, muss es an den Gesetzen liegen, die sie befolgen. Der eigentliche Skandal ist nämlich, dass die Gesetze nicht geeignet sind, Gerechtigkeit gegen „jedermann“ zu gewährleisten. Das können wir auch nicht erwarten, wenn sich deutsche Ministerbehörden die Gesetze von Anwaltskanzleien schreiben lassen, die in erster Linie die Interessen von Banken und deren Großkunden vertreten.

Derzeit treiben
Süddeutsche Zeitung und ihr Rechercheverbund die Sau „Panama Papers“ durchs Dorf. Auf allen Kanälen wird dem staunenden Volk erklärt, wie ihr Sozialwesen durch die Geldelite betrogen wird. Was nutzt es, das zu wissen? Es ist wie bei der Zeitumstellung. Alle Welt erklärt, dass das Hin und Her bei der Uhrzeit der komplette Unsinn ist. Selbst Politiker sprechen sich dagegen aus. Doch es bleibt dabei. Zweimal im Jahr muss halb Europa die innere Uhr umstellen, und es kommt über uns wie eine Naturgewalt. Genauso der NSU-Skandal und die Erkenntnis, dass Behörden wie der Verfassungsschutz die Morde gedeckt und letztlich gefördert haben. Das decken Untersuchungsausschüsse auf, aber niemand stoppt die Geheimdienste, niemand von den Beamten, die verstrickt sind, muss sich verantworten.

Aus all dem
lernen wir eines: Das Gebaren der Geldelite, Betrug und Korruption, sind wie Zeitumstellung und verbrecherische Aktionen der Geheimdienste gleich den Naturgewalten, denen niemand trotzen kann. Die Konsequenz ist eine Übung in Untertanengeist. Der massenpsychologische Effekt ist ein gefährlicher Fatalismus, die Erkenntnis, dass die da oben schalten und walten wie sie lustig sind. Wir müssen uns nicht mehr fragen, ob es den politischen Eliten überhaupt Ernst ist mit Demokratie. Wir wissen seit TTIP, dass sie Demokratie vielmehr lästig finden. Es wäre in jedem Fall einfacher, wenn nicht das Volk sich Regierungen, sondern die Regierungen sich das Volk wählen könnten, devotes Herdenvieh, das jeden Scheiß erträgt, solange genug Spaßevents angeboten werden – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

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Jüngling der Schwarzen Kunst – Folge 7 – Ewald Knoblauchwurst & Lutz der Zuhälter

Prolog Teil zweiTeil dreiTeil vierTeil fünfTeil sechs

Ewald kommt nur morgens. Am Nachmittag und Abend studiert er am Kollegium Marianum. Er ist ein Spätberufener und will Priester werden. Seine Hauptspeise ist Knoblauchwurst. Täglich schickt er den Jüngling in die Metzgerei. Er ist ein dicklicher Mann, und es ist nicht schön mit anzusehen, wie unersättlich er die Wurstscheiben verschlingt. Aber seine Engelsgeduld ist schön. Nettesheim springt wie ein Schneider um ihn herum und neckt ihn. Ewald erträgt das alles gern. Am liebsten sind ihm die kleinen Ringkämpfe mit dem Jüngling. Beim Raufen wird Ewald ganz unruhig. Er beginnt heftig zu schnauben und hält den Jüngling manchmal viel länger in seine Arme gedrückt als schicklich.
Nettesheim merkt nicht, was los ist. Er sieht Ewalds hochrotes Gesicht und sagt sich, dass es vielleicht typbedingt sei oder die Ernährung.
“Ja, ich bin Leptosome, aber du bist Pykniker!”
Ewald bezähmt sich. Er will das Vertrauen des Jünglings nicht verlieren. Doch sein gieriger Blick beim Ablösen der Pelle. Wehe, wenn diese Fleischeslust sich woanders Bahn bricht! Was soll das werden, wenn er erst einmal Priester ist?

Es ist Mai. Ein Neuer tritt im Glashaus auf. Er heißt Lutz und ist ein ehemaliger Strafgefangener. Der Alte hat ihn auf Drängen seiner Bewährungshelferin hin eingestellt.
Lutz ist ein großspuriger kräftiger Typ, der auf stämmigen Beinen durchs Leben geht. Sein Gesicht hat etwas Schweinisches. Er ist ohne jede Scham. Bereitwillig erzählt er von seinem kriminellen Werdegang. Als Lehrling bei der Lokalzeitung hatte er zunächst die Belegschaftskasse gestohlen. Er war damit bis Amsterdam gekommen. Später hatte er sich als Zuhälter versucht. “Zwei Pferdchen” habe er am Laufen gehabt. Die hätten ihm sogar Liebesbriefe in den Knast geschickt. Der Jüngling hört das gar nicht gern und entschließt sich, Lutz nichts zu glauben. Was wäre das für eine Welt, in der Frauen solchen Typen Liebesbriefe schreiben? Aber Fink, einer der Drucker, der aus demselben Nest wie Lutz stammt, betet ihn an. Andauernd drückt er sich im Glashaus herum und lauscht seinen Erzählungen.
Als Lutz freitags seine erste Lohntüte bekam, lud er Fink und den Jüngling zu einem Umtrunk ein. In der Mittagspause gingen sie ins Cappuccino. Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch, und Lutz ließ Asbach-Cola auffahren. Er führte das große Wort. Das hier war schon eher seine Welt. Er hatte einen weiteren Job angenommen, als Discjockey in einer nahen Diskothek.
“Du musst unbedingt mal kommen, Nettesheim”, sagte Lutz. “Ich schwöre dir, wenn du reinkommst, werde ich dich übers Mikrophon ausdrücklich begrüßen. Dann bist du der Star!”
Er schnappte sich ein Colafläschchen und nuschelte nach Diskjockeymanier hinein.
“Hallo, meine lieben Freunde, hier ist wieder Ihr und euer Diskjockey – Charly. Die nächste Platte spiele ich für meinen werten Kollegen – Hannes! Nettesheim! Jüngling! Overlack! Soeben hat er die Diskothek betreten. Und hier ist er!”
Mit dem Zeigefinger auf den Jüngling zeigend, befahl er einem imaginären Beleuchter: “Spot!!!”
Fink rutschte unruhig hin und her.
“Und ich?”
“Dich begrüße ich natürlich genauso!”
“Genauso?” fragte Nettesheim.
Plötzlich sprang Lutz auf und rannte zur Tür.
“He Pitter! Komm her, du blöde Sau!” schrie er in die Fußgängerzone hinaus.
Pitter, der zufällig an den Fenstern des Cafes vorbeigegangen war, kam herein, in Begleitung eines zweiten. Lutz und er kannten sich aus dem Knast. Sie begrüßten sich lautstark, fielen sich in die Arme und boxten sich zum Spaß. Mehr Asbach-Cola wurde geordert. Nettesheim saß plötzlich eingeklemmt zwischen zwei schweren Jungs.
Der Kellner holte sich an der Kasse eine Mark und warf erneut die Musikbox an, wie um das Krakeelen der Knastbrüder zu übertönen, und die Beatles machten sich zum xten Mal auf die “Magical Mystery Tour”. Der Jüngling bekam einen Rippenstoß:
“Eh, wo warst du denn im Knast?”
“Ich? Nirgendwo.”
“Ach so.”
Nettesheim löste sich schlagartig in Luft auf. Derbe Erinnerungen wurden hervorgekramt und gingen hin und her, immerzu vor seiner Nase vorbei. Aber dann beeilte Pitter sich, auf die Gegenwart zu kommen und von den glänzenden Aussichten zu erzählen, die er im Moment habe. Ein Bordell in Mönchengladbach!
Fink saß mit roten Ohren dabei. Das ist ein Leben! Die Jungen wissen, wie man`s macht! Er war hingerissen und goss eifrig Asbach-Cola hinunter.
Was Lutz jetzt so mache? Arbeitslos?
“Du Arsch, ich bin Discjockey!”
Und die zwei Typen hier?
“Ach, Scheiße, das sind Kollegen. Im Moment habe ich nebenher noch einen Job in der Druckerei. Ich muss ja erst mal ein bisschen Kohle zusammenkriegen.”
Unruhig beobachtet Nettesheim die Uhr hinter dem Tresen. Sie zeigt jetzt viertel nach eins. Sie müssten schon zurück in der Firma sein.
Nur schwer kann Lutz sich losreißen. Asbach-Cola trinken und an kühlen Marmortischen sitzen, auf denen das Kondenswasser der Gläser schöne runde Lachen macht, sich wohl geborgen im Kreise der Kumpels zu suhlen, das ist was anderes als im Glashaus zu stehen.
Endlich ruft Lutz: “Zahlemann und Söhne! Komm her, du Ittacker!”
Er zieht sein dickes Portemonnaie aus der Gesäßtasche und knallt es auf den Tisch.
Aber nein, Pitter will zahlen. Kommt nicht in Frage! Lutz und Pitter streiten um die Ehre. Am Ende unterliegt Lutz. Sie gehen.
Auf dem Rückweg zur Druckerei bricht die Begeisterung aus Fink hervor. Als sie an einer langen Reihe geparkter Autos vorbeikommen, springt er, von Asbach-Cola beflügelt, auf den Kofferraum eines Wagens, läuft übers Dach und federt von der Motorhaube wieder ab. Lutz schlägt ihm anerkennend die Pratze auf die Schulter. Fink strahlt, als hätte er die höheren Weihen empfangen. Ein König im dreckigen Blaumann.
Lutz blieb keine vier Wochen. Am letzten Freitag im Mai erbat er sich einen Vorschuss und erschien montags darauf nicht mehr zur Arbeit. Der Jüngling sah ihn Monate später noch einmal in der Wartehalle des neuen Omnibusbahnhofes. Da soff Lutz mit den Pennern, die immer am Kiosk stehen. Sie lutschten gerade kleine Jägermeisterfläschchen leer. Lutz machte einen Schweinerüssel und prostete dem Jüngling wortlos zu.


Wird fortgesetzt

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Die Handschrift hat Schwindsucht, doch die Kulturtechnik Schreiben bleibt

Von sieben heute bei Google.news gelisteten Presseveröffentlichungen zum Thema Handschrift, meinen nur drei tatsächlich das Schreiben mit der Hand, die anderen vier Führungsstil und Strategie von Fußballtrainern bzw. eines Verteidigungsministers. Dieses Bild ist exemplarisch. Hier wird eine sprachliche Bedeutungsverschiebung sichtbar, die den Bedeutungsverlust der Kulturtechnik Handschrift spiegelt. Am Verschwinden der Handschrift wird auch das Jammern nichts ändern, und hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen wie hier im Text auf NDR.de beschleunigen den Prozess nur: “Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben”, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus.“ Es folgt ein Abschnitt über Graphologie.

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belgien

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Einiges über die Heimtücke meiner Handschuh

Weil hier der Frühling noch immer auf sich warten lässt, muss ich über ein Problem schreiben, nämlich über die Heimtücke meiner Handschuh. Sie sind reichlich klobig. Aber ich trage sie trotzdem, nachdem ich meine schlankeren Handschuh vor gut zwei Jahren im Büro meiner Steuerberaterin vergessen habe. Wann immer ich mit dem Fahrrad fahre, ziehe ich mir diese dicken Handschuhe über, erstmals wenn ich vor der Wohnungstür auf dem Treppenabsatz stehe. Als Rechtshänder stecke ich meinen Hausschlüssel immer in die rechte Jackentasche. Da steckt aber schon die Geldbörse, weil ich sie nicht in der Arschtasche tragen will, damit sie mir die Hose nicht nach unten zieht. Dabei ist sie nicht mal schwer, weil ich nur Silbergeld in ihr dulde, alle anderen Münzen aber in einer Kaffeedose sammle, um sie später bei der Deutschen Bundesbank gegen frisch gedruckte Scheine einzutauschen, weshalb ich immer ganz unwirsch werde, wenn eine Kassiererin mich etwa fragt: „Haben Sie zwei Cent?“ „Sehe ich aus wie ein Kerl, der zwei Cent mit sich herumschleppt?“

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Der achte Tag

Ich habe eine Zeitmaschine. Sie funktioniert leider nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft. Angenommen, ich steige Dienstagabend hinein, und wenn ich wieder aussteige, ist zuverlässig Mittwochmorgen. So gings heute. Obwohl meine Zeitmaschine über keinerlei technische Finessen verfügt, arbeitet sie sehr zuverlässig, lässt mich immerzu von einem Tag auf den anderen reisen. Früher habe ich mir schon mal vorgestellt, sie würde mich versehentlich zu einem Tag zwischen den Tagen bringen, etwa zu einem, der zwischen Mittwoch und Donnerstag liegt. Das aber ist nie geschehen.

Vermutlich liegt es daran, dass ich keinen Namen für einen solchen Tag habe, denn die Welt wie wir sie kennen, konstituiert sich wesentlich über die Namen für die Erscheinungen. Ein Ding, ein Sachverhalt oder eine Idee existieren nicht, wenn wir keine Bezeichnung dafür haben.

Drei Gedanken noch – a, b, c, d und e:
a) Obwohl die Zeitmaschine nur in Richtung Zukunft funktioniert, versucht sie doch auch immer wieder, mich in die Vergangenheit zu bringen, aber präsentiert mir nur ein furchtbares Durcheinander, so dass ich meine Vergangenheit kaum wiedererkenne. Ich glaube jedenfalls nicht, dass meine Tage so chaotisch verlaufen sind. Vielleicht ist die Idee meiner nach gängigen Ordnungsprinzipien strukturierten Vergangenheit aber nur eine nachträgliche Interpretation.

b) Schon oft habe ich mich gefragt, warum ich nach der Zeitreise zum folgenden Morgen immer noch derselbe bin. Ich könnte doch ein Seehund sein und einen bunten Ball auf der Schnauze balancieren. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

c) Die Welt, in die ich von Tag zu Tag reise, ist enorm fest, scheint ununterbrochen nach den gleichen Gesetzen zu funktionieren. Nur wenn ich nicht bei der Sache bin, wackelt meine Welt. Gestern trug ich beispielsweise in der linken Hand einen Teller, in der rechten eine halbvolle Tasse mit abgestandenem Kaffee in die Küche, stellte den Teller in die Spüle und goss den Kaffee auf den Tisch. Derweil es auf den Boden tropfte, fiel mir erst ein, dass es in dieser Welt nicht üblich ist, abgestandenen Kaffee auf den Tisch zu gießen.

d) Gemeinhin wird angenommen, dass Kleinkinder eine magische Vorstellung von der Welt haben. Die legen sie im Alter von fünf bis sechs Jahren ab. In dieser Zeit ist auch die sprachliche Entwicklung abgeschlossen, haben sie ihre innere Grammatik entwickelt, die sich kennzeichnet durch die Fähigkeit, theoretisch endlos viele grammatisch richtige Sätze hervorzubringen.

e) Wenn sich unsere Idee von der Wirklichkeit wesentlich durch Sprache konstituiert, hängt die Festigkeit der Wirklichkeitsvorstellung vermutlich davon ab, wie tief sich die innere Grammatik auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Dann käme es nicht allein auf die Namen und Bezeichnungen an, wie sie ein Wörterbuch bereitstellt, sondern auf die Kenntnis der Verhältnisbeziehungen, wie sie in der Grammatik verankert ist.

100-RentnerBalthasar Gracián schreibt in seinem Handorakel – Kunst der Weltklugheit, man solle seinen Kardinalfehler erkennen und abstellen. Alle anderen Fehler würden dann in einer Kettenreaktion kippen wie Dominosteine. Vielleicht reicht es, einen achten Tag zu benennen, um ihn bereisen zu können, und wir finden eine Welt vor, in der alles anders als in der bekannten Welt ist.

Das Wort Rentner ist übringens ein Palindrom. Wir erkennen das nur nicht auf Anhieb, weil wir die Vorstellung haben, Substantive würden vorne groß

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