Straße meiner Kindheit (11) – Blick aus dem Wintergarten

Warum wolltest du unbedingt in den Wintergarten gehen, wenn deine Operationsnarbe schmerzt?

Weil ich in meinem Zimmer nicht mehr frei reden kann. Das zweite Bett ist seit gestern belegt. Da liegt Wulfs Karl-Heinz. Schwester Josefa hat ihm gesagt, er solle aufpassen, dass ich nicht dauernd aufstehe. Ausgerechnet der Blödmann. Er hat mir schon Prügel angedroht. Dabei waren wir früher mal befreundet. Doch die Familie ist vor einigen Jahren weggezogen. Die wohnten im Gutshof der Schmitz auf zwei Zimmern, links vom Eingang. Rechts wohnte die alte Frau Schmitz und wachte darüber, dass der versoffene Schwiegersohn nicht den ganzen Gutshof verjubelte. Ich ging mit Karl-Heinz in die selbe Klasse. Nach der Schule machte ich schnell meine Hausarbeit und lief dann zu Karl-Heinz, um ihn zum Spielen abzuholen. Doch der saß immer noch mit seiner Mutter über den Heften wie ein Ochse vorm Berg und kriegte die einfachsten Sachen nicht in seinen Kopf. Darüber ist seine Mutter schier verzweifelt. Was habe ich da oft und lang gesessen und auf Karl-Heinz gewartet. Zum Dank will er mich jetzt verprügeln. Der ist ja auch viel größer und stärker als ich. Was dem oben fehlt, hat er in den Muskeln.

Lass dich bloß nicht einschüchtern.

Sowieso nicht. Insgeheim habe ich Karl-Heinz beneidet, wenn seine Mutter die Hausarbeit mit ihm gemacht hat. Meine Mutter musste mir nie helfen. Sie hatte ja auch gar keine Zeit, musste immer arbeiten. Darum habe ich im Unterricht immer gut aufgepasst, damit ich keine Hilfe brauchte.

Karl-Heinz passte nicht auf. Er wusste ja, dass seine Mutter alles mit ihm wiederholen würde. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich den Eltern verbieten, ihren Kindern zu helfen. Sonst lernen die Eltern immer mehr, und ihre Kinder bleiben doof.

Man hat im Wintergarten eine schöne Aussicht. Gucken Sie mal, Herr Trittenheim. oben zwischen den Bäumen kann man das Dach von meinem alten Kindergarten sehen. Und links im Klostergarten sieht man das Kapellchen. Da war mal ein totes Kind aufgebahrt. Die Kindergärtnerinnen sind mit uns dahin gegangen, und wir mussten für das Kind beten.

Mein Vater war bei uns in der Hofeinfahrt aufgebahrt. Sie haben mich gefragt, ob ich ihn noch mal sehen will, bevor sie den Deckel auf den Sarg machen. Ich habe nein gesagt.

Warum?

Ich wusste doch schon wie Tote aussehen, so bleich, so starr, und man hat das Gefühl, die liegen zwar noch da, sind aber nicht zu Hause. Das wollte ich nicht noch mal sehen.

Erzähl mir noch was vom Gutshof der Schmitzens!

Das Treppenhaus war toll. Das hatte auf der oberen Etage Licht von einem großen Buntglasfenster, und auf den Treppen lagen lange Teppiche.

Läufer.

Die Teppichläufer wurden im Winkel jeder Stufe von einer dünnen Messingstange gehalten. Aber das beste war in der zweiten Etage. Da hörte die Treppe auf. Von der Decke hing eine Schnur. Wenn man dran zog, schwebte ganz geräuschlos eine hölzerne Treppenleiter herab und gab eine Luke zum Dachboden frei.

Ich nehme an, da habt ihr gemust?

Und wie. Der ganze riesige Dachboden war voller Gerümpel. Durch mehrere Dachluken schien die Sonne herein. Und in den Sonnenstrahlen tanzten die Staubteilchen. Wir konnten hier oben in aller Ruhe musen, denn tagsüber war das Obergeschoss wie ausgestorben. Aber einmal ist was Gruseliges passiert.

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Straße meiner Kindheit (10) – Halve Hahn und Bockreiter

Habe ich mich erschreckt, als dein Bett leer war. Die Stationsschwester sagt, sie würde dich am liebsten anbinden.

Schwester Josefa? Die ist ein Drachen. Immer grimmig, ein richtiger Kinderschreck. Ich habe nur Walter besucht im Saal neben der Kapelle. Da liegen mit Walter fünf Männer und machen eine Rollkur gegen ihre Magengeschwüre. Dürfen den ganzen Tag nur so einen dicken weißen Brei trinken und müssen sich jede Viertelstunde auf eine andere Seite legen, damit sich der Brei im Magen gut verteilt. Das ist ulkig, denn sie machen das gleichzeitig. Einer ruft: “Bitte wenden!” Und fünf Männer wälzen sich auf Kommando im Bett, von der Seite auf den Bauch, auf die andere Seite, auf den Rücken. Zwischendurch jammert Walter, dass er nichts Richtiges essen darf. Er träumt von einem knusprigen halben Hähnchen. Die anderen schimpfen, weil er ihnen den Mund wässrig macht. Dabei ist doch gar nichts dran an so einem halben Hähnchen. Lauter Knochen.
Wenn die Leute aus dem Dorf nach Köln fahren und im Restaurant essen müssen, bestellen sie immer ein halbes Hähnchen, wissen Sie warum, Herr Trittenheim?

Weil es ihnen schmeckt?

Nein, weil sie glauben, sie dürften das halbe Hähnchen mit den Fingern essen. Sie können nämlich nicht gut mit Messer und Gabel umgehen und haben Angst, sich zu blamieren.

Vielleicht verwechseln sie nur das halbe Hähnchen mit einem halve Hahn. Das ist aber ein Roggenbrötchen mit mittelaltem Gouda. Vor über hundert Jahren ist mal einer vom Dorf mit Freunden in ein kölsches Brauhaus gekommen und hat mit dem Köbes vereinbart, wenn er für jeden ein halbes Hähnchen bestellen würde, soll der Köbes 14 „Röggelche met Kies“ servieren. Das Käsebrötchen kostete nämlich nur 15 Pfennig. Der Jux stand in der Zeitung und wurde viel belacht. Seither bedeutet in Köln „ne halve Hahn“ eine Käsebrötchenhälfte.

Muss ich Walter erzählen.

Woher kennst du ihn?

Walter war mal Knecht bei Schmitz, dem Gutshof in unserer Straße. Aber da ist er weg und arbeitet jetzt in der Fabrik. Der Schmitz konnte ihn nicht mehr bezahlen. Der versäuft alles. Die anderen Bauern lästern über den versoffenen Schmitz, weil er seine Felder nicht rechtzeitig bestellt. Wir Kinder haben ein bisschen Angst vor ihm. Er ist so jähzornig und brüllt, wenn er uns beim Musen erwischt.

Ihr wart im Gehöft und habt da gemust?

Jetzt nicht mehr, aber als ich noch kleiner war, war der ganze Hof unser Spielplatz. Obwohl das Gehöft ringsum geschlossen ist, kamen wir überall rein, wenn wir wollten. Im Herrenhaus waren wir besonders gern. Da gibt es hinter den beiden Flügeln der Eingangstür einen dicken Balken. Er steckt ganz in der Mauer. Man kann ihn an einem Ring herausziehen, quer über die Tür bis ihn eine Gegenöffnung in der anderen Mauer. Es heißt, der diente in alter Zeit als Schutz gegen die Zigeuner. Wenn der Balken vorlag, konnten sie die Tür nicht aufdrücken. Das muss aber lange her sein. Ich kenne nur Zigeuner, die Teppiche verkaufen wollen, also die Männer. Die Zigeunerinnen betteln. Die Leute erzählen, dass die mit dem dicken Mercedes ankommen, vor dem Dorf aussteigen und zu Fuß mit ihren Teppichen oder bettelnd von Haus zu Haus gehen. Hinter dem Dorf steigen sie wieder in den Mercedes ein und fahren weiter.

Warum sollten die Zigeuner keinen Mercedes fahren dürfen?

Weil die immer so arm tun. Das ist doch Betrug!

Einen falschen Anschein zu erwecken, ist kein Betrug. Solange sie keine Türen aufdrücken.

Brauchen sie sowieso nicht. Ist ja nie eine Tür abgeschlossen.

Ich glaube eher, dass der Balken ein Schutz gegen Räuberbanden war. Im 18. Jahrhundert haben die Bockreiter, eine Räuberbande von der Maas das ganze Rheinland unsicher gemacht. Sie sollen mit dem Teufel im Bund gewesen sein und konnten ganz plötzlich irgendwo auftauchen und wieder verschwinden. Angeblich ritten sie auf Ziegenböcken. Ihre Zentrale war ein Keller in dem Städtchen Maaseik mit geheimen Verbindungsgängen zu den Kellern rund um den Markt. Wer bei den Bokkenrijders, so hießen sie auf Niederländisch, mitmachen wollte, musste in der Zentrale auf einem hölzernen Bock aufsitzen. Der wurde in schnelle Drehung versetzt, und wer runter fiel, war bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen und konnte kein Bockreiter werden.

Klar. Wer sich auf dem Holzbock nicht halten kann, könnte auch keinen Ziegenbock reiten.

Sie brauchten keine Ziegenböcke, denn sie hatten einen Zauberspruch. Der brachte sie überall hin. Er ging so: “Over huis, over tuin, over staak, en dat tot Keulen in de wijnkelder!” [Übers Haus, über den Garten, über den Stock, und das bis Köln in den Weinkeller!]

Darum konnten sie sicher auch auftauchen und verschwinden wie sie wollten.

Du musst ja bedenken, dass es keine Straßenbeleuchtung gab. Im 18. Jahrhundert lag euer Dorf nachts in völliger Finsternis. Da sah man niemanden kommen.

Und wenn sie in finstrer Nacht bei Schmitz über die Stalldächer in den Hof sprangen, gruselig. Ein Glück, dass wir in moderner Zeit leben.

Damals war auch moderne Zeit. Alle Generationen erleben den Wandel. Früher war die Welt so und neuerdings ist sie so. Das Krankenhaus hier war ja nicht immer da. Es wurde im 19. Jahrhundert von einem reichen Gutsfräulein gestiftet. Irgendwann wird es abgerissen. Dann wird unsere Gegenwart auch mal alte Zeit heißen.

Warum sollte man das Krankenhaus abreißen? Ist doch schön, wenigstens von außen, mit seinen gelben Klinkern und den Zinnen.

Auf Wunsch der Stifterin wird es von Ordensschwestern geleitet und betrieben. “Die Armen Mägde Jesu Christi” aus dem Westerwald haben Nachwuchsmangel.

Ja, es gibt hier nur alte Schachteln, obwohl man sie schwer schätzen kann, weil der Schleier nur das Gesicht freilässt.

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Straße meiner Kindheit (9) – Regen

Anders als mit Rosie durftest du mit Georg spielen?

Er war wie ein kleiner Bruder für mich. Georg war nicht sehr helle, aber frech. Ständig ärgerte er größere Jungs, und ich musste ihn beschützen. Vermutlich duldeten die Melzers deshalb unsere Freundschaft. Wir waren auch manchmal bei ihm zu Hause. Melzers hatten nämlich als erste in der Straße ein Fernsehgerät. Kennen Sie die Kindersendung „Samstagnachmittag zu Hause?“ Der Vorspann war ein Zeichentrickfilm. Man sah eine rundliche Frau vor die Haustür treten und nach rechts und links rufen. Aus allen Winkeln rannten Kinder herbei, hinein ins Haus und versammelten sich vor einem Fernseher.

Ich glaube, die Sendung kam vom bayerischen Fernsehen.

Eye ja? Jedenfalls geschah es ähnlich bei Melzers, nur dass Frau Melzer nicht rufen musste. Zur passenden Uhrzeit versammelte sich in Melzers Wohnzimmer wie selbstverständlich die Kinder der Straße. Sogar meine verwöhnte Cousine Marianne kam hin und setzte sich ohne zu fragen ganz nah vor den Bildschirm, saß allen im Bild, damit sie besser sehen konnte, wenn eine neue Folge von „Lassie“ kam.

Kurios. Fernsehen als öffentliche Vorführung.

Fernsehgeräte waren ja teuer. Nur reiche Leute konnten sich einen leisten. Die Kühns, unsere Nachbarn, waren beide berufstätig. Trotzdem konnten sie sich ein Gerät nur auf Abzahlung kaufen. Hinten am Gerät war eine kleine Box. Darin wurde das Geld angespart. Wenn die Kühns fernsehen wollten, mussten sie eine Münze in die Box werfen. Dann funktionierte das Gerät für eine bestimmte Zeit. War das Geld verbraucht, schaltete sich der Fernseher ab. Ich weiß das genau, weil ich einmal alleine bei Kühns einen Film anschauen durfte. Frau Kühn ließ mir ein Fünf-Mark-Stück da, bevor sie arbeiten ging. Ich habe den Film aber nicht zu Ende geschaut.

Warum nicht?

Er war mir zu spannend. Ein Junge mit einem Degen war in einem Palast. Plötzlich fand er eine Wand, die war aus Papier. Er stach mit seinem Degen hinein, schlug sich eine Öffnung und ging einfach durch die Wand. Da habe ich ausgeschaltet. Ich kann nicht ertragen, wenn einer was kaputt macht.

Hast du eine Idee warum?

Nein. Es ist mir überhaupt erst aufgefallen vor dem Fernseher von Kühns. Die Kühns mochte ich gut leiden. Sie kamen aus dem Osten. Frau Kühn war eine schöne rundliche Frau, und Herr Kühn war Eisenbieger. Ich bewunderte ihn, besonders den Indianerhäuptling, der auf seinen sehnigen Arm tätowiert war. Wenn Herr Kühn seine Muskeln spielen ließ, zog der Häuptling Gesichter. Wenn Herr Kühn Eisen bog, sah es bestimmt aus, als würde der Indianerhäuptling sich mächtig anstrengen.

Nachdem kurz vor Weihnachten mein Vater gestorben war, ist Frau Kühn mit mir nach Köln gefahren. Wir waren im Kaufhof, und ich erinnere mich noch gut an die festliche Weihnachtsbeleuchtung und einen Nikolaus, der plötzlich zusammen mit Engelchen auf der Rolltreppe erschien. Die tanzten zu einer Musik, die ich nie vergesse.
Die Kühns kümmerten sich manchmal um mich, wenn ich alleine war.

Bist du viel alleine gewesen?

Das kann man sagen. Ich hab dann immer Selbstgespräche geführt.

Was hast du gesprochen?

Böse Sachen.

Böse Sachen?

Sie kamen von selbst aus meinem Mund, wenn ich am Särch stand.

Was ist ein Särch?

Wo wir wohnten, gab es alte Stallungen. Vor einem Stall war ein rechteckig gemauerter Wasserbehälter. Die alten Leute nannten das „Särch“, ich weiß nicht, was es auf Hochdeutsch bedeutet.

Hm. Es wird verwandt sein mit „Sarg.“ Althochdeutsch „sarch“ bedeutet Behälter.

Gut. In diesem Särch war ursprünglich das Wasser von der Regenrinne aufgefangen worden, jetzt lag da nur Gerümpel drin. Aber der Särch war abgedeckt mit einem Brett aus Bohlen. Das war mein Basteltisch. Ich konnte da geschützt unter einem Vordach stehen und basteln. Wenn es regnete, suchte ich mir ein Stück Holz und fing an, ein Schiffchen zu schnitzen. Denn ich wusste, dass bald nach dem Regen ein reißender Bach díe Bruchstraße herunterkommen würde.

Da hast du dein Schiffchen zu Wasser gelassen..

Ja, und ich lief nebenher und versuchte es zu erwischen, bevor es mit dem Wasser im Schlund des Kanals verschwand. Es gab nämlich unten an der Landstraße einen einzigen Kanalanschluss.

Was prasselt da eigentlich so ans Fenster, Herr Trittenheim?

Hehe, das weißt du doch, du Clown, Regen. Es schüttet wie aus Eimern.

Dann ist noch immer alles überschwemmt?

Ja, das Wasser steht sogar bis zum Krankenhaus unten. Ich musste aufpassen, mir keine nassen Füße zu holen, als ich herkam, um dich zu besuchen. Es fehlt nicht viel, und das Wasser kommt zum Eingang herein
.

Und überschwemmt die Räume, in dem die Schwestern wohnen und in die niemand hineindarf außer den Nonnen? Da würde ich so gerne mal musen. Aber ich traue mich nicht.

Du bleibst wohl besser noch eine Weile im Bett.

Oben im Kindergarten hatten die Nonnen im Dachgeschoss ein geheimnisvolles Zimmer. Wir Kinder durften nicht mal auf die Treppe gehen. Dieses Verbot hat mich immer so beschäftigt. Ich wollte unbedingt wissen, was da Besonderes war. Einmal habe ich mich getraut, bin hochgeschlichen und konnte durch den Türspalt lauern

Was hast du gesehen..

Nichts, nur ein paar Nähmaschinen, Tische und Stoffe. Ich war enttäuscht. So ein
Theater um eine Nähstube. Wenns nicht verboten wäre, würde sich keiner dafür interessieren.

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Straße meiner Kindheit (8) – Im Bruch – Ein Interview

Was aus Klaus Remy wurde, weiß ich nicht. Er kam nicht wieder zurück. Sie haben ihn gleich da behalten in der Augenklinik. Es hieß, er habe eine ganz schlimme Augenkrankheit, und ich war viel zu schüchtern, bei den strengen Erzieherinnen Näheres zu erfragen. Weil ich auch versäumte, nach seiner Adresse zu fragen … Es ist ein Jammer, Herr Trittenheim. Ich habe nie wieder von ihm gehört.

Ja, schade. So tauchen in unserem Leben Menschen auf, werden uns wichtig – und verschwinden. Du wirst das noch öfter erleben. Wenden wir uns wieder deiner Kindheit in der Bruchstraße zu. Bisher habe ich alles nur ausschnitthaft erfahren. Kannst du mir eine Gesamtschau der Straße geben?

Blick in die erste Bruchstraße

Die Bruchstraße ist ziemlich lang. Sie beginnt an der Landstraße und stößt genau nach Osten. Die beiden ersten Häuser links und rechts zähle ich nicht zur Bruchstraße, weil sie ihren Eingang an der Landstraße haben. Im 2. Haus links, von der Landstraße aus gesehen, bin ich aufgewachsen. Das vierte Gebäude auf der linken Seite ist ein großes Gehöft. Da endete für mich der heimische Bereich. Es war Rufweite. Dahinter steigt die Straße leicht an, bis sie an der Wegkreuzung oben im Feld wieder abschüssig wird. Von dort konnte ich unser Haus noch sehen. Dann taucht die Straße zweimal in tiefe Gräben, deren Hänge dicht mit Holunder, Hasel und Brombeere bewachsen sind. Hier begann das Abenteuer. Wir waren völlig uns selbst überlassen. Die Mutter eines Jungen hatte eine Trillerpfeife. Die konnten wir manchmal hören, und dann rannte er flugs nach Hause.

Wie war es im Hohlweg?

An manchen Stellen haben in den Hängen Dachse und Kaninchen gegraben. Dort leuchtet gelb der Mergel auf. Schon Kinder-Generationen vor mir haben an freien Stellen im Mergel gebuddelt und rechteckige Höhlen ausgeschachtet, die wir „Bunker“ nannten. Manche Bunker waren wieder von der Natur versteckt worden, so dass wir gelegentlich auf vergessene Höhlen stießen, wenn wir unter die Brombeerranken und Schlingpflanzen krochen. Die nahmen wir in Besitz und richteten sie wieder her. Am Ende saßen wir da mit Pfeil und Bogen und bewachten den Hohlweg. Aber es kam kaum jemals wer vorbei, nur ab und zu ein Traktorgespann. Am Ende der ersten Bruchstraße liegt ein steiler grasbewachsener Hang, den wir „Eidechsenberg“ nannten. Dort konnte man im Sommer viele Salamander sehen. Sie saßen gerne auf dem warmen Mergel und sonnten sich. Hinter dem Eidechsenberg durchquerte die Bruchstraße das weite Tal, von dem ich schon erzählt habe. Dem Verlauf des Tals folgt eine Hochspannungsleitung. Weil es unter ihr bedrohlich knisterte, war ich immer froh drunter durch zu sein.

Wenn du auf dem Weg in die geheimnisvolle 2. Bruchstraße warst? Jetzt wird es spannend.

In die 2. Bruchstraße, trauten wir uns erst, als wir schon größer waren. Sie schneidet viel tiefer ins Gelände ein als die 1. Bruchstraße, ihre Hänge sind steiler, und es gibt keine Bunker. Es ist einfach zu weit dahin. Deshalb waren wir selten in der 2. Bruchstraße.

Und wenn du dort warst, wie war es?

Die 2. Bruchstraße wirkte irgendwie abweisend, als wollte sie uns nicht haben. Etwa in ihrer Mitte führt ein mit Gras überwucherter Weg wie eine Rampe nach rechts aus ihr hinaus. Da oben hatte Bauer Melzer ein Feld gepachtet. Einmal waren sein Sohn Georg und ich mit Melzer auf seinem Trecker hingefahren und spielten am Gebüsch oberhalb des Hohlwegs. Melzer musste zu Hause eine Egge holen und fragte, ob wir so lange alleine da bleiben wollten. Er war mit seinem Gespann gerade die Rampe hinunter gerumpelt, da besannen wir uns und rannten hinterher.

Es war euch unheimlich geworden – so alleine in der 2. Bruchstraße?

Ja, besonders mir, weil ich der ältere war und plötzlich die Verantwortung für Georg hatte. Wir liefen die Rampe hinab. Unten auf dem Hohlweg nahm Melzers Trecker gerade Fahrt auf. Ich erreichte den Anhänger, griff nach der hölzernen Ladeklappe und zog mich hoch. Georg war ein bisschen schwächlich und konnte nicht schnell genug laufen. Ich saß auf der Pritsche des Anhängers und sah, wie Georg sich mächtig anstrengte. Er warf seine staksigen Beinchen, aber konnte nicht näher kommen, weil sein ahnungsloser Vater jetzt ordentlich Gas gab. Am Ende knickte Georg ein, streckte flehend die Hand nach uns aus und sank mit den nackten Knien in den Schotter. Melzer hatte von dem Drama hinter ihm nichts mitbekommen. Er sah stur gerade aus. Ich starrte ihm ängstlich in den Nacken, traute mich aber nicht zu rufen.

Ihr seid einfach weitergefahren?

Nein, es ging doch nicht, Georg alleine zu lassen. Darum bin ich wieder vom Gespann abgesprungen.

Ich vermute, die 2. Bruchstraße kam euch nach diesem Abenteuer nicht mehr so bedrohlich vor. Was ist an ihrem Ende?

Nachdem sie den Hohlweg verlassen hat, quert sie einen Feldweg, an dem die Kiesgruben liegen. Die Bruchstraße verläuft weiter auf einem Damm durch ein altes Moor. Das wurde im 19. Jahrhundert trocken gelegt wurde, habe ich in der Chronik gelesen. Ein Kanal mit brackigem Wasser erinnert daran. Es gibt da links und rechts der Straße nur feuchte Wiesen, ein mickriges Birkenwäldchen und Riet. Auf einem kurzen Stück streift die Straße einen schmalen Ausläufer des alten Auwaldes. Er gehört zu einem verschwundenen Altarm des Rheins. Dann folgt rechter Hand unser Wasserwerk.

Euer Dorf hatte ein Wasserwerk?

Es war gebaut worden, als ich noch klein war. Inzwischen ist es dicht von Fichten umstanden und rundum eingezäunt.Als mein Vater noch lebte, haben wir einmal mit der ganzen Familie unseren Sonntagsspaziergang hin gemacht. Mein Vater wollte sich den Baufortschritt ansehen. Wir fanden aber nur einen Schacht mit einem Bohrgestänge darüber. Im Kies unten stand eine Wasserpfütze.

Wie geht es weiter?

Ein paarhundert Meter noch bis zu einem einsamen Gehöft. Wenige Meter dahinter stößt die Bruchstraße an ein Feld und ist einfach weg! Untergepflügt, Herr Trittenheim! Ich habe dort manchmal mit dem Fahrrad gestanden und bedauert, dass unsere Straße nach so vielen zielstrebigen Kilometern ein sang- und klangloses Ende im Acker findet. Da wusste ich nicht, dass ich auf einer alten Römerstraße stand. Wo ich aufwuchs, zweigte sie von der römischen Fernstraße ab, die von den südlichen Provinzen zur Nordsee führte.

Dann folgt die Landstraße diesem alten römischen Fernweg?

Ja, das habe ich kürzlich in der Chronik gelesen. Die Bruchstraße war die Verbindung vom Fernweg zu einem römischen Kastell am Rhein. Vielleicht rührte daher ihr seltsamer Zauber, den ich immer gespürt habe, und der wuchs, je weiter ich von zu Hause fort war.

Dass es eine Heeresstraße war, erklärt ihr seltsames Ende. Nachdem der letzte römische Legionär durchgezogen war, haben die Leute den Weg verlegt und später untergepflügt. Sie haben einfach das Tor geschlossen, wie es sich gehört, wenn der letzte Gast gegangen ist. Und so, lieber Hannes, ist eine Landschaft ein großer Informationsspeicher, ein Medium, das die Zeichen über Jahrtausende bewahrt, kryptische Zeichen über Zeichen. Wer den Schlüssel hat, kann sie lesen. Und wer Zauber spürt, kann sie ahnen.

Fortsetzung.
Zu den Folgen 1 – 6
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Es erwischt die Besten – Rapper Ramon H. ist tot – Ein Nachruf von Volontär Hanno P. Schmock

Genau ein Jahr nach David Bowie ist am 10. Januar wieder ein Wegbereiter der Popkultur von uns gegangen. Ex-Bundespräsident Ramon Herzog ist tot. Viele loben ihn, aber vergessen oft das Beste. Das beste an ihm war lange Zeit nämlich seine Frau Christiane. Ach, die wunderbaren Zeiten, als First Lady Christiane Herzog im ersten deutschen Fernsehen (wo sonst?) eine Kochsendung hatte. Wir alle durften „Zu Gast bei Christiane Herzog“ sein und konnten sehen, wie sich Christiane von einem Sternekoch mit dem passenden Namen Koch die Möhrchen schrabben ließ. Es war ungemein erfrischend, wie Christiane Herzog klarzumachen verstand, was die Deutschen vergessen hatten, wo nämlich die Trennlinie verläuft zwischen Herrschaft und Dienstboten. „Herr Koch, die Kasserolle, bitte!“

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Mensch im Mantel – Über drinnen und draußen

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„Hyggelig“ ist das dänische Wort für Gemütlichkeit. Die Entsprechung im Deutschen wäre „heimelig“, aber anders als heimelig ist hyggelig ein nationales Stereotyp der Dänen. Man möchte die Nordleute fast beneiden, denn hyggelig lebt vom Kontrast zwischen warmen Stuben und einer ungestüm kalten Natur. Man muss sich beeilen, die Tagesgeschäfte zu erledigen, denn derzeit geht die Sonne noch früh unter. Wenn die Dämmerung aufzieht, mache ich es mir hyggelig, hülle mich in eine bequeme Hose, schlüpfe in eine flauschige Hausjacke, entzünde freundliche Lichter, schaue an den Heizkörper gelehnt schaudernd aus dem Fenster und freue mich am Kontrast zwischen drinnen und draußen. Zwischen den beiden Umständen steht grammatisch nur die Konjunktion „und“ und physikalisch eine Fensterscheibe aus Isolierglas. Unsere germanischen Vorfahren nannten das Fenster „Windauge“, was noch weiterlebt im engl. „Window“. Das Fenster war also die erste Erweiterung des menschlichen Auges. Doch wenn der Wind kalt wurde, kam Zug auf das Auge und es musste verhängt und durch Läden verschlossen werden. Die Sitte, den eisigen Wind mit transparentem Glas fernzuhalten, kannten schon die Römer, kam aber nördlich der Alpen erst im Mittelalter auf.

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Bücher aus der Wäscherei – Ein Bäcker auf Hausbesuch

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Wäscherei Funk
Wie man sich denken kann, wurde die Wäscherei Funk von der Familie Funk betrieben. Die Tochter Monika Funk war in meiner Volksschulklasse. Sie hatte flammenrote Haare. Um die rothaarige Monika Funk geht es jedoch gar nicht. Sie hielt sich nämlich überhaupt fern von mir. Vermutlich hatten ihre Eltern gesagt, als Wäschereitochter wäre sie nur was für echte Prinzen, die ja die Mütter ihrer Kinder traditionell in Wäschereien aufstöbern würden. Viel weiß ich nicht mehr über die Wäscherei Funk, besonders nicht über ihre eigentliche Bestimmung. Die Wäscherei Funk war nämlich gleichzeitig eine Leihbücherei. Sie führte überwiegend Schundromane, Bücher mit bunten Bildern auf dem Cover, die man in der katholischen Borromäusbibliothek unseres Dorfes nicht bekommen konnte. Viele Bücher aus der Wäscherei Funk waren für den Markt der Leihbüchereien produziert wie die populären Wildwestreihen Tom Prox und Billy Jenkins von Gert Fritz Unger. Die Bücher standen in Regalen entlang der Wände im Ladenlokal. Man musste sie erfragen, dann wurden sie mit den in Packpapier eingeschlagenen Wäschepaketen über die breite Holztheke geschoben. Ein Buch bei Funks auszuleihen, kostete zehn Pfennig. Das war nicht wenig Anfang der 1960er Jahre. Trotzdem wurden die Bücher rege ausgeliehen, was an ihrem Zustand abzulesen war. Viele der Bücher hatten Eselsohren, denn es war üblich, die Seite, bei der das Lesen unterbrochen worden war, an der oberen oder unteren Ecke umzuknicken, was man bei Büchern aus der Wäscherei Funk unbedenklich tat. Man hatte keine Ehrfurcht vor den Büchern aus der Wäscherei Funk. Sie waren auf billigem Papier gedruckt und hatten ohnehin viele Lesespuren wie Risse, Kaffeeflecken und verschmierte Stellen zweifelhafter Herkunft. Es hat in den 50er und 60er Jahren viele private Leihbüchereien wie die Wäscherei Funk gegeben. Sie waren nicht gut angesehen, denn sie verbreiteten überwiegend literarischen Schmutz und Schund und verschwanden rasch, als das Fernsehen diese Aufgabe flächendeckend übernehmen konnte. Vielleicht schaue ich deshalb so gerne Waschmaschinen-TV.

Bäcker Schierpans

Der Bäcker Schierpans war ein gemütlicher Mann, der samstags mit seinem Lieferwagen rumfuhr und den Leuten das Brot brachte. Weil er lieferte, war ich selten in seinem Bäckerladen. Es war aber auch schon ziemlich weit dahin zu laufen für Kinderbeinchen. Ich erinnere mich an einen Heiligabend nach der Bescherung, dass ich glücklich am Boden lag und mit neuen Bauklötzen spielte, als Bäcker Schierpans eintrat und einen Weihnachtskranz brachte. Zwei Wochen vorher war mein Vater ganz plötzlich gestorben, und es war irgendwie tröstlich, als Herr Schierpans in unsere Wohnung kam. Hinter der Bäckerei hatte Herr Schierpans eine Scheune, worin er die Mehlsäcke lagerte. Man erzählte, in dieser Scheune würden die dreisten Mäuse in Scharen übers Gebälk laufen. Als ich Jugendlicher war, hatte Herrn Schierpans einen neuen Gesellen. Er verkehrte in meiner Stammkneipe und kommt vor im zweiten Teil: „Die Lokale meiner Jugend.“

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Retro total – Über die bald mögliche Simultanität der Zeiten und wie sie das Ende der Menschheit bringt

Wie derzeit das Akustische und Visuelle vergangener Zeiten sehr genau reproduziert werden kann, zeigen Schallplatte und Film aus den 1960-er Jahren. Wie heute sogar dreidimensionale Klänge und Bildwelten sich digital speichern lassen und jederzeit reproduzierbar sind, so könnte es eines Tages gelingen, auch den haptischen Erfahrungsbereich sowie Gefühle perfekt zu konservieren und für spätere Zeiten reproduzierbar zu machen. Zusammen mit Bild und Ton ergäbe das die Simultanität der Zeiten ohne Zeitparadoxon, denn insgesamt schritte der Mensch weiter in der Zeit voran.

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Schlafmanntaste schmerzlich vermisst

Kategorie zirkusDie Kanäle des Privatfernsehens verschmähe ich aus Gründen der Psychohygiene und glaube mich deshalb geschützt. Die Gefahr, dass mir Jauche oder Gekröse in die Stube schwappt, ist gering. Doch letztens habe ich mir eine Kabarettsendung auf SWR angesehen. Es trat auf Florian Schröder, der mal ein guter Kabarettist hätte werden können, wenn er nicht auf die Masche gekommen wäre, sich über Leute zu erregen und komplizierte Wortkaskaden auf seine Zuhörer niedergehen zu lassen, an denen er gewiss lange feilen und für die vorzutragen er lange üben musste. Derlei artistische Passagen finde ich so spannend wie Jonglieren oder Autoverfolgungsjagden. Ich schlafe ein …

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Coster im Indikativ – Mentalcoach Kaffeemühlchen

Als er elf Jahr alt war, sei er jeden Morgen mit Herzrasen in die Schule gegangen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Nein, er habe nicht an Schulangst gelitten. Schuld sei seine Großmutter gewesen. Die habe ihm zum Frühstück einen Kaffee gemacht, worin der Löffel senkrecht hätte stehen können. Daran habe er sich erinnert, als er in der Küche von Freunden so ein hölzernes Kaffeemühlchen entdeckt habe, worin seine Großmutter die Kaffeebohnen immer frisch gemahlen hatte, um daraus einen höllisch starken Filterkaffee aufzubrühen. Aber er habe den Sud immer tapfer ausgetrunken, denn mit einem Schuss Dosenmilch und drei gehäuften Löffeln Zucker sei der Kaffee durchaus trinkbar und überaus wohlschmeckend gewesen. Noch im Klassenzimmer habe sein aufgeputschtes Herzchen heftig geschlagen. Wenn er sich dann gespannt mit dem Oberkörper an seine Schulbank gelehnt, indem er seine Lehrerin beobachtet habe, wie sie an der Tafel beidhändig mit der Kreide kämpfte, weil sie doch an einem täglich auftretenden Chirospasmus gelitten, hätte das Holz seiner Schulbank wie ein Resonanzkörper das Pochen seines Herzens verstärkt, so dass die Lehrerin entnervt gerufen habe: „Wer trommelt da hinter meinem Rücken?!“

Einen solchen Kaffee habe er seither nie mehr getrunken. Dieser Geschmack sei nicht mehr in der Welt. Inzwischen stünden ja in den meisten Küchen lärmende Kaffeemaschinen, so teuer in der Anschaffung, dass ihre stolzen Besitzer sich notgedrungen mit dem faden Geschmack ihres Kaffees bescheiden müssten, wollten sie die Anschaffung vor sich und ihrer Geldbörse rechtfertigen. Er selbst habe sogar einen sündteuren Porsche unter den Kaffeemaschinen besessen. Aber die habe sich auch nichts anderes hervor gequält als alle anderen. Dass die Leute den Geschmack von Spülwasser für Kaffee halten würden, sei das Ergebnis einer kollektiven Gehirnwäsche.

„Welche Gehirnwäsche denn, Coster, und gewaschen durch wen?“, fragte ich. Das könne er mir an einem Beispiel erklären, wenn ich endlich damit aufhören würde, seine Aussagen in den Konjunktiv zu setzen. „Upps, ich dachte, der Indikativ wäre Ihnen nicht recht, da er es Ihnen nicht erlaubt, die erforderliche Distanz zu halten.“

„Ausnahmsweise nehme ich den“, sagte Coster, und fuhr fort: „Also mein Beispiel: Im Supermarkt wurde ich Zeuge eines Dialogs zweier Mitarbeiter, der aber eigentlich ein Monolog gewesen ist, denn der angesprochene junge Mann hat mir den Rücken zugekehrt. Wenn er etwas gesagt hat, dann leise gegrummelt. Gesprochen hat eine junge Frau, die mir schon vor längerer Zeit aufgefallen ist, weil sie so ungemein fleißig an tausend Stellen zu Gange ist und immerzu kräftig zupackt. Sie sagte ihrem Kollegen: ‘Die Ruhe von innen nach außen tragen. Wenn du hektisch durch den Markt rennst, werden die Kunden auch hektisch. Auch wenn du Stress hast, lass dir den Stress nicht anmerken. Und immer lächeln!’ Sprachs, drehte sich auf dem Absatz um und eilte weg, vermutlich um zwanzig schwere Gemüsekisten zu stapeln oder eine zehn Meter lange Tiefkühltruhe komplett leerzuräumen, auszuwischen und wieder einzuräumen.. Ich stand in der Kassenschlange und hatte staunend zugehört. Ihre Ratschläge wirkten spontan vernünftig auf mich, obwohl ich sie selbst noch nie langsam durch den Markt hatte gehen sehen. Der Ratschlag zu lächeln, schien mir nicht angemessen, denn der so gebriefte Kollege ist ein hagerer, sauertöpfischer Typ, der statt zu Lächeln höchstens ein gequältes Grinsen aufsetzen kann. Die Erkenntnisse, die seine Kollegin so bereitwillig preisgab, hatte sie vermutlich aus einer Mitarbeiterschulung. Den Stress im Arbeitsalltag der Mitarbeiter soll der Kunde nicht mitbekommen. Die Arbeitslast zu verringern, würde den Gewinn schmälern. Also bringt man den Leuten bei, nicht auf die eigenen Wahrnehmungen zu hören und lehrt sie Techniken der Stressvermeidung, bei denen sie das, was noch an Ruhe in ihnen ist, ausbeuten. Das bringt man aber, um Kosten zu sparen, nur einer Mitarbeiterin bei, die dann gehalten ist, die Technik der totalen Selbstausbeutung an ihre Kollegen zu vermitteln. Wenn das keine Gehirnwäsche ist, Trithemius, dann weiß ich es nicht.“

„Gehirnwäsche für Arme“ sagte ich. „Jedenfalls sparsam. Und was ist jetzt mit dem Kaffee aus Kaffeemaschinen?“, fragte ich.

„Wer dauernd angehalten ist, seine eigenen Wahrnehmungen nicht Ernst zu nehmen, dem schmeckt auch die Brühe aus seiner teuren Kaffeemaschine, der kippt morgens heißes Spülwasser und frühstückt einen traurigen Clown“, so Coster.

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