Goldenes Kehrmännchen für Hannover – aber nicht in Linden

Als Hannoveraner Neubürger bekam ich bei der Anmeldung ein Begrüßungspaket geschenkt. Das enthielt eine Hochglanzbroschüre vom „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ (aha), eine Rolle gelber Säcke vom Dualen System und einen Abfallabholkalender. Da wusste ich sofort, in Hannover wird Müll geschätzt. Man kriegt ihn gleich zur Begrüßung.

Das tut man in meiner alten Heimatstadt Aachen auch. Die Aachener haben sogar dem Kehrmännchen ein Denkmal gesetzt. Hannover hat nur ganz wenige Kehrmännchen, und so werden manche Ecken und Straßen des Stadteils Linden von keines Straßenfegers Besen je berührt. Nicht mal vorsichtig angestupst, um zu sehen, ob sich im Dreck vielleicht schon das erste Leben regt. Auf Plätzen und entlang verrottender Häuser sind ganze Universen von Straßendreck entstanden, so dass jetzt auch nicht mehr gekehrt werden kann. Umweltschützer würden verhindern, dass die Mikroben vom Planeten Cot ausgerottet werden. Sie fördern in ihrem Kosmos das kostbare Spice, eine begehrte Substanz, abgesondert von gewaltigen Würmern, die wie Unwetter daherkommen.

Ich habe noch nie einen derartig verdreckten Stadtteil gesehen wie Hannover-Linden. Der Grund sind nicht die Mikroben und Würmer vom Planeten Cot, der Grund, quasi die Ursuppe, aus denen die sonderbaren Welten entstehen, ist die Organisation der Müllabfuhr. Man hat hier piepdünne gelbe oder blaue Müllsäcke für Papier und Plastik. Lindener dürfen sie zum Wochenende vor die Tür legen, denn montags werden die Säcke abgeholt. Wie jedes Kind weiß, nur der „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ nicht wissen will, hat Papier scharfe Kanten. Davon schlitzen die Säcke auf, und ihr Inhalt, Papier und Plastik, wird vom Wind durch Lindens Straßen geblasen. Irgendwo in Ecken bleibt das Zeug liegen. Kommen aha-Müllmänner vorbei, ermahnen sie sich gegenseitig: „Lass liegen, tritt sich fest!“

Weil die Säcke montags abgeholt werden, haben die Lindener Straßen ausgerechnet sonntags die dreckigsten und verschissensten Hosen an. Und wo viel Müll herumliegt, werden die Leute großzügig und werfen noch weiteren Müll dazu. Man muss aber nicht glauben, dass es am Abholtag der Säcke anschließend viel sauberer ist. Denn es hat sich bei den Lindenern die Unart eingeschlichen, außer den Säcken lose Papierstapel und jedweden Unrat nach draußen zu legen. Man will es drinnen schließlich einigermaßen sauber haben.

Ich habe beobachtet, dass die Müllberge montags nur nach und nach abgetragen werden. Zuerst kommt ein gewaltiges Müllauto und holt die vorschriftsmäßig befüllten gelben und blauen Säcke ab. Vor falsch befüllten Müllsäcken sind diese Müllmänner fies. Dann folgt ein zweites gewaltiges Müllauto und holt die fiesen Säcke sowie den losen Sperrmüll ab. Dann aber donnert ein drittes gewaltiges Müllauto heran und holt die losen Papierstapel und Umverpackungen. Doch auch hier herrscht unter den Müllmännern die Devise: Man muss immer etwas übrig lassen, wie einen Pfennig im Portemonnaie, damit sich der Müll erneuert wie die Barschaft.

Das ist übrigens ein Motiv aus der Edda: Die Menschen dürfen Thors Böcke Tanngnjostr (Zähneknisterer) und Tanngrisnir (Zähneknirscher) am Abend schlachten und verspachteln, nur die Knochen dürfen sie nicht brechen, dann stehen die Böcke Tags darauf wieder frisch und munter da und warten darauf, Thors Wagen zu ziehen. Also schön immer was übrig und unversehrt lassen.

Ähem, vom Thema abgekommen. Überhaupt sieht und hört man in Linden ständig Müllautos umher donnern und pfeifen, als hätte Thor nicht einen Wagen, sondern zehn. Vermutlich sind die aha-Müllmänner immerzu auf Inspektionsfahrt – wie gute Ranger, die das kräftige Wachstum ihrer Biotope überwachen.

Man kann sich vorstellen, dass der gewaltige Aufwand zur Müllentsorgung und Müllerneuerung ziemlich teuer ist, denn freitags wird zusätzlich noch der übliche Hausmüll abgeholt. Eine Biotonne gibt es auch, und ich wage die Vermutung, dass gewisse Leute vom Dualen System sich eine goldene Nase mit diesem Doppel-Trippel-Moppel verdienen, so dass ihnen der Müll niemals stinkt. Sagt ja schon der Name: „Abfallwirtschaft“. Der Abfall wird bewirtschaftet.

Diese Abfallwirtschaft ist
purer Luxus, und nur wenige Städte in Deutschland könnten sich den überhaupt leisten. Da wird mancher Stadtkämmerer neidvoll nach Hannover blicken, wo sie das Geld mit vollen Händen aus dem Rathausfenster werfen. Und die Leute vom Dualen System sind sich nicht zu schade, es höchstpersönlich aufzukehren. Die Aachener haben ein Kehrmännchen aus Bronze. Ich finde, Hannover sollte eines aus purem Gold aufstellen. Natürlich gehört das Goldene Kehrmännchen ins feine Zooviertel und nicht nach Linden. Da stünde es nach einer Nacht in einem Haufen gelber Säcke und wäre rundum vollgetaggt.

Selbstverständlich habe ich ein bisschen dick aufgetragen bei meiner Schilderung der Müllzustände in Hannover-Linden, wie der Fotobefund unzweifelhaft beweist.

Dieser Beitrag wurde unter Ethnologie des Alltags abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Goldenes Kehrmännchen für Hannover – aber nicht in Linden

  1. Pingback: Goldenes Kehrmännchen für Hannover - aber nicht in Linden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.