Wolf Schneider schärft selbstlos unsere Messer

Eine kräftige Brise kräuselte den Teich, ließ die Wellen hinter sich und zauste mir die Zeitung. „Ist das dieses von dir verschmähte Papier?“, fragte der Wind und knickte mir übermütig die Seiten um. Früher habe ich oft mit dem Wind um eine Zeitung gekämpft, doch in letzter Zeit lese ich keine Zeitung mehr. Zu oft habe ich mich über den Inhalt oder den Sprachstil von Zeitungsartikeln geärgert. Allerdings habe ich auch manch vorzüglichen Text gefunden und mit Genuss gelesen. Ein solcher Text konnte mich mit dem Rest der Zeitung versöhnen. Wäre ja auch ein Wunder, wenn niemand all die Ratschläge zum guten Stil in seinen Kopf bekäme und anwenden könnte.

Im Georgengarten unterhalb des Leibniztempels hatte ich zum Verdruss der Vorbeikommenden die einzige Bank am Teich besetzt, war im juristischen Sinne ihr Besitzer, saß bequem, Notizbuch, Rucksack, Fotoapparat, Fahrrad neben mir, die geheftete Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT auf dem Schoß.

Das Supplement: „Wie Sie besser schreiben – eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen“ von Wolf Schneider hatte mein junger Freund Shhhhh mir geliehen. Offenbar hatte er an Schneiders Lektionen nicht viel auszusetzen gefunden. Bei der 2. Lektion, worin Schneider einsilbige Wörter empfiehlt, weil „fast alle starken Gefühle, Angst, Leid, Pein, Qual, Wut, Hass, Neid, Gier“ zu „einsilbigen Wörtern geronnen“ wären, da hatte S. allerdings zu Recht gefragt: „und die Liebe?“ Schließlich bezeichnen Schneiders Einsilber allesamt negative Gefühle und er spart die schönen aus, etwa: Lust und Spaß. Warum ist die Liebe zweisilbig, obwohl das Wort zweifellos ein starkes Gefühl bezeichnet?

Da hilft ein Blick in die Wortgeschichte. „Liebe“ ist eine Substantivierung des Adjektivs „lieb“ (mittelhochdeutsch liep; althochdeutsch liob, liub). Im Englischen gibt es die Substantivierung auch, nur wird das auslautende „e“ nicht gesprochen. Das Lied der Beatles „All You Need Is Love“ – und seine Umkehrung am Schluss „Love is all you need“ entspricht exakt der Schneiderschen Regel, einsilbige Wörter zu wählen, wenn man eine starke Aussage will. Das auslautende „e“ kann also weg, das Dehnungs-e brauchen wir sowieso nicht und schreiben zukünftig „die Lib„. Das hat Kraft.

S. hatte mir vorab gesagt, es fehle im Text nicht die übliche Bloggerschelte. Deswegen habe ich Schneider schon hier und da kritisiert. Doch für die ZEIT-Beilage ist er von seinem hohen Ross gestiegen und beschränkt sich auf wenige Tadel, etwa, dass es in Blogs viel Geschwätz gebe und ein Feilen am Text zugunsten der Spontaneität unterbleibe. Allerdings will er den Lesern tatsächlich etwas beibringen, offenbar auch jenen, die sich sein Sprachseminar „Was tun, wenn man gelesen werden möchte?“ zu 1980 Euro plus 19 Prozent Mehrwertsteuer nicht leisten können.

Empfehlenswert: W. Schneider; Ne Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen – Fotos: Trithemius

Der Professor für Linguistik Carl Ludwig Naumann von der Leibnizuniversität sagte mir letztens: „Wenn Sie jemanden Rhetorik lehren, geben Sie ihm ein Messer in die Hand.“ Wolf Schneider zitiert Kurt Tucholsky: „Die Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.“ Es ist Energieverschwendung, wenn Blogger ihre Texte mit stumpfen Messern säbeln. Man kann sich ruhig ein bisschen Handwerk von Wolf Schneider beibringen lassen.

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