sind vielleicht eine Frau, dann sind Sie selbstverständlich mit gemeint. Sehr sogar, denn ich möchte meine Dudensammlung herzeigen. Die hat bisher noch jedes Frauenherz hüpfen lassen, vor allem aber die Philatelisten allesamt ins Abseits gestellt. Meine Sammlung besteht aus 32 Bänden verschiedener Ausgaben des Dudens, von 1905 an. Leider teilt sie das Schicksal billiger Briefmarkenalben. Das mag manche Schönheit schnöde finden, die Enttäuschung nicht verhehlen können und sagen: “Die gelten ja alle nicht mehr, die Dudenausgaben sind doch längst überholt.“
So wurde meine stolze Dudensammlung schon oft abgestempelt und entwertet. Nach meinem Empfinden gelten die Ausgaben aber alle noch, denn es ist eine große Hülfe für die sprachliche Ausdruckskraft, wenn man sich an passenden Stellen alter Schreibweisen bedient. Naja, Hülfe ist so reingemogelt in den Satz, weil mir grad kein beßres Exempel eingefallen ist.
Alle Duden-Ausgaben meiner Sammlung haben einmal in den Schulen gegolten. Nach deren Vorgaben wurde Schülern Rechtschreibung eingepaukt. Sie wurden danach benotet und aussortiert.
Wer endlich der Schule entkommen war, hatte aber genau deshalb einen echten Schaden davongetragen. Er war sprachlich entmündigt und glaubte, dass es nur die eine Schreibung von Wörtern gibt, dass der Duden die quasi vom Himmel gefallenen Gebote enthielte und die höchstrichterliche amtliche Rechtschreibung ein wesentliches Element der Sprache sei, die vor allem nicht geändert werden dürfe. Schließlich ist jeder von uns mit der amtlichen Rechtschreibung gequält worden. Ihre gute oder nicht ausreichende Beherrschung hat über die Diktatbenotung Lebenswege beeinflusst und Schicksale geprägt. Dann will man wenigstens die Gewähr, dass die Gesetze weiterhin gelten, nach denen man beurteilt und gerichtet worden ist. Darum ist es so schwierig, die öffentliche Akzeptanz für eine Rechtschreibreform zu erreichen. Wer mal wegen “selbstständig” (alte Rechtschreibung = selbständig) eine schlechte Diktatnote bekommen hat, kann schlecht akzeptieren, dass er nach der letzten Reform schreiben soll, wofür man ihn einst als Deppen verschlissen hat.
Darf ich Ihn’ meine Dudensammlung zeigen, gnäfrau? – Photographie: Trithemius
Mit einem bißchen Geschichtsbewußtsein hätte jedem auffallen müßen, daß die Rechtschreibung jedoch ständig von den jeweiligen Dudenredaktionen reformiert wurde. Sie nannten das freilich nicht so, sondern “Bearbeitung”. Die Buchdruckereiverbände beispielsweise verlangten die Tilgung von Doppelformen. 1964 klagt der Germanist Leo Weisgerber:
„Dem Buchdruck (…) von orthographischer Toleranz zu predigen, ist ein aussichtsloses Beginnen. Die Drucker sind noch heute auf die Beseitigung der letzten Doppel- und Zweifelsformen aus.“
Oft haben die jeweiligen Dudenredaktionen höchst eigenmächtig gehandelt. So waren sie besonders in den Auflagen 14 bis 16 von einem kapitalen Teufel des Mutwillens geritten und haben eindeutschende Schreibweisen festgelegt, nach denen niemand gefragt hatte: „Rutine“ (Routine), „Schef“ (Chef) oder „Kontainer“ (Container), um nur einige zu nennen. Zudem haben sie über die Jahrzehnte hinweg die Zusammen- und Getrenntschreibung immer komplizierter gemacht, obwohl sie gar nicht Bestandteil der amtlichen Regeln war. Mit der Unsicherheit der schreibenden Deutschen war eben viel Geld zu verdienen. Die Groß- und Kleinschreibung war schon von Beginn an so compliziert geregelt, dass niemand sie beherrschte, wie am überaus ulkigen Beispiel sowie der Rezeptionsgeschichte von Kosogs Diktat nachzulesen.
Es ist übrigens gar nicht so einfach, consequent gegen Orthographieregeln zu verstoßen, den Konflickt mit der geltenden Schreibung zu suchen durch rückgriff auf mittlerweile unübliche schreibweisen oder eigne erfindungen. Es dauert länger, ist demnach mehr Kunst als gutes handwerk. Aber es ist auch eine gute methode, die eigene schriftsprache endlich zu befreien, ihr mehr bedeutungsvielfalt zu verleyhen und die eigene sprachkompetenz zu erweitern. Schließlich binsch hier mein eigner schef und kann schreiben wischlustigbin.
Hätten die Damen und natürlich auch die Herren vielleicht Lust, die unorthodoxe Orthographie mit mir zu pflegen und ein Bißchen mit Rechtschreibung zu spielen? Schreiben Sie mir einen Protestbrief in den Kommentarkasten – in Ihrer höchst eignen Orthographie. Erweitern wir unsere sprachliche Creativität, meine lieben Damen und Herren!
Vertiefen:
Die Orthographie ist nicht vom Himmel gefallen
Oje, mein armer Duden
Unnötig großer Rucksack – Das Eszett wurde aufgepumpt






Mir kam neulich in den Sinn
das folgend kleine Verstrakat
“Die Didaktik wir verwechselt
allzu oft mit dem Diktat”
Nur weil Schiller einst schrieb
es besser zu lassen
zu schreiben was sich
nicht lässt in Reime fassen
verleih ich den Zeilen
hier mehr Gewicht
durch dieses Gedicht
Und im Ernst fällt mir seit geraumer Zeit schwer, Kommata richtig zu setzen. Dann bildet sich ein Komma im Gedanken, dann im Kopf und dann im Text, und dann setze ich lieber einen Punkt.
Ach, Kommas sind mir schon geheuer,
sie kommen bei mir aus dem Pfefferstreuer.
Wie oft vergess ich einen Punkt zu machen,
und reih die Sätze aneinander, bis sie krachen.
Doch Schillers Diktum war mir unbekannten
wie wohl den meisten Ignoranten.
Selbst Günter Grass, der kennt es nicht
und nennt die Prosa ein Gedicht.
Haben Sie gewusst, dass der Erfinder des Beistrichs namentlich bekannt ist. Es war Signor Aldo Manunzio, und man weiß sogar wie er aussah.
In Österreich wird die Bezeichnung Komma übrigens nur für das entsprechende mathematische Symbol verwendet, nicht für den Beistrich als Satzzeichen.
Dankeschön für den tollen Hinweis, lieber Kollege. Das wusste ich nicht. Es gab die Vorläufer des Beistrichs, die virgula. Aber mir war nicht klar, wer sie in Kommata überführt hat. Über das Motto der Familie Aldo Manunzio, das meines Wissens von Augustus stammt, habe ich schon mal geschrieben:
http://trithemius.de/2011/08/01/fass-knauf-einiges-uber-hieroglyphik-und-rebus/
http://shhhhh.twoday.net/stories/verspech/ hier hatte ich das Zitat Schillers beschrieben,
wo ich es fand, ist mir leider unbekannt geblieben.
Hinnen herge ryßen, verta Här Trithemius, cwiczen Dradizijon unt Modärne prohtestyre ycz hyr profylacktycz ainfach malmidd.
Härclycz
Yr Airdge Chauce
Wenn es Ihnen gegen das Diktat der Beckmesser geht, werter Herrr Schoss, dann bin ich dankbar und froh, einen so kompetenten Streiter an meiner Seite zu wissen, denn zerissen zwischen “Dradizijon unt Modärne” unt Poßtmodaerne sind wir doch alle.
Herzlich
Ihr Trithemius
Lieber Trithemius,
ich grübele, wie vielen Damen Sie wohl schon Ihre Dudensammlung zeigen konnten und was ich sammeln müsste, wenn ich keine Briefmarken und keine Duden habe. Ein Gewächshaus mit seltenen Rosen oder Orchideen habe ich auch nicht. So betrachtet, bin ich ganz schön arm dran.
Gruß Heinrich
P.S. Nächste Woche bin ich aber endlich stolzer Besitzer eines Pedelecs. Damit verdoppele ich meine Reichweite. Eine größere Reichweite gibt vielleicht neue Chancen, auch ohne Sammlungen nette Menschen zu treffen.
Aber Hannover – Aachen würde ich auch mit so einem Gerät nicht schaffen! Da haben Sie einen riesigen Vorsprung!
Genau fünf Damen, lieber Heinrich, wovon die erste die Sammlung enorm erweiterte, indem sie mir zu Weihnachten einige Dudenausgaben bei Ebay ersteigert hat. Eigentlich glaube ich nicht, dass man mit Sammlungen Damen betören kann. Und ich bin auch ein schlechter Sammler, wie Sie hier nachlesen können:
Glückwunsch zu Ihrem demnächst neuen Elektrofahrrad. Pedelecs sind ja schwer im Kommen, da sie inzwischen technisch ziemlich ausgereift sind. Meine Fahrt von Hannover nach Aachen liegt jetzt schon fast zwei Jahre zurück. Im letzten Jahr habe ich keine Lesereise gemacht, weil es dauernd geregnet hat. Mein Vorsprung ist damit schon ziemlich geschrumpft.
Dass man mit Sammlungen bei den Damen keinen Blumentopf gewinnen kann, sehen Sie auch daran, lieber Heinrich, dass bis heute keine einzige hier kommentiert hat.
Ottogravieh?Wasndas? Leser’s Schreipfermöggen?
Die gabs wirklich. 1876 hatte Otto von Bismarck Duden schon einmal beauftragt, eine Einheitsorthographie vorzulegen. Sie war Bismarck aber zu modern, so dass er den Beamten bei Strafe verboten hat, sie zu benutzen. Die Rückkehr zu alten Schreibweisen wurde scherzhaft Ottographie genannt.
Ich bemühe mich immer noch, genuin deutsche Wörter auch deutsch zu schreiben. Das “Händi” zum Beispiel.