Das kulinarische Vorbild der Welt

Mir ist der Gedanke an das kulinarische Vorbild nicht geheuer. Ich möchte ihn keinesfalls zu Ende denken. Aber letztens, als ich mich auf eine einfache Scheibe Schwarzbrot mit Butter und Tomatenscheiben freute, drängte er sich im Verlaufe des Verzehrs derselben wieder auf. Mit Rücksicht auf unbefangene Leser will ich den Begriff des kulinarischen Vorbilds erklären, dann eine kleine, durchaus traurige Geschichte erzählen. Im TV wurde gezeigt, wie die industrielle Produktion von Fertiggerichten geplant und umgesetzt wird. Zunächst kocht ein Meisterkoch das Gericht mit frischesten Zutaten. Das Ergebnis ist das „kulinarische Vorbild“.

Im nächsten Schritt wird das kulinarische Vorbild von Lebensmittelingenieuren nachgekocht. Dazu werden alle Zutaten durch die jeweils billigste Variante ersetzt. Dann wird das Ergebnis verkostet. Natürlich wird ein Unterschied zum kulinarischen Vorbild festgestellt, sowohl auf der Zunge als auch beim Geruch und beim Aussehen. Diesen Unterschied versuchen die Lebensmittelingenieure jetzt unter Zugabe diverser Aromastoffe zu verringern. Jeder Herstellungsschritt wird dokumentiert, so dass man mit den künstlichen Aromastoffen operieren kann wie mit Stellschrauben an einem Zweitaktmotor. Wenns nicht mehr stinkt, sondern duftet, kann das Produkt im großen Stil hergestellt werden. Food -designer und –fotografen übernehmen es, dem Gericht mit Hilfe von Farben, Haarspray und anderen Chemikalien ein appetitliches Aussehen zu verleihen, damit das Bild werbewirksam auf die Packungen gedruckt werden kann.

Ist die Erklärung
soweit einsichtig? Dann folgt jetzt die durchaus traurige Geschichte: Vor Jahren habe ich in einer Kneipe der hannöverschen Nordstadt vor Publikum gelesen. Freund Filipe d’Accord saß auch im Publikum. Nach der Lesung erzählte er mir, einer meiner Texte habe ihn an folgende Geschichte erinnert:

Als Zivildienstleistender betreute er eine alte Dame. Einmal habe er gesagt: „Da haben Sie aber einen schönen Blumenstrauß.“ Sie aber wehrte ab, der sei zuvor viel schöner gewesen, aber dann wären die aus dem Fernseher gekommen und hätten den Strauß gegen schlechtere Blumen ausgetauscht. Immerzu würden die aus dem Fernseher kommen und alles, was sie habe, wegnehmen und gegen schlechtere Dinge eintauschen.

Filipe sagte, gewiss habe diese Wahnvorstellung einen Namen, was mich zunächst dazu veranlasst hat, die Liste der bekannten und benannten Phobien durchzusehen, wo ich aber nichts dergleichen fand. Ich habe über den Fall schon einmal geschrieben und eine, wir mir schien, plausible Erklärung gefunden. Inzwischen ist sie mir zu oberflächlich.

Denn letztens erinnerte ich mich an Sonntagabende meiner Jugend. Ich war das ganze Wochenende unterwegs gewesen, hatte Musik gehört, bis mir die Ohren klangen, war trunken vom Tanzen, Verliebtsein und zuviel Alkohol und hatte Hunger. Dann war es wundervoll in die stille mütterliche Küche zu kommen, wo durch das westliche Fenster die untergehende Sonne alles in ihr Licht- und Schattenspiel tauchte. Ich holte Zutaten aus dem Kühlschrank, setzte mich an den Küchentisch und schmierte mir ein turmhohes Brot, Butter, Holländer Käse, Tomatenscheiben, und obendrauf Eischeiben mit Zwiebelringen und gezupfter Petersilie. Das war also mein kulinarisches Vorbild. Es konnte auch schlichter ausfallen, viele Zutaten konnten fehlen, bis auf die Scheibe Schwarzbrot mit Butter und Tomatenscheiben. Ich habe letztens alle Zutaten besorgt und Butterbrote nach meinem kulinarischen Vorbild gemacht, angefangen beim einfachsten. Es war enttäuschend. Lediglich mit viel Salz konnte ich so etwas wie Geschmack rekonstruieren.

Kritische Leser werden
jetzt vielleicht denken, es handele sich um eine rückwärtige Idealisierung. Außerdem wären die erinnerten Umstände nicht vergleichbar mit meinem heutigen Dasein. Das Verschwinden des Geschmacks habe etwas mit meiner verflogenen Jugend zu tun. Ich kann das weder bestätigen noch widerlegen. Doch hätten die kritischen Leser Recht, dann wäre alles noch viel schlimmer. Dann hätten die Dinge niemals geschmeckt wie das kulinarische Vorbild, das ja zumindest in meinem Kopf existiert. Ich könnte aus dem Stand eine Fülle von Beispielen nennen von Dingen, die ihren intensiven Geschmack eingebüßt haben, überlasse das aber Ihrer eigenen Prüfung. Wir wollen den Begriff des kulinarischen Vorbilds weiterhin als Metapher verstehen. Inzwischen denke ich immer öfter, dass die Alte Recht hatte mit ihrer Wahrnehmung. Nur ihre Erklärung ist zu kurios.


Das knöcherne Pochen von Kreide auf einer Holztafel, wenn der Schreiber ansetzt, das gelegentlich auftretende Quietschen, der Kreidestaub, Franz Kafka vor der Tafel, seine originale Handschrift – das alles ist das kulinarische Vorbild. Sie sehen das Surrogat von Trithemius

Betrachten wir völlig
andere Lebensbereiche, den des Journalismus und den der Politik. Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit geradezu auf dramatische Weise auseinander. Wenn die Welt jemals als kulinarisches Vorbild bestanden hat, dann wird offenbar auf allen Gebieten daran gearbeitet, die Originale gegen ihre billigen Surrogate auszutauschen. Die Dinge potenzieren sich, denn auch die Austauscher, die vormaligen Ingenieure, sind inzwischen gegen ihren Nachahmung ausgetauscht und beherrschen ihr Geschäft, das kulinarische Vorbild nachzubilden nur noch mangelhaft.

Gestern noch, als ich diesen Text zu schreiben begann, waren meine Gedanken klarer, meine Worte einleuchtender. Leider wurde bereits alles gegen einen viel schlechteren Text ausgetauscht.

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