Über Straßen und Hinterlassenschaften

Vor einigen Tagen habe ich die geographische Lage von Hannover kritisiert und vorgeschlagen, die Stadt zu drehen. Daraufhin schickte mir mein Freund und Mentor Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen, eine Zeichnung seiner und meiner alten Heimatstadt Aachen und gab mir einiges zu denken. Aber zuerst die Zeichnung, denn weiter unten im Text wird es leider ein wenig unappetitlich. Ich vertraue freilich darauf, dass den Kunden des Teppichhauses nichts Menschliches fremd ist. Hier also Costers wunderbare Zeichnung, die sich in voller Schönheit entfaltet, wenn du darauf klickst.

Coster schrieb, dass die römischen Straßen Aachens nach der vorherrschenden Windrichtung ausgerichtet waren, also von Südwest nach Nordost, um die Frischluftzufuhr zu sichern. Diese Schneisen sollten die „Stadt mit ihren Gerüchen gehörig entlüften.“ Wie die Zeichnung ahnen lässt, gibt es auch andere Ausrichtungen der Straßen, denn, so Coster fernmündlich, unter Kaiser Karl wäre dann die christliche Ostwest-Ausrichtung hinzugekommen.

Die Ostwest-Achse ist aber nur scheinbar eine karolingisch-christliche Idee, denn sie war von den Germanen übernommen, wozu ich bei Gelegenheit mal den Beweis liefere. Dazu müsste ich aber zuerst eine Zeichnung von mir suchen, und wenn ich in meinen Tagebüchern blättere, kann ich nicht gleichzeitig am Rechner sitzen und schreiben, wie jeder einsehen wird. Nachdem ich nämlich vom katholischen Glauben abgefallen war, verlor ich die Fähigkeit der Bilokation. Das war quasi der Preis für die geistige Freiheit, den ich bezahlen musste.

Zurück zu Aachens Straßen: Irgendwann muss jemand die Idee gehabt haben, Aachens Straßenringe nach einem Schnitt durch einen Apfel anzulegen. Wie ist das möglich? Alte Städte sind im Laufe der Jahrhunderte mehrmals abgebrannt oder durch Kriegshorden geschleift und dem Erdboden gleich gemacht worden. Der Wiederaufbau auf Schutt und Asche erlaubte natürlich neue Trassierungen der Straßen.

Das sprachliche Bild der versunkenen Vergangenheit lässt denken, die Städte wären ebenfalls versunken, was durch den Augenschein bestätigt wird; beispielsweise führen in den Aachener Dom, der ja auf Karl den Großen zurückgeht, vier Stufen hinab. In Wahrheit sind die Städte laut Coster etwa zehn Zentimeter pro Jahrhundert aufgestiegen. Der Zugang zum Aachener Dom war vermutlich in karolingischer Zeit ebenerdig oder es führten sogar Stufen hinauf. Römische Straßen findet man demgemäß in zwei Metern Tiefe, vorausgesetzt, es hat in einer Stadt römische Straßen gegeben, was auf Hannover nicht zutrifft.

Als ich gestern Abend mit Herrn Leisetöne ein, zwei Bier auf der Limmerstraße trank, erzählte ich ihm davon, zeigte dann aber auf die Straßenbahnschienen und das Kopfsteinpflaster vor uns und sagte: „Heutzutage wachsen Städte also nicht mehr, ist ja alles in Stein gefasst.“ Herr Leisetöne zweifelte daran und wies auf den Staub hin, den die Menschen produzieren und der überall in den Ritzen und Fugen liege. Heute Morgen dachte ich, das mit dem Staub kann er untersuchen, aber mir trat eine andere Tatsache vor Augen, eine die wenig erfreulich ist. Warum mussten die Städte gehörig entlüftet werden, bevor es Autos gab? Eben. Wegen des Gestanks der Scheiße auf den Straßen. Kanalisation gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Vorher wurde einfach alles auf die Straßen und Gassen hinausgekippt, in die Gosse, im Rheinland „Köttelbach“ genannt. Da wird sich über die Jahrhunderte einiges an Kot und Schlamm angesammelt und verfestigt haben, so dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass unsere Städte aus der Scheiße unserer Ahnen erwachsen sind.

Warum erscheint dieser Text über Straßen und Fäkalien in der Rubrik Sprache, Schrift, Medien? Weil Straßen ein Kommunikationsnetzwerk bilden, auch wenn sie manchmal Scheiße transportieren. Netzwerke der Kommunikation sind an sich wertfrei. Ihren Inhalt bestimmen die Kommunikationsteilnehmer.

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10 Kommentare zu Über Straßen und Hinterlassenschaften

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