Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann? (3.6.6*)

Wer kennt das Spiel und hat es wann und wo gespielt? Diese Frage treibt uns jetzt schon vier Tage um. Es ist ein kleines Forschungsprojekt zur Ethnologie des Alltags – mit bereits beachtlichem Ergebnis.

Die Nachweise reichen inzwischen von Finnland bis Ghana, wo der Schwarze Mann bezeichnender Weise zum Weißen Mann wurde.

(Näheres hier und hier)

Für mich ist es zudem ein Experiment, um festzustellen, ob ein relativ kleines soziales Netzwerk wie das des Teppichhauses eine solche Forschungsfrage hinreichend bearbeiten kann.

Die Eingangsfrage würde ich gern ergänzen. Das Spiel stammt aus Zeiten der Pest in Europa und knüpft an Frühlingsreigen, Pest- und Totentänze an. Diesen düsteren Inhalt kennen nur wenige. Er ist den Generationen von Kindern über die Jahrhunderte mündlicher Überlieferung verloren gegangen, vermutlich, weil die Zeiten sicherer geworden waren, was Seuchen wie die Pest betrifft. Die Zeichnung zeigt etwa, wie ich mir als Kind den Schwarzen Mann vorgestellt habe.

Deshalb die neue Frage: Welche Bedeutungen hatte für Sie der Schwarze Mann? Wie stellten Sie sich ihn vor? Die Frage wurde schon an verschiedener Stelle in Kommentaren aufgeworfen und beantwortet. In einem Fall durfte ein Mädchen das Spiel nicht spielen, weil darin der schwarze Mann diskriminiert würde. Gibt es bereits Umbenennungen wie im Fall des Mohrenkopfes? Unter dem Stichwort FANGEN findet sich bei Wikipedia: “Im Bestreben um politische Korrektheit wird das Spiel heute manchmal in Wer hat Angst vorm bösen/wilden/blöden Mann/weißen Hai usw. umbenannt.” Diese voreilige Umbenennung ist eigentlich unnötig, denn mit Schwarzer Mann ist nach unseren Recherchen der Teufel gemeint.

Dabei ist zu bedenken, dass man im Mittelalter große Scheu hatte, den Teufel beim Namen zu nennen, weil es einer Anrufung gleichkam. Daher gibt es eine Fülle von Hüllwörtern, etwa Der-Gott-sei-bei-uns, der Gehörnte, der Bocksbeinige, der Leibhaftige, der Höllenfürst usw. In Aachen hat sich bis heute das Fluchwort “Sauaas!” erhalten, was die Verballhornung von lat. “Satanas” ist.

Sie sind herzlich eingeladen mitzuarbeiten. Und bitte leiten Sie die Frage nach der Verbreitung des Spiels an Ihr Netzwerk weiter.

*) Text und Karte werden bei neuen Ergebnissen aktualisiert.


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aktualisiert am 09.05.2012, 12:22 Uhr

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26 Antworten auf Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann? (3.6.6*)

  1. Viele weitere Textbelege lassen sich übrigens via Google-Büchersuche unter dem leicht variierten Titel “Wer HAT ANGST vorm schwarzen Mann” finden. Offenkundig wird das Spiel etwa auch in Skandinavien gespielt, sowie in Afrika (Ghana): wo der Kinderschreck bezeichnenderweise von einem bösen WEISSEN Mann verkörpert wird ; )
    (vielleicht weiß Kollege Pathologe etwas darüber, der mit seiner Familie in Nigeria lebt und einen kleinen Sohn hat)

    • trithemius

      Vielen Dank – ich bin begeistert! Sie haben die Perspektive mit einem Schlag enorm erweitert. Dass man in Ghana sich vor dem Weißen Mann fürchtet, ist ja irgendwie ausgleichende Gerechtigkeit.

    • Die Wendung »who’s afraid of the boogieman« (auch bogeyman, boogeyman) taucht auch im Englischen häufig auf, wobei der bogeyman hier der Figur des Kinderschrecks entspricht. Ob das betreffende Kinderspiel hier ebenfalls unter diesem Titel gespielt wird, ließe sich gewiss herausfinden. Eine hübsche Auflistung der Bezeichnungen für die jeweiligen Pendants des Kinderschrecks in den unterschiedlichen Kulturkreisen findet sich in der englischsprachigen Wikipedia. Im Ostalpenraum und vielen Gebieten der ehemaligen Habsburgermonarchie entspricht übrigens der Krampus dem Archetypus des Kinderschrecks.

      • trithemius

        Eugene Faust hatte auch bereits zum Bogeyman im englischen Wikipedia verlinkt.
        Da steht, dass der Bogeyman verhüllend den Teufel meint. Ihre Google-Recherche zeigt jetzt die Identität zwischen dem Schwarzen Mann, dem Bogeyman (im Rheinland der Buhmann) und dem Teufel. Das ist insofern beruhigend, als dass der Schwarze Mann somit eindeutig nicht etwa einen Schwarzafrikaner meint, wie manche vermuten. Wäre noch zu klären, ob die ghanesische Variante “Weißer Mann” ebenfalls ein Hüllwort für den Teufel ist.

        Ihr Hinweis auf den Krampus (mit Teufelsmaske) führt ebenfalls weiter. Der Krampus hat auch die Funktion von Knecht Ruprecht, dem Helfer von St. Nikolaus, der wiederum in den Niederlanden “De zwarte Piet” (schwarzer Peter) heißt.

  2. Pingback: Schwarze Männer von der Nordsee bis Wien – Netzexperiment |

  3. Pingback: AUFRUF – Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? |

  4. Ist das jetzt echt ein katholische Spiel? Sieht momentan aus wie eine Zange in Mitteleuropa, welche die Ostgebiete zu umklammern droht …

    • Sieht jedenfalls nicht nach einem preussischen Spiel aus.

    • trithemius

      Deine Vermutung scheint mir plausibel, denn das Spiel ist älter als Luthers Reformation, wobei er den Teufel nicht verneint hat, sondern bekanntlich ein Tintenfass nach ihm geworfen:
      http://www.luther.de/legenden/tintenfass.html

      Man kann tatsächlich eine Zange in die derzeitige Karte hineinsehen, was aber gewiss an noch fehlenden Nachweisen aus den Ostgebieten liegt.

      • Eine Nadel für Finnland, wo das Spiel unter dem gleichbedeutenden Namen (»Kuka pelkää mustaa miestä«) bekannt ist, die überwiegende Bevölkerungsmehrheit aber evangelisch-lutherisch.

        • Pardon, Link nicht geklappt:
          http://www.iltalehti.fi/ulkomaat/2011101814590719_ul.shtml
          (verstehe natürlich kein Finnisch, aber offenkundig gibts dort auch diese alberne Diskussion um die »politische Korrektheit« der Schwarzen-Mann-Figur.

        • trithemius

          Gerne und danke für diesen Nachweis aus dem hohen Norden! Hab den Text aus dem finnischen Wikipedia mal von Google übersetzen lassen.
          “Wer fürchtet sich ein schwarzer Mann ist für Kinderspielplätze läuft, was sowohl drinnen als auch draußen zu spielen, oder beim Tragen von Schlittschuhen.

          Die Grundidee des Spiels ist einfach: zu ziehen oder anderweitig aufgezeichnet in zwei Linien, zum Beispiel, 25 Meter voneinander entfernt (einschließlich Eishockeyhalle Kanten können als Linien handeln). Das Spiel, alle Teilnehmer mit Ausnahme einer Armatur, die zweite Linie des Rückens zu beginnen, und einer der Spieler sein wird “schwarzer Mann” zwischen den Zeilen in der Mitte. Wenn sie weint, “Wer hat Angst vor einem schwarzen Mann?” Kommt aus der anderen Teilnehmer zu versuchen, entlang der Linie zum anderen zu bewegen, so dass die “schwarzen Mann” nicht in der Lage ist, sie zu berühren. Jene Spieler, die in der Lage, einen schwarzen Mann zu berühren sind, bewegen Sie den ursprünglichen schwarzen Mann zu helfen, nehmen Sie die restlichen Teilnehmer in der nächsten Runde wird geschlossen aus sein. Catching-up der Anpassung, “Wer hat Angst vor einem schwarzen Mann!” Resturlaubstage den Teilnehmern noch einmal entlang der Linie zur anderen laufen. Dies geschieht so oft, wenn der letzte Teilnehmer verlassen hat, wiederholt “einen schwarzen Mann”.

          Manche Menschen erleben das “Wer hat Angst vor einem schwarzen Mann” rassistischen Witz, aber das ist unnötig, weil die ursprüngliche “schwarzen Mann” bezieht sich nicht auf ethnische Herkunft beziehen, aber die katholischen Heiligen des Heiligen Jaakkoon, der auch einen Stein wirft kalten Tag, James, 25 Juli. [1] Das Spiel kann auch mit verschiedenen Variationen wie Skaten zu spielen, wie das “Wer hat Angst vor Rückständen”. [2], zum Beispiel, oder der schwarze Mann wurde von “grünen Männchen” ersetzt worden. Auf der anderen Seite ein Verweis auf einen Mann, der Gleichstellung der Geschlechter verletzt, so dass das Spiel in manchen Kreisen als das “Wer hat Angst vor jäähenkilöä / grün Menschen”. [3] gespielt.”

          Der Hinweis auf das “Grüne Männchen” ist interessant, weil auch Jeremias Gotthelf in Die Schwarze Spinne den Teufel als Grünrock auftreten lässt, bevor er sich in die schreckliche Schwarze Spinne verwandelt, die wiederum für die Pest steht.

          • Der verlinkte Artikel bezieht sich allerdings nicht auf eine Diskussion über das Spiel in Finnland, sondern in der Schweiz, pardon mein Fehler.

          • trithemius

            Macht ja nichts, weil es tatsächlich in Finnland gespielt wird. Dass dieses Spiel wegen seines Namens in Verruf kommmen könnte, hatten wir ja schon vermutet. Immerhin haben wir schon mehr herausgefunden als Liederforscher Franz Magnus Böhme (1897). Ich hebe Ihren Schweizer Link mal in den Basistext.

  5. Zur Frage: ” Wie sah der schwarze Mann aus?” In meinem Spiel gab es keine Fantasie für den schwarzen Mann. Null, nichts, man hätte auch an Stelle des Startrufes ” Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?” “Niemand!” auch “Achtung, fertig, los!” rufen können, also handelte es sich bei dem “Schwarzen Mann” bei mir nur um eine Spielfloskel.
    :-)

    • trithemius

      Ich glaube fast, mir ging es ähnlich und ich habe, als ich den Tagebucheintrag machte, nachträglich eine Vorstellung entwickelt.

  6. *lach*

    In meiner Erinnerung ist der schwarze Mann noch immer der Schornsteinfeger. Und wir rannten auch nicht vor ihm davon, sondern auf ihn zu ;)

    • trithemius

      Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt, Häscher und Kinder laufen immer aufeinander zu. Der Schornsteinfeger gilt ja im Volksglauben als Glücksbringer, weshalb manche Leute ihn gerne angefasst haben. Interessant, dass er in deiner Vorstellung anders war. Vielleicht wolltest du dich nicht rußig machen lassen?

      • Es waren eher die Laute, welche er beim Reinigen unseres Kamins verursacht hat. Ich kann auch heute noch immer die Geräusche im Kamin nicht leiden.

        Jedenfalls kam er nicht dazu mich rußig zu machen. Wenn er kam, hab ich mich versteckt.

        Übrigens, tolles Projekt!
        herzlichst, Juleika

        • trithemius

          Danke für den Hinweis. Dein Beispiel zeigt, dass der Schwarze Mann im Spiel eine offene Schablone für allerlei verschiedene Sinngebungen geworden ist.

          Und danke auch für dein Lob. Ich freue mich sehr, dass sich das Internetexperiment so toll entwickelt hat. Hab schon ein neues Rechercheprojekt in Vorbereitung, dass dich vielleicht auch interessieren wird.

          Lieben Gruß aus Hannover,
          Jules

  7. Da könnte was darüber drinstehen:

    Mathys, Fritz K. : Ist die schwarze Köchin da ? : alte Kinderspiele / F. K. Mathys. – Frauenfeld : Huber, 1983. – 184 S. . – 3-7193-0900-2

  8. Pingback: Projekte der geschätzten Nachbarschaft « Heinrichs Blog

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