Bei Gefahr die Beine nicht vergessen – Forschungsprojekt „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ Ein Befund

von dem tuifel hört man wol
wie er swertzer sy denn kol.

(Von dem Teufel hört man wohl,
dass er schwärzer sei als Kohl‘.)

(DEUTSCHES WÖRTERBUCH)

Am Anfang stand ein Tagebucheintrag über das besonders im Frühling auftauchende Straßenspiel: „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ Ich hatte in den 90er Jahren das Rufen von der Straße her gehört und mich nach Alter, Herkunft und Bedeutung des Spiels gefragt, bin aber der Frage damals nicht nachgegangen, weil mir die Quellenlage zu ungewiss erschien. Meine Vermutungen gingen dahin, dass mit dem Schwarzen Mann der Teufel gemeint ist.

Vor einigen Tagen habe ich den Tagebucheintrag im Teppichhaus veröffentlicht und zur Mitarbeit an einem ethnologischen Forschungsprojekt aufgerufen. Diesem Aufruf sind viele Teppichhauskunden gefolgt. Zunächst musste geklärt werden, wie stark das Spiel verbreitet ist. 35 Nachweise gingen bis heute ein. Ich habe die Verbreitung graphisch mit Google maps veranschaulicht. Die Legenden (Klick auf die jeweilige Nadel) enthalten die wesentlichen Angaben aus den Kommentaren. Inzwischen zeigt die Karte die Verbreitung des Spiels von Finnland bis Ghana. Vermutlich ist es demnach global bekannt, die Verbreitung könnte aber auf christliche Kulturen beschränkt sein, da wir bisher keine Nachweise aus anderen Kulturen haben.

Straßenspiele haben mich schon immer fasziniert, denn sie sind mündlich weitergegebene Botschaften aus der Vergangenheit. Im Kinderspiel werden diese Botschaften bewahrt, über die Jahrtausende transportiert und überregional verbreitet. Dabei erfahren sie in der Regel eine Bedeutungsverflachung, werden an neuere Denkungsweisen angepasst, weil der alte Zusammenhang vergessen wurde. Das beste Beispiel ist das uralte Hüpfekästchenspiel, bei dem vermutet wird, dass es aus dem Mithraskult stammt, einem religiösen Kult aus Kleinasien, auf den bereits der griechische Geschichtsschreiber Plutarch (45-125) aufmerksam gemacht hat. Vermutlich ist der Kult jedoch wesentlich älter.

Auch die Herkunft von „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ ist dunkel und folglich hat es ebenso einen Bedeutungsverlust erfahren. In jüngster Zeit wird darum gestritten, ob eventuell eine rassische Diskriminierung vorliegt, wie Zeitungsberichte aus Finnland und der Schweiz zeigen. Es wird eine Umbenennung gefordert, die zwar nicht berechtigt ist, aber bezogen auf heutige Vorstellungen eine gewisse Plausibilität hat. Wenn überhaupt Rassismus vorliegt, dann ist er durch Jahrtausende verdünnt und als Zusammenhang vergessen worden. Der Historiker Wolfgang Wippermann schreibt in Rassenwahn Und Teufelsglaube: „Die Afrikaner wurden zu ’schwarzen Teufeln‘, weil sie, wie sich der Kirchenvater Didymus ausdrückte, ‚die Farbe des Teufels‘ hätten und ‚in der Sünde‘ lebten.“ Da dieser Zusammenhang kaum bekannt ist und auch nicht als Grund für eine Umbenennung des Spiels angegeben wird, könnte man ihn eigentlich ignorieren, aber dagegen steht das Bedürfnis unserer Tage nach politscher Korrektheit. Ich bin gespannt, wann der erste Mann protestiert und eine geschlechtsneutrale Figur verlangt, etwa das furchtbare Es. „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Es?!“


(Größer: Klicken) Interaktive Verbreitungskarte

Wir haben herausgefunden, dass das Spiel vermutlich aus Zeiten der Pest in Europa stammt. Der schwarze Mann ist ein Hüllwort für den Teufel. Die Pest (Der schwarze Tod) ist in Europa erstmals im 14. Jahrhundert aufgetreten, der Teufelsaberglaube stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Pest wird bis ins 19. Jahrhundert mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Zuletzt wurde das Motiv von Jeremias Gotthelf in Die schwarze Spinne aufgegriffen, einer Rahmennovelle, die auf Pestsagen zurückgeht. Der Teufel half in der Not, wurde um seine Belohnung betrogen und verwandelt sich in eine schwarze Spinne, die alle tötet, die von ihr berührt werden. Teufel und Spinne sind die Personifizierung der Pest. Weil die Menschen die Gottesfurcht vergessen, kommt die Spinne immer wieder frei und bringt neues Elend über Mensch und Vieh, ein Hinweis auf das mehrmalige Auflodern der Pestseuche. Man könnte deuten: Nicht den Teufel soll der Mensch fürchten, sondern Gott. Entsprechend wird die Furcht vor dem Schwarzen Mann im Spiel verneint.

Hinweise finden sich im DEUTSCHEN WÖRTERBUCH von Jacob und Wilhelm Grimm:

Haupts zeitschr. 3, 338.
dort wird ein fangespiel der kinder verglichen, wobei eins nach dem rufe fürchtet ihr euch vor dem schwarzen mann? die andern zu haschen sucht. in Bremen ist ein kinderreim beim spiel:

wer fürchtet sich vor schwarzem mann,
vor räubern und soldaten?

das könnte aber auch auf den teufel gehen oder eine spukgestalt unbestimmten characters, womit man kinder schreckt.

Allerdings behauptet ein Eintrag im Volksliederarchiv: “

Der Schwarze, der sich in den versammelten Reigen mischt und einen nach dem andern wegführt, ist der seine Schar stets vergrößernde Tod. Gleich dem Vortänzer, der im weltlichen Reigen an hundert Tänzer in langer Reihe hinter sich herführen und regieren kann, führt auf solchen bildlichen Darstellungen der Tod den Vortanz und zog die Reihen von Hunderten an hoher Hand hinter sich drein.

Die Erweiterung auf Räuber und Soldaten oder eine unbestimmte Spukgestalt bei Grimm könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Spiel vor dem 14. Jahrhundert entstanden ist und erst in Pestzeiten umgedeutet wurde. Dann ginge es letztlich darum, die Kinder grundsätzlich zur Vorsicht vor dem Unwägbaren zu mahnen, nicht aber zur angststarren Furcht, denn sie werden an ihre Beine erinnert. Dieser „pädagogische“ Inhalt des Spiels erklärt, warum es kein echtes Straßenspiel mehr ist, sondern heute auch über Kindergärten und Grundschulen verbreitet wird. Folglich verbinden viele mit dem Schwarzen Mann überhaupt keine Vorstellung, sondern sahen als Kinder darin nur eine Figur im Lauf- und Fangenspiel oder den unschuldigen Schornsteinfeger, der ja eigentlich als Glücksbringer gilt.

Ich danke allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen herzlich für ihre zahlreichen Angaben und Nachweise, mündlich oder in Kommentaren, besonders aber Eugene Faust, Nömix, Videbitis, Einhard und Heinrich, weil sie zusätzlich in ihren Blogs für unser Projekt geworben haben. Wenn wir auch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen sind, so haben wir das Spiel gemeinsam ein wenig erhellen können und einiges gelernt. Natürlich werde ich weitere Nachweise in die Karte aufnehmen und wenn nötig auch unseren Befund ändern.

Es war mir ein Vergnügen,

P.S.: Bitte machen Sie mich darauf aufmerksam, sollte ich einen wichtigen Aspekt übersehen haben.

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10 Kommentare zu Bei Gefahr die Beine nicht vergessen – Forschungsprojekt „Wer fürchtet sich vor dem Schwarzen Mann?“ Ein Befund

  1. Ich bin etwas überrascht, dass der Schwarze Mann v.a. für den Teufel stehen soll. Ich habe im Laufe der Recherchen gemeint, dass in der Figur vor allem der Tod zu erkennen ist.

  2. Lieber Trithemius,
    ich habe noch eine Koordinate für Sie in Hannover Kleefeld.
    http://heinrich11.wordpress.com/2012/05/08/projekte-der-geschatzten-nachbarschaft/
    Gruß Heinrich

    • trithemius

      Herzlichen Dank, lieber Heinrich. Ich arbeite das gleich in die Karte ein. Ebensolchen Dank für die Werbung in Ihrem schönen Blog.

      Viele Grüße aus Linden,
      Trithemius

      P.S.: Den Dohmeyers Weg in Kleefeld kenne ich sehr gut. Eine Weile fuhr ich ziemlich oft hin.

      • Ja, ich bin in diesem zweigeteilten Stadtteil aufgewachsen. Zweigeteilt insofern, dass man südlich! oder nördlich der Kirchröderstr. wohnte. Daran konnte man schon das Einkommen der Eltern ablesen. 😉
        Ich hatte Glück, dass 2 meiner Mitschüler der Schillerschule mich mal eingeladen haben. So durfte ich 2 Häuser südlich der Kirchröderstr. auch mal von innen sehen! Ein grandioses Erlebnis in den 50er Jahren!

        Wenn man im Dohmeyersweg links in die Kapellenstr. abbog, roch es wunderbar nach Kaffee. Bei Suhrkemper auf dem Hinterhof gab es eine Rösterei – weiter hinten dann in der Kapellenstr. eine Fischfabrik – ich kann das alles heute noch riechen. 😉

        • trithemius

          Die prachtvollen alten Villen südlich der Kirchröderstraße zur Eilenriede hin liegen ja auch noch allesamt an Straßen, die nach Philosophen benannt sind. Es muss ein erhebendes Gefühl sein, in solchen Häusern ein- und auszugehen.

          Eine Freundin verglich den Dohmeyers Weg dagegen immer mit der Lindenstraße. Kaffeerösterei gibt es nicht mehr, aber einen Treff am Kiosk, dessen Betreiber sehr freundlich sind und wohl in der Gegend sozialintegrativ wirken.

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