Huhu, Sprachstilpapst Wolf Schneider!

Bisschen Geschwätzigkeit gefällig? Sie haben in der Neuauflage ihres Buches „Das Handbuch des Journalismus“ die Onlineschreiber massiv kritisiert, wissen aber nicht so recht, worüber sie urteilen. Sie nutzen nach eigener Aussage nicht mal einen Computer, sondern lassen sich – kaum zu glauben – von Ihrer Frau täglich zwei Blogs ausdrucken, wohl auch Ihr liebstes Blog Wirres Net. Sie seien „In Sorge um den Journalismus überhaupt“, sagten Sie im Interview mit Meedia und nörgelten: „Was Blogs wert sind, habe ich ja gerade wieder gemerkt: Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden.“

Ja, Sie haben Recht, es gibt online viel Mist zu lesen. Aber welche Schande, dass Ihr eitles Geschwätz zudem gedruckt wurde. Dafür mussten schon grüne Bäume sterben, wissen Sie das? Gegenüber Dorothee Nolte vom Tagesspiegel behaupteten Sie unlängst: „Ich lehre das, was im Deutschunterricht gar nicht vorkommt, nämlich attraktiv und lebendig zu schreiben.“

Upps! Kommt gar nicht vor? Woher wissen Sie das?

„Und ich habe 60 Jahre Berufserfahrung: Da weiß ich, wie das geht. Deutschlehrer dagegen – und auch Autoren wie Bastian Sick – geben sich zufrieden mit der korrekten Grammatik. Ich habe die Richtlinien der Kultusminister zum Deutschunterricht durchgelesen, da kommen Wörter wie ‚angenehm, verständlich, lesbar, farbig’ gar nicht vor.“

In Wahrheit haben Sie überhaupt keine Richtlinien gelesen, schwätzen einfach nur so daher, wie ein Blick in beispielsweise die Grundschul-Richtlinien von Nordrhein-Westfalen zeigt:

„Der Deutschunterricht erweitert die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf die alltägliche Verständigung, das Erlernen des Lesens und Schreibens, die sprachliche Kreativität und Ausdrucksfähigkeit, das soziale und demokratische Handeln sowie in Bezug auf den reflektierenden Umgang mit Sprache und eine sinnvolle Mediennutzung. (…)
Im Deutschunterricht erleben Schülerinnen und Schüler Lesen und Schreiben als persönlichen Gewinn. Sie erfahren Freude an sprachlicher Gestaltung und sprachlichem Spiel, entwickeln ihr sprachliches Selbstvertrauen weiter und übernehmen Verantwortung im Gebrauch der deutschen Sprache. Leitidee des Deutschunterrichts ist die Entwicklung einer Erzähl- und Gesprächskultur und einer Lese- und Schreibkultur.“ (Quelle)

Sie sollten das in die Wörter „attraktiv“, „verständlich“, „lesbar“ und „farbig“ übersetzen können. Nassforsch oder besser schlicht falsch ist auch Ihre Behauptung, den Deutschlehrern ginge es allein um korrekte Grammatik. Isolierten Grammatikunterricht für Muttersprachler gibt es seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr. Der Lernbereich heißt „Reflexion über Sprache“ und umfasst weit mehr als Leute wie Sie sich vorstellen können. Bitteschön, lassen Sie sich die geltenden Richtlinien für das Gymnasium NRW mal von Ihrer Frau ausdrucken und lesen Sie die 60 Seiten wirklich.

Sie verweisen immer wieder stolz darauf, welche Edelfedern Sie ausgebildet haben. Haben Sie denen auch Ihre „schlampige Recherche“, den schludrigen Umgang mit Fakten und überhaupt mit der Wahrheit beigebracht? Bei solchen Journalistenausbildern muss man sich über den erbärmlichen Zustand des Printmediums nicht wundern.

In Sorge um den Journalismus überhaupt,

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7 Kommentare zu Huhu, Sprachstilpapst Wolf Schneider!

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