Flashback (2) Aus dem Digitalen in die Natur und zurück

Die Sonne scheint. Ich fahre Richtung Niederlande. In de laage landen. Tatsächlich geht es auf der Maastrichter Laan eine Weile bergab. Der Wind kommt von West. So werde ich beim Heimweg Rückenwind haben. Wenn ich den Grenzort Vaals hinter mir habe und die Maastrichter Laan entlangsause, schalte ich ab. Es ist, als würde ich an der Grenze meinen Packen abgegeben. Ich brauche mir deswegen keine Sorgen zu machen. Er liegt noch da, wenn ich zurückkomme.

Ein schöner Weg biegt von der befahrenen Maastrichter Laan ab, führt bald durch einen kleinen Ort, wo vor der Kirche die pfingstlichen Fahnen flattern, dann zwischen Wiesen eine Anhöhe hinauf. An der Flanke säumt sattes Gras den Weg; groß wie Getreide wogt es im Wind. Bald werden die Samen fliegen. Der Weg führt steil aus dem Tal hinauf. Unten zwischen den fetten Wiesen schlängelt sich ein Bach Richtung Göhl. Darüber staune ich immer wieder, dass ein kleiner Bach über die Jahrtausende ein so weites Tal ausspülen kann. Weiter oben steht doch eine Bank? Oder habe ich sie übersehen, weil sie vom Gras überwuchert ist? In einer Biegung taucht sie auf. Sie ist weinrot angestrichen. Erst kürzlich muss jemand mit einem Topf Goldbronze hier gewesen sein. Er hat die acht Nietnägel, je vier links und rechts, nachlässig damit angepinselt. Das Holz rund um die Nägel ist ein bisschen übermalt. Doch es macht nichts – dieses Gold auf Weinrot inmitten von Grün sieht einfach prima aus. Die Holländer wissen Akzente zu setzen.

Eine ganze Weile sitze ich auf der Bank. Weit unten auf den Wiesen weiße und rotbunte Kühe. So eine Kuh ist immerzu mit Fressen beschäftigt. Ein Glück, dass es um den Menschen anders bestellt ist. Man könnte nie den Kopf heben und in den Himmel schauen. Zeit für Gedanken wäre auch nicht. Vermutlich hat der Frühmensch diese Zeit nur gehabt, weil er nicht in Herden, sondern in Gruppen lebte. Das Zusammenwirken in der Gruppe hat Zeit in die Welt gebracht. Zeit, die sich einteilen ließ in Nahrungssuche, Jagd, Kälteschutz und – Muße. Zusammen am Feuer leise reden. So stellte sich Gemeinschaft her, und eine Gemeinschaft ist noch effektiver als die Gruppe.

Wie fern ist mir das Internet. Würde ich den Rechner nie mehr einschalten, wäre es einfach verschwunden. Die Natur ringsum, der Duft des Grases, der Blütenduft, der mir leise unangenehm ist, ein lauer Wind, der Blick über das Tal und die sanften Hügel, ein blauer Himmel mit Stapelwolken, – wie kann die digitale Welt dagegen bestehen? Und trotzdem, da gibt es Verbindungen auf den Blogplattformen. Mit der Zeit haben sich schöne Kontakte ergeben. Wo mögen sie jetzt sein? Auf einer Terrasse, einem Balkon? In der Wohnung mit Verwandten? Einige sind allein, ganz gewiss. Machen sie es wie ich? Sind sie sich eine Weile selbst genug? Holen sie sich neue Kraft aus der Natur? Von einem Grashalm im Nacken gekitzelt zu werden, wann haben sie es zum letzten Mal erlebt?

Das Papier meines Notizbuches leuchtet grell in der Sonne. Ab und zu schreibe ich etwas. Meist sitze ich nur da, schaue, spüre, denke. Irgendwann fällt der harte Schatten meines Stiftes anders auf mein Blatt. Die Sonne ist deutlich gewandert. In Wahrheit ist es anders, – ich habe mich mit der Welt unter der Sonne weggedreht. Der Mensch ist ein Falschnehmer. Er sieht die Sonne von Ost nach West ziehen, in Wirklichkeit jedoch rast er zusammen mit dem Planeten Erde unter ihr weg, dreht sich und dreht sich, tagein, tagaus. Im immerwährenden Dreh gegen den Uhrzeigersinn entsteht unsere Tageszeit. Wir schreiben von links nach rechts, also weg von der Erddrehung. Und tatsächlich überwindet die Schrift die Zeit. Aus den drei Sekunden der Gegenwart holen wir die Gedanken hervor und gießen sie in Zeilen. Immer schön ein Gedanke nach dem anderen gerät auf das Papier. Was vorher kreisförmig war, richtet sich aus. Schreiben heißt, sein Denken aus der Zeit holen. Das ist es noch zu lesen, wenn der Planet sich schon zehntausendfach weiter gedreht hat. Wer schreibt, der bleibt.

Da knattert etwas den Hang hinauf. Ein Militärjeep kommt um die Biegung. Dahinter einer auf einem Krad. Alle tragen historische Uniformen. Dann noch ein Jeep mit Hobbysoldaten. Zwei Frauen in Zivil sitzen hinten. Man spielt gerne Militär in den Niederlanden. Ein verrücktes Volk. Doch auch hier geht es um die Gruppe. Der Mensch braucht und sucht Gruppenerlebnisse. Und findet er sie nicht in der realen Welt, so findet er sie vielleicht auf der Blogplattform.

Ein Kohlweißling flattert bei einem Weidenpfahl. Ich schließe ein Auge und versuche Strukturen in der Landschaft zu sehen. Kürzlich las ich von einem Forschungsergebnis US-amerikanischer Linguisten. Der Mensch habe sich bei den vielen Schriften der Erde stets an den Formen der Natur und der Dinge orientiert. Wie sehr muss sich der Mensch geistig aus der realen Welt entfernt haben, um einen so banalen Forschungsgegenstand zu haben? Woher denn sonst soll der Mensch seine Formideen haben? Er ist doch erst in den letzten Jahren aus der realen Welt ins digitale Internet geflutscht.

Erstveröffentlichung am 4. Juni 2008 in der Cafeteria der offenen Bloguniversität.

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4 Antworten auf Flashback (2) Aus dem Digitalen in die Natur und zurück

  1. Cool. Ich habe eben eine Runde auf dem Rad gedreht (und eine Supermarkt-Verkäuferin hat mir einen Kugelschreiber geschenkt; man stelle sich das vor, das ist nicht typisch für unsere kapitalistischen Menschen, die kalt, distanziert und Zahlungsmittel orientiert sind, aber es war deprimierend, als mittendrin der Stift seinen Geist aufgab), und ich bin an einem silbergrünem Feld vorbei gekommen (es war, glaube ich, Weizen, was da wuchs und wallte und wogte, ach), und da hatte ich so den Gedanken (ich pflege zuweilen zu denken, ich führte es bereits aus), dass Einem noch so schlecht werden könnte von den in 1234 Kanälen heran dröhnenden Meldungen, das Getreide wüchse doch jedes Jahr, und dann ist da noch dieser unbeschreibliche Duft dabei, der mich an meine Stunden langen Radfahrten in meiner körperlichen Pubertät erinnert, “Immer wieder wächst das Gras”, hat Dr. Gundermann bemerkt…

    Tja… – Sonniges Wochenende!

    (… irgend jemand hat mal gesagt, die Niederlande wären das bessere Deutschland, und ich kann das ja nun nicht nachprüfen infolge unterschichtlicher Immobilität usw., aber der Spruch hat was, wenn man auch “nur” Bücher aus holländischen Federn gelesen hat…)

    • trithemius

      Wer mit dem Rad fährt, kann was erzählen. Heute bin ich nur in den Georgengarten gefahren und habe am Fuße des Leibniztempels gesessen.

      Ja, schade, dass du noch nicht in den Niederlanden warst. Mir hat die Lebensart der Holländer immer schon gut gefallen. Fahr mal digital mit:

      http://abcypsilon777.blog.de/2009/10/09/vakantie-vakantie-treppe-selbstbestimmung-7130153/

      Schönes, sonniges Wochenende!

      • …ooch, erzählen kann ich eigentlich immer (aber, wie gesagt: Selbstgespräche stören mich eigentlich nur, wen ich davon wach werde); ein Problem habe ich allerdings damit, “einfach nur hier zu sitzen”, wie Prof. von Bülow sagen würde…

        (… zu dem aufsteigenden Arbeiter “sage” ich vielleicht noch was…)

        Häf fann!

        • trithemius

          Ich habe mich schon oft dabei ertappt, einfach nur dazusitzen. Bevor mich dann das Pflichtgefühl packt, sage ich mir, dass diese Phasen Teil des Verarbeitungsprozesses sind, ähnlich den träumerischen Selbstgesprächen. Hab gesehen, dass du den verlinkten Text schon damals gelesen und kommentiert hast. Sorry, ich wollte dich nicht langweilen.

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