Das Flüchtlingselend ist unser Elend

„Tina, jetzt brauche ich nen Schnaps!“, sagte ich vorgestern Abend der Gastgeberin, nachdem ich von einem mir bis dato unbekannten jungen Mann Ansichten gehört hatte, die so bodenlos waren, dass ich gar nicht gewusst hatte, wie ich argumentativ begegnen sollte. Immerhin war allem zu entnehmen, dass er wohl das Handelsblatt las. Welches neoliberale Drecksblatt noch für das krude Durcheinander in seinem Kopf verantwortlich war, – ich habe nicht nachgefragt.

Ich stehe sowieso schier machtlos vor der braunen gedanklichen Jauche, die sich in letzter Zeit übers Land ergießt. Das nicht enden wollende Flüchtlingselend und unsere verantwortungs- und hilflos agierende politische Klasse haben ein menschenverachtendes Gedankengut in ungeahntem Ausmaß freigesetzt.

Als unsere Politiker vor Jahren die vor dem Zusammenbruch stehenden Banken als „systemrelevant“ mit Milliarden Steuergeldern gerettet haben, als der ehrenwerte Stéphane Hessel aufrief: „Empört Euch!“, da hätte man ja vermuten können, dass sich der Volkszorn erheben würde. Aber die Occupy-Bewegung blieb in Deutschland klein und schon bald hörte man nichts mehr von ihr, obwohl doch mit der Bankenrettung massives Unrecht geschah. Zur Erinnerung: In den Jahren 2008 bis 2011 stützten die Länder der Europäischen Union die Bankbranche mit 1,6 Billionen Euro. Laut einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) von 2013 kostete Deutschland die Finanzkrise 187 Milliarden Euro. Wie kommt es, dass diese immensen Summen bereits aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind, aber die paar Kröten, die uns bislang die Flüchtlinge gekostet haben, zum Problem werden, das die Leute den politischen Brandstiftern und Bauernfängern in die Arme treibt?

am-Hunger-verdienenSoweit die Flüchtlinge nicht aus Kriegsgebieten kommen, werden sie gern als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet. Sie erfahren noch weniger Solidarität und Mitgefühl als die Menschen, die vor den Gräueln des Bürgerkriegs flüchten. Dazu möchte ich einen Sachverhalt in Erinnerung bringen: Die Finanzkrise wurde ausgelöst durch die Immobilienkrise. Diese beiden Krisen zogen 2008 eine Nahrungsmittelpreiskrise nach sich, weil Geldanleger in Ermangelung besserer Möglichkeiten begannen, auf dem Weltmarkt mit Nahrungsmitteln zu spekulieren. Ich erinnere mich noch gut an entsprechende Anlagetipps in der deutschen Presse wie hier 2008 in WELT ONLINE, wo ganz unverhohlen dafür geworben wurde, am Hunger auf diesem Globus Geld zu verdienen. Das Resultat: Wie die Vereinten Nationen festgestellt haben, war nach der Nahrungsmittelpreiskrise die Zahl der Hungernden auf der Welt um 100 Millionen gestiegen. 100 Millionen Menschen, als hätte man ganz Deutschland und Belgien in den Hunger getrieben!

Zusätzlich betreiben die Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern Agrardumping, zwingen sie Importbeschränkungen aufzugeben und ihre einheimische Landwirtschaft nicht mit Subventionen zu unterstützen, damit die Industrieländer ihre Produktionsüberschüsse aus der subventionierten Landwirtschaft in die dortigen Märkte drücken können, wodurch die heimischen Bauern ihre Existenzgrundlage verlieren. Dürfen wir uns wundern, dass die Menschen, denen wir alles nehmen, denen wir für unseren Wohlstand den Boden unter den Füßen wegziehen, nach Europa drängen?

Sie werden den gefahrvollen Weg nach Europa weiterhin wagen, solange die EU die Politik gegenüber ihren Heimatländern nicht ändert. Da hilft es auch nicht, die Boote der Schlepper militärisch zu bekämpfen. Wenn die seetauglichen Schiffe durch unser Militär zerschossen sind, steigen die Menschen eben in Schlauchboote und ertrinken auf hoher See. Das Grausige ist die Vorstellung, dass wir uns an die Nachrichten von Ertrunkenen gewöhnen könnten wie an unsere jährlich drei- bis viertausend Verkehrstoten. Sensibel sind wir weiter und zunehmend, was die politisch korrekte Sprachverwendung betrifft. Die Menschen dürfen im Mittelmeer ersaufen, solange wir sie nicht „Neger“ nennen, ist das soziale Gewissen beruhigt.

Ein Wort noch
zum Tenor der öffentlichen Diskussion. Ihre Härte spiegelt schlicht die Härte unserer Gesellschaft, in der durch gewisse Medien jahrelang die Verachtung für die 12, 5 Millionen Armen in Deutschland geschürt wurde. Es sind vermutlich zuerst die Armen und Abgehängten unserer Gesellschaft, die sich vor dem Flüchtlingszustrom fürchten. Sie ahnen nämlich, dass diese Menschen mit ihnen da unten konkurrieren werden um Arbeitsplätze, billigen Wohnraum, wie sie bei der Tafel anstehen werden und dergleichen. Natürlich ist es der falsche Weg, diesen Menschen mit Hass und Verachtung zu begegnen. Sie kennen es längst. Nur der Ton ist schärfer geworden. Was uns helfen würde, wäre eine neue Mitmenschlichkeit, eine Besinnung im Bewusstsein, dass mit unserer Duldung vieles falsch gelaufen ist in unserer Gesellschaft. Das Elend der Flüchtlinge zwingt uns, über unser moralisches Elend nachzudenken und anders und besser zu handeln.

TrithemiusUnterschrift

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6 Antworten auf Das Flüchtlingselend ist unser Elend

  1. immerhin sind die grauenhaften ansichten von einem “unbekannten” jungen mann gekommen, ich werde immer trauriger, wenn ich manchen meiner bekannten zuhöre.

    • trithemius

      Gut gesagt! Wenn man einen große Bekanntenkreis hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, auch mal Betrübliches zu hören. In meinem relativ kleinen Umfeld höre ich sowas nicht. Um so mehr hat mich der junge Mann entsetzt.

  2. übrigens funktioniert der link von twoday auf diesen beitrag nicht. (weil ich immer normalerweise immer so “anreise”)

  3. Am Sonntag lief “Casablanca” auf arte. Der Film beginnt mit einer Erklärung fiktiver Flüchtlingsströme aus Europa heraus und darüber, wie Flüchtlinge versuchen, sich in ein sicheres Land zu retten und dafür ihr Hab und Gut versetzen, nur um raus zu kommen. Der Film handelt von Flüchtenden. Aller Art.
    Es ist schon seltsam, wenn ich plötzlich einen Film unter ganz anderen Aspekten betrachte als noch vor knapp einem dreiviertel Jahr oder all die zig Male zuvor.

    • trithemius

      Das zeigt mal wieder, dass die Rezeption eines Filmes oder Buchs dynamisch ist. Bei der Wiederholung sieht man zwar denselben Film, liest dasselbe Buch, aber sie sind für einen selbst nicht mehr gleich denen zuvor, weil der Erfahrungshorizont oder der Erkenntnisstand sich erweitert haben.

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