“Wir sammeln die jetzt alle ein”

Manchmal, wenn ich so richtig gedankenleer bin, so matschig im Kopf, als wäre ich gegen die Pumpe geflitzt wie gestern Abend, als ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, sondern durch alles und jeden abgelenkt und zerstreut wurde; wenn es so zugeht bei mir, dann habe ich doch zuverlässig ein paar Sätze im Kopf. Sie trudeln völlig unvermutet durch mein Denken wie Steine, die ein unachtsamer Wanderer im Hochgebirge losgetreten hat. Wenn ich die Sätze betrachte, sind sie für sich genommen banal und überhaupt nichts wert, vor allem nicht, zitiert zu werden. Ich nenne trotzdem Beispiele, weil ich hoffe, dass es nicht nur mir so geht.

Was mir die letzten Tage durch den Kopf geht, ist ein recht betagter Satz auf Niederländisch. Er kam vor langer Zeit in meinen Kopf, als ich mit meiner damals noch kleinen Familie ein Ferienhäuschen im niederländischen Vlissingen gemietet hatte. Am Tag unserer Rückreise ging ich zwei Straßen weiter zu einer Telefonzelle und bestellte ein Taxi, das uns zum Bahnhof von Vlissingen bringen sollte. Dann ging ich zurück zum Ferienhaus. Das Taxi kam und kam nicht, und wir sorgten uns, den Zug zu verpassen. Nach etwa zehn Minuten ging ich wieder zur Telefonzelle und fragte nach unserem Taxi. Da sagte der Mann in der Taxizentrale: „Die staat al voor de deur!“ Und ich erstaunt: „Die staat al voor de deur?“ Da war ich doch gerade erst hergekommen. Genauso banal ist der Satz, den die Mutter meiner Kinder im Vorbeigehen auf der Kölner Domplatte gehört und mir erzählt hat: „Reg dich nicht auf, Onkel Franz, ich mach das schon!“

Ach, ich habe im Leben so vieles gehört, gelesen und wieder vergessen. Warum diese Sätze nicht? Möglicherweise, vielleicht und eventuell sind diese Gedanken doch zu etwas gut, indem sie nämlich ein Gerüst des Denkens darstellen, wenn alles ringsum im Sumpf vergurgelt.

Eben stand so ein kleiner Mann mit umgehängtem Ausweis vor meiner Wohnungstür, an der er geklingelt und hernach zaghaft geklopft hatte. Er kam von einem alternativen Stromanbieter und erzählte mir, es hätten sich viele Nachbarn über den hohen Stromtarif beschwert. „Und wir sammeln die jetzt alle ein!“, fuhr er wörtlich fort. Das erregte meinen Unwillen, denn ich will mich nicht von einem kleinen Mann mit umgehängten Ausweis einsammeln lassen. Ich habe ihn kurz abgefertigt und fürchte jetzt, dass: „Wir sammeln die jetzt alle ein!“ mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wird. Aber das wird nicht geschehen, weil ich ihn durch Aufschreiben losgeworden bin, hehe. Ich habe nämlich schon mehr als genug von diesen Gerüstsätzen.

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4 Antworten auf “Wir sammeln die jetzt alle ein”

  1. Zu Beginn des Jahres 2015 begegneten wir nun schon ein wenig betagten Geschwister uns und jeder brachte so einen sinnentleerten Satz mit, der immer ein etwas versandendes Gespräch zu einem Abschluss bringen konnte.

    “Das kriegen wir hin,” sagte der Dachdecker, als bei Eis und Schnee das Dach nicht rechtzeitig geschlossen war.
    “Wir sind auf einem guten Weg”, sagte der vermietende Apotheker, als wir unser Gewerbe dem Nachfolger übergaben.
    “Dann lasst uns mal zufrieden sein”, sagte der Schwiegervater, als er seine Familie zu Weihnachten um sich versammelt sah.

    Diese schlauen Sprüche verfolgen seit Anfang des Jahres nun penetrant uns Geschwister.
    :-)

    • trithemius

      Schon beruhigend zu hören, dass es nicht nur mir so geht. Allerdings bestätigt ihr euch immer gegenseitig und ruft euch diese Sätze in Erinnerung. Dann bleiben sie vermutlich um so hartnäckiger.

      (P.S.: Hab deinen neuen Blog gleich mal abonniert.)

  2. Da gibt es die Sätze, die wir wie John Wayne seinen Colt ziehen, schnell und ohne darüber nachzudenken, die brauchen wir offenbar, um den Alltag zu bewältigen. Dann sind da aber auch die Andenken, Sätze, die wir aufgeschnappt haben und pflegen, bis sie den Geist aufgeben. Dein “Wir sammeln die jetzt alle ein” ist ein schönes Beispiel dafür. Der gehört ins Album.

    • trithemius

      Gerade im schnellen Ziehen bin ich sehr schlecht. Ich bin ein Meister der Treppenwitze, der witzigen Entgegnungen, die einem erst später (zu spät) auf der Treppe einfallen. “Andenkensätze” wie du treffend sagst, habe ich jedoch viele im Album wie in den Beispielen angeführt.

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