Fragwürdiges aus der Welt der Gucci-Sonnenbrillen

Ein sonniger Samstagnachmittag am südlichen Ufer des Maschsees. Eine Gruppe von acht jungen Männern und Frauen kommt den Weg entlang. Einer entdeckt eine Sonnenbrille, die auf der Lehne einer Bank klemmt. Ergreift sie, zeigt sie erfreut rum, weil er sie als zweifellos teure Sonnenbrille von: „Gucci!“ erkannt hat und nimmt sie mit. Niemand aus der Gruppe widerspricht ihm. Auf der Bank haben zuvor ein Junge und ein Mädchen gesessen. Sie hatten wohl gerade ihr Abitur gemacht und sprachen über ihre Sprachkenntnisse und vor allem über Zukunftspläne. Mit dem Kopf in der Zukunft kann man beim Aufbrechen schon mal die Sonnenbrille vergessen.

Aber darf man eine teure Designer-Sonnenbrille, die auf einer Banklehne klemmt, so einfach mitnehmen wie Strandgut? Muss hier nicht davon ausgegangen werden, dass der Eigentümer noch in der Nähe ist, im hellen Sonnenschein den Verlust bald bemerkt und sich erinnert, wo er die Sonnenbrille gelassen hat? Wäre nicht zu erwägen, dass der Eigentümer der Brille zurückkommen wird, um sie zu suchen?

Ich saß noch eine Weile auf der Bank nebenan, aber das junge Paar sah ich nicht mehr. Warum nicht? Rechneten sie nicht damit, dass die Brille noch da sein werde? Oder war es ihnen zu lästig zurückzukommen, weil man sich einfach eine neue kaufen kann? Geht es so unehrlich und gleichgültig zu in Welten, in denen man Gucci-Sonnenbrillen trägt?

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19 Antworten auf Fragwürdiges aus der Welt der Gucci-Sonnenbrillen

  1. Lo

    So schnell ist eine Brille von GUCCI
    FUCCI!

  2. iGing

    Vermutlich ging der Rückweg des jungen Paares Richtung Nordosten.
    Da haben sie verständlicherweise die Sonnenbrille nicht vermisst.

    • trithemius

      Möglich, aber der Weg führt nach Norden. Die Sonne stand schon im Westen und blendete sehr, wenn man zum See hinaus schaute.

  3. Ich sitze halbtags an einer sogenannten Info-Theke und bekomme überraschend oft liegengebliebene und gutgefüllte Portemonnaies in Gewahrsam, die jemand – immer junge Leute – gefunden hat. Es gibt sie noch, die Ehrlichen.

    • trithemius

      Gut zu wissen. Ich habe auch nichts anderes gedacht. Darum war ich so perplex, dass die Brille so einfach mitgenommen wurde und niemand hat den Typen ermahnt. Aber gleich und gleich gesellt sich gern.

  4. Das habe ich nun vom neuen Computer, dass ich hier nicht mehr erkannt werde. Vorsichtshalber habe ich mich noch mal als cuenta……. angemeldet.

    Die Frage ist ja fast wie diese moralischen Fragen im ZEIT-Magazin (z.B. darf man beim Kauf einer Bahn-Fahrkarte zwei Plätze für sich reservieren, um keinen Sitznachbarn zu haben?). Mein Schwiegerenkel hat kürzlich Stunden nach seinem Ehering gesucht. Er hatte ihn abgelegt, um seiner Frau den Rücken mit Sonnencreme einzuschmieren, und dann vergessen. Einen Ring mit Gravur (oder sonstige Dinge von Wert, als deren Eigentümer sich jemand durch Beschreibung/Angaben identifizieren könnte) nicht abzugeben, ist eine ziemliche Schweinerei, und ich finde, nur loses Bargeld darf man behalten, und das auch nur, wenn man nicht beobachtet hat, wie jemand es verloren hat, den man noch erreichen könnte. In meiner Straße suchte letzte Woche jemand per Zettel an Laternenpfählen (mit Zusage einer Belohnung) nach seiner Baseballmütze. Sie wird wohl eine besondere Bedeutung für ihn gehabt haben.

    • trithemius

      Ach, die Schwierigkeiten, hier zu kommentieren! Ich habe lange Zeit nicht wahrhaben wollen, dass es die Interaktionen im Teppichaus erschwert. Aber letztens war ich so deprimiert, weil hier alles zu stagnieren schien, und die durchaus zahlreichen Leser dieses Blogs mich vornehmlich angeschwiegen haben, da bin ich zur Plattform WordPress umgezogen und genieße das dortige Kommentaraufkommen und die perfekte Vernetzung. Sollten wir uns da begegnen, wird alles viel leichter.

      Was die aufgeworfene moralische Frage betrifft, stimme ich mit dir überein und finde betrüblich, wenn derartige Grundsätze in manchen Kreisen offenbar nicht mehr gelten.

  5. mein großer hat einmal eine rayban-sonnenbrille, die er sich second-hand geleistet hat, auf dem tisch eines cafes im freien liegen lassen – und als er nach gefühlten 30 sekunden zurückkehrte, war sie schon weg …

    • trithemius

      Kaum zu fassen. Aber als eine Exfreundin einmal ihre Handtasche an einer Autobahnraststätte am Tisch hatte liegen lassen, wo unweit wirklich wüst aussehende Fernfahrer gesessen hatten und wir nach längerem Umweg erst zurück zur Raststätte kamen, war die Handtasche brav beim Personal abgegeben worden und unangetastet.

  6. und mir ist einmal eine (keine “markenware”, aber ich mochte sie) tatsächlich vom kopf weg gestohlen worden. das war auch sehr eigenartig.

  7. gern – ist ja wirklich seltsam gewesen:

    ich hab in einer kleinen schlauchförmigen boutique gestöbert, als zwei mir fremde damen anfingen, meine kleiderauswahl zu kommentieren. die beiden waren laut, aufdringlich, richtig unangenehmen – und ich bin erst in die einzig vorhandene umkleidekabine gegangen, als sie draußen waren. das ausgesuchte teil passte – und beim zahlen bemerkte ich, dass ich wohl meine sonnenbrille beim umziehen auf den kleinen stuhl in der garderobe gelegt haben müsse. ich war nach dem abgang der seltsamen frauen die ganze zeit die einzige kundin. auch die verkäuferin wusste genau, dass ich das geschäft MIT sonnenbrille (hinaufgeschoben ins haar, das mach ich immer so) betreten hatte. aber jetzt war sie weg. die ganze komische rederei mit mir hatte wohl nur ablenkung zum zweck…

  8. Eine Markensonnenbrille ist ein Accessoire mit Durchsichtfunktion. Denn die Gläser gibt es auch bei Billigmodellen (< 30 Euro) zu kaufen.
    Was tun, wenn ich eine verlassene teurere Markensonnenbrille in freier Wildbahn sehe? Zum Fundbüro bringen? Das wäre ihr Grab. Dort käme sie nur über Versteigerung wieder raus, weil die wenigsten ihre verlorene Sonnenbrille detailliert und eindeutig identifizierbar beschreiben können.
    Es verbleibt die Möglichkeit, sie liegen zu lassen und zu schauen, wer sich zum neuen Besitzer deklariert, oder sie schlichtweg zu ignorieren. Den vorherigen Besitzer geistig in die Pflicht zu nehmen, zu bemerken, dass er was vergessen hat und sich gefälligst um Wieder-in-Besitz-Gelangung selber zu kümmern.
    Oder sie selber einzustecken.
    Ich bevorzuge das Ignorieren, die Gleichgültigkeit bei so einem Problem und folge dem Trend der Gesellschaft. Ich bin nicht der Kümmerer verloren gegangener Mode-Accessoire-Teile.
    "Davon geht die Welt nicht unter
    Sieht man sie manchmal auch grau
    Einmal wird sie wieder bunter
    Einmal wird sie wieder himmelblau
    Geht mal drüber und mal drunter
    Wenn uns der Schädel auch graut
    Davon geht die Welt nicht unter
    Sie wird ja noch gebraucht" (Zarah Leander)

    • trithemius

      Ganz genau. Man sollte die Dinge da belassen, wo sie einer vergessen hat. Ich sah mal auf einer Bank ein Schlüsselbund. Da habe ich auch gedacht: Fundbüro hilft nichts, denn der den vergessen hat, will ja heute noch in seine Wohnung. Was draus geworden ist, weiß ich nicht. (Besuch mich doch mal bei *.wordpress.com)

      • Fiel mir nicht wirklich auf, weil ich dachte, dieser Blog lief schon bei wordpress, auch wenn es mich verwundert hatte, dass mein Avatar hier nicht abgebildet wird. Was ist der Sinn zweier Blogs? Der neue beinhaltet bereits mehr als dieser hier. Welchen soll ich folgen, welcher wird eingestellt werden? “Teestübchen” vs. “Teppichhaus”: wird es Unterschiede geben? Bei dem einen nur Heißes im anderen nur Grundlegendes?

        • trithemius

          Für mich ist die Interaktion mit anderen Bloggern ein wesentlicher Bestandteil des Mediums Blog. Aus ihr ziehe ich meine Belohnung und meine Inspiration. Du weißt vielleicht noch, wie lebendig es früher im Blog.de-Teppichhaus zuging. Das war schon bei Twoday deutlich lahmer. Aber außerhalb einer Plattform wie hier ist es manchmal sehr still. Lange Zeit habe ich nicht wahrhaben wollen, dass das lästige Anmelden die Interaktion erschwert, wenn nicht verhindert. Letztens habe ich die alten Terxte aus dem Blog.de-Lager hierhin geschafft, was bedeutet, dass das Aufkommen an Lesern und Aufrufen gestiegen ist. Nicht aber das Kommentaraufkommen. Die meisten lesen und schweigen mich an. Das hat mich in den letzten Wochen sehr deprimiert, und deshalb habe ich ein neues, frisches Blog auf der perfekt vernetzten Plattform wordpress.com. Meine Leserzahlen sind da noch niedrig, das Kommentaraufkommen aber hoch. Vorläufig führe ich beide Blogs parallel, aber stelle nicht alle neuen Sachen hier ein, denn der Stil des Teestübchens ist schon ein bisschen anders, nämlich verspielter.

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