Zwischen Sechs und Zehn und ein lachender Mund


Die Uhr zeigte mir einen Lachmund, als ich heute Morgen zum zweiten Mal aufwachte. Das erste Mal wars grad sechs Uhr gewesen, ich hatte mich noch mal hingelegt, war wieder eingeschlafen, und wie ich aufwache, lacht meine Uhr mich an. Ich hätte gedacht, die Zeigerstellung zehn nach zehn, die den Lachmund markiert, wäre längst privatisiert und in den Dienst der Juweliere und Uhrenverkäufer gestellt. Es muss bereits am Anfang des Irrenparadieses geschehen sein, das wir Konsum- und Warenwelt nennen, dass man eine an sich nicht übel beleumundete Zeigerstellung ergriffen und pervertiert hat.

Was also eigentlich ein unglaublicher Glücksfall ist, nämlich aufzuwachen genau um zehn Minuten nach zehn, einen Lachmund zu sehen und heiter in den Tag zu starten, haben die Händler und Schacherer entzaubert, indem sie die Zeigerstellung zum Regelfall gemacht haben. Grinsende Standbilder auf den Zifferblättern ausgelegter Uhren sollen die Kunden zu jeder Tageszeit günstig stimmen und zum Kauf anreizen. Es ist wie ein Topf mit vierblättrigem Klee, der einem zu Neujahr in den Supermärkten hinterher geworfen wird. Welch ein Glücksfall und welch eine Freude, wenn wir als Kinder auf grünen Wiesen ein vierblättriges Kleeblatt fanden. Kann man dieses Glück bannen, indem man vierblättrigen Klee in Töpfe sät und zwischen Knalltüten und Knallbonbons zum Kauf anbietet?

Zwischen sechs und zehn träumte ich etwas Seltsames. Ich war eine Sorte Praktikant in einem Unternehmen für Luxus-Events. Alles, was dort für die reiche, verwöhnte Kundschaft geplant wurde, war erlesen und teuer. Den Mitarbeitern waren bei ihren Ideen gar keine Beschränkungen auferlegt, weder hinsichtlich des Preises, der Machbarkeit oder des Sinns. Was das letzte betrifft, bekam ich aber einen kleinen Konflikt mit. Ein Mitarbeiter hatte den Käufern von Luxusautos mit vergoldeten Karosserien abverlangt, vor der Inbesitznahme des Autos einen Aufsatz zu schreiben. Diese Idee wurde allgemein als absurd angesehen und weil der Mitarbeiter in meinem Traum nicht auftauchte, konnte er seine Idee auch nicht verteidigen. Die anderen zerrissen sich das Maul darüber, aber natürlich auf distinguierte Weise, denn ein lautes Wort hörte man in diesem Eventunternehmen nie.

Wir hatten für eine verwöhnte Gesellschaft einen ganz besonderen Fußweg in die Innenstadt angelegt. Der war natürlich kurz, weil er keinerlei Mühe machen durfte. Es gab auf ihm kein Stäubchen, das ein Stolperstein hätte sein können, und es lag ein Teppich aus, in den ein Spruch, ein Satz eingewirkt war. Den hatte ich erdacht. Er war wegen seiner erlesenen Sprache mein ganzer Stolz. Leider hat ihn die verwöhnte Gesellschaft überhaupt nicht wahrgenommen.

Es war ungefähr so wie zur Fronleichnamsprozession auf unserem Dorf. Der Pastor in festlicher Gewandung trug die Monstranz durchs Dorf. Er wurde von zahlreichen Messdienern begleitet und vier Ehrenmännern in schwarzen Anzügen umringt, die den Baldachin trugen, um Priester und Monstranz zu schützen. Vielleicht hat es ja Zeiten gegeben, dass faule Eier wider Priester und Herrgott flogen. Und eine Schar Bauern mit Mistgabeln und Dreschflegeln … Der Grund für den Baldachin war jedenfalls vergessen, nur der Brauch hatte sich erhalten. Auf den Straßen war ein schmaler Teppich aus Blumen, und eine Straße setzte traditionell ihren ganzen Stolz darin, einen Teppich aus farbigem Sägemehl auszustreuen. Er war dicht, Zentimeterhoch, an den Kanten hart begrenzt und das verschieden eingefärbte Sägemehl formte die prächtigsten Bilder und Symbole. Als Kind habe ich immer davon geträumt, einmal einen Fuß auf diesen prächtigen Teppich zu setzen, einmal einen Fußabdruck darauf zu hinterlassen. Aber das durfte nur der Priester mit der Monstranz, alle anderen mussten seitlich des Teppichs gehen.

In meinem Traum war der Teppich nicht so klar definiert. Er wurde ja nicht beachtet. Schon war er überschritten, schon traf die Gesellschaft in den luxuriösen Räumlichkeiten am Zielort ein, wo sogleich der Champagner floss. Zur Gesellschaft gehörten zwei berühmte Künstler mit einem Gefolge schöner, rassiger Weiber. Für die hatten wir eine Kirche ausgesucht, die für ihre farbigen Fresken und Fensterbilder berühmt war, die ein Bauhauskünstler gestaltet hatte, den man nur in eingeweihten Kreisen kennt.

Der unangefochtene Anführer der Künstlergruppe war der Maler Baselitz. Er hatte nichts gemeinsam mit dem realen Maler Georg Baselitz. In meinem Traum sah ich ihm ins Gesicht, als er die Tür zur Kirche öffnete und ein wunderbar farbiger Glanz herausströmte und sein Gesicht verklärte. Baselitz hatte ungleiche Augen. Eines war deutlich größer und von einer überirdischen Strahlkraft. Sogleich war ich in seinen Bann gezogen und musste mir eingestehen, dass Berühmtheit wohl manchmal auch berechtigt ist, indem die allgemeine Anerkennung, die Begeisterung für ein Werk, die exorbitanten Preise, die es erzielt, das alles sich in passenden Menschen ansammelt und ihnen da zur Verfügung steht, indem sie gelegentlich etwas davon aufblitzen lassen. So ein Blitz aus sozialer Energie hatte mich aus dem größeren Auge getroffen, bevor Baselitz die Kirche betrat und das Portal hinter ihm und seinem lustigen Gefolge ins Schloss fiel.

Von den anderen aber, von denen, die sich nur im Luxus ergingen, von denen kam ein wenig Kritik. Dass nämlich paradiesische Zustände wie wir von der Eventagentur für sie geschaffen hatten, dass diese Zustände durchaus kritisch zu sehen wären, indem sie den Menschen, für die sie gemacht sind, nichts abverlangen, was dazu führen würde, dass diese Personen degenerieren und total verblöden und letztlich überhaupt nicht mehr verdienen, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen.

Da erwachte ich, und meine Uhr grinste mich an.

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