Höllische Offenbarung – im Zirkus des schlechten Geschmacks

In München am Karlsplatz (Stachus) drückte mir ein junger Mann seine Offenbarung in die Hand. Ich nahm sie an mich, weil ich nie zuvor ein derartig mies typographiertes Blatt gesehen hatte. Der absatzlose Text besteht aus Langzeilen, die fast die gesamte Breite des DIN-A4-Blattes einnehmen. Den Zeilen fehlt der Durchschuss, wodurch sich Ober- und Unterlängen küssen. Erzwungener Blocksatz und fehlende Silbentrennung führen zu Gießbächen im Text. Der Inhalt ist kaum zu erschließen. Man muss zum Lesen ein Lineal unter die Zeilen legen, damit das Auge nicht durch einen der Gießbäche in eine falsche Zeile abirrt. Die Gestaltung ist das Ergebnis des Versuchs, den gesamten Text auf eine Seite zu quetschen. Das Blatt bekommt auf diese Weise etwas Hermetisches. Es zeigt eine Bleiwüste, von deren Durchquerung eine innere Stimme dringend abrät.

Offenbar ist diese Offenbarung der wirren Phantasie eines religiösen Eiferers entsprungen, und sein Sendungsbewusstsein befiehlt ihm, das Produkt harmlosen Passanten aufs Auge zu drücken. Es ist darin gar Schreckliches zu lesen, von höllischen Marterstrafen wegen Unzucht, von Aids als göttliche Strafe, getreu der mittelalterlichen Vorstellung, man könnte die Menschen nur durch schlimmste Strafandrohung bessern. Wenn sie nicht sind, wie sein erbarmungsloser Gott befiehlt, werden sie für alle Ewigkeit gemartert. Solche Vorstellungen entstammen gewiss einer inneren Hölle. Die unterdrückte Lust formt sich in lustvoll ausgemalten Gewaltphantasien aus.

Darum ist die höllische Typographie zu begrüßen. Einheit von Form und Inhalt. Sie wendet Schaden ab. Vielleicht hat dem Autor bei der Gestaltung ein die Menschen liebender Gott die Hand geführt, sich dem Eiferer subtil offenbart, nachdem er das Verfassen des grauenhaften Textes nicht verhindern konnte.

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14 Antworten auf Höllische Offenbarung – im Zirkus des schlechten Geschmacks

  1. Brunopolik

    Die gekonnte Gestaltung des Pamphlets in Deinem Blog entschädigt für den wirren Inhalt dieses Eiferers. Also unverändert: Es lebe die Form!

    • trithemius

      Du hast Recht, wir sollten einfach mehr auf die Form achten. Allerdings war ich bis zu Deinem Kommentar unsicher, ob ich nicht dem Inhalt dieses Pamphlets zuviel Aufmerksamkeit verschaffe.

      • Brunopolik

        Allein über die Form gibt es Veränderung.
        Sie wird mir immer wichtiger in Zeiten, wo
        die Inhalte mehr und mehr versagen.

        • trithemius

          Kann ich so allgemein nicht unterschreiben. Ich plädiere immer für die Einheit von Form und Inhalt. Wenn sich die Form über den Inhalt erhebt, stimmt’s auch nicht.

          • Brunopolik

            Wie sollte ich da widersprechen, aber …..
            Dieser Streit ist so alt, wie die Kunst selbst. Also
            bleiben wir lieber bei unseren offenen Dada-Positionen.

  2. Den Überreicher der Offenbarung hätte ich gebeten, mir das laut vorzulesen, oder es alternativ auf meinen E-Book-Reader zu kopieren, oder es mir als SMS zu schicken, damit Google mir das vorlesen kann …

    Man muss heutzutage schon flexibel sein, wenn man Botschaften verbreiten will. ;)

    • trithemius

      Es geschah ja alles rasch im Vorbeigehen, lieber Heinrich. Sogar das Geschlecht des Überreichers ist ungewiss, weil meine Begleiterin gestern Abend gemutmaßt hat, das wäre eine junge Frau gewesen.

      Zudem, wenn es sich um eine echte göttliche Offenbarung handelt, sollte sie dann nicht selbstverständlich die den Zeiten angemessene Form haben? Es ist ja ähnlich wie beim angeblichen Kontakt mit Außerirdischen. Ich habe mich schon oft gefragt, warum sich die Außerirdischen immer Spinner aussuchen, denen keiner glaubt.

  3. Ich habe meine Smartphonefixierung verloren und sie gegen Fließtextgießbäche eingetauscht. Manchmal suche ich auch nur nach Gießbächen in Ermangelung echter Fließtexte. Dabei habe ich ein Verfahren entwickelt, was es mir erlaubt, die Lücken zwischen den Wörtern, ähnlich einer Unschärfeeinstellung beim Heran- oder Wegrücken eines Overheadprojektors, vor meinem Auge auf groß oder klein zu stellen. Dafür verenge ich meine Augen zu Schlitzen und versuche möglichst einen Punkt vor dem Text zu fixieren. Mit diesem leicht schielenden Blick verschwimmt der Text und die Form wird offenbar.
    Ich weiß nur noch nicht, wozu das nütze ist.

  4.  
    Immerhin haben diese Leute den Versuch unternommen, ein bisschen originelle PR zu machen… wenn man das sieht, hat man doch Erbarmen… hat man nicht…

    (… die Tatsache, dass überall steht, auch oder gerade in M, “Jesus liebt Dich!” zeigt mir, dass der Typ mich nicht kennt…)
     

    • trithemius

      (Dazu fällt mir jetzt gar nichts ein. Wie meinst du das?)

      •  
        … so lange Dir nicht das Gesicht einfällt, ist es ja okay…

        Ich glaube, gemeint zu haben, dass man mit Leuten, die so Handzettel verzetteln, doch irgendwie reflektorisch Erbarmen haben könnte, womit ja das Kommunikationsziel denn doch erreicht wäre… chch…
         

        • trithemius

          Solche Leute tun mir wirklich Leid, aber Erbarmen? Wenn sie von einem erbarmungslosen Gott schwärmen?

          Meine Frage bezog sich auf deinen Satz in Klammern.

          •  
            (… wenn wer behauptet, Jesus würde mich lieben, dann zeigt das, dass der mich nicht kennt… äh – sowohl der Behaupter nicht als auch und vor allem der Große Schmerzensmeister aus Nazareth…)
             

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