Vakantie, vakantie – Treppe zur Selbstbestimmung

Gut 35 Jahre zurück, Föppes, Pierro und ich, wir stehen auf dem Bahnsteig unseres Dorfes und warten auf den Zug. Man erreicht den Bahnsteig durch einen hässlichen Tunnel. Dort sah ich damals mein bis heute liebstes Graffito. Rechts an der Wand der Bahnsteigtreppe, entlang der ersten Stufen, genau in Augenhöhe, stand in weißer Schrift auf grauem Putz:

„Arbeiter, nutze deine Aufstiegschance!“

Über den Spruch des unbekannten kritischen Poeten kann ich heute noch lachen. Er trifft die Realität auf herzlich boshafte Weise, denn er ist zugleich Verhöhnung, bittere Einsicht und Aufforderung.

Es fühlt sich nicht gut an, wenn du Arbeiter bist und an einem grauen Morgen diesen Aufstieg nimmst. Unterm Arm hast du eine braune Ledertasche, und darin liegt kein Marschallstab, in deiner Tasche stehen ein Henkelmann und eine Thermosflasche. Oben stehst auch du, mitten unter anderen grauen Gestalten. Ihr verkriecht euch in eure Jacken und seid maulfaul. Denn was habt ihr schon zu sagen? Was ihr denkt, ist ohne Belang. Und hier an diesem frühen kalten Morgen, du warst noch schlafwarm als du aus dem Hause gegangen bist, da wird dir die Wärme entzogen, förmlich ausgesaugt vom Morgenwind. Da zeigt sich dir deine Ohnmacht in ihrer Gänze. Du bist verfügt, andere befinden über dich, und es sind viele: dein Geselle, dein Meister, der Betriebsleiter, der Geschäftsführer, die Gesellschafter und Kapitaleigner, Gewerkschaftler, Politiker. Nur den unteren Vertretern dieser Hierarchie, die sich vor dir auftürmt bis in die Wolken über deinem Kopf, nur den Geringsten von ihnen bist du je begegnet. Die weiter oben thronen kennen dich ebenfalls nicht. Wie sollten sie auch, du bist aus ihrer Sicht viel zu klein.

Du kannst dich mit deinem Los bescheiden. Dann wird das Graffito am Treppenaufgang mit den Jahren immer bitterer für dich. Falls du Chancen hattest, tatsächlich aufzusteigen, dann hast du sie übersehen. Du bist erst später darauf gekommen, was du hättest tun sollen mit deinem Leben. Jetzt hast du keine Wahl mehr, denn du steckst über und über in Zwängen. Das ist gruselig, aber zum Glück gewöhnt sich der Mensch an fast alles.

Wer genug Kraft in sich spürt, wer sich reckt und der Kälte auf dem Bahnsteig Widerstand leistet, der wird sich nach Chancen umsehen, gesellschaftlich aufzusteigen. Das ist dann so, als hätte man dir statt Thermoskanne und Henkelmann bleierne Buchbindergewichte in deine Arbeitertasche gelegt. Eventuell hast du einen langen Atem und kämpfst beharrlich. Dann werden sich auch Glücksfälle für dich ergeben. Je mehr du dich ausbreitest, desto leichter können sich die Umstände zu deinen Gunsten fügen. So schaffst du Platz für dich, und das ist gewiss besser als die tägliche Müh, sich trotz enger Zwänge zu bewegen.

Ach, ich bin ganz vom Thema abgekommen. Wir stehen auf dem Bahnsteig, Föppes, Pierro und ich, wir frieren nicht, denn es ist ein heller Sommermorgen, neun Uhr zehn. Gleich kommt unser Zug, der Nahschnellverkehrszug von Köln nach Roermond. Da werden wir umsteigen in den Zug nach Amsterdam. „Ben je op vakantie?“, werden uns einige Mädchen fragen. Und keiner von uns weiß, was „vakantie“ verflixt noch mal bedeutet. Pierro hat Ferien, Föppes und ich, wir haben drei Wochen Urlaub, da will man sich doch keinen Kopp über „vakantie“ machen. Auf dem Bahnsteig unseres Dorfes wissen wir natürlich noch nichts davon. Wir sind einfach nur guter Dinge, hampeln ein bisschen herum und lachen.

Da steht auch ein Alter, schon ausgemustert, und der wird langsam verdrießlich. Er quatscht uns rein und beschwert sich über die Jugend. Auf die „Hippies!”, schimpft er, auf “die Studentens” und auf uns „Gammlers!“ Zum Glück kommt sein Zug und nimmt ihn mit Richtung Köln. Er hat uns mit dem überflüssigen Plural-s ein herrliches Sprachspiel hinterlassen: „Arbeiters nutzt eure Aufstiegschancen!“ Machen wir bald. Aber zuerst besuchen wir „die Holländers“ und „besonders die Mädchens“. Da lernen wir, dass „vakantie“ „Ferien“ heißt und überhaupt, dass es Spaß macht, Niederländisch zu sprechen. „Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt“, sagt Lichtenberg. Vielleicht sah das Niederländische aus dem fernen Göttingen tatsächlich so aus. Für uns war die Sprache die Musik unserer Ferien. Und wir gaben uns redliche Mühe, sie nach Noten zu singen, wie sie von den Mädchen vorgesungen wurden.

Kapitaleigner, Finanzjongleure und Wirtschaftskriminelle haben sich im Olymp zu unsern Köpfen ganz nach oben gearbeitet. Ihr Gewicht drückt alles nieder. Das fühlen besonders stark die grauen Gestalten, frühmorgens auf den Bahnsteigen. Doch am stärksten fühlen es jene, die keinen guten Grund mehr haben, überhaupt noch aufzustehen. Alle sind die Opfer von „Bezitters“, „Kassiers“ und „Gangsters“. Diese Halbgötter, die den Himmel okkupiert haben, können sich wer weiß was dünken. In Wahrheit sind sie nur Ezeldrijvers, ins Holländische übersetzte Herrenreiter.

Föppes, Pierro und ich, wir hatten keine Ahnung davon, wie einfach es einmal sein würde, sich Bildung zu verschaffen, und zwar außerhalb von Schule und Hochschule. Wer sich heute bilden will, muss nicht mal verreisen, sondern verfügt über ein unerschöpfliches Angebot per Bibliothek und Internet. Denn es geht bei der Bildung nicht allein um berufliche Zwecke, sondern vor allem um Vakantie, Ferien von der Fremdbestimmung, also wesentlich darum, kein Esel mehr zu sein. Dem solcherart frei Gebildeten können die Diener der Herrschenden nicht mehr das Blaue vom Himmel erzählen. Man hat längst selbst nachgesehen und weiß, dass auch im Olymp mit Wasser gekocht wird. Und man hat erkannt, dass die Halbgötter sich schlimmer gebärden als eine Horde Barbaren und längst ihr Recht verwirkt haben, über das Leben der auf den Bahnsteigen zu bestimmen.

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27 Antworten auf Vakantie, vakantie – Treppe zur Selbstbestimmung

  1. kinders, kinders…. klabastert op de biesterkes…

    vakant heißt ja auch leer – aber ohne jedwede fremdbestimmung, das geht, so glaube ich, beim besten willen nicht.

    und ob das volk tatsächlich noch mal eine revolution vom zaune brechen wird gegen all die ungerechtigkeiten hinter und auf seinem rücken – und sei es durch kollektive vakanties – auch das wage ich zu bezweifeln. ich befürchte das gegenteil: noch mehr reinklotzen gegen den druck!

    • Immerhin können jene, die keine Arbeit haben, ihre freie Zeit anders definieren, als Chance, etwas für sich zu tun, das sie weiter bringt. Grundsätzlich lernen alle, die ein Blog betreiben, sich nach Themen umschauen, recherchieren, schreiben, dichten, collagieren, Fotomontagen machen, bei anderen kommentieren usw.

  2. Der Schlusswitz dieses Graffitos (in deiner sehr gelungenen literarischen Collage): vor 35 Jahren, als Arbeiter über Bildung tatsächlich noch eine mühsame aber reale Aufstiegschancen hatten, war der Satz noch Satire, aber immerhin mit Realitätsbezug. Heute, wo Gymnasium (gerade in Baden-Württemberg) schon in der fünften Klasse für viele heißt: Mithilfe der Eltern oder bezahlte Nachhilfe, werden bildungsferne Schichten planvoll von höherer Bildung ausgeschlossen. Da ist der Satz nicht mal mehr Satire, sondern nur noch Zynismus.

  3. Ich erinnere mich gut: Manchmal…auf dem ungewohnt frühen Weg zur Uni meine Gedanken angesichts der grauen, unbewegten und in ihrer Resignation einheitlich erscheinenden Gesichter…mein Gedanke…bitte lass mich nie so enden!
    Stolz bin ich ein wenig, dass mir dies gelungen ist…allerdings hat mir damals niemand verraten, wie schwierig dies ist und wieviel Kraft man verwenden muß….
    Dennoch….mir scheint…es lohnt die Mühe…!!
    Gruß! Franzi

    • Du sagst es, wenn man vorher wüsste wie mühsam es ist, würde man manches nicht tun. Zum Glück teilt sich alles auf in kleine Schritte.

      Heute ist gesellschaftlicher Aufstieg noch schwieriger, denn die Gesellschaft gruppiert sich um zu einem Kastensystem. Kinder werden nach der Grundschule sortiert, und wer einmal auf der Hauptschule gelandet ist, spürt bald, wohin die Reise geht. Mit meinem Text will ich freilich auch Mut machen, Bildung nicht allein von der Schule zu erwarten. Sie leistet das immer weniger. Ein Grund, warum ich die offene Bloguniversität betreibe.

      Beste Grüße
      Jules

  4. Ich erinnere mich gut: Manchmal…auf dem ungewohnt frühen Weg zur Uni meine Gedanken angesichts der grauen, unbewegten und in ihrer Resignation einheitlich erscheinenden Gesichter…mein Gedanke…bitte lass mich nie so enden!
    Stolz bin ich ein wenig, dass mir dies gelungen ist…allerdings hat mir damals niemand verraten, wie schwierig dies ist und wieviel Kraft man verwenden muß….
    Dennoch….mir scheint…es lohnt die Mühe…!!
    Gruß! Franzi

  5. Insbesondere der Schluss setzt natürlich voraus, dass der Mensch sich auch bilden möchte. Diesen Drang kann ich bei der Mehrheit nicht erkennen, weder hier noch außerhalb Deutschlands.

  6. Vor gut 35 Jahren…

    gab es noch Arbeiter. Und es gab viele. Und mein Vater war einer und fast alle, die in den Häusern um uns herum wohnten.

    Und ich war ein Arbeiterkind, und fast alle Kinder, die mit mir zur Schule geganngen sind, waren Arbeiterkinder.

    Und wenn Zahltag war in den Werften, dann war für alle Zahltag. Und wenn eine Werft dicht machte, dann waren alle davon betroffen, dann waren alle Väter arbeitslos.

    Auf Grund der Umstände gab es ein “wir” – wir teilten alle die selben Lebensumstände, die selben Grenzen, die selben “Nicht-Aufstiegs-Und-Von-Da-Jemals-Wegkommen-Chancen”.

    Ein Auto kaufen? Ein neues Auto kaufen? Das waren nicht einmal Träume, das waren einfach nur Unmöglichkeiten in meiner Welt.

    Vor 35 Jahren habe ich angefangen, mir die Schaufenster in Moped-Läden anzusehen. Jahrelang bin ich in meinem Träumen auf einem der schicken Mopeds in die Welt hinaus gefahren. Wenn es mir möglich gewesen wäre, ich hätte als Schiffsjunge angeheuert: weg, bloß weg.

    Reisen? Andere Länder? Das war gar nicht denkbar, nicht vorstellbar das.

    Aufstieg?

    Ich bin das erste Kind in meiner Familie, das auf ein Gymnasium gegangen ist, das Abitur gemacht, studiert hat. Meine Familie habe ich auf diesem Weg verloren, vielleicht bin ich ihr verloren gegangen.

    Gewerkschaftsjugend, Jungsozialisten… Die Strukturen gibt es noch, Arbeiter nicht mehr.

    Bildung verschaffen? Darüber habe ich nicht nachgedacht. Dem wirklich grauen Leben konnte ich durch Lesen entfliehen. Immer wieder Allerleirauh als Kind, vor der Pubertät dann immer wieder Robinson Crusoe. Harry Potter hätte ich als Kind nicht lesen können – ich hätte keinen Identifikationspunkt gefunden.

    In der Schule Planlosigkeit. Wissensvermittlung zu Punkten, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Fragen, die ich hatte zu dem, was ich erlebte, wurden nicht beantwortet. Mein Alltag war der Stacheldrahtzaun, der meine erlebbare Welt in Ost und West teilte. Menschen, die zu fliehen versuchten und ein unglaublicher Sozialrassismus bei den Menschen, die mich umgaben.

    Plakate, auf denen nach Terroristen gefahndet wurde. Wer Ulrike Meinhoff war? Keine Ahnung damals – darüber hat niemand gesprochen.

    Der eine Opa, den es noch gab, erzählte machnmal vom Krieg – wenn Oma es nicht mitbekommen konnte.

    Und heute?

    Keine Arbeiter mehr, sondern Kleinaktionäre und Minimalstanteileigner. Das Wissen ist verfügbar im Internet, in Bibliotheken, aber wer fügt diese Fraktale zu so etwas wie Bildung zusammen?

    Menschen? Wer sind die Hüter der Ordnung? Stolz auf das Erreichte?

    Wir leben in einer Welt, in der wir nicht mehr aufschreien, wenn von Einteilungen in 1., 2., 3. Welt gesprochen wird. Glauben wir schon an diese Ordnung? Sind wir nicht alle schon “Herrenreiter” geworden?

    Mein Leben änderte sich mit 14 Jahren. Bei mir waren es nicht die holländischen Mädchens, mais les nanas francaises. Schüleraustausch – über 3 Jahre hinweg mehrere Monate in einer französischen Familie, in St. Nazaire, an der Atlantikküste, wo immer noch die deutschen U-Boot Bunker stehen.

    In Frankreich, in der anderen Sprache habe ich Menschen gefunden, die mit mir gesprochen haben, die auf meine Fragen antworteten, die mit mir den fremden Blick teilten und mit denen ich eine Sprache fand, die gesprochen wird, die detailliert zwischen den Zeilen, im Atmen, in den Ober- und Untertönen stattfindet.

    Die auf den Bahnsteigen… werden vielleicht in den nächsten Jahren wieder mehr werden.

    Wir auf den Bahnsteigen?

    • Zunächst einmal vielen Dank für die Skizze deiner Welt vor 35 Jahren, lieber Lars. Wenn ich vergleiche, dann war in meiner Jugend noch das Gefühl des Aufbruchs, vor allem durch die 68er-Bewegung. Da schien sich die Welt plötzlich zu verändern, und es gab bei der Jugend ein seltsam schönes Einvernehmen. Das endete leider schon Anfang der 70er. Als ich zu studieren begann, war der Zauber schon vorbei. Aber von den Resten habe ich noch gezehrt und bis heute einen Idealismus mir bewahrt, der mich über mich selbst schmunzeln lässt. Seltsamer Weise findet er immer noch Nahrung. Dazu gehört auch, dass sich im Teppichhaus viele verständige Leute äußern, deren Grundhaltung ebenfalls von Idealen geprägt ist. Derzeit überwiegt der Pessimismus. Man muss fast sagen, das ist die realistische Einstellung.

      Andererseits. So mit 17-18 gründeten meine Freunde und ich eine Zeitung, die wir in Kneipen und beim Friseur auslegten. Wir tippten unsere Texte auf Matritzen und nudelten die Seiten ab. Da hatte man nicht viele Möglichkeiten der Gestaltung. Es war auch schwierig, auf einem Dorf an Material zu kommen, zu recherchieren, was draußen in der Welt los war. Wenn ich diese Bedingungen mit heute vergleiche, speziell mit den Möglichkeiten eines Blogs, kann ich mich noch immer begeistern. Es sind ja nicht allein die gestaltungstechnischen Möglichkeiten. Die einfach Verbreitung, der unmittelbare Austausch mit anderen, davon hätte ich früher nicht mal zu träumen gewagt. Klar, was einfach zu haben ist, wird auf Dauer nicht besonders geschätzt. Mir gibt es jedesmal Auftrieb, wenn ich mir in Erinnerng rufe, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen zwar in Teilen verschlechter haben, aber andererseits auch vieles besser ist als damals. Wir haben hier ein demokratisches, eigenes Medium, sind nicht abhängig von den gefilterten Nachrichten aus Presse, Funk und Fersehen. Wir haben Zugriff auf riesige Datenbanken des Wissens und können uns vor allem vernetzen, auch wenn ich in Hannover sitze und du in Freiburg. Hierin steckt ein enormes Bildungspotential. Ich wundere mich immer wieder, dass gerade Blogger es kleinreden, wo doch die Politik die Gefahr dieses Mediums längst erkannt hat und sich um Kontrolle und Unterdrückung bemüht.

      Von unseren Bahnsteigen fahren nämlich die Züge nach einem demokratischen Fahrplan. Hier spielt es auch tatsächlich keine Rolle, in welchen sozialen Verhältnissen jemand lebt, welchen Bildungsstand er hat. Es reicht, aufgeschlossen zu sein, wissen zu wollen, sich austauschen zu wollen, soziale Kompetenz und Herzenswärme zu haben.

      In diesem Sinne … machen wir weiter.

  7. Vor gut 35 Jahren…

    gab es noch Arbeiter. Und es gab viele. Und mein Vater war einer und fast alle, die in den Häusern um uns herum wohnten.

    Und ich war ein Arbeiterkind, und fast alle Kinder, die mit mir zur Schule geganngen sind, waren Arbeiterkinder.

    Und wenn Zahltag war in den Werften, dann war für alle Zahltag. Und wenn eine Werft dicht machte, dann waren alle davon betroffen, dann waren alle Väter arbeitslos.

    Auf Grund der Umstände gab es ein “wir” – wir teilten alle die selben Lebensumstände, die selben Grenzen, die selben “Nicht-Aufstiegs-Und-Von-Da-Jemals-Wegkommen-Chancen”.

    Ein Auto kaufen? Ein neues Auto kaufen? Das waren nicht einmal Träume, das waren einfach nur Unmöglichkeiten in meiner Welt.

    Vor 35 Jahren habe ich angefangen, mir die Schaufenster in Moped-Läden anzusehen. Jahrelang bin ich in meinem Träumen auf einem der schicken Mopeds in die Welt hinaus gefahren. Wenn es mir möglich gewesen wäre, ich hätte als Schiffsjunge angeheuert: weg, bloß weg.

    Reisen? Andere Länder? Das war gar nicht denkbar, nicht vorstellbar das.

    Aufstieg?

    Ich bin das erste Kind in meiner Familie, das auf ein Gymnasium gegangen ist, das Abitur gemacht, studiert hat. Meine Familie habe ich auf diesem Weg verloren, vielleicht bin ich ihr verloren gegangen.

    Gewerkschaftsjugend, Jungsozialisten… Die Strukturen gibt es noch, Arbeiter nicht mehr.

    Bildung verschaffen? Darüber habe ich nicht nachgedacht. Dem wirklich grauen Leben konnte ich durch Lesen entfliehen. Immer wieder Allerleirauh als Kind, vor der Pubertät dann immer wieder Robinson Crusoe. Harry Potter hätte ich als Kind nicht lesen können – ich hätte keinen Identifikationspunkt gefunden.

    In der Schule Planlosigkeit. Wissensvermittlung zu Punkten, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Fragen, die ich hatte zu dem, was ich erlebte, wurden nicht beantwortet. Mein Alltag war der Stacheldrahtzaun, der meine erlebbare Welt in Ost und West teilte. Menschen, die zu fliehen versuchten und ein unglaublicher Sozialrassismus bei den Menschen, die mich umgaben.

    Plakate, auf denen nach Terroristen gefahndet wurde. Wer Ulrike Meinhoff war? Keine Ahnung damals – darüber hat niemand gesprochen.

    Der eine Opa, den es noch gab, erzählte machnmal vom Krieg – wenn Oma es nicht mitbekommen konnte.

    Und heute?

    Keine Arbeiter mehr, sondern Kleinaktionäre und Minimalstanteileigner. Das Wissen ist verfügbar im Internet, in Bibliotheken, aber wer fügt diese Fraktale zu so etwas wie Bildung zusammen?

    Menschen? Wer sind die Hüter der Ordnung? Stolz auf das Erreichte?

    Wir leben in einer Welt, in der wir nicht mehr aufschreien, wenn von Einteilungen in 1., 2., 3. Welt gesprochen wird. Glauben wir schon an diese Ordnung? Sind wir nicht alle schon “Herrenreiter” geworden?

    Mein Leben änderte sich mit 14 Jahren. Bei mir waren es nicht die holländischen Mädchens, mais les nanas francaises. Schüleraustausch – über 3 Jahre hinweg mehrere Monate in einer französischen Familie, in St. Nazaire, an der Atlantikküste, wo immer noch die deutschen U-Boot Bunker stehen.

    In Frankreich, in der anderen Sprache habe ich Menschen gefunden, die mit mir gesprochen haben, die auf meine Fragen antworteten, die mit mir den fremden Blick teilten und mit denen ich eine Sprache fand, die gesprochen wird, die detailliert zwischen den Zeilen, im Atmen, in den Ober- und Untertönen stattfindet.

    Die auf den Bahnsteigen… werden vielleicht in den nächsten Jahren wieder mehr werden.

    Wir auf den Bahnsteigen?

  8. Um noch einen Bogen zu schlagen : In Holland haben die Schülers ein viel offeneres Bildungssystem als wir hier !

    Ich glaube schon, dass doch etliche das Bildungsangebot des Netzes auch wahrnehmen. In diesem Punkt bin ich noch voller Hoffnung. In vielen anderen allerdings nicht.

    Sehr gelungene Betrachtung, Mijnheer !

    • Dankeschön für den Hinweis. Ich glaube, dass kaum eine Industrienation sich noch so ein veraltetes Bildungssystem leistet wie wir. Da sind uns die Holländer schon lange voraus. Es ist einfach Unsinn, die Kinder so früh zu selektieren. Ich habe Fälle erlebt, wo die Prognosen der Grundschullehrer völlig daneben lagen, als “geeignet” eingestufte Schüler versagten, welche mit Hauptschulempfehlung erwiesen sich als hervorragende Schüler. Danke auch für deine Einschätzung des Textes und für deine hoffnungsvolle Äußerung. Viele Bloggers sind hier einfach zu pessimistisch.

      • ja, über die frühzeitige Selektion hierzulande könnte ich mich auch stundenlang ereifern. Ich habe in meinem direkten Umfeld jede Menge Beispiele dafür, wie sehr das daneben gehen kann.

        Ich bin da wirklich hoffnungsvoll. Meine Kinners z.B. amüsieren sich auch bei Schüler-VZ und Myspace, aber sie sind auch beide – genau wie etliche ihrer Freunde – z.b. bei Wikipedia angemeldet und haben auch schon eigene Einträge verfasst, die auch angenommen wurden.
        Der ältere Sohn kümmert sich um die HP der Handball-Abteilung seines Vereins und wenn ich mir all solche Aktivitäten wohlwollend betrachte, dann bleibe ich wirklich optimistisch.

        (Das Holland-s macht Spaß. Ich kann die Sprache ja ein wenig. Ich glaub, das nehm ich mal wieder in meinen Sprachgebrauch auf… )

  9. Nanu, da is’ er wieder, der Beitrag; gestern habe ich paar Male auf den Teaser bei blog.de geklickt, und denn war hier nie nich’ was…

    Zu der ganzen Sache mit Arbeitern und so kann ich echt nix sagen – aber Namen wie Föppes und Pierro sind natürlich was ganz was Edelköstliches…

    • Ja, ich hatte ihn aus verschiedenen Gründen wieder zurückgezogen, u.a., weil ein Foto hinzufügen wollte. Das habe ich aber nicht gefunden.

      Warum du über Arbeiter und so nichts sagen kannst, verstehe ich nicht. Die Namen sind nicht erfunden, sondern gefunden.

      • Hihihi. Keiner versteht mich… – Ich bin doch chronischer Hilfsarbeiter, gehöre aber nicht zum “bewussten Teil” der Klasse, chchch; war wieder mehr so fossil witzig…

        Habe Er ein ersprießliches Wochenende!

        Dasselbe (nämlich Fossil)

  10. Nanu, da is’ er wieder, der Beitrag; gestern habe ich paar Male auf den Teaser bei blog.de geklickt, und denn war hier nie nich’ was…

    Zu der ganzen Sache mit Arbeitern und so kann ich echt nix sagen – aber Namen wie Föppes und Pierro sind natürlich was ganz was Edelköstliches…

  11. Heute würde man vielleicht schreiben: “Lohnsklave, nutze deine Ausstiegschancen!” angesichts der Tatsache, daß es immer weniger bezahlte Arbeit gibt. Arbeitslosigkeit als Chance – das mag in vielen Ohren vielleicht zynisch klingen, soll aber eigentlich nur bedeuten, sie zu entstigmatisieren. Man hat seinen Wert eben nicht zugleich mit der Lohnarbeit verloren, auch wenn sich die meisten Betroffenen so fühlen, was sich hoffentlich mit der Zunahme der Arbeitslosen irgendwann ändert. Voraussetzung für eine Solidarisierung untereinander ist natürlich eine angemessene Grundsicherung, die FDP hat das erkannt und arbeitet deshalb an einer kräftigen Reduzierung des Sozialhilfesatzes. Pessimismus ist also vielleicht wirklich die realistische Einstellung, aber das ist kein Grund, nicht für das Richtige einzutreten, auch wenn ich verstehen kann, daß man die Lust manchmal verlieren kann. Wenn z.B. alle idealistischen Blogger das Handtuch werfen, sieht das Internet bald exakt so aus wie der größte Teil der Fernsehlandschaft.

    Ich muß unbedingt mal wieder nach Holland fahren.

    • Du hast es auf den Punkt gebracht. Solange sich der Mensch über bezahlte Arbeit definiert, wird er unter Arbeitslosigkeit leiden. Dass darin auch eine Chance liegt, erfordert ein Umdenken. Das ist schwierig, weil Arbeitslosigkeit mit geselleschaftlicher Ächtung einhergeht. Dein vorletzter Satz erschreckt mich geradezu. Wir wollen hoffen, dass die Zahl der idealistischen Blogger weiter wächst. Schließlich bedeutet Bloggen, Werte zu schaffen, Selbstwert zu finden, Gegenöffentlichkeit herzustellen und vor allem die Bereitschaft, sich unabhängig und unzensiert auszutauschen.

      Du hast es ja nicht weit nach Holland. In dieser Hinsicht habe ich mir durch den Umzug nach Hannover etwas genommen, denn in Aachen lebte ich nur drei Kilometer etwa von der Grenze entfernt.

  12. Was für ein wunderschöner Grafitto! Bitter lächeln musste ich, als ich ihn las.
    Macht er doch in einem Atemzug deutlich, dass der Arbeiter UNTEN auf der Rangordnung angesiedelt ist. Dass sein Streben zu bewahren ist, auf dass die Hoffnung seinen Einsatzwillen (und seine Ausbeutbarkeit) nähren möge. Und dass die existierenden Rang- und Hackordnungen unwiderruflich und nicht hinterfragbar, sondern einfach nur zu akzeptieren sind.
    Schnauze halten! Weiterarbeiten und hoffen, dass der krummgeschuftete Buckel sich irgendwann weit nach oben streckt!

    Dein Eintrag ist wundervoll. Trifft er mich doch gerade mitten ins Herz. Ich strampele seit Jahren in einem Hamsterrad, dessen perfide Rolle mir die meiste Zeit über durchweg bewusst ist. Und sammle gerade all meinen Mut, einfach herauszuhüpfen. Mir das System mal von außen zu betrachten, in dessen Zwängen ich – halb freiwillig – immer verhaftet war.
    Man mag mich dafür belächeln, dass ich mit weit über 30 wieder Ideale entwickle, mögen sie auch unrealisierbar erscheinen. Aber die Fähigkeit zu denken und zu träumen – die kann mir niemand mehr nehmen.
    Wen interessiert schon der Aufstieg auf einer Leiter, deren Existenzrecht ich grundlegend bezweifle?
    Ich habe Interesse an Perspektiverweiterung – und an einem menschlichen Miteinander.

  13. Hihihi. Keiner versteht mich… – Ich bin doch chronischer Hilfsarbeiter, gehöre aber nicht zum “bewussten Teil” der Klasse, chchch; war wieder mehr so fossil witzig…

    Habe Er ein ersprießliches Wochenende!

    Dasselbe (nämlich Fossil)

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