Nachrichten aus der Teppichhausredaktion – Absparen

Hier die Nachrichten„Wir alle haben über unsere Verhältnisse gelebt“, hat Bundespräsident Horst Köhler vor einigen Monaten behauptet. Man muss schon an einer Denkschwäche leiden, das ernsthaft zu sagen oder sogar zu glauben. Zunächst erinnert es fatal an die kindliche Schutzbehauptung, die anderen hätten ja auch und so. Wenn wir alle über unsere Verhältnisse gelebt hätten, dann hieße es doch, dass das unterste Niveau einer menschlichen Existenz in Deutschland,- ein Leben aus Plastiktüten mit Wohnung unter der Brücke – noch nicht zu den Verhältnissen gehört, die wir uns leisten können, auch Herr Köhler nicht oder die anderen neoliberalen Schwafler. Wahr ist, nicht alle, sondern einige Leute leben über unsere Verhältnisse und vor allem über die der nachkommenden Generationen, die ja nun herzlich unschuldig sind am Desaster. Gleichwohl werden sie von dem vereinnahmenden „Wir“ Köhlers in die Pflicht genommen.

Wir wissen, wer die an die Pleitebanken verschwendeten Milliarden bezahlen wird, – nicht nur wir, sondern vor allem unsere Kinder, Enkel und noch ungeborenen Urenkel. Viele Regierungen, auch die schwarz-rote Koalition, haben das Problem auf die Zukunft vertagt, haben die völlig unschuldigen Nachfahren in die Zinssklaverei verkauft und hoffen, die merken es erst, wenn es zu spät ist.

Einige merken es schon jetzt. Die St. John’s Girls National School im irischen Cork hat ihre Schüler brieflich aufgefordert, ihre eigene Rolle Toilettenpapier mit zur Schule zu bringen, meldet die flämische Internetagentur deredactie.be. Der Direktor der Schule teilte mit, das geschehe aus Not, denn die Schule müsse sparen, weil die Regierung das Geld für Schulbücher gekürzt habe. Er vermutet, dass auch andere irische Schulen diese spezielle Form der Notdurftbewältigung in Betracht ziehen müssten.

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43 Antworten auf Nachrichten aus der Teppichhausredaktion – Absparen

  1. Das Toilettenpapier fehlt, weil das Geld für die Schulbücher gekürzt wurde? Über diesen Zusammenhang will ich gar nicht weiter nachdenken.
    Für die Tatsache, dass es an Schulen kein Toilettenpapier gibt musst Du allerdings nicht nach Irland schauen. Das habe ich nämlich schon vor einem Jahr an einer Grundschule in Hannover erleben dürfen.

    • Du meinst, die Schüler müssten sich ihre Schulbücher auf ihr eigenes Toilettenpapier schreiben?

      Wenn das auch in Deutschland so ist, dann sollte man der Bundesregierung Toilettenpapier schicken. Vielleicht auch gleich an die Deutsche Bank als Zinstilgung.

      • Ich dachte eher daran, dass man eine ganze Reihe der sogenannten Schulbücher auch gerne als Toilettenpapier verwenden könnte. Aber das ist ja nicht das Thema.
        Die Bundesregierung wird schon genug haben um sich watteweich den Po zu umschmeicheln. Ich tippe mal auf mindestens 4-lagig.

        • Da kann ich dir leider nicht widersprechen, vor allem, weil viele Schulbücher in den Beständen der Schulen veraltet sind.

          Ich dachte übrigens an einlagiges Recycling-Papier, denn es ist nur symbolisch gemeint und zeigt auch, was wir von dieser Pleitepolitik halten. Leider trifft es dann die mitschuldige SPD nicht.

      • In deutschen Schulen gibt es noch Toiletten ? Ich dachte das wird alles in Tüten und Beutel gepackt.

  2. eine gesellschaft, die sich immer und ständig übers geld definiert wird auch ihre schwächen in geld-terminologien versuchen zu erklären, dabei ist es einfach nur eine bloßlegung ihres billigen charakters… du ahnst nicht, wie sehr ich täglich damit konfrontiert bin… es ist eine schande!

      • ich muss kurz lachen, weil ich das schon so oft machen wollte, aber es ist mir einfach zu nahe, und ich müsste zu viel dazu erklären, dass ich es immer wieder weggeschoben habe. außerdem hat es mit schweden zu tun und ich glaube, ich würde vielen ihre romantische sicht auf das land verderben.

        kurz zusammengefasst: wenn es um schulen und geld geht ist meine sichtweise die, dass erst jahrelang an allen ecken und enden eingespart wird – aber dann das 100-fache des eingesparten geldes plötzlich in eine umfassende und völlig unpädagogisch motivierte digitalisierung der schulen gesteckt wird. diese digitalisierung ist in den schwedischen schulen weitaus umfassender als in deutschen einrichtungen. wo diese gelder dann herkommen, ist mir immer ein rätsel geblieben, da ja angeblich keines da ist. aber natürlich kann man sich die lösung denken: geld ist in ländern wie deutschland und schweden und usa und einigen anderen der sogenannten ersten welt auf alle fälle da, doch es wird oft auf unsinnige weise an falschen stellen verschwendet. ich glaube, das ist ein symptom der überfluss-gesellschaft.

  3. Ja, der Hotte ist schon ein lustiger Geselle. Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass er bescheuert ist, müsste ich glatt annehmen, dass er einfach nur unverschämt ist.

    • Manchmal bin ich mir nicht sicher. Vielleicht hat ihn das Amt auch ein bisschen geläutert. Das will aber nicht viel heißen, denn er ist in erster Linie Repräsentat dieses Systems. Vor einem Jahr wurde überall gerufen, “es ist eine Systemkrise!” Davon spricht jetzt kaum noch einer, sondern man will weitermachen wie bisher. Was kann da ein Köhler ausrichten.

      • Wenn er geläutert sein sollte, würde ich allerdings erwarten, dass er auch Tacheles hinsichtlich der Fehler redet, die er in seinen früheren Funktionen gemacht hat. Soweit ich das verfolge, redet er aber komischerweise immer nur von den Fehlern, die „wir“ gemacht haben, wie Du oben richtig anmerkst. Und ich vermute, dass es kein Pluralis Majestatis ist.
        Es mag natürlich sein, dass er sich abends vor seinem Badezimmerspiegel ein wenig schämt, es wäre aber kaum zu viel verlangt, wenn er das auch öffentlich machen würde. Das könnte nämlich ein kleines Zeichen sein, damit der weiterhin an der Oberfläche schwimmende neoliberale Mist endlich absäuft.

        • Ja, da hast du freilich recht. Möchte gar nicht wissen, was er zu verantworten hat aus seiner Zeit bei der Weltbank.

          Jetzt hast du ihn quasi damit beauftragt, alles zu reflektieren und offenzulegen. Das wäre wohl ein einmaliger Vorgang. So kommt man in die Geschichtsbücher.

        • Reden kann er ja viel, handeln hingegen so gut wie überhaupt nicht.

          • Er selbst kann natürlich nicht mit der Axt im Bankenwald herumholzen („Rambo Köhler“), aber er ist in der Position, die Richtung des politischen Diskurses zu forcieren.
            Aber gut, wenn er öffentlich sagen würde, an welcher Stelle der Fisch stinkt, dann wäre die gute Laune vermutlich dahin, wenn er einem Element der republikanischen Pseudoelite mal wieder ein unverdientes Bundesverdienstkreuz überreichen muss.

  4. Hätte er gesagt, “einige in unserem Land haben über ihre Verhältnisse gelebt”, dann hätte sich ein Großteil derer, die dies wirklich getan haben, gar nicht angesprochen gefühlt – mal abgesehen davon, dass einer, der über seine Verhältnisse lebt sich ohnehin einen Kehricht um Köhlers Sonntagsreden schert.

    Es blieb ihm aus diplomatischer Sicht ja fast nichts anderes übrig als aus der Schuld einiger maßlosen eine Kollektivschuld zu formulieren. Sind wir Deutschen nicht ohnehin ein Volk kollektiver Sünder? … Nein, ich möchte an dieser Stelle keinesfalls jammern, aber irgendwie ist es schon allmählich unerträglich, sich andauernd Schuhe anziehen zu müssen, die einem nicht gehören. Man kann sich bemühen, sich anstrengen, seinen Kindern ein Vorbild sein und doch ist scheinbar alles umsonst: Papa, du bist auch schuld … Na Prima!

    Vielleicht stimmt es ja auch irgendwie, denn wer nicht dagegen ist, ist schließlich irgendwie dafür … (habe ich das nicht vor ein paar Tagen schon wo anders geschrieben … ? )

    Ich gehe jetzt in Sack und Asche und lebe unter meinen Verhältnissen, vielleicht kann ich dann wenigstens noch etwas kompensieren…

    • Hör auf, ich heule gleich. Solch diplomatische Zwänge aber auch. Armer Bundespräsident. Wenn man ihm doch nur gestattet hätte, Namen zu nennen, hätte er nicht “Wir alle” sagen müssen.

      Du schlägst also vor, wir sollten alle unter Brücken schlafen, so ist dann die Krise bald bewältigt? Wenn Köhler damit anfängt, mache ich auch mit.

      • Ja, sniff, genau, schluchz …
        Nur leider müssen wir diese Brücke erst bauen. Ich sehe es schon:

        “In einer gewaltigen, geschichtlich einmaligen Kraftanstrengung, wird sich das Deutsche Volk Seite an Seite, Vereint im Schweiße seines Angesichtes aus dem Staub dieser Krise erheben und in einem noch nie dagewesenen Akt der Selbstaufabe eine Brücke gebären, die die Großartigkeit Deutscher Ingenieurskunst in einer Weise zum Ausdruck bringen wird, die die restliche Welt in ehrfürchtiger Andacht schweigend davorstehen und voll Anerkennung und Respekt auf dieses tapfere Volk aufsehen lässt. Auf ein Volk, dem es gelungen ist, eine 68km breite Brücke aus Kruppstahl und deutschem Beton aus dem Boden zu stampfen, unter dem das gesamte Deutsche Volk von da an hausen wird. Deutschland, ich bin stolz auf dich!

  5. „Wir alle haben über unsere Verhältnisse gelebt“ und die müssen wir jetzt enger schnallen. Mit einem Gürtel. Den wir uns jetzt aber erst noch kaufen müssen. Damit die Binnennachfrage zuvor nicht zusammen bricht.

    Und dann noch:
    Ein Volk, welches über dessen Verhältnisse lebt, geht so etwas überhaupt? Denn hat es über Verhältnisse gelebt, dann sind es Verhältnisse, über die es leben muss. Ein Paradoxon oder doch nur ein rhetorisches Perpetuum mobile zweiter Art?

    Der Satz erinnert mich an die Frage, ob Gott einen Stein erschaffen kann, den er NICHT heben kann, um seine Allmacht zu beweisen.

    Die Antwort ist mathematische eine leere Menge. Ergo ist der Köhlersche Satz ein Luftpumpensatz ohne Luft zum Pumpen. Aber Hauptsache pumpen.

    Damit kennt sich ja ein ehemaliger Sparkassensachbearbeiter ja immer aus …

    • :) ) Wenn wir alle einen Gürtel kaufen, haben die Chinesen wenigsten was davon. Der Ladenleerstand in den Städten ist dann auch vorbei. Überall stehen vor den Türen chinesische Gürtelhändler.

      Du hast Recht, man kann nur in den Verhältnissen leben und nicht darüber oder darunter. Diese Metapher ist nicht logisch, aber man versteht sie: Über die eigenen Verhältnisse leben, – sich mehr nehmen als man hat. Und das ist bekanntlich Diebstahl. Da du und ich den Staat nicht um Milliarden beklaut haben, müssen wir gucken, wer dann.

  6. Er hätte sagen müssen, viele haben mächtig auf Kosten anderer gelebt und tun das immer noch.

  7. Er hätte sagen müssen, viele haben mächtig auf Kosten anderer gelebt und tun das immer noch.

  8. Was geschieht, wenn wir hier auf Zynismen und Sarkasmen verzichten?

    Vielleicht schaffen wir es ja doch, unseren Schmerz, unseren Ärger, unsere Verzweiflung zu formulieren, unsere Betroffenheit darzustellen und Ideen zu sammeln und Wege zu zeigen, wie wir etwas verändern können.

    • Du hast Recht. Die Frage ist: Wo bleibt das Positive? Das Internet quillt über vor Kritik an den Verhältnissen und an den sog. Eliten. Da ist viel Bitterkeit. Wir brauchen auch Gegenentwürfe. Einen veröffentliche ich gleich.

  9. Was geschieht, wenn wir hier auf Zynismen und Sarkasmen verzichten?

    Vielleicht schaffen wir es ja doch, unseren Schmerz, unseren Ärger, unsere Verzweiflung zu formulieren, unsere Betroffenheit darzustellen und Ideen zu sammeln und Wege zu zeigen, wie wir etwas verändern können.

  10. Sehr schöner Artikel, vielen Dank.

    Gleichwohl werden sie von dem vereinnahmenden „Wir“ Köhlers in die Pflicht genommen.

    Schöner und treffender KANN man nicht formulieren, warum diese Wortwahl so perfide ist.
    Nicht nur, dass Gewinne individualisiert und Verluste solidarisiert werden – nein, jetzt wird auch noch die Schuld Einiger an der Misere auf die Köpfe Aller solidarisiert, unabhängig von deren Motivation und Profit an der verquasten Situation.

  11. Lieber Jules,

    wie wäre es, wenn wir einen eigenen Teppichhaus Eintrag mit Bildern und filmischen Sequenzen von den Schultoiletten der Schulen unserer Kinder machten?

    Dann hätten wir eine – wenn auch äußerst subjektive – Dokumentation der Zustände.

    Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn lauter wunderbare Bilder von Hochglanz-Vorzeige-Toiletten zusammen kämen – ich denke aber, das Ergebnis wird uns ernüchtern. Vielleicht können wir aus dem kommentierenden Zynismus in eine aktive und konstruktive Rolle der Kritik übergehen.

    Dann gäbe es auch ein authentisches Wir – zumindest hier im Teppichhaus.

    Grüße vom Lars

    • Lieber Lars,

      die Fotos könnten in der Reihe “Ethnologie des Alltags” erscheinen. Aber es muss sie auch jemand machen. Da ich selbst nur noch selten in Schulen unterwegs bin, müssten die Eltern schulpflichtiger Kinder ran. Das Thema behalte ich mal im Auge, vielleicht hören wir bald, dass es an deutschen Schulen ähnlich zugeht wie in Irland. Schulbücher werden ja von den Kommunen finanziert, und viele sind pleite und sparen an allen Ecken.

      Beste Grüße
      Jules

  12. Lieber Jules,

    wie wäre es, wenn wir einen eigenen Teppichhaus Eintrag mit Bildern und filmischen Sequenzen von den Schultoiletten der Schulen unserer Kinder machten?

    Dann hätten wir eine – wenn auch äußerst subjektive – Dokumentation der Zustände.

    Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn lauter wunderbare Bilder von Hochglanz-Vorzeige-Toiletten zusammen kämen – ich denke aber, das Ergebnis wird uns ernüchtern. Vielleicht können wir aus dem kommentierenden Zynismus in eine aktive und konstruktive Rolle der Kritik übergehen.

    Dann gäbe es auch ein authentisches Wir – zumindest hier im Teppichhaus.

    Grüße vom Lars

  13. Nun, dann ist ja mal gut, das “Experten” in Deutschland schon jetzt fordern, das staatliche Leistungen in Zukunft bezahlt werden müssen.

    “Sani-Fair” kann sich ja auch bei Schultoiletten durchsetzen und erhöht dann den Konsum am Schulkiosk.

    Und wenn Schulbesuch dann selbst auch kostenpflichtig wird, dann haben wir das Toilettenproblem endgültig gelöst.

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