Abendbummel – Von West nach Ost mit Blick nach oben

Seit fünfeinhalb Monaten lebe ich jetzt in Hannover und bin beständig dabei, mir eine innere Landkarte meiner neuen Heimatstadt zu erstellen. Sie hat zum Glück noch einige weiße Flecken, andere Bereiche heben sich nur schwach hervor, doch es gibt auch schon Flecken, die ordentlich erkundet sind. Das Entstehen der inneren Landkarte bildet ziemlich genau den allgemeinen Denkprozess ab. Es entwickelt sich eine Struktur aus verschiedenen Eindrücken. Und indem diese Struktur wächst, bezieht sie ständig kleinere und vereinzelte Strukturen in sich ein. Ich fahre eine mir unbekannte Straße entlang, und plötzlich stößt sie auf einen Platz, den ich bereits von einer anderen Seite durchquert habe. Schon fügt sich eins ans andere.

Wozu ungezählte
Menschen am 4. Mai 2009 gegen 15:30 Uhr in Hannover unterwegs waren, das würde Bibliotheken füllen. In einer solchen Bibliothek war ich heute unterwegs, und mein Grund war recht einfach: Ich wollte die Stadt genau von West nach Ost mit dem Fahrrad durchqueren. Dazu musste ich oft von den Hauptwegen abweichen und Passagen suchen. Auf diese Weise geriet ich immer wieder in Straßen, die abseits des rollenden Verkehrs liegen, wo mehr Ruhe ist und Verweilen, Straßen mit prächtig zurückliegenden Patrizierhäusern und hübschen Eckcafés. Da blühen Flieder und anderes Gehölz in den Vorgärten und die Bürgersteige sind sauber gestäubt mit Blütenblättern. Es stören keine verrottenden Beilagen aus Anzeigenblättern wie in meinem Viertel.

Man kommt sich
in solchen Straßen ein wenig wie ein Eindringling vor und fragt sich nach dem Inhalt der Bücher, die in diesem besseren Teil der Bibliothek fortgeschrieben werden. Sie ist weitgehend unzugänglich für Unbefugte. Daher dringt der Inhalt dieser Lebensbücher kaum nach draußen. Die Reichen und Begüterten unserer Gesellschaft sind in der öffentlichen Wahrnehmung eine abstrakte Größe. Was sind das für Leute? Wie leben Sie? Was treibt sie um? Darüber weiß die breite Öffentlichkeit erstaunlich wenig, denn es wäre Humbug zu glauben, man erführe darüber etwas Genaues aus der Klatschpresse. Die meisten Reichen halten sich fern von solchen Publikationen.

Längst kann man davon sprechen, dass unsere gesellschaftlichen Schichten sich einem Kastensystem annähern. Das Ideal einer demokratischen Gesellschaft ist ja die Durchlässigkeit der Schichten. Von diesem Ideal entfernen wir uns zunehmend. Der Aufstieg von der Unter- in die Mittelschicht ist ungemein schwierig. Da existieren keine Lifte. Wer das schaffen will, muss kraxeln, ein Seil am Haken hochwerfen und sich aus eigener Kraft empor schieben. Das verlangt einen langen Atem und die Fähigkeit zu beißen, vor allem auf die eigenen Zähne.

Aus der Mittelschicht in die Oberschicht zu gelangen ist nicht weniger schwierig. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: sich, etwas oder andere bedingungslos zu verkaufen oder eine angesagte Kunst zu betreiben. Wie es weiter oben zugeht, wie sich die Oberschicht differenziert und welche gesellschaftlichen Mechanismen dort wirksam sind, kann ich leider nur ahnen. Es wäre ein interessantes ethnologisches Thema, das zu erhellen.

Guten Abend

Ach ja, zurück bin ich durch den Stadtwald, die Eilenriede, gefahren, wo jedermann sich mit gutem Recht aufhalten darf.

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Abendbummel – Von West nach Ost mit Blick nach oben

  1. Interessante Frage. Du hast den Schichtwechsel/Aufstieg durch Heirat nicht erwähnt. Problematisch, da gebe ich dir recht, ist die nachlassende Durchgängigkeit von der Unter-zur Mittelschicht. Das geht klassischer Weise dadurch, dass die Kinder, motiviert durch ihre Eltern, einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern erwerben. Ich glaube, dass das heute seltener geschieht.
    Was die Oberschicht betrifft: nach meiner Einschätzung gibt es da zwei Klassen, A. und B. B.-Klasse, das sind die Neureichen, die Geld, aber noch keine Kultur und Tradition haben. A.-Klasse ist der klassische Geld-/Bürger-/Familienadel. Zwischen Mittel-und Oberschicht stehen die „oberen 10.000“ einer Stadt/Region, eine Gruppe, die sich aus diesen beiden Schichten speist und den größten faktischen Einfluss auf die entsprechende (Teil-) Gesellschaft entwickelt. Keine Ahnung, wer das in Hannover ist, aber der Präsident von Hannover 96 gehört in jedem Fall dazu. 😉

    • Der Aufstieg durch Heirat fällt bei mir unter „sich bedingungslos verkaufen“. Ausnahmen bestätigen die Regel.
      Deine Differenzierung der Oberschicht nehme ich mal als Arbeitshypothese. Bald werde ich ein Ethnologieprojekt zum Thema anschieben.

  2. Eine Radtour mit dir ist jedes mal aufs Neue anregend.

    Mir fallen bei Blütenblättern gesäumten Wegen ganz andere Dinge ein. Märchenhafte, romantische.
    Und schon werd ich aus meinen Tagträumen zurück ins wirkliche Leben gerissen.

    Ich geh jetzt träumen und keiner wird es wagen …
    Gute Nacht mein Freund,

    Jule

    • Und ich freue mich immer über deine Begleitung, liebe Judith, besonders wenn du auf Aspekte verweist, die ich nur streife.

      Schöne Grüße aus Hannover,
      Dein Jules

  3. Ich mußte gleich an „Derrick“ denken, eine Krimiserie, die ja gern im gehobenen Milieu spielte und uns Zuschauern zeigen sollte, daß es da auch nur allzumenschlich zugeht (also Mord und Totschlag, Neid und Gier und Eifersucht) und wir uns beruhigt zurücklehnen konnten: Geld macht also auch nicht glücklich, also alles nicht so schlimm. Reine Propaganda.
    Aber wie kann man dieser Schicht/Klasse ethnologisch auf die Schliche kommen, ohne Insider zu sein?

    • Über deine Frage denke ich eine Weile schon nach. Zunächst gelte es, Beobachtungen und Erfahrungen zusammenzutragen.
      Besser noch wären Verräter aus diesen Kreisen.

  4. ich bin ja eher so ein mehrschichtiger typ…schon alleine vom gewicht her..
    schichten,ob nun oben unten oder in der mitte,sind letztendlich alle gleich…nur die finanzkraft macht den unterschied,aber wir wissen ja alle,das geld nicht glücklich macht,nur etwas ruhiger vielleicht..
    und überhaupt,die oberschicht ist bei gott nicht sehr erstebenswert, da lebt man mehr für andere als für sich selbst…sein und schein…man kann auch ganz unten glücklich und zufrieden sein, sofern man auf schläge und tritte steht..
    ich zumindest lasse jedem seine illusion…obwohl

    • Mehrschichtig vom Gewicht her, wie muss ich mir das vorstellen, etwa wie ein Doppel-Whopper?

      Ich glaube schon, dass es große Unterschiede in der Lebensqualität gibt. Die Schläge und Tritte werden ja von oben nach unten weitergegeben.

      • mag sein aber jede schicht hat ihren reiz wie auch schwachstellen…das ist eh ein pauschaltouistenthema was über (achtung!)kurz oder lang beim friseur enden wird,eben bei kämmen und scheren ;D

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*