Abendbummel online – Spezialisten und Alleskönnerinnen

Meister Wolf hat seine Matte vergessen, die er vor meiner Spüle ausgebreitet hatte, um die Wasseranschlüsse zu legen, wozu er sich rücklings in die Spüle schob und somit bequem hantieren konnte. Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, es auf diese Weise zu machen. Die unzähligen Kniffe und Tricks der unterschiedlichen Handwerke kann sich eben ein Mensch allein nicht ausdenken. Sie gehören quasi zur ständig wachsenden Bibliothek handwerklicher Erfahrungen, die vom Meister über den Gesellen an den Lehrling weitergegeben werden. Ich hatte freilich gedacht, ein Installateur kann so ziemlich alles, was irgendwie mit Küche und Bad zu tun hat, doch als er mir noch half, die Hängeschränke zu befestigen, meinte er, das sei ja eigentlich die Arbeit von Küchenbauern. „Ich bin Thermenflüsterer“, sagte er, und daher öffnete er auch einmal die Klappe der Therme und schaute einfach so hinein. Was er meiner Therme geflüstert hat, weiß ich nicht, doch seither ist es wärmer in meiner Wohnung, was freilich auch an gestiegenen Außentemperaturen liegen kann.

Die Löcher für die Hängeschränke bohrte er einhändig, denn mit der anderen hielt er ein Kehrblech drunter, damit der Staub sich nicht überall verteilte. Da sagte ich ihm, ich würde immer einen offenen Briefumschlag unter die zu bohrenden Löcher kleben, dann hätte ich beide Hände frei. Er hörte aber nicht auf mich, denn ich bin ja gelernter Schriftsetzer und kein Küchenbauer. Drum bin ich jedoch nicht traurig, denn wenn ich sagen würde, dass ich den Umgang mit dem Schlagbohrer und das Wuchten von Schränken hasse, dann wäre das mindestens leicht untertrieben. Ich krieg die Krise davon, will sie aber auch „nicht überdramatisieren“, hehe.

Mein eigenes Handwerk ist museal, weshalb ich ihm als junger Mann schon den Rücken kehrte. Trotzdem kann ich noch immer kleine Abstände gut einschätzen, denn im Bleisatz arbeitete man mit dem typografischen Maß, das feiner ist als das Dezimalsystem. Im Alltag hilft mir das wenig. Wenn ich zum Beispiel im Supermarkt sage: „Rücken Sie bitte ein Cicero zur Seite, dann passt’s!“, wird die Mutter mit dem Kinderwagen verächtlich schnauben und ihr Kind ostentativ mindestens um vier Konkordanz verstoßen.

Mütter mit Kinderwagen machen nur ungern Platz. Sie schauen einem trotzig zwischen die Augen, und du liest: „Ich habe auch Rechte. Was glaubst du, wie viel Arbeit ein Kind macht, und was ich alles bedenken musste, bevor ich mich samt Kind und Kinderwagen auf den Weg zum Einkauf gemacht habe. Dann ist überall kaum durchzukommen, Autos parken die Gehwege zu, ich muss Mülleimer umkurven und Alte mit Rollatoren vorbeilassen, muss stumpfsinnige Jugendliche um Durchfahrt anbetteln, und jetzt kommst du mit deinem überdimensionierten Einkaufswagen, hast nur für dich und dein müßiges Leben zu sorgen und kannst nicht mal warten, bis ich meine überaus mühseligen Verpflichtungen erledigt habe. Die Welt ist voller Kinderfeinde. Eltern werden in unserer Gesellschaft viel zu wenig geachtet. Aber wir haben ja keine Lobby, dabei ziehen wir die Rentenzahler der Zukunft groß. Dazu muss ich tausend Sachen können, brauche praktisches Handgeschick und Organisationstalent. Und was überhaupt ist ein Cicero? Bist du irgendwie Ballaballa?“

Da hat sie mit fast allem Recht, nur die Frage erlaube ich mir vorläufig zu verneinen. Wenn ich aber Schlagbohrer, Dübel und Schrauben nicht bald in die Ecke packen kann, dann, Köhler, alter Schwafelhannes, wird man sagen, die „Krise“ wär‘ noch unterdramatisiert. Ich kann auch hauen.

Guten Abend

P.S.: Wie versprochen, ein weiteres Cartoon:
Grandios

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24 Kommentare zu Abendbummel online – Spezialisten und Alleskönnerinnen

  1. Wir Intellektuellen sind für solche Dinge einfach nicht geeignet!

  2. Das ist wohl eine der Eigenheiten, an denen man den Geistesarbeiter erkennt: er macht unverdrossen und froh Handwerksmeistern so Vorschläge; wenn die Erde einen Aten hätte, sie würde ihn ja anhalten…

    Ha! – Schon wieder diese Synchronizitätlichkeiten! Eben lese ich (ich kann lesen, obwohl ich Mitti bin, aber auch das erwähnte ich wohl schon), dass schon jemand auf die Intellektuellenbogen anspielte.

    Ach ja… Ich glaube, Mütter mit Kindern wollen einfach nur immer noch und weiterhin als Frauen wahrgenommen werden; lassen wir das, ich habe da gefehlt…

    Depressive Grüße vom

    (infolge eigener Blödheit wieder einmal immer noch nicht wieder vernetztem) Dino

    PS: Offenbar wirkt Bloggen auch oder gerade im Unbewussten: neuerdings kaufe ich nicht nur zwar nicht immer, aber immer öfter bei Aldi (Süd), sondern sogar dortselbst gar Rotwein…

    • Ach, lieber Graphodino, was ist nur geschehen, dass du schon wieder ohne Internetverbindung dastehst?

      Meinen Briefumschlagtrick kann ich jedoch empfehlen, falls du wieder umziehst oder umgezogen bist, denn wie gesagt, ich habe auch ein Handwerk gelernt, kann sogar meinen Gesellenbrief vorweisen.

      Ich dachte mir schon, dass du wieder etwas Ähnliches über Intellektuelle schreiben würdest, denn ich kenne ja inzwischen deine Ideen zu diesem Thema.

      Jedenfalls hoffe ich, dass du bald mal irgendwo zur Ruhe und zum regelmäßigen Schreiben kommst, das ist ja auch ein Handwerk, zum Teil jedenfalls.

      Herzlichst,
      Dein Trittenheim

      • Nichts ist geschehen, es hat(te) nur die übliche Selbstsabotage statt (in paar Tagen lagere ich mich draußen vor die Haustür, damit ich nicht wieder den Monteur verpasse)…

        Ach ja… Hoffe ich auch. Danke! Es sollen sich ja auch noch mit 72 Leute geändert haben, indem sie zum Beispiel „Zur Ruhe kommen“ durchaus realisierten…

        Was is‘ ’n das???

        Ich wünsche Dir einen rekreatiefsinnigen Sonntag!

        Herzlichst,

        Dein Dino

  3. Was liest du auch in den Augen von jungen Müttern –
    was da drin steht ist doch nicht für dich gedacht 😉

    aus dem Alter für manche Sache bin ich auch raus –
    aber eweng Heimwerken pack‘ ich grad noch ohne Krise

    aber du hast ja Freundin Theo um die Ecke
    hab‘ irgendwo gehört das die gern bastelt

    mach halt langsam wenn Heizung, Kaffemaschine und Kühlschrank erst mal laufen hat der Rest doch Zeit

    mlg reinhold un träum nicht zuviel :>

    • Es ist zwanghaft, das Lesen in Augen und überhaupt. Du machst es gewiss auch. 😉

      Tatsächlich hat Theo mir sehr geholfen. Ich läge noch Wochen mit allem zurück, ohne ihren tatkräftigen und kompetenten Einsatz. Doch manches muss und will ich auch selber machen, zumal man ja niemanden überfordern darf.
      Es geht jetzt voran. Die Küche war das Schwierigste, weil man eben einen Handwerker für die Anschlüsse braucht.

      Lieben Gruß
      Jules

  4. :)) sehr schön…jules….

    so, ich muss mich erst mal sammeln, der überdramatisierte schwafelhannes brachte mich leicht aus der fuge… aus der zentrifuge? na, egal.

    im übrigen stimmt es tatsächlich! mit dem augenmaß, meine ich nun: ständig liege ich bei meinen schätzungen in der schätzrunde vorn.

    wenn herr jauch einmal einen längenmaßabend einschiebt, werde ich mich anmelden 😉

    …. und das bildchen gefällt mir gut, durch den aquarellcarakter wirkt die zudecke ausserdem schön weich.

    bis denne alles liebe, und guten abend, jenne

    PS: nun bin ich seltener gast aber neugierig geworden: es gibt noch weitere bildchen!….

    • Das gute Augenmaß habe ich wie gesagt nur bei kleinen Abständen, wenns um typografische Punktgrößen geht bis zu den Längen der gängigen Regletten, also etwa 28 Punkt.

      Die Zeichnung habe ich übrigens mit Feder, Pinsel und Tinte gemacht, der Vordergrund ist stark gewässert. Derzeit zeichne ich gar nicht, weil ich mir die Ruhe nicht gebe. Vielleicht motivert mich deine hübsche Online-Bildgeschichte:
      http://hannah-von-oben.blog.de/

      Schöne Grüße aus Hannover
      Jules

      • …derzeit feile ich noch fleissig an der geschichte und den dazugehörigen bildchen… (einige wanderten heute in den stapel für abgelehnte skizzen 😉 )

        ich wünsche dir/euch ein schönes wochenende, vielleicht auch mit ein wenig ruhe, wenn sie denn erwünscht ist.

        liebe und abendliche grüsse.
        jenne

  5. da hab‘ ich als diplomierter profihausmann ja direkt glück gehabt: die handwerklichen tätigkeiten gehen flink und geschickt von der hand, einkäufe mit kinderwagen werden zum fröhlichen outdoor-event und die hausarbeit erledigt sich so ganz nebenbei!
    im supermarkt wird einem der rote teppich ausgerollt, rentnerinen springen vor entzücken beim anblick eines kinderwagenschiebenden papas freiwillig aus ihren rollatoren um den weg frei zu geben für das süße kleine und den noch süßeren papa. wird einer pampig spuckt das süße kleine wie auf kommando zur strafe den sabrig süßen mundinhalt bestehend aus einem gut durchgekauten labbrigen brezenstück direkt auf die hose des aggressors – das klappt tadellos, wir haben es zuhause minutiös einstudiert…
    und dedramatisierende pflichtreden (hat das nicht eigentlich angie schon fast identisch in ihrer neujahrspredigt verkündigt?) dringen gar nicht an mein ohr, dafür sorgen benjamin blümchen und pumuckl. zum lesen bleibt keine zeit, ich muss ja alle blogeinträge lesen …
    ja ja, wir väter: http://www.deezer.com/track/2485742

    ach, moment, meine kleine kann ja schon selber laufen und geht in den kindergarten. ich gehe inzwischen wieder alleine einkaufen und schiebe mich an müttern mit ihren kinderwägen vorbei. die glauben wohl alle, dass sie ihre protzkarren überall ungestraft abstellen dürfen …

    übrigens: wer alles selber macht schadet der wirtschaft!

    • na, ich will ja nicht unhöflich sein … habe doch glatt die grüße vergessen …

      viele grüße, verQuert

    • Das klingt ja alles wunderbar leichthändig- und füßig, geradezu märchenhaft. Und das Kind hilft tatkräftig mit, das nenne ich gute Erziehung. 😉 Übrigens habe ich das alles viermal mitgemacht, allerdings nicht als Hausmann. Als mein jüngster Sohn dann auch die Schulzeit hinter sich hatte, dachte ich, es war schön, als die Kinder klein waren, macht aber viel Arbeit.

      Schönen Gruß
      Jules

  6. Thermenflüsterer…… tolles Wort !

    Schönes Wochenende
    LG
    Tara

  7. Stell dir vor, du stehst im Baumarkt und verlangst eine vierzig Konkordanz lange und vier Cicero, 3 Punkt breite Latte – die weisen dich ein (oder halten dich für einen Triebtäter)
    😉

    • Da hol ich mal mein Triebtäter-Typometer:

      1 Konkordanz = 18,048 mm nach Didot.
      18,048 mm x 40
      ————–
      = 721,92 mm
      ————–

      4 Cicero (1 Konkordanz) = 18,048 mm
      1 Punkt = 0,376 mm
      3 Punkt = 1,128 mm

      18,048 mm
      + 1,128 mm
      ————-
      = 19,176 mm
      ————-

      Lattenmaß: 721,92 mm x 19,176 mm x 0 mm

  8. als bekennder grobmotoriker halte ich mich aus den maß-sachen gerne heraus 😉 , danke für den cartoon und möchte lediglich anmerken, das ich seit längerem für eine waffenscheinpflicht für kinderwagen bin…

  9. als gelernter sanitär installateur und mehrjähriger kinderwagenschieber sage ich…es geht auch anders 😉

    *das mit dem briefumschlag kenn ich,hält aber leider nicht so gut…ich nehme dann immer einen staubsauger

    • Gewiss, aber es sind ja nicht alle Kinderwagenschieber auch gelernte Sanitär Installateure. 😉

      * Man muss einen Klebestreifen nehmen, damit der Umschlag hält.

      • das sind 2x dinge umschlag/klebestreifen
        ein staubsauger ist nur ein ding 😉
        hm…allerdings macht so ein staubsauger ja wesentlich mehr lärm als so ein umschlag :roll:..aber fällt er herunter,muss man den staubsauger holen zum aufsaugen 🙄 ein umschlag braucht keine steckdose…alternativ könnte man aber auch einen akkusauger nehmen 🙄 gar nicht so einfach,das löcher bohren…ach hätte ich doch nur studiert…

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