Abendbummel online – Füße am Himmel

Eigentlich wollte ich etwas über die Religion der Karpfen im Maschsee schreiben. Sie müssen sich letztens schwer gewundert oder sogar geängstigt haben, und das beängstigend Unerklärliche steht bekanntlich am Anfang aller Religionen. In der Tagesschau wurde vergangenen Freitag ein Mann gezeigt, der mit einer Motorsäge einen dicken Block aus der Eisdecke des Maschsees schnitt. Der Eisblock sah aus wie ein Pflasterstein und hatte mehr als 13 Zentimeter Kantenlänge. Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) hatte daraufhin persönlich das Betreten der Eisdecke erlaubt, wozu er sich ans Nordufer begab und eigenhändig eine Flagge mit dem Stadtwappen hisste, zweimal sogar, einmal für die Hannoveraner und einmal für die Medien.

So kam es, dass sich der Himmel der Maschseekarpfen am Samstag unter Tausenden Paar Füßen verdunkelte, unter anderem auch durch meine und durch die wesentlich zarteren von Theobromina. Glücklicherweise haben Karpfen so gut wie gar kein Gedächtnis, und da der Karpfenhimmel mittlerweile dabei ist, seinen üblichen Aggregatzustand wieder anzunehmen, vergessen die Karpfen das Anbeten der Füße, und die jüngst populär gewordenen Karpfenpriester werden von allen Seiten wegen ihrer Torheiten gestupst. Es ist nämlich nicht wirklich segensreich zu glauben, die Welt schlüssig erklären zu können, was für Karpfen gilt wie für Menschen. In Wahrheit ist alles ganz anders. Und zwar grundsätzlich.

Guten Abend
Down under

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

46 Kommentare zu Abendbummel online – Füße am Himmel

  1. Die „Bild-Hannover“ hat inzwischen sogar geschlagzeilt, Herr OB Weil habe nun endlich das Salzstreuen in der ganzen Stadt erlaubt! Da ich allerdings keine Frühstückseier zu essen pflege, hatte es mir, ehrlich gesagt, noch gar nicht so besonders gefehlt…

  2. Dein Antipoden-Witz ist mal wieder gut!
    Ach ja welche Religion haben denn die Karpfen? Als Fische müßten sie doch mit dem Christentum konform gehen, das Symbol stimmt schon mal…Vielleicht fiel ein Kreuzschatten auf den Maschsee, da wurden dann tausende von Fischen auf einmal bekehrt. Sehet- die Zeichen!
    4.Mose 11,5 sage ich nur.

  3. Karpfen haben zwar kaum Gedächtnis,
    dafür aber jede Menge Gräten.
    Das macht sie auch nicht sympathischer.

  4. ‚Erstens ist es anders,zweitens als man denkt‘

    fällt mir grad dazu ein, aber das Hauptproblem ist doch wohl das die Priester einem das Denken verbieten wollen –
    das dumme Volk soll einfach nur glauben was ihm vorgebetet wird und nicht hinterfragen oder gar selbständig denken

    • Ja, doch der Mensch strebt ja immer nach Gewissheit, und wo er sie nicht haben kann, denkt er sich eine aus. Am bequemsten ist ein fertiges Weltbild, wie die Religionen es bieten. Darin liegt ihr Reiz, denn man hat Zeit, sich anderen wichtigen Dingen zu widmen, zum Beispiel dem „Zentrifugalbrummball“ (Georges Orwell)

  5. In Wahrheit ist nämlich alles ganz anders…..
    Und manche Erscheinung, die wir uns als Kondensstreifen erklären, sind wahrscheinlich die Kufenspuren irgendwelcher Fische, die man von Autoaufklebern kennt.

    So macht Einer dem Anderen Kratzer ins Weltbild. Klasse!

    Deine Zeichnungen lässt Du viel zu selten sehen.
    Ganz lieben Gruß
    Susanna

    • Bestimmt ist das so, liebe Susanna. Ähnlich: Der kuriose Cargo-Kult in Melanesien, wo man Flugzeuge anbetet, damit sie Güter vom Himmel fallen lassen.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Cargo-Kult

      Derzeit rahme ich einige meiner Bilder neu, und da dachte ich, stell sie mal ins Blog. Morgen kommt noch eines.

      Ich freue mich, wieder von dir zu lesen, und hoffe, es geht dir gut!

      Herzlichst
      Jules

      • Das ist ja interessant!
        Aber letztlich nicht ungewöhnlicher als Auferstehungsprozessionen oder das Läuten von Wandelglöckchen. Nur weiter weg.

        Da lob ich mir den Weltgeist. Der kann alles oder auch gar nix, je nach meiner ganz persönlichen Befindlichkeit.

        Und dabei: Dankeschön, es geht mir gut. Ich hab aber noch gar nicht zum gelungenen Umzug gratuliert. Schön, dass dir dabei deine Bilder wieder in die Hände geraten sind.
        (ist das so?)

        Liebe Grüße an Theobrumm und Danke für Deine wunderbaren Inspirationen

        Bis bald

  6. möchte mich meiner vorrednerin, fr. susanna anschliessen – mehr kartongs (bitte!)

    ansonsten: karpfen blau mit salzkartoffeln 9,80 – tauwetter!
    karpfen

  7. unser schlittschuhteich beherbergt auch karpfen – sogar zwei kois, die mal jemand ausgesetzt haben muss, der keine ahnung hatte vom finanziellen gegenwert dieser tiere.

    daher gehe ich davon aus, dass unsere teichkarpfen shintoisten sind, buddisten oder anflüge des konfuzianismus zeigen. vielleicht aber haben die dort ansässigen neunaugen die beiden aber bereits christianisiert, wobei dann zu befürchten stünde, dass sie eines tages den weg in einen der zahlreichen winterfeiertagskochtöpfe antreten könnten…

    und ja, den boden müsste ich nach alle dem matschwetter der letzten tage auch mal wieder wienern (wienern – komisches wort, ich könnte ihn ja auch grazen oder salzburgern)

    • Hab’s eingesetzt. Deine Überlegungen zur Karpfenreligion finde ich ziemlich schlüssig. Sie wirken recht stoisch, sind also vermutlich wirklich Buddhisten. Und ich finde auch, dass wienern ein ulkiges Wort ist. Hier:
      http://www.etymologie.info/~e/a_/at-ismen_.html
      fand ich das:
      „Neben dem Wienergrün und dem Wienerlack gab es auch einen „Wiener Putzkalk“. Daraus leiteten zum Putzen verdonnerte Soldaten das „Wienern“ ab. Und aus der Kaserne fand der Begriff – wie viele andere – seinen Weg ins zivile Leben.“
      Haste Putzkalk im Haus?

      • nee, hab ich nicht, aber vielleicht tuns ja auch die wiener würstchen, die mein sohn im kühlschrank deponiert hat – speckig genug um den boden glänzen zu machen sind sie ja 😉

  8. Also ich hab vorhin auch alle (Landhaus)Dielen gewienert, damit sich die Holzwürmer heute Mittag wenn unsere vielen Gäste drüberlaufen, den Schuhhimmel ansehen können.

    Vielleicht erkennen sie im medidativen Sohlenprofil ihre Religion?!

    ;D

    • Am Schuhhimmel der Holzwürmer wird es gewiss turbulent zugehen. Richte Linchen bitte meine herzlichen Glückwünsche zum Geburtstag aus.

      Mein ältester Sohn hatte mal Schuhe, unter denen die Biographie und die Philosophie des Schuhmachers stand. Da hatten die Holzwürmer ihre Bibel:
      Biografie unterm Absatz
      (Linoldruck: Trithemius)

      • Carolin, herzliche Glückwünsche vom Jules!

        Ist das der dem seine Schrift ich auf den Postkarten nie lesen kann? Danke!

        Unsere Holzwürmer konnten höchstens Strickmuster erkennen.
        Die Wetterlage liessen keine Schuhe in der Wohnung zu ;D

  9. Es denkt Cyprinus carpio
    ich bin nun wirklich und echt froh,
    dass Oberbürgermeistersche‘
    ich nun nich mehr von unten seh.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*