Alphabetisierung und Alphabetkultur

„Die alphabetische Zivilisation hat sich die Weltherrschaft angemaßt (…) Das Wort ‚Alphabetisierung‘ ist die pädagogische Verbrämung der Kolonialisierung des Denkens und Fühlens im frühen 20. Jahrhundert.“
Ivan Illich


Wer bereits als Kind
in eine alphabetisierte Gesellschaft einbezogen ist, dem fällt es schwer, sich die grundlegenden Implikationen der Alphabetkultur vorzustellen. Zu viele Einzelheiten im Alltag, im kulturellen Leben, im Denken scheinen so selbstverständlich, dass man die Alphabetisierung als Ursache und ordnende Kraft nicht ohne weiteres zu erkennen vermag.

So dominiert eine unreflektierte Wertschätzung des Alphabets,
die sich kaum überwinden ließe, wenn da nicht die Untersucher oraler Kulturen wären, die eine Ahnung von den Denkweisen und kulturellen Möglichkeiten des schriftlosen Menschen geben. Die Nähe zur Natur, deren Achtung durch tradierte Ideen der Nachhaltigkeit, die Wertschätzung der Alten und der vererbten Kenntnisse, das alles sind Qualitäten, mit denen Alphabetkulturen nicht aufwarten können.

Schriftbenutzer bedienen sich einer technischen Methode, die das Denken und Handeln auf höchst eigenartige Weise prägt. Ivan Illich sieht eine „unvergleichliche Absonderlichkeit“ in einer Gesellschaft wie der unsrigen, „die mit ihrem Alphabet sogenanntes ‚Wissen‘ unmenschlich speichern, unsinnlich begreifen und unsinnig anwenden kann.“

Illich erweitert hier Bedenken gegen die Schrift,
die schon von Platon im Phaidros ausgesprochen sind. Allerdings werden diese Einwände bei Platon und all seinen Nachfolgern mit den Mitteln des Alphabets vorgebracht werden, so dass die derart vermittelte Einsicht auch das kritisierte Medium selbst zu adeln scheint. Doch die unabweisbare Erkenntnis, dass die Alphabetschrift als technisches Hilfsmittel neben den Vorzügen auch negative Folgen für unser Denken und Handeln hat, zwingt zu der Frage, wie der pseudoreligiöse Eifer eigentlich zu rechtfertigen ist, mit der die Industrienationen die Alphabetisierung des Erdballs propagieren.

Eventuell wird die vorgebliche Rückständigkeit oraler Kulturen
durch Qualitäten aufgewogen, die den Alphabetkulturen abhanden gekommen sind. Naturgemäß kann der alphabetisierte Mensch derartige Qualitäten allenfalls erahnen. Doch allein die Tatsache, dass durch das technische Medium Schrift auch ein technokratisches Denken und Handeln begünstigt wird, wäre ein Grund zur vorsichtigen Zurückhaltung.

Als die UNO das Jahr 1990 zum „Jahr des Lesens und Schreibens“ ausrief, war damit nicht das Ziel formuliert, die verschiedenen Schriftkulturen der Welt gleichberechtigt zu fördern, auch wurde nicht auf den eigenständigen Wert oraler Kulturen hingewiesen, sondern es ging dabei ganz offen um eine Alphabetisierungskampagne, um die globale kulturelle Nivellierung mit den Mitteln des Alphabets.

So zielt die von der UNESCO-Kommission 1990 veröffentlichte Zahl von weltweit 900 Millionen Analphabeten nicht auf Einzelschicksale, sondern auf Völker und ist damit die unverhohlen ethnozentrische Einteilung der Kulturen in wertvoll (alphabetisch) und wertlos (analphabetisch).

1995 hatte sich die Zahl der Betroffenen bereits auf 950 Millionen erhöht. Zu erklären ist diese rapide Zunahme mit dem raschen Anwachsen der Bevölkerung in Drittweltländern, denn nach der Definition der UNESCO wird jedes Kindlein als Analphabet geboren, wie mit einer modernen Form der Erbsünde belastet. So ist denn auch jeder ahnungslose Buschmann, der mit sich und der Welt im Einklang lebt, ein erklärter Analphabet und müsste demnach beschult werden, was allerdings in sich schlüssig ist, solange man ihm im Auftrag der gierigen Industrienationen die überlieferte Lebensgrundlage nimmt, indem man den Regenwald abholzt. Immerhin gewinnt man in den Industrienationen langsam an Selbsterkenntnis, was sich zum Beispiel im Schimpf vom „ökologischen Analphabeten“ äußert, und diese Verschiebung der Perspektive lässt hoffen.

Eine weltweite Alphabetisierung macht den Planeten unwirtlich und verengt die kulturellen Fähigkeiten der Menschen. Deshalb liegt sie langfristig nicht einmal im Interesse der übermächtigen Alphabetkulturen.

Jules van der Ley

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