Volontär Schmocks Trendkompass – Lauter dumme Leute

“Man soll die Menschen lieben. Eine schwere Aufgabe!”
(Arthur Schopenhauer)

Eine Beleidigung meiner Intelligenz ist die Sherlock-Holmes-Serie, die derzeit von 3Sat gezeigt wird. Holmes und Watson agieren darin in der Jetztzeit, was ganz und gar unpassend ist, denn die Figuren sind Produkte des viktorianischen Zeitalters, in dem deduktives Denken und wissenschaftliche Methoden der Verbrechensaufklärung breiten Leserschichten noch als sensationell verkauft werden konnte. Entsprechend überdreht muss Holmes in der heutigen Zeit agieren, um noch einigermaßen plausibel zu wirken. Vor allem sein arrogantes Getue nervt. Weiß doch jeder denkende Kopf, dass Arroganz die Todsünde wider alle Intelligenz ist. Die Handlung hat zudem derart kindische Fehler und eine tölpelhafte Regie, dass einem das überkandidelte Getue nur noch auf den Geist geht.

Ein Beispiel? In einer Folge hält sich eine Chinesin in einem Gelass eines Museums versteckt. Sie fürchtet, ein Gangster der chinesischen Mafia mit schier unglaublichen Fähigkeiten werde sie ermorden, Holmes spürt sie dank seiner überragenden Geistesgaben auf, und sie holen die Chinesin hervor. Da hören sie verdächtige Geräusche im Museum. Holmes stolziert wie irr durch die Räume, um den Verursacher zu finden. Irgendwann beschließt Watson, er müsse Holmes jetzt helfen, lässt die Chinesin allein und rennt blindlings hinterher. Wenig später finden sie die Chinesin ermordet vor. Holmes zieht ein Gesicht, das uns sagt, er habe das geahnt. Ach? Der Zuschauer hat sogar gewusst, wie solche Szenen in schlechten Filmen seit Jahrzehnten ausgehen. Weitere Beispiele möge man mir ersparen.

Offenbar sind die Drehbuchautoren ihrer Figur Holmes nicht gewachsen, nämlich selbst nur von jener erbärmlichen Durchschnittlichkeit, auf die ihr eigener Holmes spuckt. Im Interesse der literarischen Vorlage bitte ich darum, die Serie in einem hintersten Kellerarchiv verrotten zu lassen.

Eine unbedachte Äußerung hat dazu geführt, die Träger des Vornamen Kevin zu stigmatisieren. Im Jahr 2009 wurde vom Spiegel eine Studie der Lehramtsabsolventin Julia Kube bekannt gemacht. Sie hatte in ihrer Masterarbeit 2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. Ergebnis war, dass Lehrer die Träger bestimmter Namen für intelligenter halten als andere. Eine Lehrerin hatte beim Namen Kevin vermerkt: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, was die findigen Köpfe in der Spiegelredaktion sogleich für eine gute Überschrift gehalten haben:

Auf diese Weise wurde das dumme Vorurteil der Grundschullehrerin millionenfach verbreitet und wieder aufgegriffen, um letztlich von beschränkten Comedians vermeintlich witzig vermarktet zu werden. So drang der Quark aus dem Kopf einer gestressten, aber wenig klugen Lehrerin quasi ins kollektive Unterbewusstsein der bildungsbeflissenen Mittelschicht. Kevin verschwand über Nacht aus der Hitliste der beliebtesten Vornamen.

Um sein Wörterbuch der Jugendsprache zu vermarkten, sucht der Langenscheidt Verlag alljährlich per Online-Abstimmung das Jugendwort des Jahres . Plötzlich hatte sich das Wort „Alpha-Kevin“ an die Spitze gesetzt. Gemeint ist damit ein besonders blöder Junge mit „Diagnose“. Alpha-Kevin war dem Langenscheidt Verlag aber peinlich. Man nahm das Koppelwort aus der Bewertung und entschuldigte sich, man habe keine konkreten Personen beleidigen wollen.

Eigentlich dient ja die Jugendsprache wie alle Sondersprachen der Abgrenzung und Identitätsbildung der beteiligten Sprecher. Ich hätte gedacht, dass Alpha-Kevin ein Ehrentitel ist und jemanden bezeichnet, den man in trotziger Missachtung erwachsener Normen trotz geringer Geistesgaben zum Alphatier macht. Denn so funktioniert gesellschaftliche Starbildung. Schon Jeremias Gotthelf zeichnet in seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ von 1842 das Bild eines unklugen, wüsten Knechts, der den Mägden gerade deshalb am liebsten von allen ist.

So oder so, wenn die Vorurteile Erwachsener in die Jugendsprache eindringen können, spiegelt die Sprache, dass auch etwas bei den Jugendlichen nicht stimmt, indem sie sich nicht mehr abgrenzen. Es ist überhaupt abzulehnen, dass Erwachsene sich aus Gewinnsucht beschreibend in das Geschehen innerhalb der Jugendsprache einmischen. Auch das derzeit im Voting führende Wort „merkeln“ spiegelt doch nicht die Lebenswelt und Wahrnehmungen von Jugendlichen, sondern ist eine Erwachsenen-Diagnose und nicht weniger diskriminierend als Alpha-Kevin.

Musiktipp
The Arcs
Outta My Mind

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18 Antworten auf Volontär Schmocks Trendkompass – Lauter dumme Leute

  1. Ich finde die Serie toll. Schon die Geschichten von Doyle hatten gewisse Schwächen, die von Poe sogar erheblich größere, aber wenn man nicht zurück möchte in eine Ära der viktorianischen Rätselkrimis, dann ist mir eine gute Adaption eben jenes viktorianischen Rätselkrimis lieber als der ganze andere Stoff, der sich auf den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten so tummelt.
    Holmes Charaktereigenschaften waren schon immer nicht-menschliche, und sein Versuch sich dem Menschlichen anzunähern, die erzählte Geschichte. Sein Scheitern im Einen ist die Lösung des Anderen. Das macht die Serie insofern interessant, weil sie nämlich den eigentlichen Kontext, in dem die Holmes-Geschichten gerne gesehen werden, nämlich im Genre des Krimis, in den Hintergrund rückt und genau das hervorholt, worum es wohl auch Doyle gegangen sein muss: dem nicht-menschlichen im Menschen und der Bewältigung dieser vermeintlichen Schwächen. Genau da setzt die Serie an und vermittelt zeitgemäß im Gewand eines Krimis. Wer Holmes als Kriminalliteratur betrachten möchte, kann dies natürlich weiterhin tun aber bedenken sollte man dabei immer, dass es die folgenden Generationen waren, die uns mit ihren Definitionen und Abgrenzungen den freien Blick versperrt haben, mit dem man die Holmes-Geschichten deuten könnte und erst dann wird einem klar, wie vielschichtig Doyles Werk tatsächlich war.
    Es sind im Übrigen häufig solche Charaktere, die sich im Nachhinein als die interessanteren herausstellen, heißen sie nun Holmes oder Spock oder sonstwie.

  2. trithemius

    Ähem, ich weiß nicht, was das sein soll “das nicht-menschliche im Menschen”? Das ist mit Verlaub doch Quatsch. Alles, was im Mensch ist, ist auch menschlich. Wie Goethe sagt: „Ich habe niemals von einem Verbrechen gehört, das ich nicht selbst hätte begehen können.“
    Du willst auch sicher keinem Autisten oder Soziopathen das Menschliche absprechen. Nur der Volksmund sagt “unmenschlich”, wenn er ein besonders bestialisches und nichtswürdiges Verhalten meint. Was du hier sprachlich überhöhst, die Darstellung, wie der geniale Mensch mit den negativen Anteilen seines Charakters kämpft, ist offenbar überhaupt nicht Zielrichtung der Serie. Sie benutzt doch derartige Aspekte nur, um die Person auszuschmücken und logische Brüche in der Handlung zu überbrücken. Mich stört an der ganzen Figur, dass dem Zuschauer exzentrisches und zum Teil unlogisches Getue als intelligentes Verhalten verkauft wird.

    Der literarische Holmes spielt Violine, raucht viel und nutzt Kokain und Morphium, Drogen, die zu Sir Arthur Conan Doyles Zeit nicht verboten waren. Sein Charakter ist keinesfalls so extrem gepeinigt vom Nicht-menschlichen in ihm (das muss dann ja wohl das Göttliche oder Teuflische sein) wie du ihn, in einer Art rückwärtigen Interpretation aus Seriensicht schilderst.

    Unbestreitbar ist freilich, wenn du sagst, dass du die Serie toll findest. Das ist ein Geschmacksurteil.

  3. iGing

    Eigentlich müssten die Jugendlichen selbst sich als erste gegen die Einmischung Erwachsener in ihre Sprachwelt wehren; wie mein Sohn, der mich einst vorwurfsvoll anblickte, als ich – in einem Anfall von Sprachverjugendlichung – etwas als “geil” pries. Nicht, dass er damit das Tabu, das diesem Wort seinerzeit noch anhaftete, hätte aufrechterhalten wollen! Nein, er wollte das Wort einfach als seinem Freundeskreis und der entsprechenden Altersstufe zugehörig reklamieren! Und wie ich jetzt finde, mit Recht. Denn, wie Sie ganz richtig sagen, ist es so, “dass auch etwas bei den Jugendlichen nicht stimmt, indem sie sich nicht mehr abgrenzen”.

    • trithemius

      Gegen die Vereinnahmung ihrer Sprache durch Medien, Wörterbuchverlage und Berufsjugendliche können Jugendliche nichts machen, (nur im direkten eigenen Umfeld, wie Ihr Beispiel zeigt), zumal sie keine homogene Gruppe sind. Entsprechend gibt es auch nicht “die Jugendsprache”, sondern regionale Varianten. Verfälscht wird der Eindruck, wenn Jugendsprache in die Medien gerät und von da auf Jugendliche zurück wirkt. Doch weil immer wieder Wörter aus der Jugendsprache in die Umgangssprache eindringen, sie auch mit ihren Sprechern altert, muss sich dieser Soziolekt ständig wandeln, um noch seine Funktion zu behalten. Was Erwachsene oft faszinierend finden, ist die sprachliche Kreativität, vor allem wenn sie durch drastische bildhafte Prägungen besticht wie neuerdings “Maulpesto” für üblen Atem oder “Eierfeile” für Fahrrad. Eine Frau von 38, die ich mal gut 10 Jahre kannte, hatte dazu die Entsprechung parat, nämlich “Schlitzkiller”, und sie war keine Berufsjugendliche.

      • iGing

        Als die Kich noch mit der Bahn zur Arbeit fuhr

        • iGing

          Oje, was war das jetzt?
          Also, als die Kinder noch jünger waren und ich mit der Bahn zur Arbeit fuhr, war ich dieser Sprachwelt täglich ausgesetzt. Aber woher sollte ich heute eigentlich die Jugendsprache kennen? Ich wundere mich, wie die Beurteiler zu ihrem Material kommen.

          • trithemius

            Langenscheidt bekommt die Vorschläge für die Wahl ja von Jugendlichen. Jeder kann ein Wort vorschlagen, was natürlich die Frage aufwirft, ob das Wort schon vorher allgemein bekannt und gebräuchlich war oder ob es erst bekannt wurde und in den Sprachgebrauch eindrang, weil es in der Wortliste der vorgeschlagenen Wörter steht. Ich habe ja im Text zur Langenscheidt Wortwahlseite verlinkt. Schauen Sie einfach mal nach. Und schlagen Sie ebenfalls ein Wort vor, das Ihnen aus den geschilderten Bahnfahrzeiten noch geläufig ist. Vielleicht findet es ja allgemeine Zustimmung und wird jetzt überregional bekannt. ;)

  4. Ich mag klassische Kriminalromane sehr, also auch Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes. Im Moment bin ich übrigens für Tipps dankbar, in welchen Rossmann-Filialen man noch die Hörspiel-CDs bekommt. Nachgeliefert werden sie nämlich nicht mehr. Es sind insgesamt 60 Folgen + 2, die nicht mehr von Doyle geschrieben wurden. Ca. 35 habe ich bisher. Hätte ich mehr Zeit, würde ich mir einen Sport daraus machen, alle erreichbaren Rossmann-Filialen abzuklappern. Gerade heute bin ich wieder in einer fündig geworden und habe mich gefreut wie ein Pilzsammler, der ein Prachtstück von einem Riesenbovisten entdeckt. Eine “zeitgemäße” Adaption der Geschichten stelle ich mir allerdings grauenhaft vor. Was ist verkehrt daran, sich durch Literatur (einschließlich verfilmter Literatur) in eine frühere Zeit entführen zu lassen und sich dabei den einen oder anderen Gedanken über die damalige Denke zu machen? Autoren und Regisseure von heute, die unbedingt etwas “Eigenes” schaffen wollen, täten besser daran, sich gute heutige Geschichten auszudenken. Auf dem Gebiet der Kriminalromane wäre da noch einiges drin – außer den in Mode gekommenen Gourmet-Krimis.

    • trithemius

      Bei Rossmann bin ich eher selten, werde aber mal Ausschau halten. Vielleicht hilft eine Internetrecherche weiter. Mit der literarischen Vorlage hat das Personal der BBC-TV-Serie Sherlock außer den Namen und plakativen Aspekten wenig gemeinsam. Vielleicht ist es billiger, die Handlung in der heutigen Zeit anzusiedeln. Aber ein Holmes, der mit dem Handy SMS versendet und empfängt, ist doch eigentlich nur doof. In ein paar Jahren wird man darüber lachen, dass er kein Smartphone hat. Will sagen, die Serie altert rascher als wäre sie im 19. Jahrhundert angesiedelt. Da ergibt sich bald ungewollte Komik, wie alles, was die moderne Zeit betont, in wenigen Jahren nur noch komisch ist, weils von den Entwicklungen links und rechts überholt wurde.

  5. Also, das muss ja schon länger an dir nagen, denn die von dir zitierte Folge “Der blinde Banker” lief gestern nicht, sondern die wesentlich bessere Folge “Ein Skandal in Belgravia”. “Der blinde Banker” ist die zweite Folge der ersten Staffel. Und offensichtlich hast du die erste nicht gesehen. Denn in der Folge “Ein Fall von Pink” wird Sherlock sehr wohl als Violinist (inkl. Notenständer), Belesener (nicht nur Bücherregale im Hintergrund) und Nikotinabhängiger (mit drei Nikotinpflaster, da in London wegen dem London der Jetzt-Zeit) mit strafrelevanter Drogenvergangenheit beschrieben. Ebenfalls wird nicht nur das deduktive Denken und wissenschaftliche Methoden der Verbrechensaufklärung als Staffage verwendet, sondern auch explizit auf eine real existierende Internetseite der Wissenschaft der Deduktion (“The science of deduction”) und einen real existierenden Blog von Dr. Watson(“The personal blog of Dr. John H. Watson”) verwiesen. Soweit zur multimedialen Verzweigung der BBC-Fernsehserie.
    Die von dir beschriebene Szene ist auch nicht korrekt wieder gegeben. Sherlock stolziert nicht durchs Museum, sondern jagt den Mörder. Und das nicht im Stolziertempo. Dass sowohl Watson als auch Sherlock von der Chinesin der Tee-Service sich entfernen und sie somit preisgeben, hört sich allerdings nicht sonderlich logisch an, aber das würde weder dem Naturell von Sherlock (sowohl Serie als auch Buch) noch von Watson entsprechen. Es stimmt, dass diese Szene allein so sprachlich beschrieben, wie von dir durchgeführt, ein miserables Licht auf die Szene werfen. Aber es fehlt der Zusammenhang, und wenn jede Szene allein für sich stehen müsste (hier ist der Bezug zu dem Kampf in der Wohnung wichtig), dann würde bei dir kein Film bestehen. Die Szene im Tunnel der Folge “Der blinde Banker” ist der Dramaturgie geschuldet und hat freilich eher etwas mit tödlichen Querschlägern zu tun, als mit Deduktion. Und das Ende der Ober-Chinesin durch den Scharfschützen mag völlig unklar sein, aber der Verursacher lässt sich sowohl mit Folge Eins als auch mit Doyles Sherlock einfach indentifizieren (“M” kann nur für eine Person stehen).
    Die Frage, ob man Bücher oder Protagonisten von Büchern unter keinen Umständen in die Gegenwart versetzen darf, oder heutige Umstände als Handlungsraum von altertümlichen Figuren verwenden darf, wurde bereits schon seit längerem beantwortet. Von verschiedenen Interssensgruppen immer unterschiedlich.
    Und es ist auch unzweifelhaft, dass Benedikt Cumberbatch zweifelsfrei seine Rolle hervorragend spielt, denn allein deine treffende Charakterisierung zeigt das tolle schauspielerische Vermögen dieses Menschen (der nicht nur in dieser Rolle bislang beeindruckend geglänzt hat).
    Die Frage ist freilich, darf man Sherlock so darstellen, wie er in der Serie dargestellt wurde? Gegenfrage: Wer würde die Manierismen von Sherlock (der von sich selber sagt, er sei ein Sozipath und ebenfalls Psychopath) verstehen, würde er sie viktorianisch ausleben? “Weiß doch jeder denkende Kopf, dass Arroganz die Todsünde wider alle Intelligenz ist.” Und genau dieses Spiel wird hier betrieben, in der Person des modernisierten Sherlocks. Und gerade hier bringt die Folge “Ein Skandal in Belgravia” das Verständnis dazu, zum einen für diese gelungene Gegenwartstransformation (Verlagerung in die Gegenwart) und zum anderen der Kampf der Person gegen verschiedene Strömungen innerhalb der selben Brust (ratio contra emotio). Niemand darf erwarten, dass alle Motive gleich in der ersten Folge verarbeitet werden oder dass Klischees von Sherlock bedient werden. Vielmehr muss man sich auf diese Serie einlassen. Das brüske Ablehnen dieser Verlagerung ist mit Verlaub ein ebensolch großer Quatsch. Niemand liest beispielsweise bei Hesse nicht nur ein Kapitel und haut dann so eine Bewertung raus oder schaut sich einen Filmklassiker nur von Minute 30 bis Minute 40 an, und bewertet den Film anhand dieser zehn Minuten …
    “Sherlock” ist eine Serie, in der die Protagonisten sauber vorgestellt werden und sich entwickeln (freilich alle, bis auf Sherlock, denn das würde das aufgezeigte Bild eines arroganten überdrehten Überbegabten mit superschnellen Auffasungsgabe und Ungeduld seiner Umwelt gegenüber sprengen). Diese Serie ist definitiv nicht so eindimensional, wie dargestellt. In keiner Wiese. Ja, es gibt Widersprüchlichkeiten, aber wer diese bei Doyle nicht ebenso findet, der hat Sherlock nie gelesen (und Doyle hat diese auch eingestanden). Wenn es nicht möglich ist, sich auf eine Serie einzulassen, weil eigene Vorstellungen nicht bedient werden, dann ist die Serie einfach nichts für dich. Schon an “Für alle Fälle Fitz” (“Cracker”) schieden sich die Geister, weil dort Deduktion verwendet wurde. Und es ist mir klar, dass die einen die Serie toll finden, während andere sich beim Kritisieren am liebsten übergeben würden.

    • trithemius

      Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, die Serie und meine Kritik so dezidiert abzuhandeln. Vorausschicken möchte ich, dass ich aus Langeweile sehr wohl schon die erste Folge gesehen hatte. Als “Der blinde Banker” anstand dachte ich, der Serie noch eine Chance zu geben und habe mir die Folge angeschaut, wobei der Widerwille wuchs und wuchs. Letztens lief wieder eine Folge, von der ich nur die letzten 20 Minuten gesehen habe. Namentlich der Schluss war wieder sehr doof. Holmes Bruder teilt Watson mit, dass die Schönheit, deren Erpressungsversuch Holmes durch das Erraten eines Passwortes verhindert hat, und für die er wohl Gefühle hegte, dass diese Frau also von Islamisten (?) enthauptet worden sei. Das will man Holmes verheimlichen, besser ihm mitteilen, die Frau sei in einem Zeugenschutzprogramm. Ganz zum Schluss sieht man die Szene, in der sie am Boden kniet und hinter ihr ein vermummter Kerl das Schwert schwingt, sie aber nicht enthauptet, weil sich hinter der Maske der zwinkernde Holmes selbst verbirgt. Der Zuschauer muss sich leider selbst ausdenken, wie sich Holmes in diese Situation und Maskierung versetzt hat, ohne dass Watson oder der Bruder etwas von Holmes Abwesenheit bemerkt hätten. Holmes ist entweder ein Zauberer, verfügt über die Fähigkeit der Bilocation, kann sich möglich von seinem Klo wohin er will zum richtigen Zeitpunkt teleportieren? Was soll sich der Zuschauer denken? Es sind solche Elemente, die die Serie für mich unerträglich machen. Nochmals zur Szene im Museum: Das Motiv, dass eine bedrohte Person oder Zeugin allein gelassen und dann ermordert wird, tauchte schon tausendfach in Filmen auf. Jedesmal denkt der Zuschauer: “Halt, das geht nicht gut!” Nur die Protagonisten sind zu blöd, das zu verstehen. Wenn also etwas derart Vorhersehbares in einem Film geschieht, ist das ein Indikator für die Qualität des ganzen Films. In diesem Fall: Kannst du vergessen, denn das Erwartbare ist ein Indikator für Kitsch.

      Zur schauspielerischen Leistung: Die habe ich überhaupt nicht kritisiert, sondern letztlich Regie und Drehbuch.

      • Die von dir erwähnte Enthauptungsszene und die Frage “Kann denn Sherlock alles?” ist für Doyle-Leser nicht alles. Du wirst dich erinnern, dass Doycle Holmes bereits sterben ließ und dann einen Roman dieses Tod wegdeduzierte. Freilich ist schon erstaunlich, über welche Mittel Sherlock verfügen soll (im Buch und in jeder Verfilmung und in dieser Serie, die von sich aus angibt auf den Werken von Doyle nur zu basieren). Die Annahme, ob Sherlock Gefühle für jene Frau empfunden hat, ist gerade nach Ansicht von lediglich 20 Minuten falsch. Er hat sie nicht. Und bereits in anderen Folgen wurde das durch das Spiel von Cumberbatch und als Spiegel in der Mimik von Freeman sehr gut erklärt. Nebenbei, witzig finde ich jetzt eine andere Sache (wahrscheinlich kannst du nicht nachempfinden , was daran witzig sein soll, wird es vielleicht deine Kritik nur unterstreichen): Das Passwort für das Handy war “SHERLOCK”. Aufgrund des genialen schachgleichen Spiels zwischen der Domina und dem Sherlock hatte ich das Passwort gelesen aber nicht verstanden: “SHER LOCK”. Ich las lediglich daraus das Wortspiel mit “SHE LOCK” und “HER LOCK”, was zu dem Spiel der Domina passte. Ein Tag später machte es bei mir “Klick” und ich verstand. Es war wie “BLUMENTO PFERDE” oder “BEIN HALTEND”. Der Name Sherlock als Passwort war mir im Nachhinein zu einfach, zu banal, aber trotzdem passend. Dieses “zu einfach” war es ja auch, was den Zuschauer mit Sherlock gekonnt identifizieren ließ.
        Das Stilmittel, dass eine bedrohte Person allein gelassen und dann ermordert wird, taucht nicht schon tausendfach in Filmen auf, sondern findet sich auch bereits von Doyle über Christie bis hin zu Wallace (ob es von Lubic verwendet wurde, weiß ich nicht, da ich ihr Werk noch nicht gelesen habe). Ich meine mich zu erinnern, dass selbst Verne dieses Stilmittel nutzte. Es ist so alt wie der Krückstock bei alten Menschen. Ob es dann deshalb überhaupt noch angewendet werden darf, ist freilich die Frage. Im Vergleich zu deutschen Produktionen, wo dem späteren Mordopfer die Kamera entweder auf die Schulter gepackt wird oder die Kamera deren Sichtperspektive übernimmt, um dem Zuschauer “Lebensgefahr mit künstliche Todesfolge” zu signalisieren, ist die Museumsszene garantiert nicht das Highlight, das stimmt, aber bestimmt nicht grottig, da die Handlung in der Szene fließt. Letztendlich haben immer Moriatys Leute immer ihre Finger im Spiel. Moriaty ist der ungenannte in der ersten Folge, die Peron “M” in der zweiten und der sich langweilende Mensch in der dritten, in der er sein Gesicht zeigt und klar herausstellt, dass er mit Sherlock einfach nur ein wenig sich die Zeit vertreiben will, zum mörderischen Leidwesen Dritter.
        Die Frage, die sich dir sicher stellt, ob ein Zuschauer überhaupt alle Folgen in der richtigen Reihenfolge sehen muss, um überhaupt den ganzen Hintergrund zu verstehen, ist berechtigt und die Antwort ist enttäuschenderweise ein “Besser ist es schon”. Ansonsten empfiehlt sich das ARD-Sonntagsabend-20:15 Uhr-Programm. Da wird mal zwar mal eben eine 50-köpfige Schauspielerriege dramenhaft weggemördert, aber dafür braucht es kein großes Hirn zum Einschalten. Und man kann sich auch sicher sein, dass jede Folge für sich allein steht. Serien wie “Sherlock” haben derweil andere Ansprüche. Sie erfordern, dass sich der Zuschauer drauf einlässt und dass er Bezüge zwischen den Folgen herstellt. Ansonsten kann er das tun, was Sherlock in “Das große Spiel” am Anfang betreibt: aus Langeweile mit einer Browning zuhause Löcher in die eigene Wand schießen (Nebenbei: Mach das mal und zähle die Minuten, bis eine komplette SEK-Einheit auf deinem Rücken kniet, während deren Chef die Uhrzeit von der Uhr an deinem Handgelenk auf seiner Augenhöhe mit Hilfe eines anderen SEKlers abliest … soweit zu einem anderen Logikfehler der Sherlock-Folgen … aber auch davon leben Serien …)

        • trithemius

          Ach ja, als Holmes das falsche Datum von der Uhr des Bankers abgelesen hatte und daraus schloss, dass er zweimal die Datumsgrenze überflogen hatte, bin ich auch zusammengezuckt, weil ich bei meiner Uhr am Handgelenk noch nicht mal ohne Lesebrille das Datum ablesen kann. Von anderen Gründen für ein falsches Datum ganz abzusehen, zeigt das, worauf wir uns einigen können, dass meine Ansprüche an diese TV-Serie zu hoch sind und dass schon die literarische Vorlage Mängel enthielt, die von Doyles Epigonen weiter transportiert und verschlimmert werden. Insofern verweise ich auf meinen Eingangssatz. Wenn ihr Verteidiger der Serie, du und Shhhhh euch nicht da anschließen könnt – es ist eine Geschmacksfrage.

          • Ja, Geschmacksfrage. Da bin ich bei dir. Aber Nur sachlich aber garantiert nicht. Denn deine Kritik ist unprofundiert und misst sich an linearen Vorstellungen in einer bereits unlinearen Welt. Wir sind nicht mehr in der Welt, in der uns Pope und Co erklärt haben, was Linearität hinsichtlich einer deduktiven Denkweise ist. Und diese Serie ist defintiv nicht das, was du sie versuchst als solche hinzustellen. Es ist mir vollkommen klar, dass eine Serie nicht bereits bei Staffel Eins das eröffnet hat, worauf sie bei Staffel drei baut. In den70zigern oder 80zigern wurden Staffeln kurzfristig abgedreht. Erfolg auf eine Staffel. Aber da waren solche Hybride wie Star Treck in der damaligen Zeit (heute kaum noch als solche für damals zu erkennen). Serien wie “Lost” sind NICHT mir zwei drei Serienfolgen zu erschließen. Nicht mal “Cracker” war es als serienweisende Folgen für Serien wie diese Profiling-Serien. “Tatort” hing immer hinter her, und der Münsteraner “Tatort” war die Kapitulation vor herehen Sinn contra Zynismus. “Sherlock” ist nichts, was man zwischen Salzjebäck und Beer wegputzen kann. Deine Geschmacksbeurteilung ist dafür typisch. Denn bereits beim “Reichenbachfall” dieser Sherlock-Serie widerruft sich deine Kritik und deine Antworten, die du auf Kommentare gegeben hast. Ein objektiver Leser muss zu dem Schluss kommen, du hast erstens die Serie kaum bewusst gesehen und zweitens dich überhaupt nicht drauf eingelassen. Deine Einlassungen hinsichtlich von Regie-Rehlern sind einerseits berechtigt, lässt man sie als singuläre Aussagen stehen. Dann machen sie auch Sinn, denn der Kritiker hat nur die singuläre Serienfolge im Sinn. Aber folgt man deiner Kritik der Handlung bis zum Ende der Staffel Zwei, dann muss man schlichtweg konstatieren: Nicht wirklich die Serie erfasst. Mit deiner Kritik-Haltung ist eine Beurteilung von Tatort zu Tatort vollkommen okay und akzeptierbar. Aber dann müsstest du den “Steppenwolf” von Herman Hesse adäquat beurteilen: als undurchsichtig und unklar. ICh vergleiche NICHT Sherlock mit Hesses Steppenwolf direkt, sondern als Analogie. “Sherlock” hat noch Meilen zu gehen, bis er “Steppenwolf” überhaupt ankratzt. Nur deine Beurteilung ist schwach und unfundiert. Sie beruht auf subjektiver Wahrnehmung des Momentes. Und jetzt halte dich fest: das genau ist deine Stärke in diesem Blog! Nur geht sie fehl, wenn diese geniale Beurteilung des Moments auf etwas abzielen muss, was mehr Geduld und längeren Zeitraum erfasst. Deine Kritik an der Serie schlägt komplett inse Ferne, auch wenn du dir diese angeschaut hattest. Dir fehlte die Geduld der Verbindung zwischen den Serien (was auch nicht wirklich verwunderlich ist; ich sehe Folgen per Internet, wann ich sie will, und auch direkt hinter einander, du aber musst auf die Direktausstrahlung warten, weil du meinen Vorteil nicht nutzt und eine Woche Wartezeit kalkulierst, was als Zeit in Zeiten von Internet nicht mehr kalkuliert wird.)
            SHERLOCK ist kein Fastfood (spätestens wenn er unter den Entzugserscheinungen seiner dem Staate verheimlichten Drogensucht in der Reichenbachfall-Serie frönt) weiss man, dass Doyle und die Dichter der Moderne sich nicht wirklich entfernt hatten, Und dass viktorianische Vorstellungen ausgeklammert wurden, wird auch niemand als Gegenkritiker belegen können. Sherlock ist nicht reduzierbar auf eine Stöver und Brockman eines Tatorts (hinter welchen Figuren auch die Münsterander Kommissare im Tatort hinter her hecheln).
            Quitnessenz:
            Deine Kritik ist Geschmacksmuster. Aber sie wird de facto der Sierie in keinster Weise gerecht, weil deien Kritik hanebühen und unvollständig ist, eben weil sie sie sich nicht in keinster Weise auf die vorlagengerechte neuinterpretation der gestalt eines Sherlock Holmes einlassen möchte.
            Ist leider so.

            • Und meine Rechtschreibung ist erbärmlich und hinkt dem Inhalt meilenweit hinter dem Überschreiten eines Rubicons hinterher.
              Sorry.

            • trithemius

              Jetzt schau dir doch mal den sprachlichen Aufwand an, den du treibst, um meine Kritik als oberflächlich und in der Sache unzutreffend darzustellen. In einer Diskussion gilt das als Versuch, sie zu dominieren und den anderen an die Wand zu reden. Offenbar gehen wir von verschiedenen Vorstellungen aus. Da müssen wir einander keine Clownsnasen verpassen. Ich akzeptiere deine Ansicht, akzeptiere du meine.

              • Careca

                Sorry, ich wollte dir nicht zu nahe treten und dich nicht nur abledern. Zumindest scheinen meine positiven Worte komplett untergegangen sein. Das ich sprachlichen Aufwand betrieb ist meiner positiven Wertschätzung der Serie gegenüber geschuldet und nicht dem Versuch dich wegzuputzen (was mir komplett fern liegt). Ich wollte dich nicht missionieren sondern einen Gedankenaustausch, der aber hiermit an dieser Stelle beendet sein möge.

  6. trithemius

    Du verstehst sicher, dass ich kapituliere, wenn ich so viel vor den Bauch bekomme. Das erzeugt in mir den Unwillen, überhaupt noch auf irgendwas einzugehen. Aber just das macht mich auch unzufrieden. Denn es ist durchaus ein wichtiges Thema. Inzwischen glaube ich nämlich, dass die vielen angloamerikanischen Serien gewisse Rezeptionsgewohnheiten erzeugen, denen argumentativ kaum noch beizukommen ist. Mich stört dieser kulturelle Imperialismus gewaltig.

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