Volontär Schmocks Trendkompass – Lauter dumme Leute

„Man soll die Menschen lieben. Eine schwere Aufgabe!“
(Arthur Schopenhauer)

Eine Beleidigung meiner Intelligenz ist die Sherlock-Holmes-Serie, die derzeit von 3Sat gezeigt wird. Holmes und Watson agieren darin in der Jetztzeit, was ganz und gar unpassend ist, denn die Figuren sind Produkte des viktorianischen Zeitalters, in dem deduktives Denken und wissenschaftliche Methoden der Verbrechensaufklärung breiten Leserschichten noch als sensationell verkauft werden konnte. Entsprechend überdreht muss Holmes in der heutigen Zeit agieren, um noch einigermaßen plausibel zu wirken. Vor allem sein arrogantes Getue nervt. Weiß doch jeder denkende Kopf, dass Arroganz die Todsünde wider alle Intelligenz ist. Die Handlung hat zudem derart kindische Fehler und eine tölpelhafte Regie, dass einem das überkandidelte Getue nur noch auf den Geist geht.

Ein Beispiel? In einer Folge hält sich eine Chinesin in einem Gelass eines Museums versteckt. Sie fürchtet, ein Gangster der chinesischen Mafia mit schier unglaublichen Fähigkeiten werde sie ermorden, Holmes spürt sie dank seiner überragenden Geistesgaben auf, und sie holen die Chinesin hervor. Da hören sie verdächtige Geräusche im Museum. Holmes stolziert wie irr durch die Räume, um den Verursacher zu finden. Irgendwann beschließt Watson, er müsse Holmes jetzt helfen, lässt die Chinesin allein und rennt blindlings hinterher. Wenig später finden sie die Chinesin ermordet vor. Holmes zieht ein Gesicht, das uns sagt, er habe das geahnt. Ach? Der Zuschauer hat sogar gewusst, wie solche Szenen in schlechten Filmen seit Jahrzehnten ausgehen. Weitere Beispiele möge man mir ersparen.

Offenbar sind die Drehbuchautoren ihrer Figur Holmes nicht gewachsen, nämlich selbst nur von jener erbärmlichen Durchschnittlichkeit, auf die ihr eigener Holmes spuckt. Im Interesse der literarischen Vorlage bitte ich darum, die Serie in einem hintersten Kellerarchiv verrotten zu lassen.

Eine unbedachte Äußerung hat dazu geführt, die Träger des Vornamen Kevin zu stigmatisieren. Im Jahr 2009 wurde vom Spiegel eine Studie der Lehramtsabsolventin Julia Kube bekannt gemacht. Sie hatte in ihrer Masterarbeit 2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. Ergebnis war, dass Lehrer die Träger bestimmter Namen für intelligenter halten als andere. Eine Lehrerin hatte beim Namen Kevin vermerkt: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, was die findigen Köpfe in der Spiegelredaktion sogleich für eine gute Überschrift gehalten haben:

Auf diese Weise wurde das dumme Vorurteil der Grundschullehrerin millionenfach verbreitet und wieder aufgegriffen, um letztlich von beschränkten Comedians vermeintlich witzig vermarktet zu werden. So drang der Quark aus dem Kopf einer gestressten, aber wenig klugen Lehrerin quasi ins kollektive Unterbewusstsein der bildungsbeflissenen Mittelschicht. Kevin verschwand über Nacht aus der Hitliste der beliebtesten Vornamen.

Um sein Wörterbuch der Jugendsprache zu vermarkten, sucht der Langenscheidt Verlag alljährlich per Online-Abstimmung das Jugendwort des Jahres . Plötzlich hatte sich das Wort „Alpha-Kevin“ an die Spitze gesetzt. Gemeint ist damit ein besonders blöder Junge mit „Diagnose“. Alpha-Kevin war dem Langenscheidt Verlag aber peinlich. Man nahm das Koppelwort aus der Bewertung und entschuldigte sich, man habe keine konkreten Personen beleidigen wollen.

Eigentlich dient ja die Jugendsprache wie alle Sondersprachen der Abgrenzung und Identitätsbildung der beteiligten Sprecher. Ich hätte gedacht, dass Alpha-Kevin ein Ehrentitel ist und jemanden bezeichnet, den man in trotziger Missachtung erwachsener Normen trotz geringer Geistesgaben zum Alphatier macht. Denn so funktioniert gesellschaftliche Starbildung. Schon Jeremias Gotthelf zeichnet in seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ von 1842 das Bild eines unklugen, wüsten Knechts, der den Mägden gerade deshalb am liebsten von allen ist.

So oder so, wenn die Vorurteile Erwachsener in die Jugendsprache eindringen können, spiegelt die Sprache, dass auch etwas bei den Jugendlichen nicht stimmt, indem sie sich nicht mehr abgrenzen. Es ist überhaupt abzulehnen, dass Erwachsene sich aus Gewinnsucht beschreibend in das Geschehen innerhalb der Jugendsprache einmischen. Auch das derzeit im Voting führende Wort „merkeln“ spiegelt doch nicht die Lebenswelt und Wahrnehmungen von Jugendlichen, sondern ist eine Erwachsenen-Diagnose und nicht weniger diskriminierend als Alpha-Kevin.

Musiktipp
The Arcs
Outta My Mind

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