Einiges über mein Galaktisches Betriebssystem

VORSICHT! Dieser Text wurde im Wartezimmer eines Kieferchirurgen geschrieben. An der Wand gegenüber hängt eine virtuose Spachtelarbeit in Blau, Stumpfweiß und Schwarz. Sie zeigt eine Steilküste von halbschräg oben, wie man sie von Südengland kennt, zentral und fluchtend drei Abbrüche wie anstehende Kreidefelsen, von links die Wiesen, die bis an die Abbrüche ragen und mit Weidepfählen begrenzt werden, rechts unten Strand und die See. Die dünne Frau neben mir auf dem schwarzen Ledersofa hat keinen Blick dafür. Sie wirkt nervös und ängstlich. Ich lenke mich ab, indem ich diesen Text hier in mein Moleskine-Büchlein kritzele.

Bevor es damit weitergeht, einige Gedanken über Wartezimmerkunst. So ein Maler vor seiner Leinwand denkt doch sicher nicht daran, dass das Bild, an dem er gerade sein Herzblut vergießt, im Wartezimmer eines Kieferchirurgen hängen wird und dass die Betrachter seines Bildes ungute Gefühle wälzen und es mit einer Bedeutung verbinden, quasi aufladen, die der Maler nie vermutet hätte.

Stell dir vor, nachdem das Bild 15 Jahre im Wartezimmer eines Kieferchirurgen gehangen hat, landet es auf dem Flohmarkt, wo ein argloser Kunstliebhaber seine Qualität erkennt und es kauft. Aber immer, wenn er es später betrachtet, kriegt er Zahnweh. Er hat sich nämlich Schmerz und Angst von Tausenden ins Haus geholt. Dann muss er immerzu strunzblöde Zeitschriften wie Focus, Bunte, Stern, Spiegel oder Gala durchblättern. Nur wenn er viel Glück hat, holt er sein Moleskine-Büchlein hervor und kritzelt Unsinn hinein.

Ach, man möge das getrost vergessen. Folgendes: Erneut sind bei mir Fehler im Galaktischen Betriebssystem aufgetreten, vermutlich wegen mangelhafter Wartung. Mir scheint, mein Galaktisches Betriebssystem ist das XP unter den Betriebssystemen, zu dem es keine Updates mehr gibt. Dinge verschwinden, ich suche und finde sie nicht, plötzlich liegen sie vor meiner Nase. Böse Zungen werden jetzt behaupten, das liege nur an meiner Schusseligkeit, ein Argument, das nicht gilt, denn es geht ja um mein Galaktisches Betriebssystem, und selbstverständlich ist meine Schusseligkeit syteminhärent.

Plötzlich liegt unter meinem Schreibtisch dieser Zettel hier. Vorher war er nicht da, denn er wäre mir aufgefallen, als ich mich an den Schreibtisch gesetzt habe. Der Zettel ist nicht für mich bestimmt, sondern dem abgehakten Inhalt gemäß eine Erinnerungshilfe. Die liebe Schreiberin kenne ich. Sie hat vor Wochen das vegane Menü für meinen Geburtstag zubereitet, wofür aber weit mehr als aufgelistet nötig war.

Wie aber geriet der Zettel nach zwei Wochen unter meinen Schreibtisch? Das zu rekonstruieren wäre allenfalls fiktional. Es ist gewiss nicht sinnvoll, die Abenteurer dieses Zettels aufzuschreiben. Das ist etwas für Leute, die Kreatives Schreiben üben müssen, folglich wenig erhellend. Andere Frage: Warum lag der Zettel zu meinen Füßen, dass ich mich danach bücken musste? Vielleicht lag er da, damit ich über das Galaktische Betriebssystem und seine Fehler schreibe. Es ist natürlich schon einige Jahrzehnte alt und möglicher Weise in einer Programmiersprache verfasst, die keiner mehr kennt oder nur ein einziger, der aber in einem weitgehend unzugänglichen Tal der Karpaten oder im Kaukasus lebt. Da stammt der Programmierer her, und die Programmsprache meines Galaktischen Betriebssystems beruht auf einem ausgestorbenen kaukasischen Dialekt, Inguschisch oder Ginuchisch.

Kleiner Spaß. Die Programmsprache beruht selbstverständlich auf Landkölsch, einem Dialekt, der in den Dörfern rund um Köln gesprochen wird und sich in Nuancen vom Kölschen unterscheidet. Landkölsch formte meine Sprache und meine Wahrnehmungskategorien. Hochdeutsch kam später als erste Fremdsprache.

Das ist alles müßig hier. Vermutlich sollte mich der Zettel daran erinnern, dass mein Leben von glücklichen Umständen geprägt war und ist. Überall auf der Welt hätte ich es schlechter antreffen können. Und weiter erinnert mich der Zettel, dass mir im Leben überwiegend freundliche und sogar liebenswerte Menschen begegnet sind. Fazit: Mein Galaktisches Betriebssystem hat möglicher Weise ein paar Macken, ist aber grundsätzlich ganz fein.

Dieser Beitrag wurde unter Mein surrealer Alltag abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu Einiges über mein Galaktisches Betriebssystem

  1. Das vegane Menü war wirklich lecker. Ich habe keine der Zutaten auf dem Zettel vermisst, sogar der Topf war da.

  2. Zettelchen

    Warum ist „Topf“ wohl unterstrichen? War er wichtiger als die anderen?
    Aber nicht wichtiger als die Paprika – sie hat drei !!!
    Wenn alles eingepackt wurde, was auf dem Zettel stand, gab es gar keine Veranlassung, ihn mitzunehmen.
    Ich kann es mir absolut nicht erklären!
    Er wollte vielleicht einfach mit….. mysteriös ;-)!

    • trithemius

      Vermutlich hat die Schreiberin des Zettels gedacht, ich hätte keinen großen Topf, und ohne Topf kein Kochen. Dill ist übrigens nicht abgehakt, und ich erinnere mich, dass wir Dill noch besorgen sollten, aber nicht bekommen haben.
      Zettel, „die einfach mit wollen“ finde ich sogar unheimlich.

  3. Zettelchen

    Zum Glück ging es auch ohne Dill und hat hervorragend geschmeckt ;-)!
    Und ein Glück haben wir die herrliche Torte nicht vergessen, obwohl sie gar nicht auf dem Zettel stand…. :-).

    • trithemius

      Eine köstliche Torte vergisst man eben so leicht nicht, weil ja auch viel Arbeit in ihr steckt. Also, einen Topf kann jeder einpacken und mitbringen, aber eine Torte muss ja erst mal gelingen. Sie wurde demgemäß rundum gelobt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*