Editorial – Neun Jahre Teppichhaus Trithemius müssen reichen

Liebe Leserin, lieber Leser! Liebe Freundinnen und Freunde dieses Blogs!

Niemand weiß, wieviel Zeit ihm noch bleibt. Wir wachen viele Male morgens auf und finden uns zurück im vertrauten Leben. Das nährt die Vorstellung, dass es ein Gewohnheitsrecht darauf gibt. Schon zweimal wurde ich nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es ein solches Gewohnheitsrecht nicht gibt. Die Idee ist eine Anmaßung, eine Illusion, die uns die Gedanken an die eigene Endlichkeit erträglich macht. Bisher bin ich trotz Herzinfarkt, trotz Schlaganfall weiterhin morgens aufgestanden, habe mich auf meine Alltagstermine gerichtet, und wenn mir Zeit genug blieb, habe ich mein digitales Teppichhaus aufgesucht, ganz wie ich früher in meinem Tagebuch gelebt habe.

„Aber Bloggen! Wozu die Menschen heutzutage Zeit finden!“, schrieb mir einst voller gewolltem Unverstand Titanicredakteur Thomas Gsella. Als ich im Jahr 2005 das Bloggen für mich entdeckte, war mir rasch klar, dass ich an einer umfassenden kulturellen Revolution teilhatte, vergleichbar der Umwälzung, die um 1440 durch Gutenberg und seine Erfindung der Druckkunst angestoßen wurde. Das Blog war mir ein Tagebuch, das in eine bis dahin unbekannte Dimension hinausragte. Es bot mir vorne die Illusion einer 2. Dimension, vergleichbar einer leeren Tagebuchseite, war aber nach oben, zu den Seiten und nach hinten weit offen, quasi geöffnet für jeden. Natürlich waren und sind die Besucher gestaltlos, bestehen für mich nur aus Geist, der sich ein Bild gegeben hat. Umgekehrt bin ich für sie nichts anderes. Im Blog und für das Blog erzeugen wir Bilder und tauschen sie aus. Daher war ich bestrebt, meinem Blog ein besonders eindringliches Bild zu geben, das Bild eines Teppichhauses mit mir darin im grauen Kittel. Das Bild ist eher zufällig entstanden, aus einem für mich und die damaligen Leser notwendigen „Ausverkauf der schlechten Gefühle“. Die so entstandenen frisch getünchten digitalen Räumlichkeiten erwiesen sich aber als ausbaufähig. Darüber hinaus ist der Teppich ein Textil und daher verwandt mit dem Wort Text.

„Text“ hat ursprünglich nur die Bibel geheißen, weil die Worte der Bibel als unveränderlich galten, unveränderlich wie eine Textur, wie eine bestimmte Gewebestruktur, die auseinander fällt, wenn man nur ein Element daraus entfernt. Ein Blogtext ist genau das Gegenteil. Er hat eine dynamische Struktur, kann überall und jederzeit spurlos verändert werden. Weil der Mensch Bilder braucht, um zu verstehen, was er nicht anfassen kann, habe ich das Teppichhaus bevölkert. Es gibt eine schöne, niemals alternde Filialleiterin, Frau Nettesheim, und hinten im Lager schuftet ein Volontär, der gewissenlose Hanno P. Schmock. Irgendwo zwischen verstaubten Teppichstapeln hocken auch die chronisch arbeitsscheuen Teppichhaus-Humorexperten. Und beinah in Vergessenheit geraten ist das Pataphysische Institut und dessen Leiter Professor Jeremias Coster:

Nachtwache im Pataphysischen Institut der RWTH Aachen im Gebäude des Instituts für Nachrichtengeräte – Foto und Gif-Animation: Trithemius

Viele Jahre hat diese Bildhaftigkeit die Fantasie der Besucher beflügelt, und in den ersten Jahren gab es einen inspirierenden regen Austausch, so dass es mir möglich war, die Leistungsfähigkeit des Mediums Blog auszutesten mit allerlei verknüpfenden Experimenten und Aktionen. In allen neun Jahren des Bloggens habe ich vor allem die Kontakte genossen, den geistigen Austausch mit faszinierenden Menschen, über Zeit- und Ortsgrenzen hinweg, wie er sonst niemals möglich gewesen wäre. Jeder neue Akteur im Teppichhaus war mir eine Offenbarung und Bereicherung und Teil eines immer größer werdenden Netzwerkes.

In letzter Zeit hat sich in dieser Hinsicht viel verändert. Die Strahlkraft des Teppichhauses hat stark nachgelassen. Obwohl ich weiterhin meine Texte sorgfältig gestaltet habe und jeden Tag besser werden wollte, jeden Kommentar und den Menschen dahinter wichtig genommen habe, ist die Kommunikation im Teppichhaus eingeschlafen. Ich kann mich der Vorstellung kaum erwehren, dass ich das Teppichhaus in den Keller geschrieben habe. Es wird nach wie vor oft besucht, doch die meisten Kunden schauen nur und äußern sich nicht. Aber nur ihre Äußerungen könnten die Farben und Muster der Auslagen auffrischen und so recht zum Leuchten bringen. In seinen besten Jahren war das Teppichhaus als eines von 11 deutschen Blogs für den internationalen Blog-Award der Deutschen Welle nominiert.

Das war gerechtfertigt, weil das Teppichhaus ein überaus lebendiges Blog war. Davon sind wir jetzt weit entfernt. (für Details bitte Zumwinkel klicken)

Im November besteht
das Teppichhaus neun Jahre. Bis dahin will ich meine Aktivitäten in diesen Räumen auslaufen lassen. Anfang November werde ich eine Woche in Weimar sein und an der Bauhaus Universität zum Thema Handschrift lehren. Natürlich will ich weiterhin schreiben. Ich habe an einem Roman begonnen, der in sich beschließen soll, was ich kann und weiß. Der soll noch fertig werden, obwohl ich nicht mehr unendlich viel Zeit habe. Mein Therapeut fragte letztens, warum ich das Bloggen nicht aufgebe und mich voll meinem Roman widme. Ich sagte: „Mir würden die Kontakte fehlen.“ Aber wenn ich mir die Resonanz unter den letzten Arbeiten ansehe, muss ich feststellen, dass die Kontakte auch jetzt schon fehlen. Warum also weiter bloggen, den gut 2000 Texten in den drei Teppichhausfilialen weitere 1000 hinzufügen? Bloggen lebt vom Austausch. Wenn der Austausch fehlt, erübrigt sich für mich das Bloggen. O, ich habe noch einige Ideen, die ich abarbeiten möchte. Aber im November, nach neun Jahren, verlasse ich das Teppichhaus.

Beste Grüße, Ihr

P.S.: Vielleicht gibt es ab November an anderer Stelle ein Projekt, wo sich der Roman in seinem Fortkommen verfolgen lässt.

Musiktipp
Two Door Cinema Club
Undercover Martyn

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