Beobachtung einer versuchten Brandstiftung

Eine Weile schon reibe ich mir allmorgendlich die Augen angesichts der erstaunlichen Eskalation des Ukraine-Konflikts. Was geht hier vor? Und warum sind unsere Medien voller Kriegspropaganda? Was die Gründe für die atemberaubende Entwicklung angeht, komme ich überhaupt nicht mehr mit, Information und Desinformation zu trennen. Der Eindruck der Desinformation drängt sich auf, weil vieles völlig ungereimt erscheint.

Verdächtig ist die
Sprachverwendung. Während wir es bei den Terrormilizen in Syrien und im Irak mit einem ganzen Staat zu tun haben, anfangs war noch die Rede von ISIS, diese zu harmlos klingende Vokabel wurde aber bald ersetzt durch das Akronym IS (Islamischer Staat), wird im Fall des Ukraine-Konflikts alles auf eine Einzelperson konzentriert

„STOPPT PUTIN JETZT“ „Was will Putin?““ Putin ist kein Partner – er ist Gegner“ Es wird der Eindruck erzeugt, wir hätten es nur mit PUTIN zu tun, einem halbnackt herumreitenden Diktator mit Hang zur Selbstinszenierung, den die NATO per Blattschuss vom Pferd holen kann.

Gestern war in einer Talkrunde bei Maybrit Illner zu hören, der amerikanische Präsident Obama habe bei seinem Besuch der baltischen Staaten solch martialische Töne angeschlagen, weil er innenpolitisch unter Druck stünde und zu Hause punkten wolle. Ist es nicht skandalös, dass Obama in Europa zündelt, nicht um Europa willen, sondern um den Hardlinern in den USA, den Republikanern und der Tea-Party, den Wind aus den Segeln zu nehmen? Warum fragt niemand nach den innenpolitischen Machtverhältnissen, denen Putin genügen muss, um sich an der Spitze zu halten?

Es wird auch in der Russischen Förderation Hardliner geben, die Erwartungen an Putin haben. Das aber darzustellen erfordert Recherche und sorgsame Differenzierung, worauf man bei den sogenannten Leitmedien lieber verzichtet. Stattdessen werden wir mit Halbwahrheiten, zu Tatsachen hochgefürsteten Vermutungen und einseitigen Kommentaren übergossen wie in der Ice-Bucket-Challenge. Exemplarisch ist der Kommentar von Rolf-Dieter Krause (WDR) vom 4. September auf Tagesschau.de (Auszug):

„(…) Zweitens müssen unsere Nachbarn sich genau so sicher fühlen können wie wir. Wir sollten regelmäßig, aber rotierend, NATO-Truppen dorthin schicken. Wer etwa Lettland angreifen will, muss wissen, dass er es mit uns allen zu tun bekommt.
Drittens darf es Putin nicht gelingen, die Ukraine zu destabilisieren. Das erfordert unsere Hilfe: bei den nötigen Reformen, wirtschaftlich, aber auch mit Waffen, die der Abwehr dienen.“


Wer fürchtet sich vor dem kleinen Buhmann?

Putin bekommt es also „mit uns allen zu tun“. Dann wird er wohl bald den viel zu kleinen Schwanz einziehen. Diese Vereinnahmung „mit uns allen“ ist eine Unverschämtheit. Es scheint, der mit Journalismuspreisen ausgezeichnete Rolf-Dieter Krause hat einen gepflegten Sockenschuss. Die meisten von uns haben keine geopolitischen Interessen an und keine wirtschaftlichen Interessen in der Ukraine. Wir sind wegen der Boykotte allenfalls zum Apfelfressen aufgerufen. Von wegen: „sich genau so sicher fühlen können wie wir.“ Wenn ich solchen Scheißdreck lese, fühle ich mich nicht sicher, sondern wie von schießwütigen bösen alten Männern umzingelt.

Unter diesem hetzerischen Kommentar finden wir 32 Meinungsäußerungen. Davon sind gerade mal 5 zustimmend, 27 aber zum Teil harsche Kritik. Demgemäß wurde die Kommentierung der „Meldung“ von der TS-Redaktion rasch „beendet.“ Interessant auch, dass im Hinweis der TS-Redaktion die Textsorte Kommentar hier ganz unschuldig „Meldung“ heißt. Die Aktionen der Nato, die Krause fordert, wären ein verheerendes Signal. Jetzt will die NATO sogar ein Manöver in der Ukraine abhalten, quasi vor Russlands Haustür. Wenn wir uns den Wahnwitz vor Augen führen, sind wir „Putinversteher“, eine Vokabel aus der Propagandaküche der Spindoctoren, vor denen unsere Journalisten Männchen machen, weil sie offenbar an deren Strippen hängen.

Noch ein Wort zu
den Kommentaren unter dem TS-Kommentar. Natürlich lässt sich hier ablesen, dass die Kriegspropaganda aus geballten Rohren noch nicht recht gefruchtet hat. Die Mehrheit der Deutschen ist vom verbalen Gefechtslärm noch nicht geblendet und betäubt. Man kann sich ausrechnen, dass nun bald moderate Töne angeschlagen werden, bis man einen Grund für die neuerliche Hetze findet – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Edit 06.09.2014 Siehe da: Die moderaten Töne!

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10 Kommentare zu Beobachtung einer versuchten Brandstiftung

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