Neue Wegelagerer und Zolleintreiber vor dem Irrenparadies

Als ich gestern am Geldautomaten bei dem Geldinstitut meines Vertrauens Geld abgehoben habe, hat die Bank derweil mein draußen angelehntes Fahrrad konfisziert und im Internet zum Kauf angeboten. Mit Recht runzelst du die Stirn und denkst an Märchen von Wegelagerern und Strauchdieben. Banken machen doch so etwas nicht! Die würden nie auf die Idee kommen, sich einfach das Eigentum ihrer Kunden anzueignen und hinter ihrem Rücken zu verkaufen. Banken achten ihre Kunden, denn sie kennen das Verhalten der Kunden sehr genau. Wann immer einer mit Karte bezahlt, erfährt die Bank, was er wann und wo zu welchem Preis gekauft hat.

Natürlich werden diese Daten gesammelt. Wem gehören sie jetzt? Es handelt sich um gesammelte Informationen. Man sollte annehmen, dass der Erzeuger dieser Informationen auch der Eigentümer ist, quasi eine Art Urheberrecht an der Dokumentation seines Verhaltens hat, wenn er auch nicht derjenige ist, der die Dokumentation aufgeschrieben hat. Es ist ungefähr so wie das Recht am eigenen Bild. Oder an einem anderen Beispiel: Wenn jemand eine Rede vorträgt und ein Stenograf sie mitschreibt, hat der Stenograf trotzdem kein Urheberrecht an der Rede.

Die niederländische ING Bank will laut einer Meldung der belgischen Tageszeitung De Morgen die Daten ihrer Kunden an Werbeunternehmen verkaufen. „Die Finanzhäuser wissen genau, wann wir etwas kaufen, wo wir es kaufen und wie viel wir dafür ausgeben“, schreibt de Morgen. Jetzt kannst du sagen: Was interessiert mich die niederländische Bank ING? Die kenne ich nämlich gar nicht, und Holland ist weit. Wir dürfen aber getrost davon ausgehen, dass ebenso deutsche und andere Geldinstitute daran denken, die Daten ihrer Kunden zu Geld zu machen. Facebook oder Google machen es schließlich auch so, selbst die Deutsche Bahn will das dumme Datenvieh melken, die Milch verhökern, ohne das Datenvieh zu fragen oder etwa am Gewinn zu beteiligen.

Wohin du schaust Wegelagerer und Zolleintreiber vor dem Irrenparadies – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Dieser Beitrag wurde unter Zirkus schlechten Geschmacks abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten auf Neue Wegelagerer und Zolleintreiber vor dem Irrenparadies

  1. ja und nein. das, was sie oben angeführt haben, geht gar nicht und passiert ja leider doch schon längst. andererseits: ich arbeite tagtäglich mit höchst sensiblen daten, halte mich an sämtliche schutzbestimmungen (und das sind gar nicht so wenige) und verzweifle manchmal an den totschlagargumenten der datenschützer, denen es in meinen augen oft sehr schwer fällt, zu differenzieren.

    • trithemius

      Das “nein” interessiert mich, genauer: wie und warum geraten Sie mit “Totschlagargumenten der Datenschützer” in Konflikt? Wie sehen diese Totschlagargumente aus?

    • da brauch ich ein bisschen länger für die antwort, oder ich finde den “kommentar der anderen”, den ich da einmal hoch offiziell für uns verfasst habe, wieder. geben sie mir noch ein bisschen zeit!

      • trithemius

        Alle Zeit der Welt. Ich bin zu Hause ;)

        • gefunden;-) ist zwar ein längerer text und ein wenig älter, dafür kann ich ihnen mitteilen, dass sich das problem eh schon drei jahre später lösen ließ.
          außerdem ist das nur ein kleiner teil MEINER tätigkeit. dort wo einerseits alle nach evidenzbasierter medizin schreien, andererseits aber das recht auf datenschutz noch viel wichtiger ist, wird es noch viel schwerer. wobei ich da auch noch stundenlang über die sinnhaftigkeit diskutieren kann. und das missbrauchsargument für mich im wesentlichen das schlimmste totschlagargument ist …

          ich kopier ihnen meine damalige stellungnahme zu einem aktuellen zeitungsartikel halt in zwei, drei kommentare (sie ist lang), löschen sie es gern wieder!

          • trithemius

            Keinesweg lösche ich Ihre Stellungnahme. Es freut mich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, meine Neugier zu befriedigen.

  2. … wobei es schon ein Unterschied ist, ob die Bank Dein Radel verkauft oder die Nachricht, dass Du dort warst mit Radel …

    liebe Grüsse
    es ist nicht alles so wie es mal war

    Karen

    • trithemius

      Darüber müssen wir nicht diskutieren. Was ich versuche deutlich zu machen ist, dass wir an den von uns erzeugten Daten ein Eigentumsrecht haben. Das muss endlich auch juristisch/gesetzlich abgesichert werden.

      Lieben Gruß,
      was meinst du damit, liebe Karen?

      Jules

  3. “Wer schützt uns vor den Datenschützern”

    Früher konnten von der Statistik der xxx Anfragen, wie viele Volksschüler in Wien etwa im Vergleich zu Vorarlberg am Schulweg verunglücken, leicht beantwortet werden. Andere wollten wissen, wie sicher oder sicherer denn Schulschikurse geworden wären.

    Schulerhalter, Lehrer, Elternvereinsobleute, Beamte des Bildungsministeriums, Mitarbeiter des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, Hersteller von Turngeräten – die Liste der Interessenten lässt sich noch lange fortsetzen – sie alle erhalten von uns Statistiken, die selbstverständlich dem Datenschutzgesetz entsprechen. Ich wüsste aber nicht, wie solche Statistiken entstehen sollten, wenn wir nicht auch irgendwo die einzelnen Schülerunfälle als Basis gespeichert hätten. Aber seit In-Kraft-Treten des Bildungsdokumentationsgesetzes 2002 sehen sich sowohl das Unterrichtsministerium als auch die Statistik Austria außerstande, uns die zusammengefassten Schülerzahlen in einer für uns ausreichenden Detaillierungsstufe zu liefern. Die Grunddaten sind ja schlicht nicht mehr vollständig!

    Niemals hätte ich die Noten der Schüler wissen wollen, auch die Versicherungsnummern sind für mich als Abnehmerin zusammengefasster Daten bereits völlig irrelevant, aber – wegen der „vielen Elternbeschwerden“, die die ARGE Daten anführt, können seit mehr als vier Jahren keinerlei Auswertungen über Schülerunfälle, die über die reinen Absolutzahlen hinausgehen, gemacht werden. Mag sein, dass auch aus diesen Daten Rückschlüsse gezogen werden können – mir scheint aber auch, die Sicherheit der SchülerInnen dokumentieren zu können, ein berechtigtes Anliegen.

    Auch die Statistik Austria teilt die Bedenken der ARGE Daten nicht, auch dort dürfte sowohl das Datenschutzgesetz eingehalten werden, als auch eine gewisse Einsicht in praktische Notwendigkeiten bestehen.

    Frau Minister Schmied hat „das Problem von ihren Vorgängern geerbt“ – ich hoffe, dass sie auch die Stimmern derer hört, die Daten immer schon in sinnvoller Wiese nutzten, und von denen übrigens (soweit das unsere Statistik betrifft) auch keine Stellungnahme zum Bildungsdokumentationsgesetz eingeholt wurde.

    • trithemius

      Dankeschön für den Einblick in einen mir unbekannten Problembereich. Es wirkt schon kurios, wenn Eltern unterstützt von Datenschützern offenbar so eifersüchtig über die Daten ihrer Kinder wachen, dass Ihnen genaue Unfallstatistiken unmöglich gemacht werden; andererseits veröffentlichen viele Jugenliche ihr komplettes Privatleben bei Facebook.
      Ich hoffe, Sie richtig verstanden zu haben. Auf welche für Sie wichtigen Daten haben Sie keinen Zugriff mehr, so dass die Grunddaten unvollständig bleiben und wozu benötigen Sie konkret diese Daten?

    • ich bin de facto für sämtliche statistiken über arbeits- und schülerunfälle, sowie berufskrankheiten für ö zuständig. im prinzip können sie sich das so vorstellen wie alle berufsgenossenschaften in d gemeinsam. bei uns funktioniert das aber insgesamt anders, weil wir a) ein ganz anderes beitragssystem haben und b) auch noch 7 unfallkrankenhäuser und 4 rehabzentren betreiben, und da kommen dann auch andere patienten/daten dazu.

      • trithemius

        Donnerwetter! Das klingt nach sehr viel Verantwortung. Ich dachte zuerst, es ginge nur um Versicherte mit dem Anfangsbuchstaben Ö ;) , bis ich begriff, dass ganz Österreich damit gemeint ist.

    • und da es natürlich interessanter ist, raten/Quoten zu wissen, also einfach wieviele von wievielen einen arbeits- oder schülerunfall gehabt haben, brauch ich da immer die entsprechenden grundgesamtheiten. und bei den schülern war das jahrelang nicht zu machen. da wurden einfach immer dieselben zahlen fortgeschrieben, was extrem sinnvoll war …

  4. Die Frage “Wem gehören die Daten” wird immer eigenwillig beantwortet. Erinnerst du dich noch an das Gesetz, welches im Zuge der “GEZ pro Haushalt” eingeführt werden sollte: die Einwohnermeldeämter sollten das Recht gewährt bekommen, die Daten ihrer angegliederten Einwohner verkaufen zu dürfen. Für die geldnotgeplagten Kommunen wäre das ein gutes Geschäft geworden. Aber irgendein ein schusseliger Journalist hatte darüber berichtet und den Gesetzesgebern in die Suppe gespuckt.
    Als Google Street im Kern des Wirbelsturms über die Eigentumsrechte von Fotos stand, waren die Argumente recht kontrovers. Haus- oder Wohnungsbesitzer, die den Verkauf ihrer Immobilie planten, waren gegen eine Verpixelung von Straßenbildern. Privatpersonen dagegen waren für die Verpixelung, um zu verhindern, dass sie ungefragt ins Bild gekommen wären. Wenn in meiner Umgebung ein Restaurant mit guten Gerichten plus guten Preis-Leistungsverhältnis aufgemacht hat, aber es mir niemand erzählt, dann bin ich froh, die Daten des Geschäftes zu finden. Inklusive den Bewertungen von Gästen. Kommt aber ein Portal wie YELP ins Spiel, dann stellt sich verschärft die Frage, wem die Daten gehören. Wenn ich beispielsweise totaler Nutella-Süchtling wäre (bin ich nicht, aber ich kenne da einige) und mein Smartphone würde piepen, wenn ich an einem Supermarkt vorbei käme, weil dort diese Schmiercreme wirklich günstig angeboten würde, dann wäre ich dankbar (wie jeder Nutella-Junkie halt). Beruhen diese Angebotsanzeigen über Nutella-Produkte auf mein Kaufverhalten mit meiner EC-Karte, dem Abrechnungssystem eines Punktesystems und meinen Suchen im Internet, dann wäre es mir Junkie egal. Auch wenn jemand meine Daten auswerten würde.
    Angenommen Dortmund spielt gegen Petersburg. Und die Analysten finden heraus, dass Kevin Großkreuz nur 50% von dem gelaufen ist, was die Mitläufer von ihm gelaufen sind. Könnte sich der Fußballer Kevin Großkreuz darauf berufen, dass seine Laufdaten ihm gehören? Denn diese Daten könnten sowohl seinen Arbeitsvertrag (“professioneller Balltreter”), seine Leistungsvergütung (“überbezahlter Fußgänger”) und seine Zukunft (“Schmarotzer”) erheblich beeinflussen. Würde das in einem Bereich außerhalb des öffentlichen Interesses stattfinden, dann würden viele Arbeitsrichter eindeutig urteilen. Will wer, dass Kevin Großkreuz an der Kasse eines kleinen Supermarktes endet? Kommt drauf an, nicht wahr …
    Wem gehören die Daten?
    Deine Anordnung unter “Zirkus des schlechten Geschmacks” finde ich trotzdem zutreffend. Denn an dieser Stelle wage ich mal die folgende These: Keine regierungsnahe oder regierungsferne Organisation ist daran interessiert, dass jemand mit Bargeld bezahlt. Bargeld ist in unseren NSA-Zeiten so fortschrittsfeindlich und inopportun. Bargeldzahler machen es Organisationen zweimal schwer: einmal muss das Bargeld zur Verfügung gestellt werden (wahrer Handelswert des Wertpapiers abzüglich Produktions-, Handlings-, Logistik und Abschreibungskosten …) und zum anderen lässt sich die Herkunft des Geldes nicht mehr zurück verfolgen (kaufe ich von dir eine Česká zbrojovka gegen Bargeld, dann ist der Kauf von niemanden beweisbar wie es ja auch bei der NSU geschah … wäre toll gewesen, hätte man auf einer Kartenabrechnung lesen können, Frau Zschäpe hätte die Waffe von einem Herrn XYZ gekauft und Holger Gerlach hätte Pässe und Führerschein für Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos organisiert). Und die Rückverfolgbarkeit von Geldscheinen ist eines der großen Schwächen eines Geldkreislaufes (wenn unregistriert und gebraucht, wie es in Lösegeldforderungen damals immer so gerne hieß). Das hat jede Regierung und jede gewinnorientierte NOR erkannt (beide mit unterschiedlichen Interessen). Wem gehören die Daten? Und da sich die Frage sehr einfach im Sinne des Datenurhebers beantworten lässt, setzt die zweite Frage ein: Cui bono?
    Banken sind die Schafe der Nation. Demonstrationsstrafrechtlich gesehen sind Banken gleich direkt nach den Schafen einzuordnen. Zum Vergewissern: Schafe haben eine einheitliche Verkleidung, sehen alle gleich vermummt aus und deren Wolle erschwert dem wütendem Büttel sowohl das handfeste Zugreifen als auch die Wirkungstreffern von Schlaginstrumenten gegen gewaltsame Gewaltlosigkeit. Dass diese Schafe nicht nur schwarzes Fell haben sondern schon lange ihr Wolfspelz unter dem Schafspelz nicht mehr auf Länge stutzen, ist einem anderen Verständnis der Öffentlichen Meinungsforderung des hiesigen Systems geschuldet.
    Wie war nochmals der Spruch in deutschen Landen, den ich in der Kaiserstadt gelernt hatte? Es gibt drei große Betrüger in diesem Lande und zwar genau in dieser Reihenfolge: Versicherungen, Banken, Architekten. Ich persönlich würde da noch eine vierte Kaste hinzufügen, aber ich will ja hier nicht in unqualifizierter qualifizierter Politikerbeschimpfung ausgeifern …
    Wem gehören die Daten und cui bono? La-Mamma gab ein schönes Beispiel dafür.
    Und jetzt noch etwas Fleisch vor die Meute geworfen: Daten werden für Statistiken benötigt. Und dafür gilt: Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast …

    • trithemius

      Bleiben wir beim Beispiel des Fußballers Großkreuz. Sind seine Laufdaten sein Eigentum? Schließlich ist er selbst Erzeuger dieser Information, und nach meiner oben geäußerten Auffassung, müsste er darüber entscheiden dürfen, was mit den Laufdaten geschieht.
      Worin besteht der Unterschied zum Kartenzahler im Baumarkt? Indem sich der Fußballer Großkreuz mit seiner Mannschaft ständig in der Öffentlichkeit bewegt, Sportjournalisten über seine Laufwege, die Zielsicherheit seiner Pässe, seine Torschüsse, seine Zweikämpfe genauestens Buch führen, dokumentieren sie seine Leistungsfähigkeit, woraus Großkreuz seinen Marktwert als Fußballer ableiten kann und entsprechendes Salär fordern. Dafür dass er also einen Teil seiner Person öffentlich macht, wird er allerdings fürstlich entlohnt und zwar genau dafür. Anders ist es, wenn Großkreuz im Sexshop Hundehalsbänder kauft und mit Karte bezahlt. Wenn Bank oder Sexshop Informationen über seine Vorliebe für Hundehalsbänder an Werbetreibende verkauft, so dass ständig SM-Werbung für Ledergeschirr ins Haus flattert, wenn ihm Paparazzi auflauern und Fotos machen, die sie an eine Illustrierte verkaufen wollen, dann kann Großkreuz mit Fug und Recht sich beschweren. Denn es geht hier um die Verletzung seiner Intimsphäre, mit der er nicht an die Öffentlichkeit gegangen ist. Der Fall von Prominenten ist ohnehin anders gelagert. Denn es gibt den Rechtsbegriff der Person des öffentlichen Lebens.

      Die Intimsphäre ist aber auch bei Personen des öffentlichen Lebens geschützt.
      Nicht immer hilft die Frage Cui bono? Bsp: Als ich im Krankenhaus gewesen bin mit Herzinfarkt, bekam ich nachher den Arztbericht. Mit Erstaunen las ich bei den Vorbelastungen: „THC-Missbrauch“ Niemand hatte mich danach gefragt, ob ich kiffe und ob ich einverstanden bin, wenn’s im Arztbericht erscheint. Woher die Info stammte, konnte ich nicht nachvollziehen, doch ich fand mich abgestempelt, obwohl ich schon aufgehört hatte mit rauchen, was das Kiffen auch unmöglich machte. Natürlich könnte man sagen, dass die Information für behandelnde Ärzte wichtig war. Aber niemand hat mich je darauf angesprochen.
      Zum Thema Bargeld: Ich glaube auch, dass es bald abgeschafft wird. Manche Länder in der EU schaffen bereits die kleinen Münzwerte ab. Die Banken haben ein großes Interesse, den für sie teuren Bargeldverkehr einzustellen. Außerdem sind sie dann in jeden Verkaufsvorgang einbezogen, genau wie die Wegelagerer und Zolleintreiber aus der Überschrift. Zuerst werden sie argumentieren, dass der Bargeldverkehr zu teuer ist. Wenn Bargeld abgeschafft und Plastikgeld etabliert sind, werden die Banken feststellen, dass Kartenzahlung doch nicht so Preiswert ist wie anfangs behauptet und die Gebühren erhöhen, dann an jedem Bezahlvorgang verdienen, soviel sie wollen. Die von dir angeführte gesellschaftliche Kontrolle kommt noch erschwerend hinzu. Wer heute schon freiwillig alles mit Karte bezahlt, kann das tun. Gesamtgesellschaftlich muss aber die Abschaffung des Bargelds unbedingt verhindert werden.

      Der hämische Satz über die Statistik wird übrigens Josef Goebbels zugeschrieben. Er hat sich damit polemisch über Churchill geäußert.

      OT: Ich danke dir herzlich für deine wohlwollende Rezension meines E-Books “Das Verzeichnis” bei amazon. Hab mich sehr gefreut.

  5. Ich finde es erstaunlich, dass Kevin Großkreuz deinen Blog gelesen hat. Und das während des Spiels, als ich meinen Kommentar schrieb. Denn am Ende der Begegnung Dortmund-Petersburg hat sich Großkreuz über das Murren der sitzenden Zuschauern beschwert, wenn es im Spiel mal nicht geklappt hatte. Ausdrücklich davon hat er die Zuschauer der Südkurve ausgenommen, Ich hab zwar sofort mein Fernseher gen Norden ausgerichtet und mich in die Kurve gelegt, aber es war zu spät. Sebastian Kehl beschwerte sich ebenfalls. Ich finde es erstaunlich, dass beide während des Spiels meinen Kommentar unter deinem Blogeintrag gelesen haben und trotzdem dabei nicht von den Fernsehkameras erwischt wurden, als sie auf dem Spielfeld in deren Smartphones lasen …

    Was jetzt kommt, ist nicht geschrieben, um rechthaben zu wollen, sondern als Vertiefung einer Sache. Das kommende könnte aber die Widerlegung des ersteren sein, obwohl das zweitere von mir gedacht ist. Deshalb entschuldige ich mich vorher mit dem Wort “Dialektik” und hoffe nachher nicht deswegen verlacht zu werden …

    Dem Begriff “Rechtsbegriff der Person des öffentlichen Lebens” fehlt das wichtige Adjektiv “unbestimmt” (wie es in deinem Link ausgeführt wird). Das bedeutet, dass es Rechtsauslegung ist, was und damit wer eine “Person des öffentlichen Lebens” ist. Gerade bei der Sportveranstaltung “Fussball” treffen zwei gegensätzliche Prinzipien aufeinander: Das Spiel ist nur “öffentlich” in dem Sinne zu sehen, dass der Veranstalter dem Zuschauenden Rechte an dem Zuschauen zeitlich beschränkt verkauft (für die Dauer des Spiels). Es gelten zwar die Rahmenbedingungen des StGBs (und das wird aktiv von der Polizei bewacht), aber das Hausrecht des Veranstalter ist hierbei dem Erwerbenden dieses Rechtes bindend. Das heißt, die Fernsehanstalt schließt mit einer Sportorganisation (am Mittwoch waren des ZDF und einer von der UEFA befugten Organisation) einen Vertrag über mediale Direkt-Verbreitung innerhalb bestimmter Landesgrenzen (Internet und übernationale Satellitenversendung gehen dabei gar nicht). Zuvor hatte bereits der Ausrichter der Veranstaltung seine Hoheitsrechte der medialen Direkt-Transmission an der (hier:) UEFA abgetreten. Der akkreditierte Sender setzt nun im Rahmen des geschlossenen Vertrages zusätzlich Mittel ein, um das Spiel statistisch auszuwerten. Dieses betrifft sowohl das Spiel als auch die Spielenden auf dem Platz. Einbezogen werden auch die Zuschauer in dem Stadionrund, die aufgrund des geschlossenen Vertrages mit der Ticketverkaufsorganisation ihre eigene Bild-, Ton- und Videorechte bereits mit Bezahlen des Tickets veräußert haben. Kompliziert? Es wird noch komplizierter. Kennst du Erik Durm? Erik Durm ist ein Mitmensch, welcher im Stadion bei dem Spiel zugegen war. Ich als Zuschauer und Nicht-Dortmund-Kenner würde vermuten, es handelt sich um einen Zuschauer. Ich möchte wetten, über 50 % der Bevölkerung können mit dem Namen “Erik Durm” nicht viel anfangen. Ist er jetzt “Person des öffentlichen Lebens”? Und hier schlägt die Unbestimmtheit des Rechtsbegriffes zu. Erik Durm ist ein Fußballspieler, der seit der Saison 2013/14 beim Bundesligisten Borussia Dortmund unter Vertrag steht. Betrifft er das “öffentliche Interesse” (auch ein unbestimmter Rechtsbegriff)? Das öffentliche Interesse hat nicht generell Vorrang vor Individualinteressen. Als Mitspielender der Begegnung könnte man trotz der vielen Zwischenverträge und Rechtsabtretungen darin zu dem Schluss kommen: ja. Aber gehören dazu auch seine statistischen Daten? Er müsste es gerichtlich untersuchen lassen. Niemand von uns weiß, welche Klauseln im Arbeitsvertrag von ihm drin stehen und ob eine Klauseln Erik Durm von “Statistiken akkreditierter Vierter” ausschließt. Sollte es der Fall sein, dann ist es klar. Aber insofern ist meine angestoßene Diskussionsbasis tönern. Angenommen sie ist nicht darin enthalten, so würde für ihn die Chance eine Art “Bosman-Urteil” hervor zu rufen (mit verheerenden Auswirkungen für den Urteilsbegünstigten; Erik Durm wäre mit der rostigen Stahlwatte gepudert, würde er das versuchen). Denn solche Statistiken dienen sehr wohl einen Fußballer zu schädigen oder zu fördern. Ein Mario Basler stand 1999 auf einer besonderen Kippe. In dem entscheidenden Spiel war er eine Nullnummer für seine Mannschaft. Bis auf dem Freistoßtor. Und da ihm Abwanderungsgedanken nachgesagt wurden, stieg sein Wert in den 90 Minuten kontinuierlich. Auf den Rängen wurde er schon messiasgleich gefeiert. Und dann machte Manchester zwei Tore und kassierte den Champions-Liga-Sieg vor den entsetzten Mienen der Bayern ein. Von Mario Basler und seinem Marktwert redete danach niemand mehr. Aber sehr wohl von seiner Statistik. Ein anderer, dessen Wert sich in jenem Spiel auch verringert hatte, war Lothar Matthäus (man glaubt es kaum). Ihm wurde vorgeworfen, er hatte sich vor Ende des Spiels auswechseln lassen, weil er den Stadionapplaus einheimsen wollte und somit das Spiel der Bayern in den letzten fünf Minuten dem Chaos anheim fallen ließ. Dabei war seine Statistik im Spiel hervorragend. Das alles hatte etwas von dem verschossenen Elfmeter von Ulli Hoeness 1976 gegen Tschechien …
    Wie du sicherlich anmerken wirst, meine beiden Beispiele zeigen, dass statistische Werte relativ auf dem Marktwert eines Fußballer Einfluss haben. Je bekannter ein Spieler aber heutzutage ist, desto weniger haben momentane Daten Einfluss auf seinen Status. Aber je unbekannter ein Fussballer ist, desto gefährlicher können diese Datenerhebungen werden, eben weil keine Langfristdaten vorhanden sind und Prognosen über die Entwicklung eines Spielers wie Glaskugelschauen ist. Und sicherlich wirst du indirekt beim Lesen dem Gedanken “Was soll denn diese verquere Drecksargumentation” in irgendeiner Ausprägung nachgehangen haben. Es gab da mal ein Fussballspiel über Mailand gegen Werder Bremen, bei dem die Vermarktungsrechte des Spiels ausschließlich beim Berlusconi-Verein lagen (zur Erinnerung: Berlusconi war mal ein demokratisch gewählter Präsident Italiens so wie jene in Ungarn oder in der Ukraine *duckundweg*) und in Deutschland keiner die horrenden Summen zahlen wollte, weswegen es auch nicht in Ausschnitten im deutschen Fernsehen zu sehen war (noch nicht mal statistisch).
    Wie ich hier schon suggestiv werden lasse, es geht um die Interessenslage (Cui bono).
    Ich bin mir nebenbei sicher, dass die ersten Instanzen einem Erik Durm beim Versuch, seine auf dem Spielfeld durch sich selber generierten Daten zu schützen, Gelächter ernten wird. Wahrscheinlich auch noch in der letzten Instanz. Denn das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft verlangt nach Datenerhebung über das Individuum, um es zu klassifizieren und zu beurteilen. Das war bislang sowohl im analogen Zeitalter der Fall, wie es jetzt im digitalen Zeitalter der Fall war. Die Daten der StaSi füllten ein Fussballfeld, aber passen heutzutage auf jeden handelsüblichen USB-Stick. Bei der NSA allerdings (oder harmloser: einer Bank der Schweiz) benötigt man schon ein paar potente Datenträger mehr. Okay, ich werde grob unsachlich, weil die NSA oder Schweizer Bank auf einer demokratischer Verfassung fußen, aber die StaSi erwiesenermaßen einem Eigentümer gehörten, der sich demokratische Anstriche gab aber in Wahrheit eine Bestie in Sachen Menschenrecht war (hoffe damit, ungedarfte Mitleser befriedet zu haben).
    Doch zurück: ein Berufsanfänger, der die Anforderungen der Firma an seine Stelle nicht erfüllt, wird auch nicht vor Gericht klagen können, die Datenerhebungen durch andere in der Firma sei datenschutzrechtlich bedenklich und somit eine darauf beruhende Kündigung unwirksam. Wenn nun der Beschäftigte selber gerade das Aufgabengebiet der Datensammlung hat und vertraglich daran gemessen wird (was in unserer Leistungsgesellschaft immer vertraglich geregelt ist), dann müsste sein Arbeitsvertrag aufgrund des „Verstoßes gegen die guten Sitten” für nichtig erklärt werden (womit weder der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber irgendwelche einklagbaren Rechte am zuvor geschlossenen Vertrag haben würde). Aber wie oben bei den Fußballern wird es wohl kaum Chancen auf Erfolg geben, als Dritt-Partei (also als indirekt betroffene Partei; sozusagen “Nebenkläger” ohne “Hauptkläger”, weil es keinen Prozess gibt) dagegen zu klagen, eben weil es kein Verstoß gegen irgendwelche gute Sitten (wieder ein unbestimmter Rechtsbegriff) gibt, noch weil es in dem Interesse bestimmter einflussreicher Interessengruppen der komerziellen Wirtschaft ist.
    Wenn die ING ankündigt, Daten zu veräußern, dann ist das zynischerweise fair. Andere fragen gar nicht erst. Du kannst zwar dann bei der ING kündigen, wenn das auch die deutsche Verträge betrifft (Änderung der Geschäftsbeziehung lassen ein Sonderkündigungsrecht zu), aber dann weißt du nur, dass die ING fair zu dir war. Aber ob es die anderen deutschen Bankniederlassungen auch sind, das ist einstweilen wohl fraglich.

    Ich bin mir sicher, dass du dich schon paar Mal gefragt hast “Was soll das? Was schreibt der Tüddel denn da?”. Ich habe ein paar Einsichten in Rechtsdingen erhalten und gerade diese rechtlichen Verflechtungen basierend auf rechtsgültige Verträge machen das ganze erheblich schwierig. Wenn du dich in einem öffentlichen Raum bewegst (also nicht in einem Stadion oder in einer Sporthalle, wo der FC Bayern München, die “One Direction”, Robbie Williams oder so, wo der Zuschauer alle seine Rechte bis auf das Recht des Zu-Schauens per Ticketkauf aufgibt), also so draußen auf dem Bürgersteig, im Straßencafé bei einem Kaffee, dann bist du öffentlich (aber verlierst bestimmte Individualrechte dadurch nicht) und bist als Jules geschützt (wie z.B. beim Recht aufs eigene Foto, wenn du selber zum Haupt-Motiv des Fotografen erklärt worden warst und keine explizite oder kongruente Einwilligung gegeben hast). Aber als Kevin Großkreutz vor einer Tasse Kaffee hättest du die Rechte erheblich eingeschränkt, außer du würdest dann zur Befriedung einer Alkoholsucht das erste Pils gleich gierig in einem Zug leer trinken.
    Lange Rede (schläft der Leser schon), kurzer Sinn (Nickerchen sind gesund): Die Sammelleidenschaft der von dir im Post erwähnten Bank gehört wahrlich unter der Rubrik “Zirkus des schlechten Geschmacks”, auch wenn es rechtlich okay und geschäftlich fair sein mag.
    Denn über das ganze, was ich bis hierhin gesalbadert hatte, gibt es wahrscheinlich zwischen dir und mir eine Basis der grundlegenden Übereinstimmung (… wie nennt sich dieses rhetorische Stilmittel nochmals? Tautologie? Oder Eulen-nach-Athen-Logistikwirtschaftsdenken? …): Es muss nicht alles gemacht werden, was technologisch denkbar ist. Auch wenn es rechtens ist. Dumm an der Sache ist, dass wir einem anderen Fundamentalgedanken gegenüber stehen, der da heisst “Wenn es wir nicht machen, verdient ein anderer daran”.

    Und noch etwas (nicht unbedingt für dich, sondern für …):
    Hallo Kevin, hallo Sebastian, ich wünsche euch viel Erfolg in Madrid gegen die Ronaldo-Mannschaft. Und lieber weniger das Smartphone beim Spielen lesen, als die Pläne der gegnerischen Spiele … nö, ich stehe südlich kurvig hier vor meinem Monitor …

    • Spasseshalber werfe ich noch etwas zu dem Begriff “Intimsphäre” in dem Raum:
      Wenn ein Fussballspieler (Stürmer) aufgrund des Erfolges einer blitzschnellen Planung (angesichts der Gegenspieler und deren antizipierten Verhalten) ein auch für den Spieler bemerkenswertes Tor schießt und aufgrund dessen und einer tiefen inneren Befriedigung über den positiven Ausgang seiner Intuition und dem Gefühl der Macht gegenüber der gegnerischen Abwehr (… ja, sehr fragwürdiger Satzaufbau im Dienste der Lesbarkeit …) eine Erektion bekommt, die unter seiner Sporthose sich deutlich abzeichnet, darf dann ein Sportjournalist von dem Spieler beim Jubeln ein Ganzkörperfoto machen? Auch wenn der Fotojournalist ordentlich akkreditiert ist und ihm die Akkreditierung beim Fotografieren Freiheiten lassen sollte, das Foto würde nicht veröffentlichbar (also somit in erster Linie nicht verkaufbar) sein, denn obwohl der Torschütze “Person des öffentlichen Lebens” wäre (Siegtor in einer entscheidende, mannschaftskritischen Partie) überwiegt das Recht auf Intimsphäre.
      Der Fall ist nicht an den Haaren herbeigezogen sondern beruht auf de facto einem Vorkommnis bei einem internationalen Spiel (dumm, dass ich meine Behauptung aus dem Gedächtnis zitiere und es nicht objektiv rückverfolgbar machen kann).
      Aber was ist mit Balotelli, als er erstarrt und mit nacktem Oberkörper nach seinem EM-Siegtor über Deutschland einem Sexgott gleich auf dem Platz stand? Gilt da das Recht auf “Intimsphäre”? Objektiv gesehen ja. Denn er präsentiert intimes, aber der willentliche Akt des Zeigens hebt das Recht auf Intimsphäre wieder auf. Und die UEFA hat ihn gleich dafür bestraft (direkt nach der gelben Karte vom Schiedrichter), weil er gegen deren Regularien verstieß. Angenommen, Balotelli hätte jetzt auch noch eine willentlich nicht kontrollierbare Erektion aufgrund dieses Erfolges gehabt. Was wäre dann passiert? Allein der Gedanke an solche gedanklichen Konstrukte wird dir die Nackenhaar sich aufgerichtet haben lassen. Aber so weit ist das ganze nicht hergeholt, denn mache Körperreaktionen (wie die, als sich Beckham vor laufender Kamera auf dem Spielfeld komplett ausgekotzt hatte, was bestimmt manchem Fernsehzuschauer auf dem Magen geschlagen war) sind nicht kontrollierbar.
      Soweit das Recht auf bestimmte Rechte. Insbesondere das recht auf Intimsphäre in zur öffentlichen Begutachtung überstellten Gebieten …

      • trithemius

        Puh, auf all das in der Ausführlichkeit einzugehen, sehe ich mich nicht im Stande, zumal deine Beispiele die Thematik nicht klarer erscheinen lasssen. Indem du Grenzbereiche aufzeigst, lenkst du von der Frage ab, ob Banken mit meinen Einkaufsdaten handeln dürfen. Da nicht anzunehmen, dass der Gesetzgeber hier eindeutige Verbote aussprechen wird, schütze man sich durch Barzahlungen allüberall.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>