Bigotter Mensch und die Meteorologie der Scheißstürme

Das Streifrevier einer Giraffe hat eine Größe von etwa 100 Quadratkilometern. Vergleichsweise viel zu klein ist mit 11 Hektar der Zoo von Kopenhagen, über den derzeit ein Facebook-Shitstorm braust, weil man das arme Giraffenbullenbaby „Marius“ getötet, zerteilt und an Löwen verfüttert hat. Mit den heißen Zangen der Inquisition „verhört“ BILD den „herzlosen“ Zoodirektor. Zoos sind die Relikte kolonialen Denkens und gehören abgeschafft, aber nicht weil man Tiere an Raubtiere verfüttert, sondern weil es grundsätzlich falsch ist, Wildtiere herzubringen und einzusperren, damit der Mensch sie angaffen kann.

Gleichzeitig zieht ein ordentlicher Shitstorm über das ZDF. 33.000 Jäger und Sympathisanten fordern Wiedergutmachung für die Ausstrahlung der Dokumentation „Jäger in der Falle“. In der Dokumentation wird den Jägern zum Ärger des Deutschen Jagdverbandes (DJV) pure Mordlust unterstellt. Ja, ist es denn anders? Die schießgeilen Jäger sollten froh sein, dass Bild sich noch nicht eingeschaltet hat und keine öffentlichen Verhöre mit „herzlosen“ Jägern veranstaltet. Rehe und Wildschweine sind auch mal Babys. Oder dürfen sie massenweise abgeknallt werden, weil sie keinen langen Hals haben? Was ist das Kriterium für öffentliches Mitleid mit der Kreatur und dem Scheißegal gegenüber dem Elend der Tiere in den Labors und Schlachthöfen?

Es ist offenbar müßig, Sinn und Unsinn solcher Shitstürme zu untersuchen. Sie sind eher mit meteorologischen Modellrechnungen zu fassen. Scheißstürme sollten Namen haben wie Sturmtiefs. Dann könnte Tagesschausprecher Jens Riwa melden: „Der Kopenhagener Zoo ertrinkt gerade in Scheißsturm Kai Diekmann. Gegenscheißsturm Hubertus wütet über dem ZDF.“ Und statt der nervigen Börsenberichte kommt die tägliche Shitstorm-Karte mit Tagesschau-Strömungsfilm. Dann hätte der ganze Irrsinn wenigstens eine begreifbare bildhafte Form.

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8 Kommentare zu Bigotter Mensch und die Meteorologie der Scheißstürme

  1. Careca

    Es gibt schon die ersten Reaktionen in den Medien dazu: „Damit aber steht die Online-Petition in der Tradition der „mag ich“-„mag ich nicht“-Reflexe, die soziale Netzwerke wie Facebook ihren Nutzern entlocken, um möglichst umfassende Meinungsbilder ihrer Nutzer an Werbekunden zu liefern. Die angebliche Mausklick-Demokratie ist deswegen kein Ausdruck eines politischen Willens, sondern Abbild momentaner Launen.[…] Lassen sich Aktion, Gemeinschaft und Willensbildung mittels einfacher Benutzeroberflächen simulieren, wird das die Energien breiter Schichten soweit ablenken, dass wirksame politische Aktion immer unwahrscheinlicher wird. Das entwertet auch die Kraft des Internets.“ (Süddeutsche Zeitung) Zeit-Herausgeber Josef Joffe erklärte, dass die „digitale Verwünschungskultur“ mit der Hetze gegen Juden im Dritten Reich gleichzusetzen wäre. Kabarettist Ottfried Fischer äußerte sich ebenfalls dazu. Er bezeichnete das ganze als anonymisierte „politische Kriegsführung“, wie er über sein Management mitteilte. Die Leute hätten keine Scheu, jemanden, der anderes ist, nein, nur weil einem die Nase nicht passt, per anonymen Knopfdruck, und dadurch von Schuld und Gewissen befreit, die Existenz zu zerstören. Seit Christian Wulff sei die Menschenjagd salonfähig, so Fischer und rief auf, stark zu bleiben. Der Zoo dürfe seinen Direktor auf keinen Fall dem Pöbel vorwerfen. Dieter Nuhr hat auch gleich wieder eine Gegen-Petition gegen den Shitstorm ins Internet gestellt. Ein Aufruf unter dem Motto „Gegen digitales Mobbing, binäre Erregung und Onlinepetitionswahn“, den Nuhr veröffentlicht hatte, wurde wenige Stunden später wieder gelöscht. Nuhr dazu: ‚So weit geht die Freiheit nicht, dass man sich über sie lustig machen darf‘, kommentierte er die Abschaltung seiner Petition.“ Alt-Kanzler Kohl meldete sich ebenfalls zu Wort und erklärte, dass sich niemand der Abstimmung der Füsse unterwerfen dürfe und erst recht nicht, wenn diese Abstimmung der Füsse auf den Datenautobahnen stattfinde und Staus erzeuge. Merkel kommentierte Kohls Kommentar über ihren Pressesprecher Seifert mit einem, Kohls Kommentar über Staus auf Datenautobahnen durch Demonstranten sei Neuland für sie und sie würde darüber demnächst noch mit Pofalla sprechen, ob die Infrastruktur der Bahn ausgebaut werden könne, um solche Staus aufzulösen. Nebenbei: die Klasse 2a mit Fräulein Neugebauer als Klassenlehrerin und Ethikfachpädagoge wird morgen in den Münchener Schlachthof gehen. Thema: So wird Mamas Steak in der Küche gemacht …

    • trithemius

      Hoopla. Ich will mich weder mit der geistlosen Aktion von Dieter Nuhr noch mit der Entgleisung von Josef Joffe gemein machen. Denn grundsätzlich habe ich nichts gegen Online-Petitionen und teile die Meinung der SZ nicht. Denn es ist freilich leicht, eine vorgefertigte Petition zu unterschreiben und „mittels einfacher Benutzeroberflächen“ auszufüllen, aber als demokratischer Ausdruck der politischen Willensbildung ist es doch weit mehr als ein anonymes analphabetisches Kreuzchen alle vier Jahre in einer Wahlkabine. All die Herrschaften haben offenbar ein Problem mit demokratischer Willensbildung, wenn sie sich abseits ihrer gelenkten Kampagnen Ausdruck verschafft.

      Was ich kritisiere, aber vielleicht nicht deutlich herausgestellt habe, ist dieses bescheuerte Vermenschlichen von Tieren wie jetzt von „Marius“ und dass sich als Tierfreunde wähnen, die wie selbstverständlich in den Zoo rennen oder Leichenteile von Tieren verzehren, ohne sich zu fragen, wie sie auf den Tisch gekommen sind. Deshalb ist sowohl die Aktion des Zoodirektors wie auch der Unterrichtsgang zum Schlachthof gut und richtig.

      Es ist nämlich nötig, dass wir unseren Umgang mit Tieren, deren Benutzen, Brauchen und Verbrauchen, grundsätzlich in Frage stellen und sachlich diskutieren.

      • Careca

        Du hast Recht. Mir fiel dazu auf, dass die Presse den Shitstorm an dieser Stelle aber mit Rückenwind für deren Berichterstattung nutzt. Die geschickte Schlagzeile der BILD unterstreicht das noch. Was als Beleg einer berechtigten Empörung für die Medien dienen soll, war zuvor ein Beleg für die selben, dass Empörung völlig unberechtigt gewesen wäre. Es wird mit dem Leser verfahren, wie mit einem LKW-Anhänger.

        • trithemius

          Genau, der Journaille ist in dieser Sache nicht zu trauen. Sie sehnt noch immer die Zeiten zurück, als der Leser sich die geistige Bevormundungsration aus der Zeitung abholte, weil er keine Wahl hatte. Und jetzt gestatte ich mir ein Selbstzitat: „Es tut gut, sich die Oberhoheit über den eigenen Kopf von den bezahlten Schreibern zurückzuerobern, denn die geistige Bevormundung der Köpfe ist ein Faktor kultureller und politischer Macht. Und wenn auch die bezahlten Schreiber nicht die wirklich Mächtigen sind, so sind sie doch deren Vögte und Statthalter.“ aus: Ohnmacht des Federkiels und Macht der Tasten

  2. Wer sich mit mehr als den Schlagzeilen befasste, konnte da schon ins Grübeln kommen. Und weil ich meine ungestümsten Jahre hinter mir habe, machte ich das auch, statt sofort loszupoltern.

    Jeder Fleischesser muss sich bewusst werden, woher seine Magenfüllung stammt, und auch die Frage zulassen, warum ein zerlegtes Ferkel nicht annähernd soviel Mitleid bekommt wie beispielsweise eine ähnlich aufbereitete Giraffe.

    Den Anschauungsunterricht des Kopenhagener Zoos werte ich daher als gute Möglichkeit, sämtliche Bereiche rund um das Thema Tierhaltung gründlich, vielleicht noch eingehender als je zuvor, zu überdenken. Da diese Aktion außerdem vorher angekündigt wurde und somit Zartbesaitete dem Spektakel durchaus fernbleiben konnten, ist die Aufregung gewisser Medien stark überzogen, angesichts knallharter Vorgaben, möglichst reißerisch die Umsätze zu steigern, aber noch einigermaßen verständlich. Den Lesern jedoch könnte es schön langsam dämmern, dass ein Vertiefen in die Materie stets mehr brächte als sofort nach Inhalation einer Schlagzeile zu kollabieren. In dieser Hinsicht sollte man vielleicht mal shitstormen …

    • trithemius

      Ich danke dir für deinen abgewogenen Kommentar. Ich stimme dir in fast allem zu. Nur dein Verständnis für „gewisse Medien“ kann ich nicht nachvollziehen. Lass mich zum Thema Bildzeitung und deren Macher Max Goldt zitieren: „Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“ Im konkreten Fall machen sie Stimmung, eine Aufregung,die wiederum eine abgewogene Auseinandersetzung mit dem Thema unmöglich macht. Das ist nicht zu entschuldigen.

      • Stimmt, manches ist nicht zu entschuldigen, aber nicht alle Verlagsbeschäftigte sind unbedingt schlechte Menschen. Es gibt auch in fragwürdigen Medien ab und an Glossen, hinter denen sichtlich Menschen stehen, die nicht nur zu verteufeln sind.

        Ein Professor, mit dem wir an der Uni immer wieder diskutierten, erinnerte uns mal daran, dass nicht alle Leute gleich (gut) gebildet sind. Einige sind nur durch Spannung oder Aufregung zum Lesen zu verleiten. So gesehen erfüllen Medien, die wir gerne als minderwertig erachten, doch immer noch einen gewissen Zweck, nämlich jenen, dass gelesen wird.

        Was mir daher viel wichtiger erscheint, ist der Umstand, wie Menschen das Gelesene verarbeiten, und dafür ist bis zu einem gewissen Grad und ab einem gewissen Alter doch jeder selbst verantwortlich. Wer sich nur durch Schlagzeilen wälzt und nie etwas hinterfragt, hat ein Problem, das nicht den schlechten Medien angelastet werden kann.

        Mein „Verständnis“ bezog sich aber nur auf den Umstand, dass Medien existieren wollen und müssen, weshalb ich keines für die von ihm gewählte Art der Aufmerksamkeitsheischung verdammen würde. Zugegeben, manches nervt mich auch, aber es liegt doch an den Konsumenten, wie kritisch sie das Angebot durchleuchten, wodurch sie die Qualität eines Blattes oder Senders sehr wohl beeinflussen könnten. Und wenn ich mir so anschaue, wie an hiesigen Schulen anhand praktischer Beispiele die Jugend angehalten wird, gute von schlechten Medien zu unterscheiden, dann wäre dies ohne minderwertige Qualitätsware nicht möglich. Was man daraus macht, ist viel entscheidender.

        Dieselbe Verantwortung habe ich z.B. gegenüber Firmen, die ihre Produkte durch Billigstlöhne niedrigstpreisig anbieten können. Nicht die Menschen, deren Hände produzieren, sind schlecht. Sie sind schließlich auch nicht alle gut, würden sie woanders arbeiten. Das sollten wir unterscheiden. Ich habe auch in rühmlichen Medien schon lausige Artikel vorgefunden. Es ist meine Entscheidung als Konsument, wie ich auf das Angebotene eingehe, weshalb ich der Meinung bin, dass die Verantwortung zumindest teilbar ist.

        • trithemius

          Bei den Tätern in den Redaktionen möchte ich nicht differenzieren, obwohl ich schon sehe, dass manche froh sind, überhaupt einen Job zu haben. Aber man muss schon sorgsam abwägen, ob es gut ist, die eigene Seele zu verkaufen. Als ich anfing für die Titanic zu arbeiten, war mein Chefredakteur Hans Zippert. Chefredakteure bei der Titanic verdienen nicht viel, haben aber das Risiko, wegen bestimmter Satiren verklagt und bestraft zu werden. Deshalb macht den Job keiner länger als zwei Jahre. Zippert hatte Familie und soweit ich mich erinnere, gerade ein Haus gebaut, als er aufhörte. Trotzdem war ich entsetzt, als er eine tägliche Kolumne bei der WELT übernahm „Zippert zappt“. Offenbar kann er da schreiben, was er will. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er für ein Schmierblatt arbeitet und es adelt. Es gibt sogar ein komisches gemeintes Video, wie er vor dem Springervorstandschef Mathias Döpfner sich zum Clown macht. Ich finds erbärmlich, weil ich Zippert wirklich schätze. http://meedia.de/2012/10/08/hans-zippert-veralbert-den-springer-vorstand/
          Ist es wirklich ein Gewinn, wenn Leute mit geringer Bildung wenigstens die Bildzeitung lesen, damit sie überhaupt lesen? Ich finde nicht. Die Eigenverantwortung gegenüber Medien muss man auch intellektuell wahrnehmen können. Ich weiß nicht, wieviel Medienkompetenz noch vermittelt wird in den Schulen. Bei der Verkürzung auf 12 Schuljahre wird kaum viel Zeit für solche Themen sein.

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