Schmocks Trendkompass zwischen den Jahren

„Statt der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin senden wir
einen vier Meter langen Holzbalken“ (Eugen Egner)

Breaking News
Kürzlich habe ich mir im Fernsehen den unsäglichen Film „Das Sakrileg“ angesehen, diese kindische Kolportage aus religiösem Irrsinn und pseudowissenschaftlicher Faktenhuberei. Gerade nahm die Schnitzeljagd Fahrt auf, und gerade hatte ich mich überredet, mich auf die mutwilligen Verrätselung der Handlung abseits jedwelcher Logik einzulassen, gerade jagte ein Auto durch das nächtliche Paris, da tat sich vor mir ein Großraumbüro auf. Darin war ein Mann am Schreibtisch zu sehen und eine sonore Stimme verkündete mit dem Brustton der Überzeugung die wichtige Botschaft:

Wenn aus Jan Weber Sebastian wird …

Zugleich strömten drei andere Typen herbei, umringten den vormaligen Jan Weber, holten aus dem Nichts Bierflaschen hervor und stießen mit Sebastian an.

Urrgs. Ich hasse diese Werbung, weil ich weiß, dass die Auftaktzeile: „Wenn aus Herrn Weber Sebastian wird…“ lauten muss. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, das Gemeinte zu verstehen… der Kerl im Off sagt: „Wenn aus Jan Weber Sebastian wird“. Wenn er doch so eine wichtige Nachricht zu überbringen hat, für die der laufendende Film unterbrochen wird, kann er dann nicht einmal wenigstens deutlich genug sprechen? Nein, jedes Mal stößt er mich in ungewollte Spekulationen, ob vielleicht ein magisches Gesöff angepriesen wird, das aus Büromuffel Jan Weber, hast du nicht gesehen, einen Sebastian macht. Wieso


Breaking News: Statt Jan Weber kommt Sebastian – Foto: Trithemius

überhaupt? Wozu soll es gut sein, Sebastian zu werden? Zum Glück scheint der Effekt nur einzutreten, wenn man Jan Weber heißt. Es gibt freilich überall in Deutschland Betroffene. Jan Weber ist bei facebook, ein Jan Weber lebt in Göttingen, einer ist Produktionsleiter, Steuerberater, Fachanwalt für Kunstrecht, lebt in Köln und so weiter und so weiter, Google führt 11,5 Millionen mal Jan Weber, aber schon 25 Millionen mal Sebastian. Unfassbar, welche Flurschäden ein popeliges Flaschenbier anrichten kann. Da ist schon eine breite Schneise in die Jan-Weberei geschlagen worden, ein Kahlschlag droht, und was kommt dann? Die Sebastian-Monokultur. Aber egal, sauft das Bier und werdet Sebastian!

Sebastian zu sein hat viele Vorzüge, man glaubt es kaum, es macht, dass man immer von hemdsärmeligen Krawattenheinis umringt ist, mit denen man im Großraumbüro an der Bierflasche lutschen darf. Und, was jeder anständige Mann sich wünscht: Sebastian erlaubt schöne Kosenamen: Bastian, Sebi, Bastl, Wastl, Basti, wer wollte nicht darauf hören? Quer über die Straße ruft ein schönes Weib: „Wastl!!!“, und bevor du reagieren kannst, kommen aus allen Himmelsrichtungen die Dackel angerannt.

Ich wurde erlöst von müßigen Spekulationen und dem kreuzdummen Film, der ja auch noch drohte, durch einen Anruf. „Wieso gehst du nicht ans Telefon?“, fragte der Anrufer. Ich war noch ganz beduselt: „Äh, Sebastian?“ Es war aber Herr Leisetöne. Er saß schon auf ein Bier bei Herrn Putzig und lud mich ein, ebenfalls hinzukommen.

Später erzählte ich den beiden von der Jan-Weber-Sebastian-Transformation. Und ulkiger Weise konnte ich nicht sagen, welches Bier aus einem Jan Weber einen Sebastian zu machen verspricht. Nicht mal der stets bestens informierte Herr Putzig wusste das zu sagen. Dieser Werbeclip geht voll in Jan Webers Hose. Wir tranken das gefährliche Gesöff nicht, Leisetöne und Herr Putzig tranken Jever, ich hatte Kölsch. Zwischendurch gabs Schnaps. Herr Leisetöne und ich, wir verloren uns bald besoffen in Sprachbetrachtungen und irgendwann monierte Herr Putzig unser „selbstverliebtes metaphysisches Literaturgelaber.“ SO verheerend wirkt Alkohol! Das ist doch die bittere Wahrheit, meine lieben Damen und Herren!

Basteltipp: Krummlineal
Neue trendy Zeitschriften wie Flow für die kreative Frau mittleren Alters feiern das selbstgemachte Unperfekte. Aber was tun, wenn man vom vorgefertigten Perfekten, vom Geschniegelten, vom Schnurgeraden umzingelt ist? Beispiel Strich: Warum müssen Striche immer gerade sein?

Wer eine Laubsäge hat und viel Zeit kann sich ein Krummlineal aus Sperrholz aussägen und die Maßeinteilung per Hand aufbringen. Die anderen nehmen ein handelsübliches Holzlineal und eine Dreiecks- oder Messerfeile und kerben das Lineal ordentlich ein.

Mit seinem trendy Krummlineal zieht einen sauberen Schlussstrich unter das verflossene Jahr 2013,
Ihr Hanno P. Schmock

Unterm Strich
Musiktipp
Stromae
Formidable

Dieser Beitrag wurde unter Ethnologie des Alltags abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu Schmocks Trendkompass zwischen den Jahren

  1. Hiermit geben bekannt: Sebastian Wagner (Bier auf Stress mit Freunden) und Claudia Bertani (Kirschlikör in Schokolademantel) werden heiraten und ein Kind zeugen, dass „Jonas“ heisst. Damit endlich die Firma vom „Tiger im Tank“ wieder ihre Werbung „Pizza für Jonas Wagner?!“ bringen kann …

    • trithemius

      Hehe. Wagner ist wohl beliebt bei den Werbeheinis als Allerweltsname. Hatte nicht Esso den Tiger im Tank. Die mit Pizza für Martin (ich verstehe immer Martin) Wagner ist BP.

  2. Hören eigentlich Schlussstriche auf? Könnte ein Schlusspunkt das Ende eines Schlussstriches sein? Und wenn jetzt mehrere Leute deinem Ratschlag folgen und Schlussstriche ziehen, kreuzen die sich im Unendlichen oder sind die alle parallel? Und wenn sie sich treffen, ist dann der Kumulationspunkt Mitternacht also der Niemandszeitpunkt zwischen den Jahren? Und wenn sie parallel laufen treffen die sich dann trotzdem aus unserer Sicht wieder im Unendlichen? Oder anders gesagt: „2013? Nochmal mach ich dieses Jahr nicht bis zum Ende mit!“
    Dir einen Guten Rotsch.

    • trithemius

      Über all diese Fragen hatte ich mal wieder gar nicht nachgedacht. Ich wollte nur zeigen, welche Striche man mit dem Krummlineal ziehen kann. „Nochmal mach ich dieses Jahr nicht bis zum Ende mit!“ unterschreibe ich sofort, wenngleich meine Bilanz auch Positives aufweist. Dankeschön, dir ebenfalls einen guten Rutsch, mein Lieber!

    • Bei „Schlusspunkt am Ende eines Schlussstrichs“ fällt mir nur ein flachgelegtes Semikolon ein. Das kann’s ja eigentlcih auch nicht sein, oder?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*