Wunschlos wünschen

Beinah wunschlos zu sein, ist ein schöner Zustand. Er umfing mich, als ich mich nach längerem Bummel an der Limmerstraße auf einen Milchkaffee niedergelassen hatte. Ich fand es hübsch, etwas in mein Notizbuch zu schreiben. Bald guckten die Leute verstohlen. Dachten wohl wunders, was ich da schreibe, vielleicht Poesie vom Edelsten und Feinsten, etwas Heiter–ironisch-feuilletonistisches, etwas Philosophisches oder sogar eine Limmerstraßenreportage, in der sie vorkommen. Aber nichts davon, hehe! Ich schreibe so gut wie über gar nichts, finde es nur hübsch, etwas ins Notizbuch zu schreiben und ab und zu an meinem Kaffee zu nippen.

Höchstens eins hätte ich mitzuteilen. Von ferne nähert sich ein Rollen, ähnlich dem Geräusch, das ein Bobbycar macht. Es erscheint eine junge Frau, aber nicht auf einem Bobbycar. Sie schiebt vielmehr einen weinroten Plüschsessel vor sich her. Seine Rollen sind versteckt hinter einer Fransenbordüre. Der ist noch gut, lächelt sie entschuldigend.

Prima! Bis eben wusste ich nicht einmal, dass ich das Wort Bordüre kenne, und jetzt purzelt es mir einfach aus dem Kopf ins Notizbuch. Der Mensch verfügt ja über einen aktiven und einen passiven Wortschatz. Letzterer ist wesentlich größer als der aktive und besteht aus Wörtern, die der Mensch versteht, aber noch nie benutzt hat. Vielen Dank, junge Frau, Sie haben gerade „Bordüre“ aus meinem passiven in meinen aktiven Wortschatz verschoben. Ich hoffe, Sie haben viel Freude an Ihrem weinroten Plüschsessel, dessen Rollen zwar über den Bürgersteig holpern und ein wenig die Sonntagsruhe stören, aber immerhin hinter einer schönen Fransenbordüre verborgen sind.

Ach, wie ärgerlich, jetzt ertappe ich mich doch bei einem Wunsch, obwohl ich vorher so schön wunschlos war: Ich wünschte, die Rollen würden in die Gleisspur der Straßenbahn passen. Da könnte der rote Plüschsessel elegant vor ihr her gleiten, und die Fransenbordüre würde gleichzeitig die Schienen putzen. U N D ! Die junge Frau sollte eine Uniform mit Dienstmütze tragen, damit sie wegen der Schienenbenutzung kein Billet lösen müsste!

Teppichhaus-Musiktipp
The Small Faces – Lazy Sunday Afternoon

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14 Antworten auf Wunschlos wünschen

  1. Lo

    Wunschlos zu sein ist sicher kein glücklicher Zustand.
    Wie gut ist es doch, dass sich immer wieder neue Wünsche einstellen.
    Sie sollten allerdings erfüllbar sein, oder ins Portemonnaie (nicht Pottmonnee!) passen – oder einem zumindest lebenslang als ein schöner (Wunsch-) Traum erhalten bleiben.
    Das mit dem Plüschsessel und der Bordure ist herrlich beschrieben.
    Zufällig ist mir vorgestern auch ein längst verschüttetes Wort herausgerutscht: Trottoir.
    Nun stelle ich mir bildlich vor, wie gut sich der rollende Sessel mit der Bordure auf den ihn führenden Geleisen macht, anstatt auf dem Trottoir rappelnd dahergeschoben zu werden.
    Und jetzt wünsche ich mir, einmal in einem solchen Sessel auf Schienen fahren zu dürfen ;-)

    • trithemius

      Für einen Augenblick wunschlos zu sein, ist meine Vorstellung von Zufriedenheit oder anders: heiterer Gelassenheit, was gleichbedeutend ist mit, nicht zu begehren, absichtslos zu sein. Oft ist es gerade so, dass heftige Wünsche sich nicht erfüllen, wohingegen man plötzlich etwas Schönes bekommen kann, was man gar nicht angestrebt hat. Wünsche müssen ja im Bereich des Möglichen gedacht werden, nach dem taoistischen Prinzip Wu wei. „Der Edle tut es ohne Absicht.“

      Ein Wunsch in Ihrem Sinne ist allerdings manchmal ein schöner Anlass zu handeln oder zu träumen. Mit dem Plüschsessel zu fahren, wäre in unserem Fall ein schöner Traum.

      Danke für den Hinweis auf “Trottoir”.Das Wort hätte gut in meinen Text gepasst, weil man sich das Rappeln darauf gut vorstellen kann. Trottoir ist mir leider nicht eingefallen.

  2. Lo

    “Für einen Augenblick wunschlos zu sein, ist meine Vorstellung von Zufriedenheit oder anders: heiterer Gelassenheit, was gleichbedeutend ist mit, nicht zu begehren, absichtslos zu sein.”

    Ausgeschnitten und eingerahmt. ;-)

  3. Die Fransenbordüren am Mobiliar heißen übrigens auch Volants, oder Posamenten – was ebenfalls recht hübsche Ausdrücke sind. (Das Posamentierer-Handwerk wird auch Posamentrie genannt.)

    • trithemius

      “Volants” oder “Posamenten” habe ich jetzt bereit, sollte ich noch einmal einen solchen Plüschsessel sehen. Vorher befanden sie sich nicht mal in meinem passiven Wortschatz. Dankeschön für die Erweiterung, lieber Kollege.

  4. Der passive Wortschatz befindet sich ja oft, oder teilweise, im unscharfen Randzonenbereich, wenn man da nicht vorsichtig ist, kann man übel hereinfallen. So dachte ich in der Schule einmal während einer Diskussion, die Mehrzahl von Traum wäre doch bestimmt Traumata – ein Augenblicksgedanke, schließlich kannte ich das Wort offenbar, und was sollte es auch sonst bedeuten. Auf der Liste “Peinliche Erlebnisse in meiner Jugend” nimmt es einen mittleren Rang ein.

    • trithemius

      Danke, dass du dich für den wichtigen Hinweis geoutet hast. Deshalb habe ich mich auch abgesichert und nachgeschaut ob Bordüre überhaupt zum Sessel passt. Beim Schreiben vergewissere ich mich immer, ob ich nicht nur eine unscharfe Vorstellung von der Bedeutung des betreffenden Wortes habe. Obwohl wir im Teppichhaus nicht pingelig sein müssten, wenn sich ein Wort quasi aufdrängt, obwohl wir es nicht genau kennen. Schließlich stehen hier “Nachrichten aus der nur unscharf berechenbaren Randzone” ;)
      (Humoristische Texte leben oft von der falschen Verwendung der Wörter. (Schönes Bsp.: Curt Seibert; Gerichtsverhandlung)

  5. Platon

    Ja mein lieber Jules, wenn es einen unter Deinen Fans gibt, die das Schreiben in ein ” Büchlein” nachvollziehen können, dann ich!! Gleich gehe ich wieder zu meinem Stammplatz – vor den Postwagen-Tisch 43 – und werde als erstes meine Cigarillos und als zweites mein Moleskin herausholen und alles “festhalten, was ich sehe – bzw. das Interessanteste natürlich nur! Aber kaum einer hat mich je darauf angesprochen, was ich denn um alles in der Welt da schreibe – da traut sich mal keiner! Dir noch einen schönen Tag. Herzlich Jeremias C.

  6. Achilles

    Lieber Jules,

    dass Dir als Aachener das Trottoir nicht eingefallen ist, lässt sich nur mit der langsam fortschreitenden Entwöhnung von der schönen Kaiserstadt begründen. Wie sonst hätte Dir entfallen können, dass der Öcher nicht auf dem Gehweg, sondern auf dem Trottoir schlendernd das Treiben rund um Dom und Rathaus beobachtet. So wie er auch nicht an die Decke, sondern ans Plafond geht, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Aber das wäre wieder ein neues Thema.

    • trithemius

      Lieber Gün,äh, Achilles,

      eigentlich war ich nur ein Wahlaachener, ein Immi, geboren in Nettesheim. Die Bürgersteige da waren in meiner Kindheit noch gestampfte Erde, und keiner wäre auf die Idee gekommen, sowas “Trottoir” zu nennen. Und jetzt, wo ich das Wort in meinem passiven Wortschatz habe, kann es mir nicht in Texte geraten, weil mein innerer Zensor das verhindert. Schließlich benutze ich nur Fremdwörter, wenn es fachlich notwendig ist oder wenn es kein gutes deutsches Wort gibt.
      Aber ich bin doch in guter Gesellschaft. Selbst das HB-Männchen ging an die Decke und nicht ans Plafond.
      Wie ich den Text noch einmal lese, muss ich zugeben, dass da auch “Billet” steht, wo Fahrschein hätte stehen können. Ich glaube, den Text schreibe ich bei Gelegenheit nochmal neu. ;)

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