Wenn der Nacken brennt – Kann man Blicke spüren?

Als ich Messdiener war und etwa zwölf Jahre jung, erzählte uns der Herr Pastor bei einem unterhaltsamen Messdienerabend, er habe in Bonn Theologie studiert, und wenn er mit der Straßenbahn zur Universität gefahren sei, dann habe er gern ganz hinten gestanden und sich einen Jux daraus gemacht, den Passanten draußen auf die Hinterköpfe zu schauen. Viele von ihnen hätten seine Blicke gespürt und sich umgeschaut. Wir könnten es ruhig einmal selbst ausprobieren, das funktioniere. Das habe ich gern geglaubt, denn damals war ich für alles Wundersame zu begeistern.

Natürlich habe
ich ähnliche Versuche gemacht. Allerdings studierte ich nicht Theologie in Bonn, sondern machte eine Schriftsetzerlehre in Neuss, fuhr nicht mit der Straßenbahn, sondern mit dem Linienbus. Meine Versuche machte ich an Neusser und nicht an Bonner Passanten und ich war natürlich auch nicht unser späterer Pastor und beseelt vom Heiligen Geist, sondern ein naiver Jüngling der Schwarzen Kunst vom Land. Dass ich meine Experimente von der Rückbank des Linienbusses machte, scheint mir rückblickend der wichtigste Fehler meiner Versuchsanordnung. Das ständige Wackeln und Ruckeln des Busses verhinderte ja eine Fokussierung meines Blickes. Jedenfalls fand ich die Aussage unseres Pastors nicht bestätigt. Diese Enttäuschung trug dazu bei, dass ich vom Glauben abfiel. All die wunderbaren Dinge, von denen ich gehört oder in der Readers-Digest-Sammlung meines Onkels gelesen hatte, funktionierten einfach nicht. Spätestens mit dem Ende meiner Schriftsetzerlehre, als Geselle, da war ich gerade mal 17 Jahre alt, konvertierte ich zum Skeptizismus. Er hat Jahrzehnte mein Denken und Erleben geprägt. Ich kann einfach n i c h t s glauben.

Brutaler Zeitsprung in die Gegenwart. Heute Morgen fragte ich mich erneut, ob man Blicke spüren kann. Es wäre eine außersinnliche Wahrnehmung. Nach dem Frühstück schaue ich gern aus dem Fenster auf den Fußweg entlang meiner Wohnung. Mir ist aufgefallen, dass ich vorsichtig bin, wenn unten Leute vorbeigehen. Ich will nicht, dass sie hoch schauen, sollten sie meine Blicke spüren, weil ich noch im Schlafanzug bin und eine Bettfrisur habe. Außerdem will ich nicht beim Beobachten der Leute beobachtet werden. Meine Vorsicht scheint auf Erfahrungen zurückzugehen, die sich an meiner Skepsis vorbeigemogelt haben. Möglicherweise erfahren wir ab und zu außersinnliche Wahrnehmungen, die wir uns nur nicht eingestehen wollen, weil sie als esoterisch gelten. Darum schaue ich Sie und dich, werter Kunde des Teppichhauses, jetzt prüfend an und frage inquisitorisch?

– Haben Sie schon einmal Blicke gespürt? Oder:
– Nerven Sie mit ihren Blicken harmlose Passanten?

Ich bin gespannt auf Berichte.

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