Die Papiere des PentAgrion – Ein verschollener Text taucht auf

Liebe Kunden,

am 9. Oktober 2009 startete ich ein literarisches Projekt im Stammhaus des Teppichhauses, den Internetroman „Die Papiere des PentAgrion“. Nach kurzer Zeit fanden sich Mitautoren, die eigene Handlungsstränge entwickelten, wie die langjährigen Freunde des Teppichhauses Careca und Videbitis, und zwei Chronisten, Einhard und Marana. Careca hat seinen lesenswerten Roman noch eine ganze Weile fortgeführt. Einhard hat ein tiefschürfendes Register zu den Papieren erstellt, das er ständig fortführt, Marana hat innere Bezüge der PentAgrion-Texte zu anderen Texten im Teppichhaus aufgesucht und eine Kartei dazu angelegt, zu finden auf dem PentAgrion-Blog.

Das Experiment endete am 9.1.2009 mit einer Lesenacht. Das war verbunden mit meinem Wechsel zu einer anderen Blog-Plattform, nämlich von Blog.de zu Twoday net. Schon längere Zeit hatte ich mich bei Blog.de nicht mehr wohl gefühlt, habe da aber noch immer die meisten Leser, vor allem wegen des riesigen Archivs von 1500 Beiträgen im Teppichhaus.

Das Romanprojekt habe ich am 17. Juni 2010 mit einem zweiten Band bei Twoday.net fortgesetzt. Es endete offen. Ich konnte es einfach nicht weiterführen, denn ich konnte nicht mehr so schreiben. Kürzlich entdeckte ich eine letzte Folge, die ich nach der Veröffentlichung wieder zurückgezogen hatte. Sie soll der Auftakt sein für den Versuch einer Fortsetzung. Denn meine Lebenssituation hat sich so verändert, will sagen, ich bin glückerweise wieder unglücklich genug, dass ich mich vielleicht in den Zustand versetzen kann, der weitere PentAgrion-Texte möglich macht.

Papiere des PentAgrion bd 2
Schalt dein Radio ein:
TT-Musik von: The Bear That Wasn’tYour Huckleberry Friend

Folge 2.1 Die Macht der JackeFolge 2.2 Von den SockenFolge 2.3 Realer Ruch des BlutesFolge 2.4 Der Autor ist verwirrtFolge 2.5 Planet der PostbotenFolge 2.6 Forschungsreise durch den Kopf und andere NetzeFolge 2.7 Große Welt ist kleine Welt

Ein Netz wird zerfetzt

Draußen hebt ein Sturm an, schüttelt und rüttelt alles durch, was sich nicht halten kann, erfasst auf dem Bahnhofsvorplatz Metalltische und Stühle und schleudert sie umher. Eine Weile setze ich mich auf eine Bank und lasse mich zausen, lasse mir vom Sturm den Kopf zu Recht rücken, bis der von Coster vorhergesagte Regen aufkommt. Da flüchte ich in den Bahnhof und gehe auf den Bahnsteig.

Bald sitze ich im Taxi nach Stolberg. Wir machen eine hübsche Erinnerungstour durch die Stadt. Es ist nicht so, dass ich mit dem Taxi habe nach Stolberg fahren wollen. Die Deutsche Bahn hat mich dazu genötigt. Einst muss die Bahn ein Muster an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gewesen sein. Da warb sie mit dem Slogan: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Dieses robuste, ja, stoische Image hat sie längst verspielt. Die Bahn ist heute ein filigranes Netzwerk von höchst fragiler Natur. Das Gebilde Bahn gerät aus den winzigsten Anlässen sofort aus dem Takt, beispielsweise wenn Wetter ist, also Kälte, Hitze, Sturm oder Gewitter. Ja, selbst wenn ein Verantwortlicher an den Schaltstellen nur ein Fürzchen quer sitzen hat, pflanzt sich diese kleine Unpässlichkeit über das filigrane Netzwerk fort, richtet hier und da erste Schäden an, die im weiteren Verlauf kulminieren, sich zu wahren Unwettern aufblähen und in der Folge als Tornado den gesamten Bahnverkehr zum Erliegen bringen.

Dem stofflichen Netzwerk der Bahn fehlt Redundanz, es fehlen alternative Verbindungen, auf der sich eine Störung umgehen lässt. „Früher“, sagt ein hilf- und ratloser Lokführer aus der Tür seiner Lok heraus, „früher wären sofort zwölf Mann ausgerückt, um die Schäden an der Strecke zu beseitigen. Aber heute müssen die erst zusammengerufen werden.“ Seine Lok steht still auf dem Bahnhof von Stolberg, wohin die Reisenden mit dem Taxi gekommen sind. Ab Stolberg werde ein Zug fahren, hatte man uns gesagt. Aber diese Information gilt nicht mehr. Der Furz aus dem Bahnvorstandssessel war leider verheerend. „Wann es weiter geht, weiß ich auch nicht“, sagt der Lokführer. „Die Strecke ist nicht frei.“ Nie zuvor hätte ich gedacht, dass die gewaltigen Lokomotiven, die so eine immense Kraft und Geschwindigkeit entfalten können, von Männern gesteuert werden, die nichts wissen. Die Unwissenheit aber ist eine Begleiterscheinung fragiler Netzwerke. Solche Netzwerke sind streng hierarchisch organisiert. Das Wissen verdünnt sich von oben nach unten, denn es ist per Definition Herrschaftswissen und festigt die Macht der Entscheidungsträger. Es heißt, schlanke Netze seien kostengünstiger und effektiver. Verschlankung bedeutet aber Ausdünnung. Was nicht oft gebraucht wird, kommt weg. Weg kommt auch, was mehr Kosten verursacht als es beim Normalbetrieb einbringen könnte. Da nun aber der Normalbetrieb von unzähligen Faktoren gestört werden kann, sind wir also auf dem Stolberger Bahnsteig gestrandet. Mich erwartet niemand, aber um mich herum wird heftig diskutiert und geflucht, weil man Termine hat.

Bahnreisende sind üblicherweise eine Zwangsgemeinschaft, und das Kennzeichen solcher Strukturen ist die gegenseitige Abschottung. Daher fließt im Netzwerk der Bahnkunden selten eine Information, die über das Gucken, Schubsen und Anrempeln hinausgeht. Im Netz der Bahn werden Informationsträger befördert, die zu anderen Netzwerken gehören. Ein Menschentransportmedium kann natürlich auch gesellig sein, zumindest einst ist es so gewesen, als die Menschen noch in den unbequemen Rollwagen saßen, dessen Wände hochgeflochten waren, so dass man nicht hinaussehen konnte. In Jörg Wigrams Rollwagenbüchlein aus dem Jahr 1555 sind die Schwänke versammelt, die man sich zur Reiseunterhaltung erzählte. Offenbar hat die Kommunikationsbereitschaft des postmodernen Menschen enorm unter der Verstädterung und der Ausweitung seines privaten und beruflichen Netzwerkes gelitten, hat sich dadurch verdünnt und ist eigentlich zum Stillstand gekommen unter Fremden. So geht es auch jetzt auf dem Bahnsteig von Stolberg. Zuerst müssen alle in ihr Mobiltelefon sprechen und die aktuellen Wasserstände melden, wo sie sind, was passiert ist, dass niemand was weiß. Und Rückrufe kommen.

„Nein, niemand weiß, wann es weitergeht!“

Das ist zweifellos eine wichtige Information, die über die diversen Funknetze verbreitet werden muss. Sie zieht in den Äther hinaus, einmal um den Mond und zurück, wird von diversen Satelliten weitergeleitet, zurückgestrahlt in Parabolantennen, umgewandelt und wieder in die Funknetze eingespeist, um hier und da in Köpfe zu flutschen: „Keiner weiß was, ich weiß auch nichts.“ Es ist klar, dass sich Informationen verdünnen, je größer und dichter ein Netzwerk ist, in dem sie herumschwirren. Wie Autobahnen Verkehr erzeugen, so erzeugt jede Datenautobahn Informationen, die es nur gibt, weil die Datenautobahn da ist. Und je höher die Nachrichtendichte, desto redundanter werden Informationen. Auf einen Großteil könnte man verzichten, ohne den Informationsgehalt zu senken. Zusätzliche Fernkommunikationsnetze wie Internet und Festnetzanschluss, sie alle in Kombination bewirken nicht nur ein Absinken des Informationsgehalts der digitalen Nachrichten, die Nachrichten können sich auch gegenseitig stören, überholen, den zeitlichen Ablauf durcheinander bringen.

Anders ist das bei stofflichen Netzen wie bei der Bahn oder einer Solidargemeinschaft, die sich aus Gründen höherer Gewalt zu einem losen Netz zusammenschließt. Denn nachdem auch der letzte dreimal herumtelefoniert hat, dass niemand was weiß, besinnt man sich auf die Leute in der Umgebung. Das Niederliegen des Beförderungsnetzes lässt ein unmittelbares, menschliches Netz entstehen. Horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum. Dieses neue soziale Netz ist nur eine Augenblicksbildung, aber sie lässt ahnen, wie die Welt anders und besser sein könnte, wenn die Menschen mehr miteinander reden würden, Aug in Aug und nicht per Fernkommunikation. Im Laufe der holprigen Reise sollte ich jedenfalls eine Reihe Leute kennen lernen und die kurzweiligste Bahnreise meines Lebens haben, die ich je alleine unternommen habe.

Fortsetzung: 2.9 Händchenhalten überm Höllenschlund
Registratur_Gif-twoday
E I N H A R D S _ I N D E X
Das systematische Verzeichnis zu den Papieren des PentAgrion – erhellende Zitate, Hintergrundinformationen, Spekulationen, interne & externe Verknüpfungen, PentAgrion in anderen Blogs

Schlüssel zu den Papieren des PentAgrion,
weitere Handlungsstränge und diverse Verknüpfungen

Dieser Beitrag wurde unter Pataphysik mit Socken abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Die Papiere des PentAgrion – Ein verschollener Text taucht auf

  1. Endlich habe ich es geschafft, mir dafür ein wenig Zeit zu nehmen und bin höchst gespannt auf die Fortsetzung.

    • trithemius

      Wie seltsam ist doch der Mensch. Seit ein paar Tagen spinne ich an der Idee, diese Fortsetzung nicht zu schreiben, sondern an anderer Stelle weiterzumachen, da kommt dein Kommentar und ich denke, ja, klar, das kann ich trotzdem als Fortsetzung schreiben. Vielen Dank! Es zeigt sich mal wieder, dass Blogromane anders funktionieren als Buchromane, weil der Blogroman stark beeinflusst wird von den Lesern, wenn sie sich äußern.

  2. Ich bin auch heute erst zum Lesen gekommen und möchte auch wissen, wie es weitergeht.

    Auf Bahnreisen wäre ich meistens gerne unsichtbar. Ich vermeide jeden Augenkontakt mit Fremden und verhalte mich mucksmäuschenstill, damit mich niemand anspricht, denn es ist mir schon mehr als einmal passiert, daß ich mit jemandem ins „Gespräch“ gekommen bin – tatsächlich hat der andere mich während der ganzen Fahrt mit seinen trivialen Geschichten vollgelabert und eindeutige Unverschämtheiten meinerseits (demonstratives Buchaufschlagen, wegkucken usw.) selbstherrlich ignoriert – kein schönes Gefühl, wenn man zur Geisel eines verbal überfließenden Mitreisenden wird. Daß es auch anders geht, ahne ich nur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*