Wir Baumeister der falschen Perspektiven

Mit dem geschätzten Kollegen Shhhhh tauschte ich mich letztens über falsche Perspektive aus. Er meinte freilich die Erzählperspektive, während ich darin einen Begriff aus der bildenden Kunst verstand, nämlich die Darstellung von dreidimensionalen Objekten, die es in dieser speziellen Weise nur in der 2. Dimension geben kann. Die nebenstehende unmögliche Lattenkiste ist so ein Beispiel. Ich habe einmal ein Foto gesehen, worauf ein Mann eine ähnliche Kiste in den Händen hielt, was allerdings kein Beweis war, dass man sie tatsächlich halten könnte. Die Fotografie ist ja ebenfalls zweidimensional, wenn sie auch die 3. Dimension täuschend echt abbilden kann.

Perspektive bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch eine Sichtweise, die man von einem bestimmten Standpunkt aus einnimmt. Der Mensch neigt zu vergessen, dass seine eigene Perspektive nur eine von vielen möglichen Perspektiven ist. Die Perspektive, aus der man eine Situation oder eine Sache beurteilt, kann auch täuschen. Objektive Wahrnehmung ist ein Idealkonstrukt, das nicht zu erreichen ist. Tasächlich ist unsere Wahrnehmung eine perspektivisch verzerrte Falschnehmung. Falschnehmend bauen wir ein zweidimensionales Weltbild und halten es für passend, obwohl es nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern nur ein Modell der Wirklichkeit ist, ähnlich der unmöglichen Kiste oder dem verdrehten Haus.

Dieser Beitrag wurde unter Schrift - Sprache - Medien abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Kommentare zu Wir Baumeister der falschen Perspektiven

  1. Natürlich ist der unmögliche Cuboid in Wirklichkeit nicht unmöglich – nichts ist unmöglich. Allerdings vermute ich, dass es kein Foto war, worauf Sie den Mann mit der unmöglichen Kiste gesehen haben – wars nicht viel eher eine Grafik des großen M.C.Escher?

    • trithemius

      Vielen Dank für den Linolschnitt von Escher. Ich kannte ihn nicht, weshalb er auch mein Erinnerungsbild an den Mann mit dem Cuboid nicht zerstört. Es war ein S/w-Foto und ich weiß, dass ich einmal ein Buch besessen habe, worin es abgedruckt war, kann es aber leider nicht finden. Die Wirkung war noch verblüffender, weil man dem Foto gemeinhin einen dokumentarischen Wert beimisst. Es ist aber ein solches Foto leicht zu machen, weil man nur einige wenige Stellen retuschieren muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*