Gedanken über die Nacht der Bäume

Der Baum vor meinem Küchenfenster hat sich bis tief in den November gut gehalten. Sein Laub färbte sich erst spät, dann wurde es schlagartig goldgelb, und am letzten Wochenende habe ich dem Baum beim Kahlwerden zusehen können, denn seine Blätter fielen unentwegt zu Boden. Wenn es stürmt und sich alles beugen muss unter den heftigen Winden, dann scheint es plausibel, dass dürre Blätter von Zweigen gerissen werden und davontreiben. Aber bei meinem Küchenbaum war es ein stilles Fallen ohne erkennbaren Anlass. Das gilt zumindest für die Blätter aus dem Wipfel. Sie allerdings tippten in ihrem Fallen so manches andere Blatt an und schienen: „Komm mit!“ zu rufen, wodurch sie ganze Kettenreaktionen auslösten. Wer oder was die Blätter aus dem Wipfel angetippt hatte, blieb unklar.

Heute sah ich nur noch wenige Blätter an meinem Küchenbaum. Warum sie sich gehalten haben und noch nicht dem Beispiel der anderen gefolgt sind, wie soll ein ahnungsloser Mensch das wissen? Ich dachte jedenfalls heute, dass ich gerne das letzte Blatt vor seinem Fallen sehen würde, so wie Lichtenberg sich gewünscht hat, das letzte gedruckte Buch zu kennen.

Das Blatt eines Baumes ist gewiss kein Buch, wenngleich wir das Blatt Papier sowie das Umblättern nach ihm benennen. Ich stelle mir vor, die Blätter eines Baumes sind seine Augen. Sie vermitteln ihm über Licht und Schatten ein Bild seiner Welt. Im Herbst brechen die Augen, werden welk, sinken zu Boden und werden mit Rechen und Laubbläsern aufgehäuft zu Bergen von toten Augen.

Ist das letzte Blatt gefallen, versinkt der Baum in Dunkelheit. Er verschließt die Augen vor der Welt, indem er sich ihrer entledigt, so als würden wir nachts unsere Augen unters Bett oder aus dem Fenster werfen. Ein Winter mag für langlebige Bäume nicht länger dauern als eine Frostnacht. Dann lässt er seine Augen wieder knospen und öffnet sie vertrauensvoll, nicht wissend, dass der Mensch in der Nacht des Baumes alles Mögliche zu seinem Schaden hat anstellen können. Im letzten Satz ist unklar, auf wen sich „zu seinem Schaden“ bezieht, auf den Menschen oder auf den Baum. So ist es auch. Wir sollten das nicht vergessen.

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