Abendbummel online – Limmerlöckchen auf der Glatze

Wir setzen uns gleich vor die Biobäckerei mit dem hübschen Namen „Doppelkorn“. Ab und zu steht da ein junger Mann hinter der Theke, der auf dem oberen Ende der Limmerstraße sehr beliebt ist wegen seiner offenen freundlichen Art, mit der er jedem begegnet, im Laden und auf der Straße. Ich habe ihn gestern einen rappenden Biobäcker genannt. Denn ich hatte ihn fotografiert, wie er am Abend des Limmerstraßenfests im Eiscafe nebenan mit seiner Band aufgetreten ist und ziemlich gute, lebensnahe Texte gerappt hat. „Mordslaerm“ heißt die Band. Ihretwegen gilt Hannover neuerdings als die lauteste Stadt Deutschlands. Die Lärmstudie ist aber umstritten, weil die Lärmforscher direkt vor den Boxen von Mordslaerm gemessen haben. Soll ich dir auch einen Milchkaffee mitbringen? Man wird hier draußen nämlich nicht bedient. Solche Cafés sind mir am liebsten, wo man an der Theke bezahlt, sich draußen hin setzen und wieder gehen kann, wann man will und nicht erst auf eine Bedienung warten muss, um sich abkassieren zu lassen. Außerdem kriege ich immer ein helles „Tschühüs“ von den zauberhaften Biobäckereifachverkäuferinnen mit auf den Weg, wenn ich meine Tasse reingebracht habe. Während ich den Kaffee hole, kannst du inzwischen von den freien Stühlen ein paar Kissen für uns besorgen.

Hier sitze ich oft und versuche zu schreiben, werde aber ständig vom Hin und Her auf der Limmer abgelenkt. Besonders lenkt mich die Straßenbahn der Linie 10 ab, die wenige Schritte entfernt links von uns hält. Züge haben mich immer schon fasziniert, weil sie ein vorgegebenes Schienennetz benutzen, quasi als Vorform des Internets, wobei sie nicht nur Worte und Bilder, sondern die Informationsträger gleich mit befördern. Wie wunderbar ist es, ein ferner lieber Mensch kommt zu dir nach Hause und schickt nicht nur seine Worte. Aber die Straßenbahn finde ich fast noch faszinierender als den Zug, man ist näher dran. Wenn sie stoisch durch das Gewusele der Limmerstraße rollt, von rechts in die Stadt und von links aus der Stadt raus, bin ich voller Bewunderung für diese Technik und deren ausgeklügelte Organisation. Weil die Linie 10 ausschließlich oberirdisch fährt, verkehren hier die ältesten Bahnen. Die sind grün oder weinrot. Manchmal hängt ein weinroter Wagen hinter einem grünen und beleidigt ein wenig meine farblichen Vorlieben. Grün und Rot bilden eigentlich einen Komplementärkontrast. Die Augen nehmen bei einem Rot-Grün-Kontrast beide Farben intensiver wahr. Aber weinrot und laubfroschgrün sehen zusammen ein bisschen schräg aus. Auf der Limmer passt das, denn es gibt viel Schräges zu sehen.

Ach so, ich wollte noch etwas über den rappenden Biobäcker sagen, der gar kein Bäcker ist, sondern nur ab und zu hinter der Theke steht und mir einen Milchkaffee macht. Ich wusste bereits, dass er kein Bäcker ist, habe es aber trotzdem geschrieben. „Biobäcker“ ist ein schönes Wort, weil es alliteriert. Unsere „Anklangsnerven“ sind für den Stabreim empfindlich, wenn sich also etwas vorne reimt, nicht am Ende. Nacht und Nebel, Wind und Wetter, Kind und Kegel. Die Kegel sind übrigens die unehelichen Kinder. Du kennst sicher solche Beispiele aus der Werbung besser als ich, also nicht Kegelbeispiele, sondern Slogans. „Rappender Biobäcker“ ist zudem eine überraschende Kombination, anders als das zu erwartende „rappender Rapper“. Also habe ich die Falschinformation gegeben, weil sie journalistischer ist, aber wusste natürlich, dass ich etwas schreibe, was ich an den Kollegen vom Printmedium kritisiere. Manchmal bestehen deren Texte nur aus Verschönerungen der Wahrheit. Das ist wie Löckchen drehen auf einer Glatze. Man kann mit einer ondulierten Glatze sogar beinahe den Henry-Nannen-Preis für eine herausragende Reportage bekommen.

Tschuldigung, da hält gerade auf unserer Seite die Straßenbahn. Wenn sie die Türen öffnet, bin ich immer neugierig, welche Leute die Straßenbahn auszuspucken scheint, wer alles wie erleichtert auf den Bürgersteig hüpft. Mich faszinieren besonders die Business-Leute, die Stewardess mit ihrem Rollköfferchen, die klack, klack, klack, ohne sich umzugucken, über das Kopfsteinpflaster nach Hause eilt, oder der smarte Stockfisch im Anzug, der noch rasch in die Biobäckerei geht, um ein Brot zu kaufen. Diese Leute wirken auf der Limmerstraße wie die Exoten unter den Exoten. Letztens habe ich mit einem Exotenexoten gesprochen. Mein Freund S. wohnt in der Nähe und hat dafür gesorgt, dass der Kiosk an der Ecke seiner Straße Kölsch führt. Er musste dem freundlichen Türken zuerst erklären, dass Kölsch eine Biersorte ist. Der sagte, er sei zuvor Fernfahrer gewesen, wäre überall rumgekommen, aber „Kölsch“ habe er nirgendwo gehört. Hannover ist echt Diaspora für einen Rheinländer.

Ich bin einmal abends spät zu diesem Kiosk gegangen und hatte den Schirm bei mir. Es tröpfelte leicht. Im Kioskladen war noch ein Kunde, ein wirklich schöner, unglaublich smarter Typ. Der kaufte sein Abendessen ein, lauter exotische Sachen, die ich nicht einmal kennen möchte. Als ich mein Bier hatte, stand er wartend unter der Markise vor der Tür, denn es ging ein Wolkenbruch runter, kein schwerer Landregen, sondern so einer, bei dem der Regen auf dem schwarzen Asphalt dicke Blasen schlägt und die Gullydeckel hochkommen. Der Regen spritzte sogar unter die Markise, und der Mann fröstelte in seinem Kaschmirpullover. Er sprach hinaus in den Regen: „Ich habe meinen Schirm im Auto, und das steht weiter weg geparkt als bis zu meiner Wohnungstür.“ Ich sagte: „Der Schirm würde Ihnen jetzt auch nicht helfen.“ Er guckte mich an und erwidert: „SIE haben wenigstens einen Schirm!“, und er sagte das in einem derart vorwurfsvollen Ton, dass ich versuchte war, mich dafür zu entschuldigen, dass ich frecherweise einen Schirm hatte und diesen unbändigen Neid in ihm entfacht hatte, dieses bittere Gefühl, wie ungerecht es zugehe in der Welt. Schon stürzte auch ich in tiefen Kummer, trotz oder wegen des Schirms. Wahrscheinlich habe ich auf dem Nachhauseweg das Weinen nicht mehr unterdrücken können, aber genau weiß ich das nicht mehr, weil es ja sowieso Rotz und Wasser geregnet hat. Du hast recht, im letzten Satz habe ich wieder Löckchen auf einer Glatze gedreht. In Wahrheit bin ich einfach nach Hause gegangen.

Guten Abend

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7 Kommentare zu Abendbummel online – Limmerlöckchen auf der Glatze

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