Frau Nettesheim empfiehlt Wu wei

Frau Nettesheim
Wie sehen Sie denn aus, Trithemius? Sie wirken irgendwie angeschlagen.

Trithemius
Hm.

Frau Nettesheim
Und maulfaul sind Sie auch.

Trithemius
Gar nicht.

Frau Nettesheim
Hat der A-flashmob Sie so mitgenommen?

Trithemius
Wohin?

Frau Nettesheim
Im Zweifel in die nur unscharf berechenbaren Randzonen Ihres sozialen Netzwerks.

Trithemius
Wissen Sie, Frau Nettesheim, wenn ich mich derart entgrenze wie beim A-flashmob, so dass sich das soziale Netz in unwägbarer Weise ausdehnt, dann habe ich das Gefühl, mich zu verdünnen wie ein Tropfen Essenz, der in einen gewaltigen See fällt.

Frau Nettesheim
Aus homöopathischer Sicht wäre das besonders wirkungsvoll.

Trithemius
Möglich, aber ich bin ein Mensch und keine Essenz. Ich habe nur gesagt, wie sich das anfühlt, aber weiter trägt das Bild wohl nicht. Der Mensch ist ja gar nicht für große Netzwerke gemacht. Was wir wirklich begreifen wollen, müssen wir auch begreifen können, anfassen, befühlen, und das geht nur mit Dingen oder Menschen, die uns nah sind, nicht viel weiter entfernt als die Armeslänge, die Rufweite, die Sichtbarkeit. Im Internet scheinen diese Grenzen aufgehoben, aber diese Verlängerung des Armes, die Verbreitung von Worten mittels technischer Schrift, dieses Betrachten von Bildern, das alles vermittelt uns eine Illusion von Stofflichkeit. Unter der Oberfläche sind nur Reihungen von 0 und 1. Das Internet ist mehr eine mathematische Welt, ein geschlossenes Universum, das uns den Anschein von Authentizität vorspiegelt.

Frau Nettesheim
Haben Sie nicht oft darauf hingewiesen, dass an den Bildschirmen und Tastaturen reale Menschen sitzen? Dass die mediale Vernetzung über das Internet die wechselseitige Kommunikation ermöglicht, anders als ein gedrucktes Buch oder eine Zeitung?

Trithemius
Ja.

Frau Nettesheim
Und?

Trithemius
In den Randzonen des Netzwerkes wird die wechselseitige Kommunikation zum Geschwafel. Man weiß nichts voneinander, man kennt nicht die Hintergründe des Schreibens, man beurteilt das, was man im Augenblick sieht, ohne sich Zeit zu nehmen, in der Vergangenheit des Blogs zu stöbern, weil da ja noch so viele andere zum Netzwerk gehören, die auch angesprochen werden müssen. Das ist gar nicht anders zu schaffen, weil der Aufwand über ein vertretbares Maß hinausginge. Große Netzwerke können nur jene unterhalten, die sich kaum für ihre Leser interessieren.

Frau Nettesheim
Konsequenz?

Trithemius
Ich muss mich wieder begrenzen, das Netzwerk schrumpfen lassen.

Frau Nettesheim
Sich zu begrenzen, ist vernünftig. Aber das Netzwerk wird von selbst schrumpfen, Trithemius. Sie müssen nichts dafür tun.

Trithemius
Nicht mal blöde Sachen schreiben? Andere beschimpfen und so?

Frau Nettesheim
Im Gegenteil. Wu wei. Tun Sie einfach mal eine Weile gar nichts.

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16 Kommentare zu Frau Nettesheim empfiehlt Wu wei

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