Papiere des PentAgrion (17) – Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

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1776

Irgendwann in der Nacht, als wir schon recht viel getrunken hatten, sagte Coster: „Ich habe gelesen, was du über den Zufall geschrieben hast. Man könnte auch sagen: ‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat.’“

„Das erklärt einiges“, sagte ich. „Darum habe ich noch keine Million gewonnen, obwohl es längst fällig wäre. Vermutlich hat irgendein säumiger Unterbeamter der himmlischen Registratur die Anweisung auf die Million zwar ausgefertigt, dann aber vergessen, sie dem Chef in die Unterschriftenmappe zu legen. Die Anweisung ging raus, aber weil sie noch nicht unterschrieben ist …“

Insgeheim dachte ich, dass ich Coster bislang falsch eingeschätzt hatte. Seine früheren Äußerungen zur Gottesfrage hatten in mir die Idee versteift, Coster sei Agnostiker. Erst letztens hatte er gesagt, warum sollte er in einer Sache eine Entscheidung fällen, die sich nicht entscheiden lasse. Jetzt verstand ich, dass Coster genau anders herum dachte. Weil er die Sache nicht entscheiden konnte, glaubt er einfach an Gott und an den Atheismus. Das wiederum würde seine Magie erklären. Die rätselhaft schwebende Art, mit der er durchs Leben geht.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er manchmal Phasen des Zweifelns. Das aber besagt gar nichts. Alles in der Natur schwingt. Auch der Gemütszustand des Menschen ist dem unterworfen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht hatte ich Coster anfänglich immer dann getroffen, wenn er im Zenit seiner Wetterfühligkeit war, sich die Natur aber am tiefsten Punkt ihrer Schwingung befand. In diesem Augenblick ist der Mensch am weitesten entfernt von der Natur, fühlt sich besonders fremd in seiner Welt.

Man kann nicht immer optimal getaktet sein. Wenn alles schwingt, schwingt auch das. Diesen Gedanken würde ich gerne weiterspinnen, aber das geht leider nicht, denn nachdem Coster gesagt hatte: „‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat“, und mir diese Gedanken durch den alkoholisierten Kopf gingen, war unser Gespräch längst woanders hin. In dieser Nacht nämlich sprangen wir nach Herzenslust durch die Welt unserer Themen, und es machte uns rein gar nichts, dass wir kein einziges Thema bis zum Ende verfolgten. Unser Gespräch hatte sich die ganze Zeit über netzwerkartig ausgedehnt. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, sagt der Volksmund. „Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen“ und: „Springt ein Häslein übern Steg, nehm’ ich gleich ’nen anderen Weg.“ Diese wunderbare Form des Gesprächs hatte uns schon den ganzen Abend über durch die Themenfülle begleitet. Die Aufmerksamkeit unseres Denkens saust von einem gedanklichen Netzwerk hinüber ins andere. Das ganze entwickelte sich eher verhalten, aber spätestens, als wir am Aachener Markt im Goldenen Einhorn saßen, begannen unsere Gedanken durch beide Köpfe zu kreisen und legten neue Spuren an.

Dieser Prozess wurde begünstigt durch die Tatsache, dass Coster im Goldenen Einhorn auf Händen getragen wird. An diesem Abend liefen dort Kellner umher. Nur hinter der Theke stand eine Kellnerin. Mir war aber, als würde Coster noch aufmerksamer bedient als sonst. Von allen Seiten war man um sein Wohl bemüht, und da ich an Costers Seite saß, wurde ich ebenfalls in die größte Liebenswürdigkeit einbezogen, die einem Gast zuteil werden kann. So ging es weiter, als wir viel später im Franz eintrafen, einem Veranstaltungslokal in Costers Nachbarschaft, um einen der vielen Absacker zu trinken. In der Ecke spielte eine Jazzband. Sie machte zu ihrem Glück gerade Pause, sonst hätten sie ihre Musik vergessen können, als Coster von allen Seiten begrüßt wurde. Auch hier ging die Gunst vom muslimischen Thekenkellner, dem Pächter, der Frau neben ihm und einigen Thekengästen direkt von Coster auf mich über. Coster versteht es meisterhaft zu teilen. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe alles leibhaftig erlebt und treulich beobachtet. Wie man weiß, war ich auf einer Forschungsreise.

In Costers Küche saßen wir bis gegen drei Uhr in der Nacht, denn die Absacker wollten einfach nicht wirken. Ich spürte, wie meine Augen immer kleiner wurden, aber der Kopf blieb wach. Wir saßen nämlich in der Nachtkälte. Coster hatte die Tür zu seinem Küchenbalkon geöffnet, damit wir rauchen konnten, ohne die ganze Wohnung zu verpesten. Er raucht Zigarillos, ich drehe Halfzware Shag, das zusammen ist eine heftige Mischung. Irgendwann holte Coster zwei Gläser von 1770 aus seiner Sammlung, und wir tranken Rosé daraus. Das passte, denn wer im 18. Jahrhundert bei Nacht noch zechen wollte, musste kälteresistent sein. Ich wusste zu würdigen, aus einem Glas aus dem Jahr 1770 zu trinken. Man könnte schließlich einen umfangreichen historischen Roman schreiben, der sich nur um diese beiden Gläser rankt, bis in die Gegenwart von Costers Küche hinein. Das eingravierte Symbol blieb uns in der Nacht rätselhaft. Und ich hatte noch keine Glegenheit zu prüfen, was es damit auf sich hat.

Am nächsten Morgen war ich ein wenig ungehalten mit mir. In der Nacht hatte ich gedacht, ach, das meiste aus unserem Gespräch wirst du behalten. So gibt es keine Notizen. Darum bin ich Coster ziemlich dankbar, dass er mir seine Zufallsdefinition in einen Kommentarkasten geschrieben hat. Von wegen Platon!

Um 22:34 Uhr traf ich gestern Abend leicht verspätet in Hannover ein. Kurz vor Hannover hatte mein Handy geklingelt wie ein Wecker, dreimal nur, und dann war niemand dran. Freilich war ich längst wach und war dabei, mich für den Ausstieg zu kramen. Dann befiel mich eine leise Unruhe. Mehrmals schon habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht. Am Ende einer Reise, wenn ich schon dachte, alles ist gut gegangen, dann habe ich einen unglücklichen Zufall erlebt. Einmal war dieser Zufall so heftig in mein Leben gehauen, dass es auseinanderflog. Ich konnte dabei zusehen, denn diese Explosion vollzog sich in Zeitlupe und erstreckte sich über mehrere Jahre. Dabei geriet ich immer tiefer ins Unglück.

Zuletzt bei meinem Umzug nach Hannover, als mir schien, die Fahrt sei glücklich verlaufen, passierte es erneut. Ich hatte den heftigen Knall freilich unbedacht herbeigepfiffen. So bekam ich in eiskalter Nacht mit der Hannöverschen Polizei zu tun. Die Folgen waren jedoch recht glimpflich, abgesehen von der Tatsache, dass ich wirklich nicht viel Zeit verloren hatte, mich polizeilich in Hannover anzumelden.

Während der ICE in den Hannöverschen Hauptbahnhof rollte, ging mir durch den Kopf, ich hätte just den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsste jetzt seine Rache fürchten. Trotzdem ging ich durch einen Nebenausgang des Bahnhofs nach draußen, um zu rauchen. Meine U-Bahn sollte erst 15 Minuten später kommen. Vor der Tür standen vier junge Leute und rauchten ebenfalls, zwei Männer, zwei Frauen. Ihrer Kleidung nach waren sie geschäftlich unterwegs und kannten sich nur flüchtig. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:

„Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.“

In heiterer Stimmung stieg ich aus der Bahn, meine Wohnung empfing mich freundlich, aus meinem E-Mail-Programm purzelten erfreuliche Botschaften und auch die von Coster. Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht unterschrieben gewesen, so dass sein Befehl nicht ordentlich ausgeführt worden war. Und ich ahne auch, wer es verhindert hat, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist.

Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

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23 Kommentare zu Papiere des PentAgrion (17) – Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

  1. Man verzeihe mir, dass ich noch nicht auf die anregenden Kommentare und E-Mails geantwortet und überhaupt bislang kaum etwas aufgearbeitet habe. Das werde ich morgen in Ruhe tun.

    Einstweilen schöne Grüße
    Jules

  2. Ist 1776 nicht das Gründungsjahr der Illuminaten?
    Leider kann ich die Symbole auf dem Glas nicht so gut erkennen, aber es scheint, als handelt es sich um
    freimaurerische Symbole (Zirkel, Rosen …)

  3. Sind es – zufällig – aktuelle Quelle-Kataloge, auf denen Du geschlafen hast? Dann heb‘ sie gut auf, vielleicht hatte in der Registratur endlich jemand ein Einsehen und läßt Dir so in zehn Jahren, wenn die Kataloge bei Sammlern Spitzenpreise erzielen, doch noch die Millionen zukommen. Ob das Formular aber diesmal unterschrieben ist … der Chef ist ja sehr unzuverlässig, auch fehlt ihm meist der Durchblick.

    • Von Quelle sind sie nicht, sondern von Otto. Einer ist noch eingeschweißt, bleibt also frisch. Natürlich lasse ich alles so. Ist viel besser als zwei senkrecht gestellte Bretter. Was in der Registratur los ist, weiß ich mir nicht zu erklären. Sicher bin ich, dass die Unordnung auf der Erde angerichtet wird, und zwar von Menschen.

  4. ach, mir ist auch schon mal das bett zusammengebrochen, da war ich schwanger und einfach zu schwer für so ein ikea-jugendbett 😉

    vielleicht hast du ein paar liter zuviel flüssigkeit bei freund coster genossen – und dann warst du einfach ein bisschen zu schwer (wenn es sich um einen stuhl gehandelt hätte, dann täte ich vermuten, jemand habe daran gesägt)
    😉

    • Dann weißt du, wie sich das anfühlt. Wird dich gewiss sehr erschreckt haben, denn du warst zu dieser Zeit schon für zwei Leben verantwortlich.

      Ich will nicht hoffen, dass mich ein einziges Besäufnis direkt zu schwer für mein Bett gemacht hat. 😉

      Tatsächlich ist es so: Ich schiebe meinen zusammengeklappten Wäscheständer unters Bett, damit er aus dem Weg ist. Dabei habe ich die untere Stütze wohl mehrfach angestoßen. Fehlende Achtsamkeit. Aber dass sie just eingeknickt, als ich mich erleichtert zurücksinken ließ, ist schon ein seltsames Ereignis.

  5. Na das wird aber auch Zeit, dass du dich aus deinem selbstgebauten Bretterverschlag [„Ich habe dazu Planken aus dem Verschlag reißen müssen, die sich über Nacht, wenn ich schlief, gelockert hatten und hervorstanden. Als eines Morgens nur noch ein wirres Brettergerüst stand, mit Latten kreuz und quer, da erst konnte ich schreibend vermelden, was mit mir los gewesen war„.] befreist.
    Von wegen Lied gestohlen, es war immer da, nur du wolltest es nicht hören, da hat’s dir was gepfiffen.[„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“]
    Und was den Sonnegott anlangt, da halte dich mal fest an dem Re, der Atum kommt noch früh genug.
    Na egal, Hauptsache der Blockadekäfig ist weg, wir müssen doch zum Happy End kommen.

    Ein Liedchen singen

    :))

    • Du hast mal wieder Recht, so dass ich keine Ausflüchte versuche. Danke für die Links, sie sind wieder allesamt neue Vernetzungen, wie ich sie nicht besser hätte finden können, obwohl einige Texte von mir sind. Bei 1500 Texten kann man schon mal einen vergessen, und inzwischen kennst du dich im Lager beinah besser aus als ich.

      Das Foto aus deinen Medien ist sehr ermunternd, herzlichen Dank!

  6. Dieser Glas… Ich habe es irgendwo gesehen… Ich habe daraus irgendwann getrunken…

    Ich war einmal auf einer Versammlung…

    Aber das ist eine ganz andere Geschichte. (Ich muss davon bald erzählen).

    Was Versandkataloge angeht, war es etwa „Quelle“?

  7. Die Musik ist ein Traum!

    traum

  8. Pingback: Die Papiere des PentAgrion (16) – Gina Regina |

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