Per Handorakel über Bahngleise durch Universen

Der Mann schräg gegenüber hat einen Kopfhörer aufgesetzt und guckt sich auf seinem Notebook einen Film an. Die junge Frau nebenan liest ein Buch, und ich schaue aus dem Fenster des Inter City nach Köln und hänge meinen Gedanken nach. Ob Bahn, Bus oder Zug, immer trachte ich danach, mit der linken Seite zum Fenster zu sitzen. Schon früh habe ich entdeckt, dass mir die Farben mit dem linken Augen intensiver erscheinen. Es ist nur ein winziger Unterschied zum Farbensehen mit dem rechten Auge. Mit links bin ich offener für die Welt. Meine linke Seite ist insgesamt etwas schwächer als meine rechte, nicht so gut geschützt vor äußeren Eindrücken und Anfällen gegen meine Gesundheit wie die rechte. Muss ich ein wichtiges Gespräch führen, trachte ich danach, übereck zu sitzen, so dass ich meinem Gesprächspartner die rechte, starke Seite zuwende, er mir aber seine schwächere linke Seite. Man kann besser übereck sitzen als frontal, wenn man eine Einigung erzielen will, und so sichere ich mir den Vorteil, dass die Einigung zu meinen Gunsten ausfällt.

Die westfälische Landschaft saust vorbei, mal bin ich nur Auge, mal schiebe ich einen Eindruck hinüber nach rechts und denke ein wenig daran entlang. Dann mag es geschehen, dass ich nicht mehr wirklich aufnehme, was sich draußen zeigt, sondern in Gedanken versinke. Sobald mein Fahrschein kontrolliert wurde, genieße ich die Gewissheit, eine ganze Weile nicht gestört zu werden, so dass ich in Ruhe meinen Betrachtungen nachgehen kann. Natürlich schalte ich mein Mobiltelefon nicht ein. Denn ich will nicht aufgeschreckt und aus der Ruhe gerissen werden. Es ist eine Pest, nahezu immerzu auf diversen Kanälen erreichbar zu sein, und ich glaube, ein Gutteil der inneren Unruhe des heutigen Menschen stammt daher.

Gleise durch Universen

Ein unplanmäßiger Halt vor Bad Oeynhausen. Da reckt sich eine kümmerliche Pflanze aus dem Schotter und zittert im Westwind. Vermutlich werde ich sie niemals wieder sehen, weiß nicht einmal ihren biologischen Namen, und doch tritt sie plötzlich in meine Wahrnehmung ein, und ihre Botschaft ist: Ich bin da, ich war es schon gestern und werde es auch morgen sein. Mal werde ich von der Sonne gedörrt, mal vom Wind gezaust, mal vom Regen niedergedrückt, mal droht mich ein vorbeirauschender Zug hinweg zu reißen, doch ich treibe meine Wurzeln tiefer und trotze all den widrigen Bedingungen am Gleisbett. Ich war ein Samenkorn, als du fünf Jahre weniger auf dem Buckel hattest, und ich werde dich vielleicht sogar überleben. Jedenfalls interessiere ich mich nicht für dein Machen und Tun, denn das hier ist mein Universum.

Es macht mich wehmütig, dass sie eigentlich gar keine Botschaft sendet, sondern ich sie nur herauslese aus ihrer Existenz. So viele Leben nebeneinander, so viele Universen. Für einen Augenblick berühren sie sich, um dann auf immer auseinanderzudriften. Schon trägt mich der Zug davon, wird schneller und schneller, und im Nu trennen uns Äonen. Als Kind träumte ich oft von solchen Erfahrungen, von Zahlen in der Schwärze des Weltalls, die mit rasender Geschwindigkeit ins Riesenhafte, Unfassliche wuchsen, derweil ich immer mehr schrumpfte und an Bedeutung verlor. Es war ein Alptraum der Verlassenheit, der mich heute noch schaudern lässt.

Die lesende Frau hat nichts davon mitbekommen. Wir sind uns räumlich nah, doch unsere Universen berühren sich auch nur am äußeren Rand. Für einen Augenblick lag mein Universum zwischen dem der Pflanze und ihrem. Trotzdem floss keine Information, denn ich habe ihr von meiner Begegnung mit der Pflanze nichts gesagt. Es wäre leicht möglich gewesen, wenn es schicklich wäre, eine Unbekannte wegen einer solch kleinen Sache zu stören. Gespräche mit Unbekannten können recht erbaulich sein. Ich habe sogar einmal erlebt, wie ein Mann nach solch einem Gespräch die Weltformel fand.

Sie ist ganz woanders unterwegs, folgt fremden Gedanken. Ein ferner Autor hat sie irgendwann zu Zeilen ausgerichtet, saß vielleicht in dem schmucken Haus an der Bahnlinie, auf dessen Terrasse die Stühle gegen den Tisch geklappt sind. Vielleicht sitzt er aber Tausende Kilometer entfernt am Küchentisch und schält Kartoffeln. Oder er ist schon tot, und wo sein Geist saß, in dem die Gedanken aus dem Buch gedacht wurden, da halten just in diesem Augenblick ein paar ahnungslose Käfer eine fette Mahlzeit. Trotzdem kann sein Geist die Leserin bei der Hand nehmen und durch sein Gedankengebäude führen. Er bietet ihr zu Zeilen gerichtete Wörter an, sie hebt sie auf und verbindet sie mit Bildern aus ihrer Erinnerung und ihrer Phantasie. Somit ist das Buch nur eine grobe Anweisung. Eigentlich führt sie ein eigenes Stück auf ihrer inneren Bühne auf, und nicht der Autor führt Regie, sondern sie selbst. Wie könnte es anders sein. Das Buch ist ein Einkanalmedium, anders als ein Blog, wo der Autor Rede und Antwort stehen kann.

Im Film, den der Mann schaut, verröcheln Gestalten, werden flugs vom grimmigen Helden zerschossen. Ob da Geist vernichtet wird, ist höchst fraglich, denn es ist den Actionfilmen zueigen, nur schablonenhafte Menschen abzubilden, deren Gedanken unerheblich für den Verlauf der Handlung sind. Der Mann am Bildschirm tut nicht viel Eigenes. Er führt sich ein vorgefertigtes Bühnenstück zu. Es erlaubt keine Abweichung. Seine Macher haben keinen Raum gelassen, selbstständig zu denken, denn bevor sich auch nur ein Gedanke entwickeln kann, reißen sie ihn ins nächste Bild. Das wäre anders, hätte er den Kopfhörer nicht auf den Ohren. Ein Stummfilm würde ihm eine gedankliche Leistung abverlangt, die Dramaturgie des Tonfilms erlaubt sie erst gar nicht. Je hektischer der Bildschnitt, je gewaltiger der Ton, je stärker die kalkuliert erweckte Emotion, desto weniger eigene Begriffe kann der Betrachter bilden. Sein eigenes Universum verblasst vor der Gewalt der vorgefertigten Bilder.

Bevor sich mit der Aufklärung das logische Denken verbreitete, ist das Denken sehr viel stärker von Bildern bestimmt worden. Innenwelt und Außenwelt waren nicht klar getrennt, sondern flossen ineinander. Bilder haben noch heute große Macht über den Menschen. Biete ihm ein Bild, so wird er besser zu verstehen glauben, und das, obwohl Bilder nicht seinen Verstand und seine Klugheit aktivieren, sondern Denkmuster installieren und verfestigen. In Bildern zu denken, bringt eine Form von Unfreiheit mit sich. Bilder vermitteln und fördern banale, selbstbezügliche Urteile.

Bald wird es mir zu mühsam, das Äußere des draußen vorbeihuschenden Universums zu bedenken. Die Bilder sind zu flüchtig und lassen sich nicht gedanklich durchdringen, wenn der Zug so rast. Ich nehme ein kleines Buch aus der Tasche, das gut in die Hand passt: „Die Kunst der Weltklugheit“ von Balthazar Gracian (1601 – 1658). Die Originalausgabe: Gracian’s Oraculo manual y arte de prudencia erschien 1633. Arthur Schopenhauer hat das Handorakel im frühen 19. Jahrhundert „treu und sorgfältig übersetzt.“ Dieses Büchlein begleitet mich schon gut 10 Jahre, und vieles daraus habe ich verinnerlicht, denn ich kann Gracians Worte noch heute verknüpfen mit eigenen Erfahrungen. Hier sind sie auf den Punkt gebracht und erweitert um neue Einsichten.

Balthazar Gracian schreibt bündiger und klarer als sein Epigone Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796). Knigges Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ (erschienen 1788) ist aus der Perspektive des vom Leben enttäuschten Kleinadeligen geschrieben, dem es trotz seiner Einsichten nicht gelang, gesellschaftlich aufzusteigen. Gerade deshalb fühlte er sich wohl bemüßigt, gründlich über den Menschen nachzudenken. Dass Knigges umfassende Ratschläge über den Umgang mit sich und den Mitmenschen später reduziert wurden auf Benimmregeln, hat etwas mit der latent devoten Geisteshaltung Knigges zu tun. Daher konnten Knigges kluge Ratschläge zu den starren Bildern von Etikette umgedeutet werden, zu Vorschriften, wie man sich in der besseren Gesellschaft zu benehmen habe – als unterwürfige Anpassung an die Gegebenheiten.

Gracian hingegen gibt nicht nur Ratschläge, wie man mit sich selbst umgehen, wie man sich vervollkommnen und wie man seinen Mitmenschen begegnen sollte, er gibt auch Anleitung zur Entfaltung von Macht über sich und andere. Es fehlt ihm eine soziale Haltung, die den Eigennutz übersteigende Einsicht, dass der Mensch ein Sozialwesen ist und sich auch als ein solches zu verhalten hat. Das Leben ist für ihn ein Kampf, die Oberhand zu gewinnen. Daher habe ich Gracians Lebensregeln für mich erweitert um einige andere. Denn ich habe ja nicht nur eine rechte Seite, sondern auch eine offene linke. Die will auch entwickelt sein. Eine mir wichtige Regel lautet: Offenbare ein wenig deiner Machtmittel, damit du dich nicht zu sehr überhebst. Daher habe ich oben enthüllt, wie ich mir in Gesprächen einen Vorteil verschaffe.

Weder Gracians Machtmittel noch Knigges Umgangsformen helfen, die Gesellschaft klug zu gestalten. Herrschaften mit strategischen Fähigkeiten und vorzüglichen Manieren verdienen an den vielfältigen, nichtswürdigen Zerstreuungsangeboten, versagen echte Bildung, bringen Menschen um Hoffnung, Brot und Arbeit, führen Kriege, befehlen Folter und Mord, plündern bedenkenlos unsere Gesellschaften aus. Die Liste ihrer Schandtaten ist endlos. Und täglich offenbart sich aufs Neue, wie verkommen die Geisteshaltung ist hinter den geleckten Fassaden unserer Eliten.

Ich habe noch von keinem Pleitebanker gehört, dass er Größe oder auch nur gute Manieren gezeigt und sich entschuldigt hätte für seine Gier, sein Abzocken und sein menschliches Versagen. Es ist keine Einsicht unter den Politikern, die ihnen die Türen aufgerissen, die sie haben gewähren lassen und weiterhin fördern. Und all die Speichellecker und Mietmäuler, die in den Talkshows sitzen und ihre üble Propaganda der Selbstsucht verbreiten, die verschmockten Lohnschreiber in den Zeitungsredaktionen, die es nachbeten, – wie wunderbar wäre es, sie würden einfach mal das Maul halten, den Griffel hinlegen und für eine Weile in sich gehen. Das tun sie aber nicht aus Angst vor ihrer eigenen Innenwelt. Diese Universen erstarrter Bilder sind nämlich so trostlos öde, dagegen ist das Pflänzchen im Schotter vor Bad Oeynhausen ein ganzer prächtiger Regenwald.

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61 Kommentare zu Per Handorakel über Bahngleise durch Universen

  1. Mein Gott, so viele tolle Gedanken, und ich hab sie alle förmlich aufgesaugt! Wohl weil ich vergessen hatte mich mit rechts zum Monitor zu setzen…
    Deine Betrachtung zum Stummfilm ist überragend gut, und sehr zutreffend. Erst gestern las ich ein tolles Zitat: „Es wäre logischer gewesen wenn der Stummfilm sich aus dem Tonfilm entwickelt hätte, anstatt umgekehrt“

    • Das ist witzig. Früh genug gewarnt hatte ich 😉

      Toller Satz über den Film. Ich freue mich übrigens immer, wenn ein Regisseur es wagt, im Tonfilm stumme Sequenzen zuzulassen. Hitchcock hat es oft getan, aber er stand ja noch mit einem Bein in der Stummfilmtradition. Über den Unterschied zwischen dem Tonfilm und dem Stummfilm hat Rudolf Arnheim in seinem Buch „Film als Kunst“ schon 1932 so einsichtig geschrieben, als hätte er die gesamte Entwicklung des Films bis heute vorausgesehen. Falls du es nicht kennst, wirst du es mit Gewinn lesen.

      • Oh, ein Buchtip! Ich freu mich sehr und werde es garantiert verschlingen, und das obwohl meine Bücherregale an den Nähten schon knacksen :)) (ich sehe eben es ist sogar erschwinglich zu haben 8|)

        Ich liebe ja Stummfilme, da spielt sich wirklich noch mehr Kopfkino ab. Leider fällt mir eben auf daß ich mit meinen Filmrezensionen im Rückstand bin, da wächst mein jungen Filmblog ja nie zu ansehnlicher Größe (wobei sich die Besucher in sehr engen Grenzen halten, aber was mal im Netz steht ist allen zugänglich, und es KÖNNTE sich ja mal jemand dafür interessieren…)

        • Du kannst das Handorakel auch einfach online lesen: http://www.handorakel.de/
          Wenn Du nach dem letzten Slash noch eine Nummer eingibst, kommst du direkt zu einer bestimmten Maxime, ansonsten wird dir einfach eine zufällig angezeigt. Da das eh kein Buch zum Durchblättern und Am-Stück-Lesen ist, nutze ich gerne die zweite Möglichkeit, um jeden Tag eine andere Maxime zu lesen.

      • Ein Stummfilm würde ihm eine gedankliche Leistung abverlangt, die Dramaturgie des Tonfilms erlaubt sie erst gar nicht. Je hektischer der Bildschnitt, je gewaltiger der Ton, je stärker die kalkuliert erweckte Emotion, desto weniger eigene Begriffe kann der Betrachter bilden.

        Das kommt aber auch auf den Tonfilm an: Ein guter Regisseur (eben jemand wie Hitchcock oder oft auch Kubrick) zeigt nicht alles. Das lässt Raum für Fantasie und zwingt zur gedanklichen Beschäftigung, auch noch lange nach dem Betrachten. Kopfkino ist nämlich das bessere Kino. 😉

        Das mit dem Farbensehen kenne ich übrigens ähnlich: Mein rechtes Auge sieht dunkler und blasser, seit ich mal auf einer Sommergrabung auf Rügen zu viel in den grellen Sand geguckt habe.

        • @ DocTotte

          Eben, solche Filme sehe ich gern. Beim Schreiben achte ich auch darauf, nicht zuviel auszugestalten. Da lasse ich das bessere Wort manchmal weg und vermeide vor allem schildernde Adjektivattribute und ausführliche Beschreibungen.

          Der Sand auf Rügen muss wohl sehr grell gewesen sein. Geht sowas eigentlich nicht mehr weg?

          • Zumindest auf der Grabung war er sehr fein und schneeweiß. Und praktischerweise war es ein Bilderbuchsommer, ich bin schon lange nicht mehr so braun gewesen wie auf dieser Grabung.
            Mit der Zeit ist der Unterschied zwischen den Augen etwas besser geworden. Und meist fällt es mir auch kaum auf, wenn ich nicht darauf achte.

            • Was gab es da zu finden, dass du sogar dein Augenlicht riskiert hast?

              • Ui, das ist kompliziert: Es gibt in ganz Norddeutschland sogenannte Feuerstellenplätze. Die finden sich von der Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter. Hier haben wir sogar eine kleine Axt aus dem Spätneolithikum gefunden bis hin zu frühslawischer Keramik. Leider ist bis heute ungeklärt, wofür diese Plätze genutzt wurden. Siedlungsplätze sind es nicht, Gräber(felder) auch nicht. Die Theorien reichen von Plätzen für Kommunikationsfeuer (da diese Fundstellen oft auf leicht erhöhten Plätzen liegen) bis zu der Totschlaginterpretation „Kultplatz“. Letzteres wird in der Archäologie meist bemüht, wenn man nicht weiß, was es ist. :))

                • Gut, dass ich gefragt habe. Zu deinem letzten Satz: Das wusste ich nicht, bin jetzt ganz desillusioniert. Wenigstens die Kultplätze hätte ich mir als sichere Angelegenheit gewünscht. Ich staune nämlich immer wieder, wenn Archäologen aus Fragmenten, Scherben oder Münzen, aus einem Posten eines Holzfundamentes usw. herauslesen, wie alles ausgesehen hat und wie es dort zugegangen ist. Das ist dann in sich schlüssig, aber manchmal kommt es mir vor wie ein Phantasiekonstrukt. Letztens sah ich eine wissenschaftliche Reportage über den Limes, und da ging es mir oft so, dass ich glauben wollte, was da erzählt wurde, aber gern mal die Realität daneben hätte, um zu vergleichen.
                  Ich finde dein Fach jedenfalls faszinierend so auch die experimentelle Archäologie. Mehr über die Vergangenheit zu wissen, hilft die Gegenwart besser zu verstehen.
                  Das hat mich auch immer an der Etymologie interessiert, die so eine Art Archäologie der Sprache ist.

                  • O ja, die Etymologie ist superspannend, ich betreibe sie wie ein kleines Steckenpferd. Mich ärgert nur, dass die Eymologie vieler Worte ein ärgeres Im-Nebel-Stochern ist als die Archäologie. Wenn man da mal bei einem Wort nachhakt, stellt man schnell fest, dass fünf Linguisten ein Dutzend Theorien anführen. :))

                    Fairerweise muss ich übrigens ergänzen: Es gibt Kultplätze, die sehr sicher Kultplätze sind. Ich hab beispielsweise mal in Luxemburg im Tempelbereich des römischen Vicus gegraben. So ein Tempel ist dank der Strukturen sehr gut zu erkennen. Und da haben wir wirklich alles gefunden: Münzen, Fibeln, Scherben, Tierknochen. Pragmatisch wie die Römer sind, haben sie ihren Tempel natürlich an dem Platz errichtet, den die Kelten wohl schon als Tempel genutzt haben: Unter den römischen Strukturen fanden sich Strukturen des keltischen Tempels und darin wiederum Scherben, Fibeln, Tierknochen und Münzen, diesmal aber so weit datierbar keltisch. Um den Tempelbereich herum hat es noch einen Graben gegeben, in dem zahlreiche Menschenschädel gefunden wurden. Meiner trüben Erinnerung nach war der Graben aber auch schon aus der keltischen Zeit und von den Römern offenbar nivelliert worden.

                    • Bei den Römern mag das Überbauen alter Kultstätten pragmatisch gewesen sein. Sie ließen ja auch die heimischen Götter weiter bestehen. Die Christen haben die heidnischen Kultstätten überbaut, weil sie damit gleichzeitig die heidnische Religion überwinden wollten. Der Heide rennt weiter zum Kultplatz, aber da wohnt jetzt nur noch der eine Gott, und aus den heidnischen drei Matronen wurden Maria, Martha, und die andere weiß ich nicht mehr. Dieser Überwindungsgedanke führte auch dazu, dass Schreibermönche heidnische Texte vom Pergament geschabt und mit christlichen überschrieben haben.

                      In der Etymologie gibt es natürlich auch „sichere Kultplätze“. Die für mich witzigste ist die Entstehung des Wortes Zenit. Es hieß ursprünglich Zemt. Aber irgendwann, weiß leider nicht mehr wann und wo, wurde ein Fliegendreck über dem dritten Beinchen des m als i-Punkt verlesen. Mich freut das Beispiel besonders, weil es die magische Idee widerlegt, in der Entwicklung der Sprache wäre ein sich selbst ordnender Geist. Wenns um die Orthographiereform geht, rufen manche Leute, man dürfe die Wortbilder nicht verändern, das sei ein Angriff auf die Sprache schlechthin. Dabei verteidigen sie manchmal nur einen Fliegenschiss.

                    • Herrlich, die Verschreibung kannte ich noch nicht, dabei steht sie sogar im Kluge. :))

    • Mel Brooks „Silent Movie“. Es wird nur ein Wort in dem Film gesprochen. Vom Pantomimen Marcel Marceau und der sagte nur „Non“.

  2. Schon wieder ein wunderbarer Eintrag. Vielen Dank dafür! Ich liebe gute Filme. Allerdings nervt es mich an – wohl aus angeborener Sturheit – vom Filmemacher diktiert zu bekommen, was ich an welcher Stelle zu fühlen habe. Aus diesem Grund kann ich in den allermeisten Fällen Filmmusik nicht ertragen. Und eingeblendetes Gelächter weckt in mir beinah schon Mordgelüste…
    Diese Diskussion hatte ich neulich mit einem Freund. Er erzählte mir von einem Film, den er neulich gesehen habe. Er fand ihn scheiße, weil es darin keine Musik gibt, und er – so wörtlich! – „nicht weiß, ob etwas nun traurig oder lustig gemeint ist“ – und das verunsichert und verärgert ihn, den armen Menschen.
    Ist das zu fassen???!

    • Der Satz deines Freundes erinnert mich an die Leute, die mit Kopfhörern durch eine Kunstausstellung laufen. Andere können keinen Plan mehr lesen und sind hilflos, wenn ihr Navi ausfällt. Überall will der heutige Mensch Gehhilfen haben. 😉

      Eingeblendetes Gelächter ist die doofste Form der Beeinflussung, und ich staune, dass sie sich so lange hält. Die Weiterentwicklung ist ja das Saalpublikum, das lacht, klatscht und jubelt, wie es ihm von den Fernsehleuten vorgeschrieben wird. Ich hätte gern einen Apparat, der tosenden Beifall oder diese hirnlose Jubelei aus allem rausschneidet. Aber sowas erfindet wieder mal keiner.

      • Nun… zu meiner großen Schmach muss ich gestehen, dass bei mir der liebe Gott wohl eine Gehirnregion vergessen hat, als er meinen Plan aufs Papier warf: Den Orientierungssinn. Die Erfindung des Navis war für mich ungefähr so bahnbrechend (im wahrsten Sinne), wie für Spastiker der E-Rollstuhl. Nur leider – und da geb ich Dir uneingeschränkt Recht: Verlässt man sich zu sehr auf diese Hirnersatzgeräte, ist man bei jeder kleinen Fehlfunktion aufgeschmissen. Ich übe mit meinen 33 Jahren noch immer das Plänelesen und Wegefinden, bin von einem „ungenügend“ aber gerade bis zum „mangelhaft“ aufgestiegen!
        Kopfhörer in einer Kunstausstellung – wie ärmlich…. als ob es der Sache dienlich wäre, die aufzusaugenden neuen optischen Eindrücke durch akustische zu übertönen!

        So eine Publikums-Gejohle-Rausschneidemaschine wäre fast ebenso wichtig wie der Spamfilter in E-Mail-Programmen, um einen Rest Denkwilligkeit beim Konsumenten zu wahren…

        • Zur Ehrenrettung der Kopfhörer in einer Kunstausstellung – die Leute rennen interessiert, aber ohne viel Ahnung in eine vielbeworbene Ausstellung, das ist ja nicht unbedingt schlecht, wenn sich jemand Kunst ansieht, ohne eigentlich zu wissen, wie er das einordnen soll. Und damit sie nicht völlig verloren vor den Bildern stehen und genauso ahnungslos wieder hinausgehen, wie sie reingekommen sind, gibt es wenigstens zu ein paar Bildern Informationen – nicht optimal, aber besser als nichts.

          • Ja, man kann diese Hilfen nicht rundweg verteufeln.

          • Ja – auch ich bin schon mit „Audioguide“ durch Ausstellungen gelaufen. Sofern man die Möglichkeit hat, jederzeit zu pausieren, sich das Bild/Ausstellungsstück so lange wie gewünscht und auch im Stillen anzuschauen, spricht ja eigentlich auch nichts dagegen. Aber wer mit MP3-Player durch eine Ausstellung läuft, hat definitiv einen Teil seines Eintrittsgelds verschwendet!

            • Es ist mit allen technischen Errungenschaften so, dass sie etwas Neues geben und etwas Altes wegnehmen. Schon die Erfindung der Schrift führte dazu, dass sie einerseits die Auslagerung des Gedächtnisses gestattete, andererseits die Merkfähigkeit schwächte, weil sie eben nicht mehr in diesem Ausmaß erforderlich war. So ist die Nutzung neuer Techniken auch immer ein Balanceakt und enthält eine permanente Entscheidungsfrage. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man alles nutzen, man darf es eben nur nicht absolut setzen.

  3. Es gibt keine Kultur des Entschuldigens in Mitteleuropa. Es gilt eher der Leitspruch „Wer sich verteidigt, klagt sich an“.

    • Bist du sicher? Spontan fällt mir nur ein Beispiel ein. Der Ikea-Gründer Ingvar Kamprad hat sich öffentlich bei seinen Mitarbeitern und den Kunden für seine Nazi-Verstrickung in seiner Jugend entschuldigt.
      http://www.focus.de/immobilien/wohnen/ikea/kamprad_aid_20732.html

      • Widersprich mir, sollte ich falsch liegen:
        Ich denke Nein. Das heißt aber nicht, dass es überhaupt kein Entschuldigen gibt (dein Beispiel sowie z.B.a. der Kniefall Willy Brandts), aber eine Kultur des Entschuldigens gehört weniger zur tradierten Kultur. „Entschuldigen“ wird immer als Eingeständnis zu einer eigenen offenbarte Schwäche angesehen, als Demütigung der eigenen Integrität. Es gibt nicht viele, die aus ihrer Schwäche eine Stärke zu machen wissen (von einem Sarrazin beispielsweise wird man vergebens darauf warten). Das Denken in „Schuld und Sühne“-Kategorien entspricht eher der mitteleuropäischen Kultur als dem Denken in „Schuld und Vergebung“-Haltung.

        • Da kann ich dir nicht widersprechen, denn ich habe noch nie darüber nachgedacht. Wenn es so ist wie du sagst, woher kommt es? Welche geistige Tradition steckt dahinter? Wo gibt es Gegenbeispiele? Wann ist es nützlich, eine Kultur der Entschuldigung zu haben? … usw.

  4. Nach diesem Tsunami philosophischer Ergüssen überlasse ich es meinem Lieblingsautor Michel de Montaigne, zu kommentieren: »Die Gemütsart, die im schärfsten Widerspruch zur Zurückgezogenheit steht, ist der Ehrgeiz. Ruhm und Ruhe sind zwei Dinge, die nicht unter einem Dach wohnen können.«
    in seinem Essai: Über die Einsamkeit«)

    • Später Ruhm geht. Dr. Samuel Jahnson, nachdem er sein berühmtes Wörterbuch der englischen Sprache verfasst hatte (innerhalb von zwei Jahren), wurde gefragt, ob er denn nicht stolz auf sein gigantisches Werk wäre. Da sagte er, dass ihm das nichts gebe, denn alle, denen er damit hätte imponieren wollen, wären ja längst schon gestorben.

      • Smilie by GreenSmilies.com

        So habe ich mir das auch des Öfteren vorgestellt für den Fall, dass ich nochmal „zu Potte“ käme… äh – im Fall… – Egal!

        PS: Aber ich will eigentlich gar keinem imponieren: ich will nur Kohle. Chchch.

  5. Lieber Jules,

    Ich weiß gar nicht, ob es eine großartige eigene Gedankenleistung beim Betrachten eines Stummfilmes überhaupt gibt. Man hat ja auch im Stummfilm (welchen ich übrigens überhaupt nicht ausstehen kann) von Anfang an versucht, die Stimmungslage bzw. die Intensität der Handlung auch durch musikalische Untermalung zu transportieren und dem Betrachter zu verermitteln. Ausserdem lassen unnatürlich übertriebene Mimik und Gestik im Stummfilm ja wahrlich keine wirklich eigenen Gedankenleistungen zu. Einen wirklichen Stummfilm hätte man nur, wenn man den Ton gänzlich abschaltet, was aber der Botschaft des Films sehr zum Nachteil gereichen kann.

    Es gibt, so meine ich, durchaus Filme, die durch gekonnt inszenierte Filmmusik eine schier unerträgliche Spannung erzeugen können, wie sie ohne Musik nie möglich wäre. Und selbstverständlich können auch sonstige Gefühle wie z.B. gute Laune, von Liebe möchte ich gar nicht erst reden, mit keinem anderen Mittel als mit Musik so universell und eindeutig transportiert werden.

    Es ist ja so, dass ein Filmemacher oder Regiesseur mit einem Film eine ganz bestimmte Aussage machen bzw. Botschaft verbreiten möchte. Möchte einer zum Beispiel die Schönheit der Natur hervorheben, wird er seine Naturaufnahmen mit weichen harmonischen Klängen untermalen. Ein anderer, der auf den drohenden Untergang dieser schönen Natur hinweisen möchte, wird eher harte Klänge, und wenig harmonische Musik verwenden zu möglicherweise identischem Bildmaterial.
    Liefen die Bilder ohne Musik ab, würde sich jeder Betrachter seinen Teil dazu denken und die Aussage des Filmes wäre beliebig interpretierbar. (Natürlich kann man auch über den Titel die Interpretation steuern …)

    Sendungen, in die tosender Beifall oder Gelächter eingeblendet werden, schaue ich mir grundsätzlich nicht an, ich finde das auch mehr störend als animierend. Auch bei Livesendungen mit „Live“-Publikum.
    Obwohl man diese Art der „Untertitelung“ eigentlich mal bei einigen Nachrichtensendungen einführen könnte … Das würde wenigstens manchmal zum restlichen Ambiente passen.

    Ich ziehe mich jetzt mit großer Dankbarkeit an den Autor des Beitrages wieder aus dessen Universum zurück und schweife nachdenklich in die Tiefen meiner prächtiger Gedanken-Regenwälder ab, um herauszufinden, welche Körperseite bei mir die stärkere ist …

    • Lieber VerQuert,

      nachdem Lichtenberg London besucht hatte, schrieb er einen begeisterten Essay über den damals in Shakespeare-Stücken gefeierten Schauspieler Garrick. Lichtenberg hat genau hingeschaut und beschreibt minutiös die Mimik und Gestik Garricks anhand bestimmter Szenen. Aus heutiger Sicht wirkt Garricks Theatralik ulkig, ja, eigentlich lächerlich überzogen. Aber es war die Bildsprache seiner Zeit und durch ihn zur Perfektion gebracht.
      Ähnlich geht es uns beim Stummfilm. Wir können ihn nicht mehr so lesen wie die Zuschauer damals, die noch ganz andere Sehgewohnheiten hatten.

      Dass ein Filmemacher eine bestimmte Wirkungsabsicht hat, kann man ihm nicht verdenken. Und wenn er sich dazu aller Hilfmittel bedient, die er kriegen kann, macht er sein Handwerk gut. Der Zuschauer aber muss sich fragen, welche Botschaft ihm da mit Gewalt eingetrichtert wird. Es gibt Filme, die ich mir grundsätzlich nicht anschaue, weil sie auf geniale Weise eine Botschaft verbreiten, die mich erschreckt und mit der ich nichts zu tun haben will.

      Ich danke dir für deine Ausführungen und Anregungen zum Weiterdenken. Über den Stummfilms würde ich gern mal was schreiben und das diskutieren. Aber da muss ich vorher noch einmal Rudolf Arnheim befragen, der noch eine Innenansicht hatte.

  6. sehr schön (welch ein Genuß)

    bedankt
    Karen

  7. Ich muss ja frevlerisch an dieser Stelle bekennen, dass der wichtigste Gedanke (und eigentlich war er wohl eher eine Intuition), der mir je kam, der ist, dass 99% von dem, was man jeden Tag so denkt, verzichtbarer bullshit ist und man sich deshalb des Denkens besser enthält. In deinem Fall bin ich allerdings bereit, von den 99% ein bisschen abzuweichen und ein paar Prozent nachzugeben. 😉

    • Mein 1-prozentiger Gedanke dazu: Sobald man sich daran macht, die flüchtigen Gedanken in Schriftsprache zu übertragen, sie auszurichten zu ganzen Sätzen und logischen Folgen, tritt der Effekt ein, den Lichtenberg anschaulich beschrieben hat:

      „Wenn jemand alle glücklichen Einfälle seines Lebens dicht zusammen sammelt, so würde ein gutes Werk daraus werden. Jedermann ist wenigstens des Jahrs einmal ein Genie. Die eigentlich so genannten Genies haben nur die guten Einfälle dichter. Man sieht also, wie viel darauf ankommt, alles aufzuschreiben.“

      Auch empfiehlt er das Ergebnis der Sudelbuchmethode als: „Reichtum durch Einsparung der Pfennigswahrheiten“, womit er sicherlich etwas Ähnliches meinte wie du mit dem einen Prozent.

      Als ehemaliger Tagebuchschreiber habe ich darin immer diesen Wert gesehen. Viele Blogs haben eine ähnliche Funktion.

      http://abcypsilon777.blog.de/2006/05/28/themenwoche_handschrift_reichtum_durch_e~835860/

      http://offenebloguni.blog.de/tags/tagebuch/

      • Als Aphoristiker muss Lichtenberg natürlich dieser Meinung sein und in seinem Falle war es bestimmt auch gut, dass er alles aufgeschrieben hat. 😉
        Ich glaube, letztlich geht es um die Frage, wie ernst, wie wichtig, wie bedeutsam man sein Leben, seine Gedanken, sich selbst nimmt. In dieser Hinsicht bin ich natürlich befangen durch meine eigene Lebenserfahrung, die mich gelehrt hat, meine Gedanken, mein Leben und mich selbst nicht so wichtig zu nehmen – sonst hätte ich sie nicht aushalten können.

        • Sich ernst und wichtig zu nehmen, scheint mir sowieso der falsche Weg zu sein. Dem liegt starres Denken zugrunde. Daher kann ich nachvollziehen, was du meinst. Dieses Denken bekräftigt sich selbst, und wenn es eine negative Ausrichtung hat, gerät man in echte Schwierigkeiten.

          Mir ist heiter, verständig und aufgeschlossen lieber. Lichtenberg hat gerade das zu seiner Methode gemacht, indem er bei allem prüfte, wie sieht das Gegenteil aus? Wie wäre es, das Kleine als Großes zu sehen und das Große als Kleines? … usw.

          Wo das automatisiert ist, spielt Vergesslichkeit eine große Rolle. Anders als die meisten Leute finde ich es gut, vergesslich zu sein, in Maßen natürlich. Denn es hat die Funktion, dass viele meiner Wahrnehmungsmuster nicht starr bleiben, sondern sich auflösen und neue Kombinationen gestatten. Nach meiner Beobachtung gehört das unbedingt zur Kreativität.

          In diesem Sinne sind Texte wie der oben spielerische Versuche, die Welt neu zu sehen, jedenfalls auf eine nicht alltägliche Weise. Ich nehme verschiedene Dinge wahr, denke ein wenig darüber nach, und dann schaue ich, wie sie sich verknüpfen lassen. In dieser Technik steckt immer wieder Überraschung, denn ich kann am Anfang nicht sagen, wie die Verknüpfung sich auswirken wird und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

  8. Was für eine Vision! Ein Dutzend Banker drängen sich vor den Kameras, um sich vorm zahlendem Volke zu entschuldigen; wenn das keine Utopie ist (das ist der Umsturz schier, das ist verkappter Kommunismus, ha!); zu den guten Manieren und Sitten usw. aber fällt mir immer (wieder) eine Passage aus der Autobiografie von Paulus‘ Adjutant ein, in der er beschreibt, wie Stabsoffiziere im Kessel Streichquartette zelebrieren, während gemeine Landser sich abgefrorene Gliedmaßen gefallener Kameraden einverleiben; das waren gebildete und gesittete Bürger und Offiziere, fürwahr…

    Mein Herr – Sie sind ja wieder einmal echt zur Hochform aufgelaufen, wenn ich mal so sagen darf – ich darf doch mal; zunehmende Reife zeigt sich ja zudem wohl in der Zunahme der Selbstreferentialität, hä-ähm…

    Die Wendung „denke ein wenig daran entlang“ deucht mich vorzüglich!

    Ich glaube aber nicht, dass durch die Erreichbarkeit über diverse Kanäle die Unruhe zahlloser Vertreter des rezenten Homo sapiens herrührt, vielmehr scheint mir, dass diese technische Vernetzung eine Art Verlängerung, Verstärkung und Versicherung von, so vorhanden, menschlicher Vernetzung zu sein scheint, der sich der Jetzt-Hominide andauernd vergewissern will, ja, vielleicht muss

    Und was Du da über Actionfilme sagst, deckt sich erstaunlicher Weise ziemlich mit dem, was Sloterdijk in dem „vorhin“ von mir erwähntem Interview zum Thema innere Wandlung und Entwicklung sagte; diese Passivität des einen Weltentwurf Konsumierenden wäre sozusagen die erste, unterste Stufe dieser inneren Entwicklung usw.

    Ach – alles ist vernetzt!

    • Netzwerke haben die Tendenz sich zu vergrößern. Je mehr man sich umschaut in der Welt, desto mehr Vernetzungspunkte entdeckt man. Ich glaube, das ist eigentlich die größte Verstandesleistung, was man die Fähigkeit zum Transfer nennt, und was ja meint, zwei unterschiedliche Aspekte zu verbinden und somit das Netzwerk des Denkens zu erweitern. Meine Theorie: Je größer das innere Netzwerk und je stärker es mit äußeren Netwzerken verknüpft ist, desto schneller fließt Information. Und das macht einfach unruhig. Der Mensch ist gemacht für Kommunikation auf Armeslänge und Hörweite. Gestik und mündliche Sprache sind an Zeit und Ort gebunden und mit allen Sinnen fassbar. In der digitalen Kommunikation verschwindet Zeit.

      Das Sloterdijk-Zitat ist mal wieder erstaunlich. Demnach befinden sich die manischen Bilderfreunde kulturell auf dem Rückweg in die Barbarei.

      • Nee, so war das wohl nicht gemeint (Sloterdijk), vielmehr sogar „umgedreht“, wenn ich das richtig mitgeschnitten habe, da eben Bilder gerade diesem von Dir angedeutetem Effekt der „Fernkommunikation“ entgegen wirken; bestimmte Piktogramme bspw. werden immer und überall verstanden, selbst von steinzeitlich strukturierten Eingeborenen usw.; hoffentlich habe ich das richtig verstanden und hoffentlich versteht das jetzt jemand, und sag jetzt nicht, dass ja Piktogramme keine Bilder nie nicht wären, und hier beende ich diesen Satz…

        Das mit dem „Rückweg in die Barbarei“ habe ich gestern schon fast wörtlich „gehört“; in „Sterne“ von Konrad Wolf („Schimpansen“ nannte der Herr Unnaoffiessier die Leute, die ich „sprachbegabte Säugetiere“ nenne); schon wieder so ein „Zufall“ (und ich kann nur jedem Mitti empfehlen, allerdings dem geneigtem Wessi gleichfalls, die DEFA-Produktionen mit dem 20jährigen Abstand zu betrachten, denn dann stellt man zum Beispiel fest, dass Konrad Wolf eine echte Größe war unabhängig vom „Roten“, das man gerade ihm als einem der Wenigen in dieser Hinsicht wirklich abnimmt; nicht, dass ich mir einbilde, das als Erster oder gar Einziger wahrgenommen zu haben, aber ich meine ja nur)…

        Ach.

        • Es ist müßig zu spekulieren, was Sloterdijk genau gemeint hat, der Satz lässt die Interpretation zu. Sie wird auch von Vilém Flusser und Neil Postman gestützt, der in den medialen Bildwelten einen Auslöser sieht für die Infantilisierung des Menschen.

          Piktogramme sind zwar nur aus der Nähe zu erkennen, sind aber trotzdem schon eine Sorte Fernkommunikation. Die Entfernung ist hier eine zeitliche Distanz zwischen dem Sender und dem Empfänger. Die erste Stufe des passiven Konsumierens eines Weltentwurfs ist diese Bildverwendung nicht, sondern allenfalls ein äußeres Zeichen. Die Haltung, den Weltentwurf der eigenen Gruppe für gegeben anzusehen, ist typisch für orale Kulturen, denn wo Sprache nur situativ und in die unmittelbare Gegenwart eingebunden ist, ist das Wir-Gefühl sehr stark. Individualität und reflektorische Betrachtung des Gegebenen ermöglicht erst die aufgeschriebene Sprache. Sie enthebt eine Äußerung der Situation und dem Kontext, und dann kann der Mensch in Ruhe und mit einer gewissen Objektivität darüber nachdenken, ob sie eine gültige Äußerung ist. Bilder hingegen festigen eine gemeinsame Vorstellung. Daher auch die Übermacht der Bilder in der schriftlosen Phase des Mittelalters. Die gotischen Dome bieten dem staunenden Betrachter des Mittelalters die kirchliche Lehre in Bildern. Deren Eindringlichkeit ist die Ursache für das religiöse, also magische Ergriffensein.

          Wenn jetzt also die Bildwelten wieder zunehmen und in TV und Internet die geschriebene Sprache zurückdrängen, droht da schon ein Rückfall in die kulturelle Barbarei. Da dämmert das Gegenteil der Aufklärung herauf.

          • Hm. – „Die Haltung, den Weltentwurf der eigenen Gruppe für gegeben anzusehen, ist typisch für orale Kulturen„…

            Glaube ich nicht, vielmehr glaube ich, dass das allgemein und überhaupt die „übliche“ Art der „Verarbeitung“ von Wirklichkeit ist, an der man festhält, so lange immer es möglich scheint, im Kleinem wie im Großen, siehe eben zum Beispiel die DaDaEr; ich merke aber an dieser Stelle wieder einmal und wieder sehr deutlich und schmerzhaft, dass ich nicht einmal über eine Halb-, sondern eher über eine Achtelbildung verfüge (was, wie schon klügere Leute vor mir erkannt haben, auch gefährlich werden kann), denn natürlich habe ich von Postman und Flusser gehört (schade, dass ich nicht mehr rauche, denn dann hätte ich genügend Asche immer zur Verfügung, um sie mir übers Haupt zu kübeln); aber an der Stelle noch der Hinweis, dass auch, was diese „Infantilisierung“ angeht, eine merkwürdige Erscheinung zu beobachten ist, nämlich die, dass es außer den Bestsellern Postmans, auf die Du anspielst, auch noch solche mit quasi „entgegengesetzter“ Aussage gibt, die etwa vom „Verschwinden der Kindheit“ sprechen (so auch der Titel eines Werkes zum Thema, dessen Autoren ich, siehe eben oben, wieder einmal „vergessen“ habe); ich glaube aber, dass das weniger paradox als vielmehr dialektisch ist (und das meinte ich jetzt ohne Ironie): einerseits verschwindet „authentische“ Kindheit (die berühmten urban legends gehören unter anderem hierher, wie mir scheint, die von Kindern berichten, die lila Kühe für die „Macher“ von Schokomilch halten usw. usf.), während andererseits in der „abgeleiteten“ Welt von tausend Medienkanälen in der Tat Infantilisierung statthat.

            Und obwohl ich befürchte, damit Leuten langsam auf dem Wecker zu gehen, muss ich an dieser Stelle mit (m)einer Arbeits(losen)-These kommen, dass diese Infantilisierung aber auch mit den nicht wirklich gelebten Kindheiten der Kriegs- und Nachkriegskinder zu tun haben könnte, denn diese Leute sind es, die etwa „Werke“ wie „Das kleine Krokodil“ zum Longseller klickten usw. usf.; ich sehe meine eher militante Stiefmutter rührselig vor Märchenfilmen sitzen, ich sehe meinen Vater sich über den Flur rollen über Lausbuben- und Schelmengeschichten im TV, hätte er ein bisschen davon selbst auszuleben versucht, hätte man ihn erschossen: die hatten keine Kindheit (und haben das weiter gegeben)…

            Dieses „magische Ergriffensein“ habe ich in der Tat in den letzten Wochen sehr häufig am eigenem corpus delicti erlebt (Fossilhumor, siehe letztzens), und ich habe die Kirchen ja auch paar Male fotografiert, vor denen ich da verharrte: es zieht Einen förmlich auf die Knie vor diesen Gottesklötzen.

            Dein letzter Absatz verblüfft mich total, wiederum ohne Irokasmus usw. gesagt; gerade das Internet, mit Foren, Emails, Blogs, Gezwitscher usw., hat ja zur Zerknirschung von Marketingexperten „automatisch“ und in ungeahntem Maße zu einem Boom schriftlicher Äußerungen geführt (wobei ich hier die Frage nach der Qualität nicht berühre), um den sich zum Beispiel die Deutsche Post mit aufwendigen Kampagnen (und natürlich aus ganz anderen Gründen als dem Drang nach Aufklärung durch Beförderung der textlich fixierten Kultur) Jahre lang umsonst bemühte („Schreib mal wieder!“ usw.)

            Öhm… Ja – häff fann!!!

            • Da musst du schon differenzieren. Spätestens mit der Renaissance ist die Einheit im Weltbild dahin, und das fällt nicht zufällig mit zunehmender Literalität und der Verbreitung des Buchdrucks zusammen. Hierzu sehr zu empfehlen: Marshall McLuhan; Die Gutenberg-Galaxie. Der moderne Mensch steckt ja nicht in einem einheitlichen Weltbild, sondern sieht sich mit verschiedenen konkurrierenden Weltbildern konfrontiert, unter den er aussuchen kann, was ihm am besten passt. Anders in Diktaturen, so auch in der DDR, wo das Weltbild den Leuten aufgezwungen wird, alternative Weltbilder aber im Geheimen existieren.

              Vom Verschwinden der Kindheit zu sprechen, scheint mir sehr übertrieben, wo doch die Kindheit erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst richtig entdeckt wurde und bis heute gehätschelt wird. Was authentische Kindheit ist, muss mir erst einmal jemand erklären, denn auch hier gibt es unzählige Vorstellungen. Meint es die Kindheit auf dem Land wie bei Astrid Lindgren mit den Kindern von Bullerbü? Na, so ähnlich war meine Kindheit auch, nur eben nicht ganz so ungebrochen idyllisch. Sie war auch gekennzeichnet von einem Mangel an Angeboten und Anreizen, und noch heute bedauere ich, so vieles als Kind nicht habe ausüben und lernen können, was für heutige Kinder selbstverständlich ist.

              Spätestens seit der Studentenbewegung wurde auch das Kindsein neu entdeckt, und was die Kriegsgeneration nicht hat ausleben können, wird von der 68er Generation ins Gegenteil verkehrt, z.B. mit der antiautoritären Erziehung, die dem Kind Maximalrechte einräumt.

              Zum Internet: Tatsächlich fördert es die Schrift, aber es fördert viel stärker das Bild. Oder hast du schon von einem längeren Text gehört, der 10 Millionen mal aufgerufen wurde wie ein YouTube-Video? Und bei den von Jugendlichen viel stärker beachteten digitalen Bildwelten der Computerspiele spielt Schrift nur eine marginale Rolle.

              • Ja, McLuhan… – siehe oben, „Achtelbildung“; aber das ist doch der Typ, der in dem einem Woody-Allen-Film leibhaftig in einer Schlange vor dem Kino steht, während gerade ein Kartenkäufer sich über ihn, McLuhan, auslässt (bzw. über dessen Theorien)? – Da muss man auch erst mal drauf kommen, auf so eine Szene, chchch…

                Ich würde gar nicht sagen, dass im Sozialismus so alternative Weltbilder existierten, vielmehr glaubten viele, dass sie dasselbe bezeichneten, wenn sie „Sozialismus“ sagten, dabei meinte jeder was Anderes, vor allem aus seinen „Kindheitsmustern“ (Christa Wolf) der Wahrnehmung von Welt resultierendes: ist das jetzt verständlich? – Ich muss zum Beispiel heute zugeben (wie auch einmal ein Klassenkamerad nach der Wende sinngemäß sagte, von dem ich das zuallerletzt erwartet hätte), dass ich den RealSoz wahrgenommen haben wie die Figuren des frühen Thomas Mann Wirklichkeit wahrnahmen, der „Bajazzo“ etwa; die Welt war für immer in einer Form erstarrt, gewissermaßen, und das war „Sicherheit“ und „Geborgenheit“ usw; derartige „komische Umdeutungen haben wohl aber viele Leute praktiziert.

                Und – trotzdem: durch www und die Folgen haben -zig Tausende Leute sich („textlich“) zu artikulieren begonnen, die das wohl „normaler Weise“ nie getan hätten.

                Na ja… – Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden!!!

                Man sollte mehr schreiben. Chchch.

                Häf… – Du weißt schon!

  9. Was für eine Vision! Ein Dutzend Banker drängen sich vor den Kameras, um sich vorm zahlendem Volke zu entschuldigen; wenn das keine Utopie ist (das ist der Umsturz schier, das ist verkappter Kommunismus, ha!); zu den guten Manieren und Sitten usw. aber fällt mir immer (wieder) eine Passage aus der Autobiografie von Paulus‘ Adjutant ein, in der er beschreibt, wie Stabsoffiziere im Kessel Streichquartette zelebrieren, während gemeine Landser sich abgefrorene Gliedmaßen gefallener Kameraden einverleiben; das waren gebildete und gesittete Bürger und Offiziere, fürwahr…

    Mein Herr – Sie sind ja wieder einmal echt zur Hochform aufgelaufen, wenn ich mal so sagen darf – ich darf doch mal; zunehmende Reife zeigt sich ja zudem wohl in der Zunahme der Selbstreferentialität, hä-ähm…

    Die Wendung „denke ein wenig daran entlang“ deucht mich vorzüglich!

    Ich glaube aber nicht, dass durch die Erreichbarkeit über diverse Kanäle die Unruhe zahlloser Vertreter des rezenten Homo sapiens herrührt, vielmehr scheint mir, dass diese technische Vernetzung eine Art Verlängerung, Verstärkung und Versicherung von, so vorhanden, menschlicher Vernetzung zu sein scheint, der sich der Jetzt-Hominide andauernd vergewissern will, ja, vielleicht muss

    Und was Du da über Actionfilme sagst, deckt sich erstaunlicher Weise ziemlich mit dem, was Sloterdijk in dem „vorhin“ von mir erwähntem Interview zum Thema innere Wandlung und Entwicklung sagte; diese Passivität des einen Weltentwurf Konsumierenden wäre sozusagen die erste, unterste Stufe dieser inneren Entwicklung usw.

    Ach – alles ist vernetzt!

  10. Meine Philosophielehrerin war trotz ihres Faches leider von der Esoterik infiziert (sie trug, während sie die Philosophieklausuren beaufsichtigte, immer einen Bergkristall am Gürtel, um gute Schwingungen für die Studierenden zu erzeugen; das klappte sogar, fast alle hatten gute Zensuren unter ihren Arbeiten stehen, allerdings waren die von eben der Lehrerin) und schwärmte bei jeder sich bietenden Gelegenheit von der Überlegenheit des asiatischen Denkens, weil es so bildhaft sei und damit „ganzheitlicher“, im Gegensatz zum eindimensionalen linearen Denken westlicher Kultur. Mir leuchtete das nie ein, auch fragte ich mich, mit welchem Bild sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Nun lese ich bei Dir genau die gegenteilige Ansicht, die zudem den Ausführungen von Susan Sontag entspricht, deren Buch über Fotografie ich zufällig gerade mit viel Gewinn verschlinge. Sehr interessant, kannst Du noch mehr Literatur dazu empfehlen?

    • Es kommt darauf an, welches Ziel man hat. Ein ganzheitliches Denken wie deine Philosophielehrerin es versteht, führt gewiss zu innerer Ruhe und Gleichmut gegenüber den Erscheinungen der Welt. Es ist in diesem Sinne ein Eintauchen ins eigene Universum. Der Nachteil ist die fehlende Möglichkeit des Perspektivwechsels. Ich glaube, der Mensch hat die widerstrebenden Denkformen von bildhaft, magisch, gefühlsgesteuert und dem sprachlich, linearen, Logischen aus gutem Grund. Denn dieser innere Zwist ist höchst produktiv, er schlägt quasi immer wieder Funken, die Veränderungen im Denken herbeiführen, also feste Muster zerstören oder zumindest infrage stellen.

      Problematisch ist das westliche Denken nur wegen der Übermacht des Rationalen, und das ist meiner Meinung nach ein Effekt des Schriftsprachlichen.

      Schrift und Bild stehen in direkter Konkurrenz. Ich habe lange überlegt, ob ich dem Text hier das Foto beigeben sollte oder nicht. Denn dieses Foto verstellt eventuell den Weg zu einer eigenen Vorstellung vom Pflänzchen im Schotter. Es scheint das Gemeinte zu zeigen, zeigt es aber nicht, sondern nur etwas Ähnliches, denn es ist ganz woanders aufgenommen. Da saß ich nicht im Zug, sondern stand auf den Gleisen.

      Ich kenne das Buch von Susan Sontag nicht, bin jetzt neugierig geworden. Gerade las ich, dass sie u.a. die Ästhetik des Grauens bei der Dokumentarfotografie kritisiert. Daran habe ich mich eigentlich noch immer nicht gewöhnen können, Fotos zu sehen von z.B. Menschen in elendigen Bedingungen und mir vorzustellen, dass der Fotograf nicht geholfen, sondern ein für seine Begriffe gutes Bild gemacht hat. Während da Menschen sich quälen, geht es ihm um einen perfekten Blickwinkel, den Bildauschnitt, Farbe und den Wurf von Licht und Schatten. Es ist eigentlich unmoralisch und nur zu rechtfertigen, wenn man sagen könnte, diese Bilder erschüttern und rufen andere zur Hilfe auf. Wenige Fotos haben das bewirkt, so z.B. Fotos vom Massaker in My Lai oder das Bild, auf dem der Polizeichef von Saigon einem gefangenen Vietkong mit der Pistole in den Kopf schießt. Diese Fotos haben gewiss zu den vielen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beigetragen.
      Meist aber befriedigen solche Fotos nur die Schaulust und stumpfen ab. Säße ich im Elend oder Menschen, die mir was bedeuten, würde ich mich und sie nicht fotografieren lassen. Das empfände ich als zusätzliche Verhöhnung meines Leids.

      Über das „technische Bild“ und das Verhältnis Bild zu Schrift schreibt der Medienphilosoph Vilém Flusser in mehreren Essays, auch in dem Büchlein: Über Schrift.

  11. Ja, sehr sehr interessant, Dein Ansatz von der produktiven Wechselbeziehung von bildhafter Vorstellung und linear-logischem Denken gefällt mir sehr gut.

    Und deswegen glaube ich auch, Susan Sontag ist zu streng in ihrem Urteil, denn sie sieht kaum etwas Gutes in fotografierten Bildern, übersieht dabei aber meiner Meinung nach den spielerischen Aspekt. Aber es macht trotzdem Spaß, das zu lesen, intellektuell radikal und leidenschaftlich, dabei ganz klar und lesbar und mit einer solchen Fülle von Argumenten und Betrachtungsweisen, daß ich das Gefühl habe, ich müßte gleich wieder von vorn anfangen, wenn ich am Ende angekommen bin. Fotografien, so sagt sie, haften einerseits die Magie der Kunst an, andererseits die Eigenschaft, Wirklichkeit abzubilden. Tatsächlich aber stehen sie in einem ähnlichen Verhältnis zur Wirklichkeit wie ein Standfoto zu einem Kinofilm. Sie fragmentieren Erlebniswelten und machen die Vergangenheit zu einer Konsumware etc. etc.

    Da ich andauernd mit dem Fotoapparat unterwegs bin, kenne ich den Reiz, die Kamera auf alles draufzuhalten, was sich nicht wehren kann: Ein betrunkener Penner, der schnarchend zwischen all seinen Tüten auf der Straße liegt: Was für ein „tolles“ Motiv – aber auch ziemlich unanständig, das zu fotografieren. Glücklicherweise habe ich das nichtmal gemacht, als ich noch als unbedarfter Knipser durch die Straßen spaziert bin, und heute sowieso nicht mehr.

    Danke dür den Buchtipp.

    • Du spielst auf ein Foto an, das ich mal gemacht und veröffentlicht habe. Das war ein Fehler, da habe ich versagt. Seit langem aber frage ich, wenn ich Leute von vorn aufnehme, so dass man sie erkennen kann. Der angehende Tätowierer im letzten Schmockvideo wollte nicht aufs Bild, also hört man ihn nur im Off. Der Fahrradhändler wollte nicht zu erkennen sein. Dher habe ich seinen Kopf nicht gefilmt.

      Zu Susan Sontag: Wenn sie so streng über das Foto urteilt, dann hat es wohl auch etwas mit ihr selbst zu tun. Habe ich jedenfalls in einer Buchbesprechung gelesen. Wenn sie starke subjektive Motive hat, kann man nicht 1:1 nehmen, was sie sagt, egal wie gut sie schreibt. Es klingt auch übertrieben, und da kommt sie mir vor wie der ungebildete Bote, der den Brief schlägt, weil der verraten hat, dass er ein Brot nicht abgeliefert, sondern gegessen hat.

      Allerdings eschreckt mich die Übermacht der Bildwelten auch. Sie verändert die Menschen, legt ihr Denken lahm.

      • Kleines Mißverständnis: Das war nicht beabsichtigt, ich spiele auf kein Foto von Dir an, wenn ich Dich kritisieren wollte, würde ich das direkt tun und nicht durch Anspielungen.

        Hast Du die Besprechung kürzlich gelesen? Weißt Du noch, wo?

        • Naja, ich musste darauf eingehen, weil ich eben just so ein Foto mal gemacht habe. Da kann ich mich nur über gewissenloses Draufhalten beschweren, wenn ich mein Draufhalten wenigstens mal angesprochen habe.

          Die Besprechung? Vielleicht über einen Wikipedia-Link? Ich weiß es leider nicht mehr.

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