Mein surrealer Alltag (6) – Fluch der Stilkunst!

Stell dir vor, du würdest eines Morgens wach, und da säße ein Fremder neben deinem Bett. Bevor du auch nur das Maul aufgemacht hast, beginnt der Mensch auf deiner Bettkante mit einem Vortrag über die korrekte Intonation der deutschen Hochsprache an ausgewählten Satzbeispielen. Er würde dabei auch allerhand Proben geben, wie es nicht gesprochen werden darf, ja, er könnte erstaunlicher Weise das Deutsche in allen landschaftlichen Zungen sprechen. Du liegst da, bist ganz platt und kannst nur ächzen. Gleichzeitig aber zieht der Mensch auf deiner Bettkante dich in seinen Bann. Denn er weiß über deine Sprache durchaus amüsant zu plaudern. Inzwischen verrät er dir die wesentlichen Grundzüge der deutschen Grammatik. Ein grammatisch korrekter deutscher Satz habe wenigstens Subjekt und Prädikat, behauptet er. Dein Ächzen aber sei kein Satz, sondern nur eine Interjektion, ein Empfindungswort, das nur deinem Augenblicksgefühl ein wenig Ausdruck verleihe. So ein Ächzen sei kaum eine sprachliche Äußerung zu nennen, denn ächzen könne sogar die Matratze.

Du spielst mit dem Gedanken, dich zur anderen Seite aus dem Bett zu wälzen. „Halt, hier geblieben!“, ruft der lästige Mensch und beginnt sogleich mit einem Abriss über deutsche Stilistik. Danach zählt er die wichtigsten rhetorischen Mittel auf, und zum Schluss wendet er sich Einzelfragen zu. „Fragen?“, denkst du. „Ich habe keine gestellt!“ Das spielt keine Rolle, denn er weiß dich erneut einzuwickeln; zu den Einzelfragen gehört auch ein Exkurs über Schimpfen! Prächtige Beispiele aus der Literatur gibt er dir, und du staunst, wie wunderbar sich manche auf’s Schimpfen verstanden haben.

Dann aber macht der auf der Bettkante einen Fehler. Er spricht über Humor. Das hätte er besser nicht getan, denn mit Humor darf dir am frühen Morgen keiner kommen. Du stehst nicht mal auf den Füßen und hast noch viel zuviel Blut im Kopf. Endlich kehrt auch deine Sprachfähigkeit zurück. Leider nur auf ganz niedrigem Niveau. Es reicht grad zu einem befreienden: „Zieh Leine, Arschloch!“

Was nutzt es dir, dass er sich sogleich verdünnisiert und höflich leise die Tür ins Schloss zieht. So richtig sprechen kannst du an diesem Morgen nimmer. Es gehen dir einfach zu viele Einzelfragen durch den Kopf. Und aus diesem Durcheinander willst du lieber nichts nach draußen lassen.

Offenbar, ist dein Beschluss, offenbar ist es nicht immer hilfreich, zuviel über eine Sache zu wissen, die man automatisiert hat. Sprechen oder Schreiben, das muss auch ein Gutteil aus dem Bauch kommen, ohne Berechnung oder Taktik. Falls du deinen Bauch aber etwas schlauer machen willst, dann ist es ganz hilfreich, mehr von dem zu wissen, was der auf der Bettkante erzählt hat. Dein Bauch ist dann freilich eine Weile voll und will nicht mehr. Aber danach geht’s mit neuer Kraft weiter.

Teppichhaus Musiktipp

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31 Kommentare zu Mein surrealer Alltag (6) – Fluch der Stilkunst!

  1. Ist Dir Rotwang wieder über den Weg gelaufen..?

    • Kenne ich den? Nein, er war’s nicht. Ich habe über die Tage Ludwig Reiners Stilkunst gelesen, und danach konnte ich erst mal nichts mehr schreiben.

      • Nanana, wenn hier im BlogLand jemand geschickt mit Worten balancieren und gewandt Sätze präsentieren kann, dabei aber auch noch Sinnhaftigkeit darbringt, dann doch wohl Du, lieber Jules

        • Es war ein Wiederlesen, denn ich hatte es schon mit 12 oder 13 gelesen. Das hat mein Schreiben geprägt. Und als ich das Buch jetzt nach so vielen Jahren wieder las, vor allem die wunderbaren Zitate großer Autoren, da dachte ich, verdammt, du kannst es noch immer nicht gut genug.

          • Ich denke, genau diese Selbsteinschätzung ist es, die gute Arbeit überhaupt ermöglicht; wenn man erst überzeugt ist, perfekt zu sein, fehlerlos, dann verliert man zu leicht den Boden unter den Füßen und damit das Fundament.

      • ich glaub dieses buch von meinem vornämlichen vetter muss ich doch auch endlich mal lesen, lieber jules, das tut mir sicherlich SEHR gut!
        *augenzwinkern*
        und so leute auf der bettkante, die mag ich ja sehr gerne, wie du weisst, siehe meinen guten freund marc, der ja allmählich von mir genug hat, weil ich nur noch gracian intoniere, aber da hat er sich geschnitten …
        herrlich wieder von dir geschrieben
        as always …
        liebe grüsse
        ludi

        • Aurel oder Gracian auf der Bettkante ist ein ziemlicher Luxus, sogar in Buchform, lieber Ludi. (Jetzt verstehe ich auch deinen Nickname.) Meine Ausgabe von Gracian ist wunderbar handlich, bestens geeignet darin zu däumeln und zu orakeln. Heißt ja auch „Handorakel“.

          Ludwig Reiners Stilkunst kann ich empfehlen, denn er schreibt amüsant, und lernen kann man eine ganze Menge, auch wenn man schon ein guter Stilist ist wie du.

          Danke für die Blumen und schöne Grüße aus Hannover
          Jules

    • wieso rotwang, was hat der hiermit zu tun?

  2. Dschä, in Hannover wird mit der Nennung des Flusses die Nachdrücklichkeit einer Aufforderung unterstrichen.
    „Zieh Leine.“
    An der Mosel wird die Nennnung des Ortes herangezogen zur Intensivierung der Ansage.
    „Schleich dich.“

    :-/

    Übrigens, rattenstarkes Musikvideo.
    :yes:

  3. Es ist ein eigen Ding mit den Stilfibelscribenten: Sie wollen immerzu Normen setzen, aber poetische Ergebnisse habt keine einziger je hervorgebracht. Warum eigentlich nicht?
    (Honi soit qui mal y pense)

    • Sie sind Eunuchen, werter Kater, wissen gut, wie es geht, können’s aber nicht.

      • ich vermute aber mal, du laesst den guten Mann da an der Bettkante schon zu wort kommen bzw nimmst dir einiges von dem an, was er da erzaehlt. auch wenn er sich die zudringlichkeit rausnimmt, dir fast intim nah zu kommen (bettkante). ein symbolischer verweis auf die dringlichkeit bzw intensitaet des stilproblems und wie sehr es dich “plagt“?

        erinnert ja fast an Kafka: ein weisungsbefugter oder eine art von autoritaet, direkt am bett…wirklich sehr surreal. schoen auch das detail, dass er die tuer beim Gehen leise schließt…

        aber bei dir muessen wir uns stilistisch ja nun wirklich keine sorgen machen! und ich muss wirklich mal zu diesem Reiners recherchieren. nicht, dass dann auch der “Fluch“ ueber mich kommt…

        • Die „Dringlichkeit bzw. Intensität des Stilproblems“ wird mir klar, wenn ich ältere Texte redigiere. Da finde ich immer etwas, was mir nicht mehr gefällt.
          Reiners kann ich empfehlen, obwohl du ihn eigentlich auch nicht brauchst. Das Problem seiner Vorgehensweise: Er zeigt immer beides, guten Stil und das Gegenteil, wobei man aufpassen muss, denn manchmal parodiert er Stilfehler, ohne es anzukündigen. Die Fülle herausragender Beispiel aus gut zwei Jahrhunderten Literatur droht einen zu erschlagen. Ich habe einige Wochen gebraucht, das alles wieder so weit zu vergessen, dass ich meine Unbefangenheit zurückgewann. Insgesamt ist’s jedoch ein Gewinn, denn ich schaue mir meine Sätze noch genauer an, bevor ich sie veröffentliche.

  4. ich fände es sicher ganz nett (wobei die genaue Zeit durchaus eine Rolle spielt :>>)
    und vermutlich würde ich wohlig dabei einschlafen (nur eins ist wichtig er muß eine schöne Stimme haben und die auch benutzen können 🙂 )

    liebe Grüsse
    Karen

    (und wenn er genug geredet, möcht er bitte einen guten Kaffee kochen und ans Bett bringen…)

  5. Ein bißchen wie Fahradfahren: Über die nötige Balance denkt man ja schon bald nicht mehr nach, man fährt einfach. Das heißt aber nicht, daß man nicht doch umkippen kann, wenn man Kuststückchen versucht. 😉

    • Guter Vergleich. Mit 30 erst begann ich den Radsport, dachte, ich könnte Radfahren, musste aber bald einsehen, dass es noch viel zu lernen gab. So ist’s mit dem Schreiben oder dem Fotografieren auch. Fast jeder kann es, da ihm viele technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen, die schon das Wissen von Spezialisten enthalten, – die Rechtschreib- und Grammatikprüfung beim Schreiben oder die Automatik der Kamera. Wer mehr will als Allerweltsproduktionen, kommt allerdings nicht umhin, sich eigenes Spezialwissen anzueignen.

      • Stimmt. Und – um im Bild zu bleiben – es macht nichts aus, wenn man beim Üben umkippt, solange man nur nicht aufgibt, perfekt ist selten etwas. Außerdem haben kleine Fehler auch einen Unterhaltungswert (jedenfalls für die anderen). Heute las ich folgenden Satz in einem Kommentar: „Die Frau hat ja überhaupt kein Nivau!“ Au au – es kann ja aber auch ein bloßer Vertipper sein, der Kommentator meinte sicher Nivea.

  6. Wenn ich mal ein bisschen amateur-analytisch daherkommen darf, dann scheint mir die Rahmenhandlung der Geschichte ein klarer Hinweis auf Blog-Müdigkeit zu sein. Ist vielleicht aber auch bloß eine Projektion. 😉

    • Teils. Die Faszination des Bloggens hat gewiss mit den Kommentaren zu tun und überhaupt mit dem lebendigen Austausch auf der Plattform. Wenn es im Sommer sehr ruhig zugeht, verliere nicht nur ich die Lust.
      Hab mich allerdings aus eigenem Antrieb mit Stilfragen beschäftigt, und der Effekt ist im Text etwa beschrieben. Jetzt vergesse ich langsam, was ich gelesen habe, und hoffe, ich habe es verinnerlicht.

  7. Deswegen: immer Knarre unter dem Bett (nein, ich habe nicht gerade Tarantino rezipiert)!

    Schon der erste Satz trifft mich tief, „Stell dir vor, du würdest eines Morgens wach,…“ – werde ich ja nicht! Ich brauche bis Mittag – und denn ist der Tag vorbei; auch fürchte ich eher und viel mehr, eines Morgens zu erwachen und mich in einen Menschen verwandelt zu finden…

    Im Übrigen hätte ich nicht gedacht, dass es noch Steigerungsmöglichkeiten zum schulischem Grammatikahlschlag geben könnte: offensichtlich doch…

    • Der frühe Vogel fängt den Wurm. Ich kenne, was du beschreibst, aus den Anfängen meines Blogs. Da blieb ich oft wach bis tief in der Nacht, so dass sich die Wachphase gezeitengleich verschob. Heute zwinge ich mich zu einem vernünftigen Tagesrhythmus, und wenn ich nach acht Uhr noch im Bett liege, schelte ich mich, den Tag verbummelt zu haben. Der Geist ist am Morgen besonders frisch und kritisch. Der faule Nachmittagskopf kann kaum was, am Abend wird’s meistens launig, und was man in der Nacht schreibt, hat bei Tag selten Bestand.

      Was du befürchtest, tut in Wahrheit gar nicht weh. 😉

      Der reine Grammatikunterricht ist meistens disfunktional, taugt eigentlich nur etwas, wenn man mit der Grammatik einer Fremdsprache vergleichen will. Ein Muttersprachler hat ab dem 5. Lebensjahr etwa eine innere Grammatik gelernt, die es ihm theoretisch erlaubt, endlos viele grammatisch richtige Sätze zu bilden, ohne dass er eines der vielen Grammatikmodelle kennt.
      Wer schreibt, braucht schon eine rudimentäre Kenntnis eines Grammatikmodells, allein um die Satzzeichen richtig setzen zu können oder die Großschreibung zu beherrschen. Beides ist grammatischer Natur und kommt in der gesprochenen Sprache nicht vor. Darüberhinaus sind die Kenntnis der rhetorischen Mittel und der Stilistik in jedem Fall hilfreich, auch bei der Beurteilung oder Analyse fremder Texte.

      • Hihihi. War nicht ganz so ernst gemeint, egal; mir ist jedenfalls sogleich die Assoziation mit Gregor Samsa gekommen. – Also, der mit dem Kafka-Käfer: der hieß doch so, hieß er nicht?

        Über den Satz „
        Was du befürchtest, tut in Wahrheit gar nicht weh.
        “ sollte/könnte/müsste ich lange nachdenken: der scheint relevant, der scheint relevant…

        Stimmt! Ich habe immer „nach Gefühl“ geschrieben (beim Aufsatz und so), hätte aber die Regeln nicht benennen können, nach denen ich geschrieben habe.

        Ich glaube, was das menschliche Gehirn betrifft, stehen die ganz großen Knaller noch aus…

        Trotzdem („Das Weltall explodiert – warum noch Hausaufgaben machen?!“, Mr. Allen)) ein kreatiefsinniges Wochenende!

  8. Martin Luthers Stilkunde ist so kurz wie prägnant, und hat auch nach einem halben Jahrtausend nicht an Gültigkeit verloren:

    Tritt frisch auf!
    Tu’s Maul auf!
    Hör bald auf!

    Und Billy Wilders „Erstes Gebot“: „Du sollst nicht langweilen.“

    • Zweifellos gute Ratschläge, nicht nur für einen Redner. Beim Schreiben müssen frischer Auftritt und deutliche Aus- und Ansprache aber irgendwie in den Worten mitschwingen, und schon ist es hilfreich, etwas über guten Satzbau zu wissen.

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