Mein surrealer Alltag (4) – Bericht aus dem Vorgarten

Herrenhäuser Gärten

Mein Vorgarten ist eigentlich recht hübsch, nur nicht direkt vor meiner Haustür. Da fliegt schon mal Papier rum, und auch die gelben Säcke der Mülltrennung rund um die Straßenbäume stören ein bisschen. Das ist leicht zu erklären, denn weil mein Vorgarten so groß ist, brauchen die Männer von der Stadtreinigung elend lang, bis sie sich zu meiner Haustür durchgekämpft haben. Meistens sind sie dann schon ziemlich lustlos und räumen nur notdürftig auf. Es ist natürlich meine Schuld, denn warum muss ich auch so einen weitläufigen und verwinkelten Vorgarten haben. Die Männer der Stadtreinigung könnten freilich auch mit dem Aufräumen vor meiner Haustür beginnen, wenn sie noch frisch und munter sind und nicht ahnen, wie viel Arbeit sie erwartet. Aus mir unbekannten Gründen tun sie das aber nie, und ich wage nicht, sie zur Rede zu stellen. Am Ende sind sie beleidigt und kommen gar nicht mehr. Es gibt wohl auch Anweisungen von oben, wo sie beginnen müssen, wie sie sich vorzuarbeiten und wann sie an meiner Haustür anzulangen haben. Das betrifft vor allem die Männer mit den Besen. Ich habe gerüchteweise gehört, dass sie einige Bereiche meines Vorgartens öfter als andere auf Sauberkeit überprüfen und nötigenfalls fegen. Oben soll man bestimmte Gebiete bevorzugen, andere Ecken aber mit Missfallen betrachten, und daher dirigiert man die Männer mit Besen weiträumig um diese missliebigen Ecken herum.

Da fällt mir
ein, ich wollte eigentlich etwas anderes erzählen. Das trug sich links meiner Haustür zu, wo ich einen Spielplatz habe. Nein, ich spiele dort nicht, sondern schaue nur gern hinüber, wenn ich Lust habe, hinterm Fenster zu stehen. Es geschehen da mysteriöse Dinge.

Mich wundert zum Beispiel, dass sich nur selten Kinder dort aufhalten. Vielleicht sind sie aber von weit hergekommen, haben lange Wege durch meinen Vorgarten auf sich genommen, und wenn sie dann endlich auf dem Spielplatz eintreffen, sind sie bereits Jugendliche. Darum ist auch keine Schule für sie zuständig. Weil sie so lange weggeblieben sind, hat man sie längst aus den Annalen gestrichen. War der Weg der Kinder besonders mühsam, kommen sie noch später am Spielplatz an und sinken als fußlahme Erwachsene auf die Bänke. Da sitzen sie, stemmen die Füße in den Boden und beobachten die Grasnarbe. Am liebsten möchten sie gar nicht mehr aufstehen, nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Der Weg war einfach zu beschwerlich.

An einem sonnigen
Morgen mit hübschem Licht und Schatten auf dem Spielplatz trete ich ans Fenster und sehe mitten auf dem Rasen zwei Männer. Sie umstehen den Einkaufswagen eines Discounters. Der enthält etwa 20 blauweiße, sauber gestapelte Getränkepackungen. Die Männer begucken sie von allen Seiten, dann teilen sie vier Einkaufstüten unter sich auf. Der das Sagen hat, beugt sich in den Wagen und packt die Getränkepackungen bedachtsam in seine Einkaufstüte. Dann packt er die Tüte wieder aus. Jetzt beginnt die gerechte Aufteilung. Abwechselnd ergreifen sie je eine Tetrapackung und schichten sie nach und nach in die Tüten. Der das Sagen hat, nimmt je eine Tüte in die Hand, stellt sich aufrecht hin und macht einen Tragetest. Er befindet offenbar, dass die Sache so zu machen ist, worauf auch der andere hurtig die Tragebügel seiner Tüten greift und sich ebenfalls aufrichtet. Dann verlassen sie im Gänsemarsch den Spielplatz.

Was ist da geschehen? Ist der Einkaufswagen nebst Inhalt just vom Himmel gefallen? Das soll es geben, glauben jedenfalls die Anhänger des Cargo-Kults. Die schnitzen sich aber Kopfhörer aus Holz und funken damit Flugzeuge an, damit sie die himmlischen Güter abwerfen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, an was die Leute glauben, die in den hinteren, finsteren Winkeln des Vorgartens hausen. Falls sie auch dem Cargo-Kult anhängen, dann sind sie schon moderner als ihre Vorgänger in Melanesien. Sie haben keine hölzernen Kopfhörer, sondern funken die himmlischen Mächte mit Satellitenschüsseln an. Und tatsächlich schicken die Cargo-Götter diesen Leuten die Bilder aller nur denkbaren Kostbarkeiten, wenn sie nicht sogar volle Einkaufswagen auf Spielplätze werfen.

Der Abend
kommt, es wird Nacht und wieder Morgen, und wie ich aus dem Fenster schaue, streckt der entleerte Einkaufswagen die Räder in den Himmel. Später am Morgen fährt ein Arbeiter mit einem Rasenmäher über die Wiese. Der Einkaufswagen ist weg, vielleicht untergepflügt? Nein, nach dem Mähen steht der Wagen an der alten Stelle, richtig herum. Es muss nämlich alles seine Ordnung haben in meinem Vorgarten, schon wegen der Verletzungsgefahr durch torkelnde Räder. Zum Glück haben die Cargo-Götter, die über den Vorgarten befehlen, die Entsorgung von Einkaufswagen auf wunderliche Weise privatisiert. Die Gebühr dafür steckt in einem Schlitz am Griff, und wer immer auch will, kann an sie ran. Er muss den Wagen nur zum passenden Supermarkt schieben. Flaschen werden übrigens auch privat entsorgt. So entlastet man die Männer von der Stadtreinigung und Abfallbeseitigung. Sie werden ja anderswo gebraucht.

Cargo-Kult

Fotos und Gif-Grafik: Trithemius

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