Über bodenlosen Grimm und ethisches Verhalten

In mir wütet ein schrecklicher Grell. Ich könnte platzen, kann meine Arbeit nicht tun, weiß nicht wohin mit mir und muss raus. Ich laufe die Straßen runter und hab nur das eine im Kopf, den Grell, den Grell den Grell. Im Stadtzentrum der Auftrieb des sonntäglichen Müßiggangs. Der lind gelangweilte Stadtbummel zu zweit oder in kleinen Gruppen.

Bei St. Folian liegt die alte Berberin vor der Tür. Seit mindestens einem Jahr ist sie da, bei Schnee, Hagel, Regen oder Sonnenschein. Sie muss sich längst wund gesessen haben, darum sinkt sie in ihren dicken Lumpen von Monat zu Monat mehr zur Seite. Ungezählte Müßiggänger im Sonntagsstaat laufen vorbei, ohne sich um die Alte zu kümmern. Ein junger Mann aber hat sich gerade neben sie gehockt und redet mit ihr. Ich gehe hoch zum Markt und setze mich auf eine steinerne Bank. Da sitze ich, gucke und in mir wütet und wütet der Groll.

Vorgestern hat mir die Ärztin ein homöopathisches Mittel verpasst. Hochpotenziert, und die Erstverschlimmerung haut mich fast um. Dass die Homöopathie wissenschaftlich nicht beweisbar ist,- scheiß drauf. Ich kann diese Selbstbeobachtung schildern, und ist nur ein Fitzel davon in meinen Worten, dann ahnst du, wie es um mich bestellt ist. Und noch etwas ist mir egal: Wie es sich mit meinem Weltbild vereinen lässt, dass just in meine Erstverschlechterung hinein mir gestern in der zweiten Tageshälfte zwei herbe, wirklich herbe Dinge passiert sind. Als wollte das Schicksal mir gerade jetzt so richtig eine reinhauen, damit die Erstverschlimmerung auch ordentlich weh tut. Weil ich nicht an Schicksalsfügungen glaube, staune ich umso mehr über dieses Zusammentreffen.

Obwohl ich den Putz von den Wänden kratzen könnte, das wird dich jetzt wundern, will ich über ethisches Verhalten schreiben. Das Nachdenken darüber hat heute Nachmittag verhindert, dass ich platze.

Ethisches Verhalten ist nützliches Verhalten, das muss ich nicht erklären. Leider, und das weißt du auch, ist unsere Welt nicht ethisch organisiert.

Dass unsere Gesellschaften nicht ethisch organisiert sind, entlastet den Einzelnen trotzdem nicht von der Frage, ob sein eigenes Verhalten denn wenigstens ethisch ist. Ist es zum Bespiel ethisches Verhalten, eislutschend an der wundgesessen Alten vorbeizubummeln? Muss man ihr nicht, wenn schon kein Mitgefühl und keine Achtung, wenigstens etwas Geld zukommen lassen? Jetzt kannst du einwenden, dass jede Gabe an einen Bettler sich insgesamt eher nachteilig auf die Population der Bettler auswirkt. Da wo viel gegeben wird, tauchen auch immer mehr Bettler auf, so dass man meinen könnte, milde Gaben rufen das Bettlerwesen erst hervor. Vielleicht ist es deshalb ethischer, den Bettler, den Stadtstreicher, den Elenden nicht zu beachten.

Ein Elender taucht im Gewusel auf, schiebt sein klappriges Fahrrad seitlich an meine Bank, klappt den Deckel des Mülleimers hoch und durchwühlt den Abfall nach Flaschen. Er findet auch tatsächlich eine Petflasche, mustert das Etikett und stellt enttäuscht fest, dass es kein Pfand für sie gibt. Als er schon wieder auf seinem Fahrrad sitzt, sage ich: „Warten Sie einmal!“ und krame einen Euro aus dem Portmonee. Er ist ganz überrascht, und wie mein Euro in seiner Handfläche liegt, lächelt er, bedankt sich froh und wünscht mir einen schönen Tag.

Für einen Augenblick durchzog mich eine warme Welle. Mein Grell, mein Missmut, mein Hader hielten für diesen Moment die Luft an.

Darum ist ethisches Verhalten nützlich.
Es haben immer beide Seiten etwas davon.

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