Wie ich heute den Lauf der Weltgeschichte verändert habe

Es gibt Tiere, um die machen die meisten Menschen einen Bogen. Man kann es metaphorisch oder konkret tun. Heute fuhr ich mit dem Rad über die Vennbahntrasse gen Süden. Ich fuhr gemächlich, denn es war schwül, ich hatte einen Termin und wollte nicht verschwitzt dort eintreffen. Plötzlich war da eine Kellerassel vor meinem Vorderreifen. Ich sah sie spät, und meine Entscheidung, sie nicht zu überrollen, kam noch später. So wurde der konkrete Bogen, den ich um die Kellerassel machte, ziemlich groß. Da bremste es hinter mir. Eine Frau war just im Begriff gewesen, mich zu überholen.

„Entschuldigen Sie“, sage ich, „da war ein Tier, das ich nicht überfahren wollte.“
„Macht nichts, ich hatte ja auch nicht geklingelt“, sagt sie. Und im Weiterfahren rief sie: „Tierschutz ist gut! War sicher ne Schnecke!“
„Nein, ich glaube, es war eine Kellerassel!“
„Auch gut!“

Du kannst jetzt sagen, was soll’s? Ob eine der unzähligen Kellerasseln mehr oder weniger auf der Erde herumzockelt, ist doch wirklich egal. Da muss ich dich aber an den fernen Donner erinnern. In tiefer Vergangenheit vom Flügelschlag eines Schmetterlings ausgelöst, kann er in unserer Gegenwart noch nachhallen. Jede Veränderung in der Welt bestimmt auf irgendeine Weise die Form der Zukunft. Was da im Einzelnen wichtig ist oder nicht, lässt sich erst im Nachhinein beurteilen. Eine Winzigkeit kann den Lauf der Welt verändern. Hätte ich zum Beispiel einen Wimperschlag später zu dem Bogen um die Kellerassel angesetzt, wäre die Frau mit mir kollidiert, wäre vielleicht zu Boden gegangen, ich hätte ihr aufgeholfen, mich in sie verliebt und einen Nobelpreisträger mit ihr gezeugt. Das ist nicht wahrscheinlich, doch auszuschließen ist es nicht, denn wir wissen ja nicht, welche prächtigen Gene die Frau hat.

Ein anderer Einwand gegen das Überleben der Kellerassel könnte sein, dass ja niemand sagen kann, ob ihr Überleben besser, unerheblich oder schlechter für den Lauf der Weltgeschichte ist.

Es gab jedoch keinen Grund, die Kellerassel zu überfahren. Gleichgültigkeit, Ekel oder Mordlust sind jedenfalls für mich keine überzeugenden Gründe. Denn eigentlich muss in diesem Fall gelten, dass ich nichts kaputtmachen soll, wenn es nicht nötig ist. Man weiß ja nicht, was für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte besser oder schlechter ist. Und warum soll man aus Gleichgültigkeit oder Ekel an einer Welt herumpfuschen, die einem nicht gehört?

Wie sich die Welt nach dem Überleben der Kellerassel jetzt entwickeln wird? Da müssen wir leider abwarten. Hoffentlich geht’s in die richtige Richtung. Es wäre aber nicht schlecht, sich auch drum zu bemühen und nicht alles der Kellerassel zu überlassen.

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Wie ich heute den Lauf der Weltgeschichte verändert habe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.