Nachtschwärmer Online – Über Wohlklang und Lärm

Fünf Kurzetappen

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Da irgendwo in den kurdischen Bergen soll es ein Dorf geben, dessen Bewohner eine Pfeifsprache benutzen. Ihr Dorf ist durch eine Schlucht in der Mitte durchtrennt, und durch die Felsenenge braust ein Gebirgsfluss. Nur ein Pfiff kann sein Rauschen übertönen.

Es ist etwas Gnadenloses in so einem stetigen Rauschen, findest du nicht. Stell dir vor, eine Frau mit Migräne will nur noch eines, und das ist Stille. Die findet sie nicht, wenn sie in einem der Häuser an der Rur wohnt. Das Rauschen dringt auch durch die Fenster.

Weiter südlich im Ort steht das Rote Haus. Es ist ein Prachtbau, den eine reiche Tuchhändlerfamilie sich errichten ließ. Die Rur ist in jedem der Zimmer zu hören, und in den Zimmern zum Fluss hin, nervte sie richtig. Da fragte ich mich, warum der Tuchhändler keinen stilleren Ort gewählt hatte.

Komm, meine Liebe, lass uns die Brücke über die Rur nehmen und drüben am Markt ins Café gehen. Ich kann dich doch nicht jeden Abend durch Dunkelheit und Kälte schleppen. Wir lassen uns heute einfach mal bedienen. Und außerdem kann ich dich dann endlich einmal ohne diese Winterjacke sehen. Obwohl du auch in ihr gut aussiehst, wie du überhaupt vermutlich auch einen Sack tragen …

Charmeur? Das wüsste ich aber. Es ist ein nüchternes Urteil.

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Sagt dir das Café im Fachwerkhaus zu? Eine große Auswahl haben wir nicht. Hier sind ja schon die Bürgersteige hochgeklappt, weil die Touristen ausbleiben.
Die Kellnerin steht am Fenster. Das ist kein gutes Zeichen.
Pass auf, diese Monschauerinnen sind hartmaulig. Die ich bisher erlebt habe, konnten eine Distel quer fressen. Harte Lebensbedingungen, harte Menschen. Falls wir die einzigen Gäste sind, hängt bei der Kellnerin erst recht die Laune im Keller.

Ich sag dann mal besonders freundlich Guten Abend, damit sie uns nicht zum Teufel wünscht.

Wo willst du sitzen? Am Fenster? Nicht weit dahinter ist die Rur. Dann also lieber zur Straße hin. Schau mal, wie die Schieferplatten an den Häusern im Regen glänzen.

Ich glaube, die Kellnerin ist nicht von hier, dann werden wir auch anständig bedient. Die Tischdecke ist garantiert auch nicht von hier. Doch früher hat man an der Rur feine Tuche gemacht. Das Wasser der Rur ist sehr weich, hier oben ist es gut für Tuche, weiter flussabwärts bei Düren macht man an der Rur gutes Papier. Die Tuchfabrikation ist ganz
verschwunden, und die Papiermühlen schränken ihre Produktion ein.

Ich habe einmal mit Managern einer Papiermühle gesprochen. Man hat früher mit Rurwasser Transparentpapiere gemacht. Du weißt schon, dieses Skizzenpapier für Künstler, Architekten und Ingenieure.

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Jedenfalls sagten sie, der Bedarf für Transparentpapiere sei rapide zurückgegangen. Denn die Grafiker-Designer, Architekten und Ingenieure zeichnen nicht mehr.
Das hatte ich mir vorher gar nicht klar gemacht. Du?

Dabei hat mir einmal der Chef einer Werbeagentur gesagt: „Sie finden hier bei uns im Haus keinen einzigen Bleistift mehr.“

Ich weiß nicht, ob er wirklich froh darüber war. Doch man kann sich als Unternehmer nicht aus nostalgischen Gründen dem technischen Fortschritt verweigern. Und die logische Folge: Keine Bleistifte – kein Transparentpapier. Das sind nur zwei Dinge, die voneinander abhängen. Ich glaube, man könnte noch längere Ketten finden, meinst du nicht?

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Du bekommst übrigens langsam Farbe, meine Liebe. Es ist wirklich schön, dich einmal im Warmen und bei Licht zu sehen. Und wie du die Tasse in beiden Händen hast, um dich zu wärmen, …

Hör mal, ein Freund von mir schwärmt davon, wie sein Kunstlehrer Richard Sose die Tasse gehalten habe. In diesem Halten der Tasse sei mehr Weisheit gewesen als in allen Philosophien.

Thema Kunst, wenn ich mir vorher eine Zigarette drehen darf. O.K.?

Du kennst doch diese fahrenden Gesellen in schwarzen Kordanzügen mit ausgestellten Hosenbeinen, Ohrring und Knotenstock. Es sind Zimmerleute, sie fahren noch. Daher kommt übrigens das Wort „Gefahr“. Fahren ist das alte Wort für Reisen. Und wer reiste, war einst in Gefahr. Denn, du kannst dir denken, es war saugefährlich. Wenn man einen bei sich hatte, dann war das der Gefährte. So wie wir uns Gefährten sind. Allerdings besteht jetzt nur geringe Gefahr, –
solange ich nicht die Tischdecke ankokele.

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Jedenfalls waren unter den diesjährigen Diplomanden der Aachener Fachhochschule für Grafik und Design zwei fahrende Gesellen. Sie waren als zeichnende Grafiker durchs Land gereist, hatten sich in Werbeagenturen verdingt und ein Skizzentagebuch geführt. Natürlich hat man sie überall wie Exoten behandelt und in den Lokalzeitungen über sie berichtet.

Diese Diplomarbeit ist doch ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass auch das Handwerk des Zeichnens verschwindet, findest du nicht?

Außer dieser Arbeit gab es nur noch zwei weitere grafische Diplomarbeiten. Ihr Professor sagte, „das werden wohl auch die letzten gewesen sein.“

Ach ja, wir sitzen gemütlich im Café, draußen regnet es, die Rur rauscht …

Warum glaubst du, meine Liebe, hat der Tuchhändler sein Rotes Haus an die Rur bauen lassen? Ich meine, es ist ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber dem Fluss, der ihm Reichtum brachte. Denn das Rauschen der Rur, dem armen Färber Lärm, Nässe und Qual, das muss doch dem reichen Tuchhändler Musik in den Ohren gewesen sein.

Du hast so geduldig zugehört. Und ich ahne, du bist jetzt angenehm schlafwarm. Du kannst von hier gleich hinüber in dein Bett gleiten. Es steht ja nur die Ecke rum.

Gute Nacht, meine Liebe

Lobe am Abend den Tag
(Spruchweisheit aus der Edda)

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