NACHTSCHWÄRMER ONLINE

Jüngling der Schwarzen Kunst
„Rutsch mal ein Cicero zur Seite“

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Noch hast du im Ohr, wie über die Weiten der einsamen Hügel und Felder hinweg, die Nachricht heraufschallt, dem Kutschgast ans Ohr. Du hörst, wie der heranbrandende Ruf der Postenkette das Murmeln der Kutschräder übertönt …

„Wie weit bist du?“, fragt der Geselle.
„Ach, ich bin bald fertig, nur noch fünf Zeilen im Manuskript!“
„Noch fünf Zeilen? Dann verstehe ich nicht, warum du dastehst und träumst, Jüngling! Mach zu, ich brauche die 10 Punkt Helvetica!“

Jetzt musst du dich beeilen, ihr seid in der Setzereigasse ein Arschgespann. Du darfst ihn nicht in seiner Arbeit behindern. Er braucht den Kasten. Viele Buchstaben liegen nicht mehr in den Fächern, denn du hast einen längeren Text gesetzt. Das war „Süßkraut“, wie die Setzer sagen, ein Text, der sich leicht setzen ließ. Dein Geselle jedoch wird fluchen, denn das Fach des kleinen „e“ ist so gut wie leer.

Du kannst schnell setzen, wenn du willst, und das versuchst du jetzt. Dein Blick muss die Letter schon vor dem Greifen erfassen, dann weißt du, wie du sie drehen wirst, um sie mit der Signatur nach vorn in den Winkelhaken in deiner Linken zu stellen. Den Winkelhaken hast du auf das Maß 20 Cicero eingestellt. Bist du beim Setzen am Ende der Zeile, musst du bei den Wortzwischenräumen ausgleichen. Du holst drei von ihnen heraus und ersetzt sie durch dünnere Spatien. Jetzt passt auch der letzte Buchstabe in die Zeile. Er geht sauber hinein, doch er sitzt fest. So musst du alle Zeilen ausgleichen, damit beim Drucken kein Buchstabe „spießt“.

Jetzt hebst du die letzten drei Zeilen aus dem Winkelhaken auf das Setzschiff. Eine Reglette zum Abschluss, und der Satz ist fertig. Ausbinden musst du ihn, damit man ihn transportieren kann. Dazu brauchst du eine der roten Kolumnenschnüre. Du magst sie gern, besonders wenn sie noch neu sind. Diese Schnur ist eigentlich ein dünner Schlauch aus festem Gewebe. Denn sie muss einiges an Zug und Gewicht aushalten. Ausbinden ist eine feine Arbeit, denn man weiß, danach folgt der eigentliche Höhepunkt.

Zuerst jedoch legst du die Schnur an die rechte freie Ecke deiner Satzform und windest die Kolumnenschnur mindestens fünfmal um die Satzform herum. Kommst du am Anfang der Schnur vorbei, ziehst du sie stramm und justierst sie mit einem Finger. Du wickelst saubere Lagen, denn du bist in diesen Dingen ein Perfektionist.

Mist, wo ist jetzt die Pinzette? Du musst doch das Schnur-Ende mit der Pinzette unter die Lagen schieben, damit die Schnur hält, was sie halten soll.
Lass bloß die Finger von der Ahle, denn sie ist zu nichts richtig gut!

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Man kann mit ihr übel herumschustern
, was nicht verwundert, denn eigentlich ist sie sowieso ein Schusterwerkzeug. An vielen Stellen im Setzereisaal findest du Ich-war-hier-Marken, mit der Ahle in die Holzteile geritzt.

Die Ahle fliegt auch gut und wird von manchen Setzern geschickt geworfen, zum Beispiel bei Zielübungen auf die schrägen Holztische, die auf zwei Rädern über den metallbeschlagenen Setztischen hin und hergefahren werden können und auf denen normalerweise die gerade benötigten Setzkästen aufgestellt werden.

Spuren finden sich auch im Ausschlussmaterial. Wenn nämlich in einer druckfertig geschlossenen Form noch ein Spatium, Geviert oder Quadrat ausgetauscht werden muss, so erleichtern sich die ungeschickten Drucker und auch faule Setzer das kniffelige Geschäft des Herausziehens, indem sie von oben mit der Ahle hineinstechen.

Derart behandeltes Bleimaterial ist kaum noch zu gebrauchen, denn am Einstich wulstet sich das Metall, wodurch die gleichmäßige Form verloren geht. Es gibt noch einen übleren Ahlentrick: Die Satzformen werden zum Drucken in eiserne Rahmen geschlossen. Durch mehrere Schließelemente wird der Satz dabei fest zusammengepresst. Es kommt gelegentlich vor, dass in einer solchen Form eine Zeile locker ist. Entweder hat der Setzer nicht sorgfältig ausgeschlossen, oder es wurde nachträglich etwas ausgetauscht, so dass Buchstaben, Linien oder Ausschlussmaterial ein wenig Spiel haben. Diese Teile „spießen“ beim Drucken. Das heißt, durch den Zug der Farbwalzen rutschen sie nach oben, brechen ab und verunstalten das Druckbild. Deshalb prüft der Drucker nach dem Schließen der Form, ob auch alle Teile festsitzen. Spießt ein Teil, ruft er den Setzer, der den Schaden beheben soll. Wem das zu lange dauert, der sticht einfach mit der Ahle in die Umgebung des Spießes. Die dadurch entstehenden Metallgrate geben dem spießenden Teil neuen Halt.

Auch die Setzkästen tragen in den breiten Holzstegen Einstichspuren. Wo nämlich ein Manuskripthalter, das Tenakel, fehlt, spießt der Setzer sein Manuskript mit der Ahle auf den Setzkasten, meist links in der Mitte, dort wo die in Deutschland selten benutzten Akzentbuchstaben liegen. (Wann etwa muss du als Setzer z.B. nach dem Akzent Dächelchen greifen? So gut wie nie.)

Der eigentliche Zweck der Ahle ist die Hilfe beim Ausbinden eines fertigen Satzes, doch dafür nimmst du lieber die Pinzette. Du findest sie in der rechten Tasche deines grauen Kittels.

Du bist fertig. Es folgt der Höhepunkt, auf den du dich die ganze Zeit schon freust!

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Du trägst den Satz
auf dem Setzschiff zur Abzugspresse. In eurer Gasse ist es eine einfache „Nudel“. Mit leichtem Schwung schiebst du deine Form auf den Drucktisch der Presse. Dann holt du aus einer Schublade die Farbwalze. Streich sie einmal gut aus auf dem Metall darunter. Gib lieber noch etwas schwarze Druckfarbe hinzu. Achte darauf, dass das Walzgummi gleichmäßig zischt, dann kannst du deine Satzform damit einwalzen. Nur die erhabenen Lettern erhalten Farbe auf ihr Gesicht.

Dann nimmst du einen sauberen Bogen Papier, legst ihn vorsichtig auf den Satz und ziehst rasch die Nudelwalze darüber.

Du siehst, der Bogen klebt jetzt auf der Form. Zieh ihn vorsichtig ab, doch nicht zu zögerlich! Der Augenblick ist gekommen. Endlich siehst du die Frucht deiner Arbeit. Denn beim Setzen siehst du sie ja nur in Spiegelschrift. Die Zeilen stehen deshalb auf dem Kopf, damit man in Schriftrichtung von links nach rechts setzen kann. Das Grau der Lettern und das Grau des Blindmaterials ist vor deinen Augen ein Einerlei. Doch jetzt hast du den fertigen Druck richtig herum und Schwarz auf Weiß in deiner Hand!

Du hast einen Theaterprospekt gesetzt, ein Faltblatt nur, doch voller Zauber. Sie geben Stücke von Slawomir Mrozcek, einem Polen, der satirisch-groteske Stücke schrieb. Und die Geschichte von der menschlichen Postenkette in Anklang an die optische Telegrafie hat dich mitgerissen in die Weiten des kommunistischen Polens.

Von den Zusammenhängen weißt du noch nichts, während du froh und doch kritisch den Korrekturabzug betrachtest. Woher sollst du es auch wissen? Du bist ja noch kein Geselle und erst recht kein Meister.
Du bist der Jüngling der Schwarzen Kunst.

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Wenn’s doch eine Jungfrau wäre, denkst du, während du den Abzug ans Manuskript heftest und ihn zum Korrektor trägst. Er ist ein gestrenger Mann, mit dem Duden verheiratet. Eine Jungfrau hat er dir noch nie gegönnt. Bisher hat er noch immer Fehler in deinem Satz gefunden. Doch er hat dich getröstet.
„Deshalb heißt ein fehlerloser Erstabzug ja auch Jungfrau. Weil er so selten wie eine Jungfrau ist!“
Du hast es nicht recht verstanden, denn du bist noch zu jung.

…

In der Setzerei messt ihr mit Linealen aus Messing, zu denen ihr „Typometer“ sagt. Euer Rechenmaß ist ein 12er-System. Die kleinste Einheit ist der Punkt, 12 Punkt sind ein Cicero, 4 Cicero bilden eine Konkordanz.

Anfangs stehst du Jüngling der Schwarzen Kunst oft im Weg herum. Du sollst lernen, da musst du doch zugucken.
„Rutsch mal ein Cicero zur Seite!“, sagt dein Geselle gutmütig.

Aber wieviel in Gottes Namen ist das?
„Ein Cicero hat 12 Punkt, 2660 Punkt gehen auf einen Meter! Also, rechne!“
Herrje, wer soll davon eine Vorstellung gewinnen?
Einmal um die Erde gerannt und man hätte 1.415.554.147 Cicero zurückgelegt.

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Gleich hast du Feierabend. Der Tag war dir manchmal lang, doch du hast etwas geleistet. Du warst mit Herz, Hand und Verstand bei der Sache, und jetzt bist du redlich müde.

Rutsch mal ein paarhundert Cicero auf dein Bett zu!

Gute Nacht, meine Lieben!

Lobe am Abend den Tag

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