Der achte Tag

Ich habe eine Zeitmaschine. Sie funktioniert leider nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft. Angenommen, ich steige Dienstagabend hinein, und wenn ich wieder aussteige, ist zuverlässig Mittwochmorgen. So gings heute. Obwohl meine Zeitmaschine über keinerlei technische Finessen verfügt, arbeitet sie sehr zuverlässig, lässt mich immerzu von einem Tag auf den anderen reisen. Früher habe ich mir schon mal vorgestellt, sie würde mich versehentlich zu einem Tag zwischen den Tagen bringen, etwa zu einem, der zwischen Mittwoch und Donnerstag liegt. Das aber ist nie geschehen.

Vermutlich liegt es daran, dass ich keinen Namen für einen solchen Tag habe, denn die Welt wie wir sie kennen, konstituiert sich wesentlich über die Namen für die Erscheinungen. Ein Ding, ein Sachverhalt oder eine Idee existieren nicht, wenn wir keine Bezeichnung dafür haben.

Drei Gedanken noch – a, b, c, d und e:
a) Obwohl die Zeitmaschine nur in Richtung Zukunft funktioniert, versucht sie doch auch immer wieder, mich in die Vergangenheit zu bringen, aber präsentiert mir nur ein furchtbares Durcheinander, so dass ich meine Vergangenheit kaum wiedererkenne. Ich glaube jedenfalls nicht, dass meine Tage so chaotisch verlaufen sind. Vielleicht ist die Idee meiner nach gängigen Ordnungsprinzipien strukturierten Vergangenheit aber nur eine nachträgliche Interpretation.

b) Schon oft habe ich mich gefragt, warum ich nach der Zeitreise zum folgenden Morgen immer noch derselbe bin. Ich könnte doch ein Seehund sein und einen bunten Ball auf der Schnauze balancieren. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

c) Die Welt, in die ich von Tag zu Tag reise, ist enorm fest, scheint ununterbrochen nach den gleichen Gesetzen zu funktionieren. Nur wenn ich nicht bei der Sache bin, wackelt meine Welt. Gestern trug ich beispielsweise in der linken Hand einen Teller, in der rechten eine halbvolle Tasse mit abgestandenem Kaffee in die Küche, stellte den Teller in die Spüle und goss den Kaffee auf den Tisch. Derweil es auf den Boden tropfte, fiel mir erst ein, dass es in dieser Welt nicht üblich ist, abgestandenen Kaffee auf den Tisch zu gießen.

d) Gemeinhin wird angenommen, dass Kleinkinder eine magische Vorstellung von der Welt haben. Die legen sie im Alter von fünf bis sechs Jahren ab. In dieser Zeit ist auch die sprachliche Entwicklung abgeschlossen, haben sie ihre innere Grammatik entwickelt, die sich kennzeichnet durch die Fähigkeit, theoretisch endlos viele grammatisch richtige Sätze hervorzubringen.

e) Wenn sich unsere Idee von der Wirklichkeit wesentlich durch Sprache konstituiert, hängt die Festigkeit der Wirklichkeitsvorstellung vermutlich davon ab, wie tief sich die innere Grammatik auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Dann käme es nicht allein auf die Namen und Bezeichnungen an, wie sie ein Wörterbuch bereitstellt, sondern auf die Kenntnis der Verhältnisbeziehungen, wie sie in der Grammatik verankert ist.

100-RentnerBalthasar Gracián schreibt in seinem Handorakel – Kunst der Weltklugheit, man solle seinen Kardinalfehler erkennen und abstellen. Alle anderen Fehler würden dann in einer Kettenreaktion kippen wie Dominosteine. Vielleicht reicht es, einen achten Tag zu benennen, um ihn bereisen zu können, und wir finden eine Welt vor, in der alles anders als in der bekannten Welt ist.

Das Wort Rentner ist übringens ein Palindrom. Wir erkennen das nur nicht auf Anhieb, weil wir die Vorstellung haben, Substantive würden vorne groß

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