Müßiges aus dem Stadtpark Hannover

Hannovers Stadthalle liegt passender Weise in Hannovers Stadtpark. Der wiederum liegt im noblen Zooviertel mit herrschaftlichen Häusern, deren Bewohner den Stadtpark verschmähen, weil sie vor ihren Terrassen eigenes Grün und eigene Gärtner haben. Öffentliche Parks sind doch eigentlich dazu gut, dass auch der Hinterhofbewohner mit seinen bleichen Kellerkindern einen Schritt in die Natur machen kann, zwischen Blumenrabatten spazieren, Springbrunnen bestaunen, auf weißlackierten Bänken ausruhen, und so dem grauen Alltag für eine Weile enthoben wird. Insofern liegt der Stadtpark Hannover völlig falsch.

Ich wohne ja in der ehemaligen Arbeiter- und Industriestadt Linden, die erst 1920 nach Hannover eingemeindet wurde. Noch nie habe ich einen Lindener vom Stadtpark reden hören und konnte auch niemanden dazu bewegen, mich zu begleiten. Am Sonntagnachmittag fuhr ich zum hannöverschen Stadtpark, denn die Stadthalle wurde 100 Jahre alt und man konnte sie besichtigen. Deshalb war der Stadtpark erstaunlich belebt.

Das schöne Wort lustwandeln gilt als veraltet. Ich sah im Stadtpark aber eine Gruppe in barocker Garderobe lustwandeln, sah den schönen Knaben, der was Geheimnisvolles in einer roten Schachtel umher trug. Mir gefiel auch sehr das artige Kind und der Herr mit der schwarzen Perücke. Er setzte den Fuß wie ein echter Philosoph. So ungefähr stelle ich mir Leibniz vor, wie er beim Lustwandeln die Infinitesimalrechnung erklärt oder alle mit seiner Monadentheorie nervt. Ach, und die Dame hat für mich sogar die randlose Brille abgenommen hat. „Warten Sie, dann nehme ich die Brille für Sie ab. Das ist netter.“ Doch ich nahm das andere Foto. Denn nett, mit Verlaub, gnädige Frau, ist im 21. Jahrhundert der kleine Bruder von scheiße.

Gruppe mit historischen Kostümen, Barock
Leibniz hinter Gefolge, im Jahr 2014 fotografiert von Trithemius (Größer: Klicken )

Lustwandeln ist nicht spazieren. Aber spazieren ist auch veraltet, etwas für alte Leute, genau wie sonntags durch den Stadtpark zu spazieren. Tatsächlich haben manche den Sonntagsstaat angelegt, zumindest aber ihre beste Freizeitkleidung an. „Die Hose habe ich schon ewig“, sagt eine ältere Frau zur anderen und zupft ein bisschen am Kniff ihrer blauen Faltenhose, soweit die prallen Schenkel ihrer kurzen Beine das zulassen. „Ewig“ wird eine Übertreibung sein. Aber vielleicht sind viele der Damenhosen, die hier heute ausgeführt werden, noch von Zwangsarbeiterinnen der DDR für Neckermann oder den Quelle-Versand geschneidert worden. Man zieht so eine Hose ja nicht jeden Tag vom Bügel, höchstens bei besonderen Anlässen, also vielleicht viermal im Jahr. Darum hält sie „ewig“ – mindestens aber bis zum Ende aller Zeiten. Die hier umherwandelnde Generation ist vielleicht die letzte, die beim Weltuntergang die guten Sachen anhätte, vorausgesetzt, die Damen hängen die Kniffhosen nicht doch noch in den Kleiderschrank zurück. „Ach, ist ja nur Weltuntergang!“

Die Männer tragen
die obligatorische ärmellose Weste in beige. Die passt prima, um vor den apokalyptischen Reitern zu fliehen. Da sind einige Taschen aufgesetzt, falls jemand noch rasch ein paar Stinkbomben werfen oder sein schwarzes Essbesteck immer mitführen will. Von wegen: Das letzte Hemd hat keine Taschen – Die letzte Weste hat mindestens vier. Sogar Josef Beuys hat im Alter so eine Weste getragen. Er ist dann auch bald gestorben. Erstaunlich finde ich, wie viele Senioren zur ärmellosen Weste eine Schirmkappe tragen, freilich nicht verkehrt herum wie die Skater. Das wäre dann doch zu gewagt. Fällt einer vom Trompetenschall der Racheengel um, und die eifrigen Sanitäter drehen ihm zuerst den Kopf richtig herum. Dann muss er beim Spazieren ewig auf seinen Hintern gucken.

Wie sie alle über die gezirkelten Wege spazieren, tragen sie die Langeweile, die Ödnis ihrer Herzen zwischen die gepflegten Blumenrabatten. Oder ist es genau anders herum? Zieht die Ödnis der Stadtparkgestaltung in ihre Herzen hinein? Auf jeden Fall ist alles kongruent. Man darf hier nichts machen, nur spazieren und sitzen.

Denn alle haben frei. Niemand muss noch arbeiten. Doch! Von ferne weht Musik heran. Die Musiker, die da ein Platzkonzert geben, müssen arbeiten. Wieso eigentlich Platzkonzert? Man hat doch versäumt, es platzen zu lassen. Der Glenn- Miller-Sound mag ja zu Zeiten meiner Oma aufregend gewesen sein, aber wenn Hobbymusikanten des 21. Jahrhunderts den runterspielen, wünsche ich mir, die apokalyptischen Reiter würden reinfahren wie die Berserker und ihnen die matschig geblasenen Töne in den Hals zurückstopfen, bis sie platzen. Das wäre ein Platzkonzert nach meinem Geschmack. Muss Lebensabend so entsetzlich langweilig sein? Darf man ihn mit dieser Musik verhöhnen? Die alten Paare haben sich nichts mehr zu sagen, und wenn zwei Witwen zusammen spazieren, unterhalten sie sich über? Ihre Hosen und dass man ja neue Hosenbügel kaum noch kaufen kann…

Was mache ich eigentlich noch hier? Ich will doch zur Stadthalle. Hab leider zu lange im Stadtpark gesessen. Aber Hallo?! Ich bin auch nicht mehr der Jüngste.

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2 Kommentare zu Müßiges aus dem Stadtpark Hannover

  1. Der Schwank von der verkehrt herum aufgesetzten Kappe und den Sanitätern, die dem Opfer den Kopf »richtig« herum drehen, ist lustig. Das erinnert an die urbane Sage von der verkehrt herum angezogenen Motorradjacke, wie etwa hier, oder hier nachzulesen.

    • trithemius

      Tatsächlich habe ich beim Schreiben daran gedacht. Ich kenne das Motiv als Witz von Tünnes und Scheel, den Kölschen Originalen.
      Tünnes fährt mit seinem neuen Motorrad vor und lädt den Scheel ein zu einer Tour durch die Eifel. Doch Scheel jammert vom Sozius her: „Mir is esu kalt!“ Tünnes schlägt vor, dass er seinen Mantel verkehrt herum anziehen soll, so dass der Fahrtwind nicht mehr in den Ausschnitt blasen kann. Nach einer rasanten Fahrt durch Eifler Serpentinen, ruft Tünnes nach hinten: „Na, Scheel, wie jefällt dir datt?!“ Der aber antwortet nicht. Erschrocken stellt Tünnes fest, dass er den Scheel wohl verloren hat, – und fährt zurück. Tatsächlich liegt da in einer Kurve jemand auf dem Asphalt, von einigen Leuten umringt. Tünnes fragt: „Wat is denn he loss?“ Die Leute erklären ihm, da sei einer vom Motorrad gefallen. „Un?, fragt Tünnes, „wie jeht et demm?“ „Iersch wor er noch janz fidel, ävver wie wir em de Kopp richtig erüm jedrieht han, hätt dä nix mi jesaht.“

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