Ein Anflug von Bräune auf den Beinen der Bräute

Regen in der Nacht hat Kühlung gebracht. Schon gestern gegen Abend war die Hitze erträglich gewesen. Eine Wolkenschicht verbarg die Sonne, und es ging etwas Wind. Während der Gluthitze Tage zuvor war ich kaum aus dem Haus gegangen und hatte mich stets auf die Heimkehr gefreut. Dieses alte Haus empfängt dich noch lange kühl. Nach mehreren Tagen „Weltmeistersommer“ (Bild) ist der Schritt in den Hausflur zwar noch immer eine Erleichterung, aber in den Zimmern meiner Wohnung beginne ich zu schwitzen.

Spät noch holte ich mein Rad aus dem Hof und fuhr hinunter zur Ihme. Hinter der Benno-Ohnesorg-Brücke rollte ich über das gut angelegte Sytem der Rampen hinunter zum Uferweg. In den neu gestalteten Ihme-Auen gegenüber dem monströsen Ihmezentrum erfreut sich viel Volk in Paaren und losen Gruppen. Ich setzte mich auf eine Bank nahe dem Fluss. Schräg gegenüber, unterhalb der gewaltigen Klippe Ihmezentrum ankerte im Gebüsch das Ausflugsschiff „Wappen von Hannover“, das Fluss- und Kanalrundfahrten anbietet. Man kann es chartern, etwa um darauf zu heiraten oder zu feiern. Werktags kostet die Stunde 235 Euro. Eine Linienfahrt kostet 19 Euro. Ich kenne keinen, der je mitgefahren ist. Dabei ist das Fahrplan-Angebot recht vielfältig. Trotzdem sieht man das Schiff nur manchmal vorbeituckern.

Die Ihme klopft leis an die Bordwand des Schiffes. Selten kommen Boote vorbei. Vermutlich ist es sogar den passionierten Ruderern und Paddlern auf dem Wasser zu warm. Am Ufer sitzt ein schwarzhäutiger Mann. Er hält einen kleinen Jungen im Arm und tunkt dessen Beinchen ins Wasser. Ein Wunder, dass die träge dahin ziehende Ihme noch die Kraft hat, rund um die Beinchen zu murmeln: „Schon wieder ein Hindernis, und es geht schon so schwer.“ Sie kann auch anders. Im Mai 2013 hat sie hier alles überflutet. Selbst meine Bank und ich wären in der Strömung nur ein Unterwasserwirbel gewesen.

Auf dem Fahrradweg
vor meiner Nase ist viel Verkehr. Von Links kehren die Sonnenhungrigen nach Hause, das Rad bepackt mit Utensilien, die man für einen Tag auf den Liegewiesen rund um Maschteich, Maschsee oder an den Ricklinger Teichen braucht. Konzentriert schauende Männer radeln vorbei und wachen über freimütige Frauen in kurzen Hosen oder von luftigen Sommerkleidern umweht. Bei fast allen sieht man diesen Anflug von Bräune eines beginnenden Sommers. Ich werde wohl besser vornehme Blässe kultivieren.

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6 Kommentare zu Ein Anflug von Bräune auf den Beinen der Bräute

  1. Lola

    Schöner Abendtext! – Dass es eine Brücke gibt, die nach Benno Ohnesorg benannt ist, wusste ich bisher nicht, hat mich angenehm überrascht.
    Dann möchte ich die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle noch anzumerken: Das Wort „Titanic“ in deiner Vita, finde ich sehr sympathisch . . .

    Grüße!

  2. trithemius

    Vielen Dank! Benno Ohnesorg kam ja eigentlich aus Hannover und ist auch in Hannover-Bothfeld begraben. In der Reportagereihe über die Linie 9 habe ich einiges dazu geschrieben:

    Dass meine Tätigkeit für Titanic dir gefällt, finde wiederum ich sympathisch. Kurz nachdem ich 2005 anfing zu bloggen, habe ich aufgehört für die Rubrik „Briefe an die Leser“ zu schreiben. Einige Briefe von mir habe ich gelegentlich in einem der Teppichhäuser veröffentlicht.

    Schöne Grüße!

    • Lola

      „Briefe an die Leser“ sind meist sehr pfiffig! Habe mich schon oft gefragt, wer die Autoren sind. Die Titanic ist die einzige Zeitschrift, für die wir ein Abonnement haben.
      In der Titanic sind auch so wunderschöne Gemälde mit Kommentaren von meinen Lieblingskünstlern: Sowa, Hurzlmeier und Kahl. Zu diesem Thema kann ich das Caricatura Museum in Frankfurt am Main empfehlen. Das kennst du sicher.
      Ich danke dir, für die beiden Links; da kann ich jetzt bisschen stöbern und lesen.
      Bester Gruß,
      LOLA

      • trithemius

        Sehr viele Autoren schreiben oder haben „Briefe an die Leser“ geschrieben, manche sind ja leider schon tot. Nur Hilke Raddatz zeichnet schon gefühlt ewig die Karikaturen der Prominenten. Am liebsten habe ich für die Rubrik geschrieben, als Thomas Gsella als Redakteur verantwortlich war. Sein Nachfolger funkte mir zuviel in die Texte, weshalb ich dann aufgehört habe. Im Blog bin ich mein eigener Redakteur.

        Immerhin habe ich in den 90ern noch die bereits verstorbenen Titanic-Gründer Clodwig Poth, Robert Gernhardt und F.K. Waechter kennengelernt.
        Das Caricatura Museum kenne ich. Falls ich nochmal in Frankfurt bin, gehe ich wieder hin. Letztens war hier im Wilhelm-Busch-Museum eine wunderbare Ausstellung mit Werken von Fritz Weigle (F.W. Bernstein) zu sehen.

        Eigentlich sind es vier Links 😉 .

        Beste Grüße,
        Trithemius

        • Lola

          Lieber Trithemius,

          apropos: Das Caricatura Museum präsentiert vom 29.
          bis 30 August – „Das Festival der Komik VI“ – erlesene satirische Bühnenkunst auf dem Weckmarkt in Ffm. Am Samstag, dem 30. 8., kann man u.a.Thomas Gsella dort hören und sehen!
          Ich wünsche dir noch ein langes schönes Leben! Toller Blog macht viel Spaß zu stöbern und so…
          Schönes Wochenende! Viele Grüße!

          • trithemius

            Liebe Lola,

            ist mir leider zu weit weg für einen Ein-Tages-Trip. Dankeschön fürs Lob und den überaus freundlichen Wunsch. Ist hoffentlich nicht als Abschied gemeint. Die Tür des Teppichhauses steht immer offen für dich. Beste Grüße und dir ebenfalls ein schönes Wochenende,

            Trithemius

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