Die Epoche des Banalen und die Küchen von Pangaea (2)

Lies zuerst Teil 1

Es ist eine Form von kulturellem Snobismus, das Alltägliche als nicht erwähnenswert abzutun. Vor dem Internet haben Historiker und Journalisten die Weltgeschichte gesichtet und unseren Blick auf die Welt gelenkt. Die absurd einseitige Darstellung des Weltgeschehens durch frühere Historiker hat schon Bert Brecht ironisiert in seinem Gedicht

FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte,
So viele Fragen.

Diese Fragen stellt die Geschichtswissenschaft in der Oral history, eine Methode, die in Deutschland erst in den 70ern des 20. Jahrhunderts Fuß fasste, die Berichte von Zeitzeugen zum Gegenstand hat und ihre je subjektiven Selektionsmechanismen untersucht.

Die je subjektiven Selektionsmechanismen und Wahrnehmungsfilter der Journalisten sind nie systematisch untersucht worden. Selbst die Abhängigkeit ihres Urteils von den Erwartungen ihres Arbeitgebers, bestimmter politischer Kräfte oder von ökonomischen Zwängen wird kaum thematisiert. Trotzdem reklamiert der Berufsstand der Journalisten die Interpretationsoberhoheit weiterhin für sich. Journalisten entscheiden, was wert ist zu berichten, fällen das Urteil zwischen interessant oder banal. Legitimieren müssen sie sich kaum.

Die ARD feiert derzeit ihr neues Tagessschau-Studio. Nach Angaben des NDR hat es 23,8 Millionen Euro gekostet. Herzstück ist eine 18 Meter breite, halbrunde Medienwand, vor der die Tagesschau künftig stattfindet. „Sieben Beamer bespielen sie von hinten mit 3-D-Grafiken, Panoramabildern, Fotos und Videos“, jubelt Tagesschau.de. Ob die Bundeskanzlerin die Hannovermesse eröffnet, die Sternsinger im Kanzleramt empfängt, ob es heißt: „Merkel sieht Aufbruchstimmung in Griechenland“, das alles mag man banal finden. Es erhält die höheren Weihen, indem Redakteure es für berichtenswert halten und Regisseure es demnächst auf einer 18 Meter breiten Medienwand aufblasen. Noch eine wichtige Neuerung: Caren Mioska freut sich: „Ich habe Beine und kann herumgehen!“ Natürlich können „Ravioli aus der Dose“ oder „Superpommes mit Josefa“ da nicht mithalten. Wer will schon 18 Meter lange Pommes anschauen.


Für die Tagesschau zu banal: Caren Mioska schreitet 18 Meter Superpommes ab – Bildquelle: Tagessschau.de/Montage: Trithemius – Größer: klicken

Freilich: Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg konnte in einem Sandkorn ein Haus sehen. Er hat die kleinen Dinge seines Alltags, die vermeintlichen Banalitäten stets genau betrachtet und befand: „Die Neigung der Menschen, kleine Dinge für wichtig zu halten, hat schon viel Großes hervorgebracht.“ Und „Alles ist sich gleich, ein jeder Teil repräsentiert das Ganze. Ich habe zuweilen mein ganzes Leben in einer Stunde gesehen.“ Entsprechend: „Alles hat seine Tiefen. Wer Augen hat, der sieht alles in allem.“

Daher wollen wir mit Interesse das nur scheinbar Banale betrachten, den kleinen Dingen die Beachtung schenken, die ihnen zukommt, wenn wir nur genau genug schauen. Die eigenen Wertungen schätzen zu lernen, bringt die Befreiung von Bevormundung und mithin die Demokratisierung der Aufmerksamkeit – in der Epoche des Banalen.

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