PentAgrion 5 – Der Obelisk im Schwarzen Netz, Folge zwei

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Obelisk im schwarzen Netz

„Ich bin Trithemius”, sagte ich wahrheitsgemäß.

Da schien der Kerl schon bedient zu sein, drehte sich zu ihr, das weinende Kind glitt in ihre Arme, er holte sich einen Stuhl und schob die Beine zwischen uns. Niemand sprach mehr. Sie war längst verstummt, streichelte tröstend das Kind an ihrer Brust und schaute ihm dabei auf den Schopf, wo sie vermutlich alle Härchen zählte.

Der Mensch hat in der Sekunde etwa 10.000 unterschiedliche innere und äußere Wahrnehmungen. Davon spürte ich nur eine: Der Mann schickte mir üble Gedanken. Maulte, ich hätte seine Frau angestiftet, am heiligen Feiertag von Haus, Herd und Kind zu fliehen, um im Kerstensche Pavillon mit mir auf die Wiedervereinigung anzustoßen. Dann müsste sie aber aus dem Osten sein, dachte ich noch, da sagte Coster übern Tisch weg: „Ich habe gehört, du hast Brunnen gebohrt in Südafrika. Erzähl mal, wie es da war.“

„Heiߓ, sagte der Mann, stand auf, schnappte sich das Kind, sie reckte ihre Arme wie bedauernd und gab nach, damit das Kind nicht zerriss. Er setze es auf seine Hüfte und schritt hinaus durch die Terrassentür. Zur Vordertür rein, durch die Hintertür raus, ein kleiner Zwischenstopp am Tisch, das hatte gereicht, die gesellige Runde aufzulösen. Ich tastete nach meinem Tabak und meldete mich ab zum Rauchen. Wegen dieser Sache wollte ich mir keinen Kopf machen.

In der Halle wurde nach einem Taxi telefoniert, und alsbald brachen die Damen auf. Coster und ich, wir standen freundlich winkend vor der Terrassentür des Kerstensche Pavillons, als das Taxi endlich losfuhr.

„Gut gemacht, mein Freund!“, sagte Coster aufgeräumt. „Ihr Mann kam, als hättest du ihn herbei gepfiffen. Das war auch höchste Zeit. Habe Kleffbochse gekannt, die sind schon eher gegangen.“ (Kleffbochse, das sind Klebehosen, Leute, die nicht freiwillig aufstehen.)

„Das ist der Unterschied zwischen uns“, sagte ich. „Du wünschst dir einen Parkplatz und findest einen Parkplatz, wünsche ich was, … hast du ja selbst gesehen.”

Coster lachte, ich schnippte die Kippe weg. Es begann zu tröpfeln. Wir gingen hinein und schlossen die Terrassentür. Coster räumte die Gläser ab, warf die leere Pulle in die Tonne, wir trugen die überzähligen Stühle in die Kammer links vom Eingang, damit wir in Ruhe im Kerstensche Pavillon sitzen konnten.

„In Bielefeld hat’s auch geregnet, als ich durchfuhr“, sagte ich. „Und da, wo der Pudding herkommt, hat’s geregnet wie Sau. Ich weiß aber nicht, ob das wirklich hilft. Ist mehr so’n Einsiffen als Waschen gewesen.“

„Du meinst, der Dreck geht nicht ab?“

“Eigentlich lag es am Regen. Der war stellenweise, dass du nicht sagen kannst, ob dichter Nebel oder doch schon Regen. ‚Motregen’, in het Nederlands. Das passt klanglich besser als Nieselregen. Ich habe beim Motregen am Zugfenster etwas Interessantes beobachtet, wie nämlich viele winzige Wassertropfen sich im Fahrtwind zu großen Strukturen vereinigt haben, als wüssten sie, dass sie sich besser halten können, wenn sie sich verbinden.“

„Fließen“, sagte Coster, „es geht nicht ums Halten. Information muss fließen, sonst ist sie keine Information, sondern irgendwas. Wenn du sagst, die Tropfen hätten sich zu Strukturen von Rinnsalen verbunden, um sich besser halten zu können, dichtest du den Tropfen eine gemeinsame Absicht an, eine Sorte kollektiver Geist wie bei schwärmenden Fischen. Es geht aber auch ohne ordnenden Geist. Wenn Tropfen auf eine glatte Fläche fallen, passiert das chaotisch. Dieses Chaos ordnet sich nicht aus Absicht, dann hätte es sich schließlich schon vorher ordnen können. Wäre da kein Hindernis, würden die Tropfen weiter fallen, theoretisch bis ins Unendliche getrennt. Es muss ein Medium da sein, damit sich etwas ordnen kann. In diesem Fall ist es das Zugfenster.“

„Auf Höhe Gütersloh.“

„Viele kleine Tropfen treffen ein Zugfenster auf Höhe Gütersloh. Der Zug rollt an, erzeugt Fahrtwind. Der wirkt seitlich auf die Tropfen ein, wodurch einige Tropfen verblasen werden. Sie rutschen zu ihren Nachbartropfen, die noch unbeweglich sind, laufen ineinander. Die neue Größe verändert den Abstand zu Nachbartropfen, sie berühren sich und verschmelzen. Das macht sie schwerer, sie beginnen nach unten zu rinnen, treffen auf andere Rinnsale, vereinen sich mit ihnen, und schon hast du eine sich selbst organisierende Struktur, ein Netzwerk, in dem gemeinsam fließt, was vorher vereinzelt war und stillstand.“

„So ähnlich geht’s zu, wenn der neugeborene menschliche Geist die ersten Signale von der Welt bekommt. Es muss schon im Mutterleib beginnen, so dass sich die ersten Strukturen zu unterschiedlichen Zeiten bilden.“

„Du hast eben gesagt, der Mensch habe in der Sekunde etwa zehntausend innere und äußere Wahrnehmungen“, sagte Coster.

„Habe ich nicht gesagt.“

„Na, egal“, sagte Coster und lehnte sich zurück. „Die meisten Wahrnehmungen nimmt der Mensch nicht wahr, sonst wäre er handlungsunfähig. Das Übermaß an Informationen würde ihn lähmen. Wie gelingt es dem Menschen, diese Reizüberflutung zu stoppen? Ist eine höhere Macht im Spiel, die wie eine fürsorgliche Mutter darüber wacht, dass der gute Junge nicht überfordert wird? Sortiert diese Macht die Informationen für ihn aus und ordnet sie, damit er sie gebrauchen kann? Man könnte sie dann Geist nennen oder Seele. Woher kommt so eine Seele, und wie funktioniert sie? Ist sie einem Menschen eingehaucht oder hat sie sich selbstständig entwickelt?“

„Ein Atheist wird sagen, es geht auch ohne Einhauchung.“

„Wissenschaftlich widersprechen kann man ihm nicht, jedenfalls nicht mit den Mitteln der klassischen Wissenschaft. Wer an einen Gott glaubt, kann ebenso keinen Beweis führen. Dann wäre es wissen und kein glauben. Ich für mein Teil halte mir die Frage offen. Warum soll ich etwas entscheiden, was sich nicht entscheiden lässt?“

„Wer an eine Seele glauben kann, hat es in mancher Hinsicht leicht. Darum gefällt ihm auch die Idee nicht, dass sich alle Abläufe im Leben selbst organisieren könnten, ohne eine ordnende Kraft und einen Radioempfänger namens Seele“, wandte ich ein. „Mir dagegen erscheint nicht mal die Seelenwanderung verlockend – mit immer demselben Radiogerät. Was ist, wenn ich als Flummie wiedergeboren würde? Dann kommen die passenden Botschaften für ein Dasein als Flummie aus dem Kosmos, und ich kriege auf meinem alten Radio den Sender nicht rein. Wie kann ich dann wissen, wohin ich titschen soll?“

„Botschaften aus dem Kosmos“, unterbrach Coster, „was hat es auf sich mit den Papieren des PentAgrion?“

„Na, was schon, sind halt so Papiere.“

Dann ist es
gut, dass du gekommen bist“, sagte Coster. „Man nehme sich in Acht vor Papieren! Du kannst sogar Raketen daraus bauen. Ich habe im Pataphysischen Institut die Bauanleitung für eine Papierrakete, die soll 50 Meter hoch fliegen. Also etwa von hier bis weit über den Obelisken hinauf.“

„Naja, es sind nur PDF-Seiten gewesen, die bestehen ja quasi aus nichts und fliegen folglich nur in digitalen Räumen. Kommen dafür auch weiter. Ich weiß natürlich nicht, woher die Papiere des PentAgrion geflogen kamen. Theoretisch könnte der Absender unten in Aachen sitzen oder sogar mein Obernachbar in Hannover sein. Der Mieter in der 4. Etage, ist mir sowieso suspekt. Als ich letztens an seiner Tür vobeiging zum Dachboden, wurde just in diesem Augenblick Hol ihn, hol ihn unters Dach! gesungen.”

=> Fortsetzung von “Der Obelisk im Schwarzen Netz”

Pataphysisches-Institut
Netz-Dokumentation:

1) Eine eindrucksvolle Betrachtung und Zusammenstellung der Fakten zu den Papieren des PentAgrion bietet der Blogger Einhard.

2) Ein alkoholisch dubioses Thekengespräch über PentAgrion in seiner Münchner Kölschkneipe hat der investigative Blogger Careca aufgezeichnet.

3) Im Hilfeblog hat mir Blaubeerina vom Blog.de-Support beinah geholfen, den gefälschten Dialog mit Frau Nettesheim zu löschen.

4) Unter diesem unlöschbaren Eintrag, der glücklicherweise nur für Freunde zugänglich ist, findet sich seit gestern Nacht ein Trackbacklink zu Einhards neuesten Rechercheergebnissen. Sie sind außerordentlich beunruhigend.

5) In einem Eintrag “Nur für Freunde” teilt Einhard seinem Freundeskreis mit, was im Nettesheimdialog fälschlich behauptet wird. Er zitiert sogar daraus. Ein bedauerliches Versehen.

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9 Antworten auf PentAgrion 5 – Der Obelisk im Schwarzen Netz, Folge zwei

  1. Dieser Jeremias Coster ist, so scheint’s, eine rechte PlauderTasche. Das ist ganz amüsant – allein, angesichts der Mächte der Finsternis glaube ich nicht an Amüsement. Da steckt doch Ablenkungsstrategie dahinter! Was sagt denn der feine Herr, wenn er denn etwas sagt, zu Wanderer und BMW? Der weiß doch was! Lege ihm die Daumenschrauben an!

    • Morgen hoffe ich berichten zu können, was mir Coster über eine Geleeoberfläche gesagt hat. Das wird auch dir zeigen, wie wichtig es war, mit ihm zu sprechen.

      Die Spuren zu Wanderer und BMW habe ich noch nicht verfolgen können. Die Fülle bricht gerade über mich herein. Ich muss mich vorsehen, nicht auf Nebengeleise zu geraten und dann hinfort ins Nirgendwo der Informationsnetze, in dieser unendlichen Bibliothek.

  2. Ich überlegte mir die ganze Zeit: “Was macht hier eigentlich der große, kräfige Mann mit Lederjacke und mit Kind in der Geschichte?”
    Gesterm beim Bummel durch unsern Ort fiel mir wieder einmal der heilige Christophorus von Waldemar Otto auf, der das Jesuskind trägt, der Schutzpatron der Reisenden.

    Der Heilige Christophorus in Scharmbeck von Waldemar Otto

    Der Ich-Autor Trithemius reist doch haüfig zwischen Hannover und Aachen hin und her, da braucht er doch bei seinen zum Teil ruppigen Reiseerfahrungen vielleicht einen Schutzpatron. Und warum wird dieser Patron so herb in dieser Geschichte hier dargesellt? Naja, der Schutzpatron Chistophorus war ja auch nicht gerade ein Weichei.
    :-)

  3. Die Seele als Radiosender… interessanter Gedanke. So habe ich das noch nie gesehen, aber es hat was. Im tatsächlichen oder übetragenen Sinne betend, würde man dann also auf Sendung gehen, seine Wünsche einer höheren Macht mitteilen oder vielleicht dem Rest der gerade “emfgangsbereiten” Kreatur und Kreation, wenn sich herausstellen sollte, dass jene höhere Macht nicht irgendwo außerhalb konzentriert existiert, sondern auf alle und alles (einschließlich der Flummis) verteilt ist. Das würde auch erklären, wie Uri Geller Löffel verbiegen konnte.

    Ich lese mich hier gerade kreuz und quer noch mal durch, bin schon weiter als hier aber noch nicht auf dem Laufenden, und frage mich ob ich das jemals schaffe. Irgendwie ist mir auch schweigsam zumute – nicht etwa, weil ich mir sage: Der Trithemius macht sich hier ohnehin in neun Tagen vom Acker… was soll’s also noch? …sondern so eher bedauernd schweigsam.

    Apropos bedauern. Einer der mich erschütternsten Momente meines Lebens war, als ich plötzlich Gott bedauerte. Das muss zu einer Zeit gewesen sein, als ich noch versuchte, dem meinem Kulturkreis entsprechenden Glauben an einen Gott (Vaterfigur) mit menschlichen Regungen wie Liebe, Zorn, Erbarmen (Mitleid) usw. nachzueifern. Diesem alles sehenden, alles hörenden und alles wissenden Gott. Es muss außerdem der Zeitpunkt gewesen sein, als ich erste Anzeichen von Stress und Depressionen aufgrund von Informationsüberflutung verspürte. So einige Zeit nach meinen 3,5 Jahren in Spanien, wo ich mit meinen eigenen Problemen hinreichend beschäftigt war, die alle ihre Lösungen im Umkreis meines spanischen Dorfes finden mussten, und der Rest des Weltgeschehens ein fernes Rauschen war. Wieder in die damals Nicht-mehr-und-noch-nicht-wieder-Hauptstadt zurückgekehrt, rauschte das plötzlich viel lauter und immer mehr verständliche Sätze und erkennbare Bilder aus diesem Weltgeschehen drangen auf mich ein, und eines Tages fragte ich mich, wie Gott das aushält, und mich überkam grenzenloses Mitleid.

    Nun ist ja Mitleid eine etwas fragwürdige Haltung, nämlich eine des sich Herabbeugens – der Reiche zum Armen, der Wissende zum Unwissenden, der Gesunde zum Kranken… Mit Gott Mitleid zu haben, das geht schon mal gar nicht. Im Mittelalter wäre ich dafür auf dem Scheiterhaufen gelandet, und aus Sicht der Inquisition zu Recht, denn damit hörte ich ziemlich schlagartig auf, die gängige Gottesvorstellung zu teilen.

    Die Seele als Sende- und Empfangsgerät… Ja, wo sendet sie nun hin, und über welche Reichweite kann sie verständliche Botschaften empfangen? Ich vermute, der Radius ist begrenzt, und der Aktionsradius jedes Einzelnen sollte, schon aus Sicherheitsgründen, den Senderadius nicht überschreiten. Und was ist dann mit der Globalisierung? Kann das überhaupt jemand verantworten? Mit -6 könnte PentAgrion druchaus richtig liegen.

  4. Die Nachbarn – die kommen allesamt aus anderen Dimensionen. Wie kann man sonst erklären, dass sie unterm gleichen Dach wie Du wohnen, Du kennst sie aber nur von Postkasten aus.

  5. Der Grobian in der scharzen Lederjacke hat mir Kopfzerbrechen gemacht, wieso taucht er da auf einmal auf? Ist es möglich, dass er für die unbestimmte Bedrohung steht, der man sich manchmal gegenüber sieht?
    Von diesem Papier habe ich mal den Staub runter gepustet, und ich denke schon, doch, über das Internet reicht dein Arm weit.

    Schlaflos in der Nacht.
    :-)

    • Oje, Kopfzerbrechen, das soll nicht sein, liebe Marana. Deine Deutung ist korrekt. Man gerät manchmal in Situationen, mit denen man nicht viel zu tun hat, für die man keinen erkennbaren Anlass gegeben hat.

      Es besteht ein Bezug zwischen dem Mann und mir. Den werde ich aber nicht erhellen. Im Roman spielt er nur eine versteckte Rolle und bedeutet das, was du sagst. Eins kann ich verraten. Die reale Person, die das Vorbild ist für die Romanfigur, hätte gute Gründe gehabt, mir eine zu wischen, in einer Zeit vor Jahren, in der ich ziemlich herumtorkelte.

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